Dienstag, 27. Dezember 2011

Kinder des Olymp

Kinder des Olymp (Les enfants du paradis)

Frankreich, 1945
Genre: Drama
Regisseur: Marcel Carne
Darsteller: Arletty, Pierre Brasseur

Die Geschichte spielt im früheren 19. Jahrhundert: In Paris leben die vier Männer Baptiste, Frederic, Lacenaire und de Monteray. Sie sind Pantomime, Schauspieler, Verbrecher und Graf. Sie alle verbindet die Liebe zu der schönen Garance, die sich nach Außen zwischen den Männern nicht entscheiden kann, weil sie ihre Freiheit nicht aufgeben will. Im Herzen liebt sich jedoch den melancholischen Pantomimekünstler Baptiste. Als sie sich wegen einem nicht von ihr begangenen Verbrechen in Gefahr sieht hinter Gitter zu kommen, schließt sie sich mit dem reichen Grafen zusammen und geht mit ihm ins Ausland.

Kommentar: Welch ein Schaustück über die Gefühle des Lebens. In einem niemals holprigen, sondern einem weichen, entspannten Rhythmus erzählt "Kinder des Olymp" die Geschichte von fünf Menschen, die Gefangene ihrer eigenen Sehnsüchte sind. Der Film spielt in Paris, der Stadt der Liebe, wie man sagt. Hier zeigt die Kamera auf die großen Shows des 19. Jahrhunderts: Pantomime, Schausteller und andere Artisten buhlen um die Gunst des zahlenden Publikums. In dieses Künstlermileu gehören Baptiste, ein träumerischer Pantomime und Frederic, ein immer ausgelassener Schauspieler. Auf der Bühne ahmen sie die Gefühle nach, in der Realität leben sie diese. Doch obwohl das Produzieren von Emotionen für sie ein Kinderspiel ist, ist die Wirklichkeit dagegen viel chaotischer und kaum berechenbar. Unglücklich sind sie in die schöne Garance verliebt, die keinem der beiden eine eindeutige Zusage macht. Frederics und Baptists Auftritte vor Zuschauern, ihre Gefühle auf der Bühne erscheinen da geradezu eskapistisch. Eine weitere wichtige und sehr gut gezeichnete Figur ist der Verbrecher Lacenaire, der gerne Lustspiele schreibt. Seine Markenzeichen sind eine gepflegte Wortwahl und das Aussehen eines Dandys. Ab und zu knipst er Leuten aber auch gerne mal das Licht aus. Kühl gespielt von Marcel Herrand.

Überhaupt ist die Charakterzeichnung ein Argument für den Film, da sie fantastisch zwischen Klischeetyp und individuellem Charakter herumwandert. Den Sieg aber, das was den Film über 180 Minuten auszeichnet und ihn heute noch unsterblich macht, holen sich die brillanten Dialoge. Von schwülstigen Reden und turbulenten Wortgefechten bis hin zu lakonischen Erzählungen hält sich "Kinder des Olymp" nicht fern, sondern versammelt diese und spuckt alles auch noch so wohlgeformt aus, als gebe es einen bestimmten Takt, nach dem die Worte ihre Sender und Empfänger verlassen müssen. Alles zusammengenommen ist dieser 1945 erschienene Film Poetischer Realismus in Reinkultur zu Allerweltsthemen wie Liebe, Leidenschaft und Traum. Immer sehr offen gehalten, emotional, niemals verklausuliert.

9/10

Montag, 26. Dezember 2011

Durchbruch auf Befehl

Durchbruch auf Befehl (Merrill's Marauders)

USA, 1962
Genre: Drama, Krieg
Regisseur: Samuel Fuller
Darsteller: Jeff Chandler, Ty Hardin

Burma 1944: Um den Zusammenschluß von japanischen und deutschen Streitkräften zu verhindern, muss ein Infanterieregiment sich hunderte von Meilen durch den Dschungel kämpfen und nach der Stadt Myitkyina vorrücken. Der Leiter des Regiments ist der US-General Frank Merrill, der sich gegen die Mission ausspricht, weil sie praktisch unmöglich zu erfüllen ist. Doch er hat keine Wahl, den ihm gegebenen Befehl muss er ausführen. Da es aber schon hart genug ist, seinen Männern zu sagen, dass sie nach bereits schweren Kämpfen noch weitere Tage im Dschungel verbringen müssen, verschweigt er ihnen zunächst die sinnlose Marschroute und das eigentliche Ziel der Mission.

Kommentar: Die letzte Szene des Films ist sicherlich eine streitbare. Da feiert die US-Armee sich selbst, ein Sprecher verkündet die frohe Botschaft über den Erfolg. Das ist einfach ein zu sanftes, zu pathetisches Happy End. Nichtsdestotrotz sind aufgrund der Handlung Tendenzen zu einem kriegskritischen Bewusstsein auszumachen. So wird ein sinnloser Befehl gegeben und ausgeführt. Nur durch Glück gelingt den Männern noch der Erfolg, zurück bleiben zahlreiche Leichen. Regisseur Samuel Fuller zeigte die Operation einer Spezialeinheit schonungslos. Ob sie an Malaria erkranken, vor Erschöpfung zusammenbrechen oder sich für bisschen Nahrung in Lebensgefahr begeben - ambitioniert erzählt "Durchbruch auf Befehl" glaubwürdig eine echte Begebenheit, die sich 1944 in Burma zugetragen hat. Die wenigen actionreichen Szenen sind sehr gut geworden und die Stimmung des unerbittlichen Dschungels kann man dank sehr sparsam eingesetzter Innenaufnahmen direkt aufsaugen. In jedem Fall gefällt Jeff Chandler in der Rolle des Generals Frank Merrill. Psychisch an der Grenze zum Wahnsinn und physisch am Klippenrand stehend, wissend um die Ausweglosigkeit der Situation, führt er seine Männer durch schwer passierbare Pfade, wissend, wohin sie alle führen: in den Abgrund.

5/10

Sonntag, 25. Dezember 2011

Die sieben Schläge des gelben Drachen

Die sieben Schläge des gelben Drachen (Shui Hu Zhuan)

Hongkong, 1972
Genre: Eastern, Abenteuer, Historie
Regisseur: Chang Cheh
Darsteller: David Chiang, Ti Lung

Das Regime von Liang Chun-Shu terrorisiert die Menschen in einer chinesischen Berglandschaft der Region Liang Shan. Nur die Aufständischen machen ihnen Sorgen. Als Männer vom Regime einen gewissen Chao Kai töten, schwören die Aufständischen Rache. Doch sie wissen, dass sie nicht Hals über Kopf die Herrschenden angreifen können und so schmieden sie zuerst Pläne. In der Stadt finden sie schließlich ihre Verbündeten, darunter auch einen meisterhaften Ringer.

Kommentar: Große Fans von Prügel-Action, oder allgemeiner Action, spricht der Film wirklich nicht gerade als erstes an. "Die sieben Schläge des gelben Drachen" basiert auf einer alten Legende, die im 15. Jahrhundert niedergeschrieben wurde. In dem Abschnitt, der von Eastern-Spezialist Chang Cheh verfilmt wurde, geht es um mutige 108 Kämpfer, die sich einem herrschenden Machtapparat entgegenstellen. Vielleicht muss man die Vorlage kennen, vielleicht muss man ein Historienfilm-Faible haben - mich hat dieser Film nicht vom Stuhl gehauen, auch wenn er nicht durch permanente Spannungslosigkeit auffällt und eigentlich total uneitel ist. Viele Dialoge und zahlreiche Wendungen vereinen sich mit gekonnten Außenaufnahmen und dezent einsetzenden Musikklängen. Hier und da schmeckt man eine kleine Prise Humor, die Kämpfe sind sauber choreografiert und am Ende kommt es zum finalen, für Filme dieser Art kennzeichnenden Schlagabtausch. Schön und gut, mir hätte es besser gefallen, wenn die Macher die historischen Begebenheiten in die Jetzt-Zeit transferiert hätten. Mit entsprechenden Modifikationen, versteht sich.

4/10

Samstag, 24. Dezember 2011

Die Stimme des Adlers

Die Stimme des Adlers (Eagle Hunter's Son)


Schweden/Deutschland, 2009
Genre: Abenteuer, Drama
Regisseur: Rene Bo Hansen
Darsteller: Bazarbai Matei, Mardan Matei

Bazarbai ist ein 12-jähriger Junge und soll in einigen Jahren Adlerjäger werden. So will es zumindest sein Vater, denn dadurch würde die Familientradition erhalten bleiben. Dagegen darf Bazarbai's älterer Bruder Khan in die Stadt Ulan Bator fahren und sich dort eine Arbeit suchen, um für die Nomadenfamilie Geld zu verdienen. Bazarbai ist jedoch erbost über die Entscheidung des Vaters, der ihn hingegen zur Aufmunterung auf ein traditionelles Adlerjägerfest mitnimmt. Dort passiert dem 12-jährigen ein Unglück, welches den Anstoß für einen Selbstfindungstrip markiert.

Kommentar: Die Möglichkeit in fremde Länder und Kulturen einzutauchen, und seien sie nur auf einige wenige Aspekte beschränkt, ist bekanntlich eine große Stärke des Kinos. Dieses Potenzial sah wohl auch der Regisseur Bo Hansen, der mit "Die Stimme des Alders" einen kulturellen Beitrag zu wichtigen Themen leistete, die die mongolische Lebensweise in der Steppe betreffen. Er arbeitete mit Laiendarstellern und erschuff ein nicht ganz gewöhnliches, beinahe dokumentarisches Werk über das Erwachsenwerden. Auch wenn es dramaturgisch an überzeugender Arbeit mangelt, begeht der Film nie den Fehler, die Richtung zu verlieren oder zu verändern, sondern immer das zu sein, was er wirklich hervorheben will: Abenteuer. Das Abenteuer zwischen Mensch und Natur. Das Abenteuer zwischen Stadt und Land. Und schließlich natürlich das Abenteuer eines Selbstfindungsprozesses.

5/10

Dienstag, 20. Dezember 2011

Calvaire

Calvaire


Belgien/Frankreich/Luxemburg, 2004
Genre: Thriller, Horror
Regisseur: Fabrice Du Welz
Darsteller: Laurent Lucas, Jackie Berroyer

Auf dem Weg zu einer Weihnachtsshow passiert dem Unterhaltungskünstler Marc Stevens in einem Waldstück eine Autopanne. Er trifft auf den verwirrten Mann Boris, der ihn zu einer Pension begleitet, wo der verwitwete Bartel wohnt. Herr Bartel schlägt Marc noch am gleichen Tag vor, sich um den Wagen zu kümmern. Dankend nimmt der Künstler das Angebot an und übernachtet in der Pension. Doch zwei Tage später ist der Wagen immer noch nicht bereit gefahren zu werden. Als Marc sich seinen von Boris behandelten Kleinbus näher anschaut, entdeckt er, dass irgendetwas nicht stimmt.

Kommentar: In "Calvaire" endet ein ruhiger Trip in einem höllischen Strudel aus Freakshow und Alptraum. Dirigiert wird der Horror in erster Linie von einer düsteren und makabren Atmosphäre und einem auffällig gleichbleibenden Tempo, das sich weder sehr be- noch sehr entschleunigt. Gerade die Atmosphäre hebt "Calvaire" von den meisten anderen Genrevertretern ab, denn wo sonst ein mühsam aufgebautes Flair spätestens im Schlußteil purzelt, verbleibt die Stimmung hier bis zum Ende. Dafür sorgt das über psychische Kanäle verbreitete Grauen, das nicht nur allzeit präsent ist, nicht nur in der Luft schwebt, sondern real erscheint, den Zuschauer mitnimmt und ihm die unmenschlichsten Dinge andeutet. Körperliche Gewalt passiert in dem Film von Du Welz nicht aus Gründen von Muskelspielen, sondern wenn, dann nur aufgrund von Notwendigkeiten stilistischer Art. So gelingt dieser Backwood-Groteske mit oftmals sehr gut durchkomponierten Bildern und exzellenter Kameraarbeit ein beispielloser Spagat zwischen Kunstfilm und zeitgenössischem europäischem Horrorkino.

7/10

Montag, 19. Dezember 2011

Tränen der Erinnerung – Only Yesterday

Tränen der Erinnerung – Only Yesterday (Omohide Poro Poro)


Japan, 1991
Genre: Drama (Zeichentrick)
Regisseur: Isao Takahata
Sprecher: Miki Imai, Toshiro Yanagiba

Die 27-jährige alleinstehende Taeko reist in ihren Urlaubstagen mit dem Zug zu einer Bauernfamilie ans Land, um endlich einmal aus der Stadt rauszukommen. Auf der Zugfahrt beginnt sie sich an ihre Kindheit zu erinnern. Sie konzentriert sich auf die Zeit, als sie die fünfte Klasse der Grundschule besuchte. Als Taeko am Zielbahnhof ankommt, wird sie vom Farmer Toshio empfangen, der sie sogleich in seinem Auto zum Erntefeld fährt. Die nächsten Tagen hilft die Städterin der Familie bei der Ernte, was jedoch keine Zurückhaltung für die Kindheitserinnerungen bedeutet.

Kommentar: Man kann wirklich vielen Zeichentrickfilmen Sinn für Realismus absprechen, in diesem Fall fällt das jedoch ziemlich schwer. Angefangen bei der Geschichte, die keine großen Sensationen, keine laute Action, keine unerwarteten Wendungen beinhaltet; bis hin zu den Figuren, die weder stilisiert noch in ihren Aktionen unecht wirken und sogar eine wirklichkeitsgetreue Gesichtszeichnung bekamen, wodurch kleine, wahrscheinlich ansonsten nicht zu entdeckenden Emotionen sehr gut sichtbar gemacht werden. Zumindest trifft das auf den Gegenwartsplot zu. Bei den Erinnerungen der Hauptfigur Taeko hat man sich auch kitschiger Noten bedient. Hier wird sich zu schrillen Farben an die erste Liebe erinnert und eine simple Fingerberührung mit einem Jungen zu einem Kontakt mit einer extraterrestrischen Lebensform hochgepusht. Dafür sympathisiert man stark mit Taeko und findet sich problemlos zurecht in einer nicht selten von unerfüllten Wünschen geplagten Kindheitswelt. Zum Schluß mündet der Film in einer Gefühlsoffenbarung an das Landleben und einem Happy End, das kaum nachvollziehbarer sein könnte.

6/10

Tatort… Hauptbahnhof Kairo

Tatort… Hauptbahnhof Kairo (Bab el hadid)


Ägypten, 1958
Genre: Drama, Krimi
Regisseur: Youssef Chahine
Darsteller: Farid Shawq, Hind Rostom

Auf dem Hauptbahnhof Kairo ist immer was los, es ist ein Treffplatz aller ägyptischen Schichten und ein Ort, wo sich Menschen entweder wiedersehen oder Abschied nehmen. Aber es ist genauso ein Standort für viele Arbeiter. Abu Seri verdient hier sein Geld als Transportarbeiter, Hanuma ist eine fliegende Limonadenverkäuferin und der geistig zurückgebliebene Kenawi, ein mobiler Zeitungshändler. Abu Seri und Hanuma wollen heiraten und bereiten alles für ihre Hochzeit vor. Das treibt Kenawi zur Eifersucht, denn er liebt Hanuma ebenfalls. In einem Gespräch berichtet er ihr über seine Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft und versucht ihr mit einem teuren Geschenk zu imponieren. Doch sie macht ihm klar, dass seine Visionen nur leere Träume sind und er sich nicht mit ihrem Verlobten Abu Seri messen kann. Als Kenawi eines Tages von einem ungeklärten Mord hört, bei dem eine Frau mit einem Messer erstochen wurde, plant er selbiges mit Hanuma anzustellen.

Kommentar: Ein deutlich von amerikanischen Spielfilmen geprägte Werk, das sich jedoch nie in Gefahr begibt, bloß eine Ramschkopie der großen Studioproduktionen zu sein. Mit einer eindringlichen Schilderung einiger sozial gescheiterter Individuen vermag "Tatort… Hauptbahnhof Kairo" Trauer und Leid zu zeigen, gleichzeitig jedoch Lebensdurst, Hoffnung und Glück aufflammen zu lassen. Das Verhältnis zwischen diesen zwei Extremen scheint immer proportioniert zu sein. Damit entgeht man einerseits dem Vorwurf einer viel zu pessimistischen Einstellung gegenüber dem sich immer weiter modernisierenden Ägypten, andererseits vermeidet man mit dieser Strategie Bilder zu wählen, die Kritikern nicht schmecken, weil sie eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen vermeiden. Da der Kompromiss hier blendend aufgeht, weil man bestehende formale Ideen aus Nordamerika und Europa problemlos mit einer arabischen Liebestragödie verflocht, ist dieser Film nicht bloß wegen seiner Kriminalstory inklusive eines geisteskranken Mörders interessant. Durch präzis gesetzte Schnitte verstanden es die Macher, das Treiben des Verbrechers Kenawi stilvoll einzufangen und seine emotionalen Besonderheiten nach dem Mord zu intensivieren.

5/10

Freitag, 16. Dezember 2011

Schlacht um Algier

Schlacht um Algier (La Battaglia di Algeri)


Italien/Algerien, 1966
Genre: Drama
Regisseur: Gillo Pontecorvo
Darsteller: Brahim Hadjadi, Jean Martin

Die Kasbah von Algier ist in den Händen der algerisch-nationalistischen Organisation FLN, die gegen sittliche Verwahrlosung, Korruption, aber vor allem für die Unabhängigkeit Algieriens kämpft. Wir schreiben das Jahr 1957: Colonel Mathieu möchte den Widerstand der Organisation zerschlagen. Für die Suche nach dem Kopf der revolutionären Bewegung wendet er Foltermethoden an. Gleichzeitig legt die FLN, was die Gewaltmaßnahmen angeht, ebenfalls deutlich zu. Ein Schlacht um Algier beginnt. Die Franzosen kämpfen für ihre letzte Kolonie, die Algerier für ihre Freiheit.

Kommentar: Obwohl nur wenig Geld zur Verfügung stand, ist den Verantwortlichen eine beispielhafte Abbildung einer Revolution gelungen. Der neorealistische Regisseur Pontecorvo macht aus der Geldnot eine Tugend. Statt Paul Newman mitspielen zu lassen, wie es eigentlich geplant war, drehte er überwiegend mit Laiendarstellern. Das macht den Konflikt sehr authentisch. Außerdem verkneift sich der Film eine konsequente Opfer-Täter-Darstellung, sondern zeigt die Gräueltaten beider Seiten. Die Foltermethoden der Franzosen werden genauso wenig weggelassen wie die Bombenanschläge der Widerstandskämpfer, die für die Unabhängigkeit in europäische Viertel eindringen und vollkommen unschuldige Menschen sterben lassen. Spannend ist dies dramaturgisch sicherlich nie, aber unglaublich intensiv. Durch das Vorhaben Pontecorvos nichts weiter als die Wahrheit abzubilden, trägt der Film stark dokumentarische Züge mit sich, außerdem erfährt der 1957 asymmetrisch geführte Krieg ebenfalls durch die zur Stimmung der Revolution beitragenden fabelhaften Musik von Ennio Morricone eine unglaubliche Lebendigkeit. Das ist wohl die berauschendste filmische Dosis an Geschichtsunterricht, die ich jemals geschluckt hab.

8/10

Whisky mit Wodka

Whisky mit Wodka


Deutschland, 2009
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Andreas Dresen
Darsteller: Henry Hübchen, Corinna Harfouch

Otto Kullberg ist ein in der Bundesrepublik bekannter Schauspieler, der sich beim Dreh des Films "Tango für Drei" unnötig betrinkt und das Filmteam in Besorgnis bringt. Daraufhin reagieren die Filmschaffenden entsprechend und engagieren den jüngeren Schauspieler Arno Runge. Dessen Aufgabe ist es, die Szenen, in denen Otto Kullberg mitspielt, ebenfalls darzustellen. Das heißt, dass fast alles doppelt gedreht wird. Die Produktion will dadurch größtmögliche Sicherheit erreichen, nicht in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten, falls Otto wiederholt zur Flasche greift und damit die Fertigstellung des Film gefährdet.

Kommentar: Mit sympathischen Figuren herumwandernder Film, der sich manchmal selbst nicht ernstzunehmen scheint. "Whisky mit Wodka" ist eine melancholische Irrfahrt durch Mimiken und Gestiken zu Charakteren, die nie fremd oder unwirklich erscheinen. Unlogik bleibt ein Fremdwort in diesem Film. Tiefe Sehnsüchte und unerwiderte Begierden umgeben die Gestalten, die zwar einen Boden unter den Füßen haben, und dennoch immer kurz davor stehen irgendwohin runterzufallen. Amüsant und zugleich kritisch begutachtet das Werk von Andreas Dresen außerdem die Arbeit der Filmschaffenden. Den Vorwurf Ottos, dass die Branche keine Geduld mehr mit Menschen habe und die Tätigkeit nur noch nach dem Diktat des Geldes gelenkt wird, hört man hier nicht das erste Mal.

4/10

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Die Brücke

Die Brücke


Deutschland, 1959
Genre: Drama
Regisseur: Bernhard Wicki
Darsteller: Folker Bohnet, Fritz Wepper

In einer deutschen Kleinstadt im Jahr 1945: die Wehrmacht muss nochmal alle Kräfte gegen die anrückenden Amerikaner mobilisieren. Selbst Männer unter 18 Jahren müssen unter Umständen in die Schlacht. Und so werden die Jugendlichen Hans, Sigi, Albert, Walter, Jürgen, Karl und Klaus, die privat und schulisch Freunde sind, einberufen. Die gerade mal Sechzehnjährigen freuen sich darauf, endlich ihrem Land zu dienen und es zu verteidigen. Doch schon einen Ausbildungstag später kommt die Ernüchterung. Sie kehren in ihre Heimatstadt zurück und müssen unter dem Kommando von Unteroffizier Heilmann eine ihnen bekannte Brücke sichern, die sowieso in den nächsten Tagen gesprengt werden soll. Das Motiv für diesen Einsatz ist ein einfaches: die unerfahrenen Kinder sollen bloß nicht der Gefahr augesetzt werden.

Kommentar: In den Kindergesichtern spiegelt sich die Sinnlosigkeit des Krieges wohl am besten wieder. In den Gesichtern der sieben Jugendlichen, die eine vermeintlich unwichtige Rolle ausfüllen sollen, sieht man aber noch viel mehr. Zum Beispiel die ideologische Beeinflussung durch Erziehung. Die Kriegsgeilheit und die übertriebene Vaterlandsliebe dirigieren das Handeln, die Vernunft ist längst entlegitimiert. Nicht zufällig versucht der Lehrer der Schulklasse den für die Jungen verantwortlichen Hauptmann bei seinen Plänen umzustimmen, damit "seine Jungen" nicht an die Front müssen. Doch manchmal ist der Zug für Gewissensfragen schon abgefahren. Und als die junge Truppe die Momente des Krieges miterlebt, ist es ebenfalls schon zu spät oder gar unmöglich, die ideologische Richtung zu überdenken. Vieles lässt sich nicht mehr wettmachen. So will der Film schließlich nicht nur den Schrecken eines sinnlosen Auftrages zeigen, sondern auch den Hinweis geben, dass es leicht ist, aus Kindern Marionetten zu machen. Und dass man genau dies nicht tun sollte.

5/10

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Ayla

Ayla


Deutschland, 2009
Genre: Drama
Regisseur: Su Turhan
Darsteller: Pegah Ferydoni, Mehdi Moinzadeh

Die Türkin Ayla orientiert sich in ihrer Lebensweise entgegen den Wünschen ihres Vaters eher nach der westlich orientierten Kultur. Deshalb lehnt er sie als Tochter ab. Doch mit ihrer nach islamischen Traditionen lebenden Schwester versteht sie sich gut. Eines Tages trifft Ayla den Fotografen Ayhan und verliebt sich in ihn. Dumm nur, dass Ayhan von seiner Familie unter Druck gesetzt wird, weil er seine Schwester Hatice, die sich von ihrem Mann getrennt hat, umbringen soll. Was Ayhan nicht weiß, ist, dass Hatice unter dem Schutz seiner neuen Partnerin Ayla steht.

Kommentar: Durch Thriller-Elemente aufgepepptes Drama, aufgebaut wie ein Kartenhaus, immer kurz vor dem totalen Zusammenbruch. In den Dialogen lässt sich häufig das Thema Vorurteile erkennen, die die Meinung vieler Deutscher beherrschen, wenn es um türkische Mitbürger geht. Darauf mehrmals anzuspielen ist zwar in Ordnung, aber muss das so plakativ sein? Da kann ich ja gleich Kaya Yanar schauen. Besser ist sicherlich die Thematik. Alles dreht sich um die 25-jährige Türkin Ayla, die sich von den Fesseln ihres Zuhauses und somit von ihrem konservativen Vater löst. Genaue Milieuschilderungen verkneift sich der Film leider, doch setzt er durch die Figur von Ayla ein Zeichen. Sie steht mit ihren Taten für nichts weiter als Vernunft. Su Turhan schaffte trotz einiger positiver Aspekte mit "Ayla" leider nur ein auf überdurchschnittlichem Fernsehfilmniveau positionierte Werk. Dennoch ist dieses Sozialdrama ein durch und durch notwendiges filmisches Plädoyer gegen Ehrenmorde.

3/10

Sonntag, 11. Dezember 2011

Die Fälscher

Die Fälscher


Österreich/Deutschland, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Stefan Ruzowitzky
Darsteller: Karl Markovics, August Diehl

Salomon Sorowitsch verdient sein Geld mit dem Fälschen von Ausweisen und Banknoten. Nachdem er vom Kriminalbeamten Friedrich Herzog erwischt und verhaftet wird, verbringt er fünf Jahre im KZ Mauthausen, wo er für Funktionäre Porträts malt. Danach führt sein Schicksal ihn ins KZ Sachsenhausen. Hier trifft er auf Herzog wieder, der nun Sturmbannführer in der SS und zuständig für das Geldfälschungsprojekt "Aktion Bernhard" ist. Innerhalb einer bestimmten Zeit müssen Salomon und seine Kollegen den britischen Pfund fälschen, ansonsten können sie mit dem Tod rechnen.

Kommentar: Glücklicherweise handelt es sich bei dieser österreichisch-deutschen Koproduktion nicht um das durch dramaturgische Tricks modellierte Betroffenheitskino, welches ich eigentlich erwartet habe. Nach einem zähen Beginn, das mithilfe einer Rückblende die Zeit zurückdreht und den Zuschauer ins Jahr 1936 katapultiert, startet "Die Fälscher" im Mittelteil ordentlich durch und reflektiert die Tätigkeiten der Insassen im KZ Sachsenhausen und ihre Rolle während der größten Geldwäscheaktion der Historie. Die Fälscher haben zwar gemütliche Betten und werden relativ gut behandelt, doch moralische Konflikte bestimmen den Alltag. Unterstrichen durch die Hauptfigur Salomon, der ein gerissener Fuchs ist und um sein Leben fälscht, wird vor allem eins, nämlich dass die Privilegien der Häftlinge von Sachsenhausen auf einer opportunistischen Einstellung basieren. Devid Striesow überzeugt dagegen in der Rolle des Friedrich Herzog, des Gegenspielers von Salomon. Auch er möchte nichts weiter als das Beste aus der Geldwäscheaktion herausholen. Mit vielen interessanten Charakteren ist Stefan Ruzowitzky ein ehrlicher und authentischer Film über ein von Nazis angetriebenes Projekt und außerdem über die verschiedenen Schicksale der KZ-Häftlinge gelungen.

7/10

Sonntag, 4. Dezember 2011

It's a Free World

It's a Free World


UK/Italien/Deutschland/Spanien, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Ken Loach
Darsteller: Kierston Wareing, Juliet Ellis

Angie arbeitet bei einer Arbeitsvermittlung und ist zuständig für die Rekrutierung von ausländischen Arbeitskräften. Eines Tages wird sie jedoch gekündigt. Durch ihre Erfahrung als Arbeitsvermittlerin beschließt sie eine eigene Zeitarbeitsagentur zu gründen. Ihre beste Freundin Rose ist zuerst gar nicht begeistert und versucht sie mit einigen Gegenargumenten umzustimmen. Doch Angie hält an ihrer Idee fest. Vermittelt werden vor allem osteuropäische Arbeiter, die für magere Löhne als Hilfskräfte schuften sollen. Die ersten Wochen verlaufen bis auf einige Kleinigkeiten ziemlich glatt, doch als nach zwei Monaten die billigen Arbeitskräfte immer noch keinen Lohn sehen, gerät Angie in Schwierigkeiten.

Kommentar: Ein sehr sachlicher Film, der die Methoden der Ausbeutung in England unter die Lupe nimmt. Er blickt dorthin, wo die Menschen nur noch Ware sind und zerschlägt gleichzeitig die Illusion von einem sozialen Europa. Die Hauptfigur ist eine skrupellose junge Frau, die das System verstanden hat und es sich für ihre eigenen Vorteile nutzt. "It's a Free World" ist gerade deshalb einigermassen gelungen, weil er keinen Zeigefinger auf irgendwelche Personen richtet. Weder macht Regisseur Ken Loach die bei ihrer Tätigkeit emotionslosen Arbeitsvermittler noch die zugewanderten Billigkräfte für die teilweise menschenverachtenden Strukturen auf dem Arbeitsmarkt verantwortlich. Es sind eben die Umstände, die den Antrieb für das Handeln geben. Dramaturgisch ist das Ganze aber etwas zu halbherzig umgesetzt.

4/10

Montag, 28. November 2011

Der Spiegel

Der Spiegel (Serkalo)


Sowjetunion, 1975
Genre: Drama
Regisseur: Andrei Tarkowski
Darsteller: Margarita Terechowa, Ignat Danilzew

Aleksej will sich von seiner Frau trennen und möchte, dass sein Sohn Ignat bei ihm lebt. Seine Frau besteht jedoch darauf, Ignat selbst zu entscheiden, was mit ihm passiert.

Kommentar: Komplizierte Bilderwelten ohne Ablaufdatum. Tarkowski führt uns in seinen eigenen Kosmos, sein Reich und vergewaltigt dafür die Sehgewohnheiten des Zuschauers. Ein nicht chronologischer, unschlüssiger Ablauf ist schließlich das richtige Mittel für die Vermittlung zu seiner Gedankenwelt. Eine Welt, die vollständig nicht geöffnet werden soll. Es geht in diesem Film um den identitätssuchenden Mann Aleksej, der sich im Strudel der Erinnerungen verliert. Wer er ist, das kann er schwer beantworten. Wir sehen ihn nicht, wir hören ihn nur. In keinem Spiegel der Welt, würde er sein Ich erkennen. Also unternimmt er eine Selbstreflexion und bezieht alle wichtigen Punkte seines Lebens genauso wie seine Erinnerungen an einige weltgeschichtliche Momente mit ein. Er klingt verzweifelt, kriegt die Bilder vom spanischen Bürgerkrieg oder der Atombombe in Hiroshima nicht mehr aus dem Kopf, findet Parallelen zwischen seiner Mutter und seiner Ehefrau und kehrt immer wieder gedanklich zu seiner Kindheit zurück. Herausgekommen ist dabei schlussendlich ein stream of consciousness. Schwer durchdringlich, deswegen faszinierend und erstaunlich geschlossen. Wie in einem Traum wandelt Aleksej durch seine Lebensgeschichte und wirbelt dabei so einiges auf - wie der starke Wind, der die Sträucher und Gräser in mehreren Einstellungen zum Schwingen bringt.

7/10

Samstag, 26. November 2011

Die Welle

Die Welle


Deutschland, 2008
Genre: Drama
Regisseur: Dennis Gansel
Darsteller: Jürgen Vogel, Frederick Lau

Herr Wenger muss mit seinen Schülern in der Projektwoche das Thema "Autokratie" durchkauen. Schnell stellt der Lehrer fest, dass dieses Vorhaben in einer konventionellen Art und Weise niemals bei den Schülern ankommen wird. Zum Glück spielt ihm die Einheitsmeinung seiner Schützlinge in die Hände, die meinen, in Deutschland sei keine Diktatur mehr möglich. Rainer Wenger hält diese Frage für spannend und gibt mit einem Schüler-Experiment während der Projektwoche die Gegenthese dazu.

Kommentar: So misslungen "Die Welle" auch ist, so furchteinflössend ist die Aussage des Films. Hier entwickeln sich nämlich brave Schüler, Streber, Außenseiter, Sportskanonen und hübsche Mädchen binnen weniger Tage zu ernstzunehmenden Faschisten. Angetrieben vom Geist einer eigenen Bewegung, die Erkennungsmerkmale wie Kleidung und Logo besitzt. Warum der Film misslungen ist? Das liegt sicherlich nicht an Jürgen Vogel's Darstellung des etwas anderen Lehrers, der das Klassenzimmer zu seinem Versuchslabor und die Schüler zu seinen Versuchsobjekten macht und später die Kontrolle über sein eigenenes Experiment verliert. Im Rahmen des Drehbuchs spielt Vogel diese Rolle verdammt gut. Viel schwerer wiegen die gezeigten Stereotypen, die man so mindestens schon hundert Mal durch die Filmbilder flitzen sah. Dies und einige gezeigten Freizeittätigkeiten der Jugendlichen machen den Film unglaubwürdig und wenig seriös.

3/10

Mittwoch, 23. November 2011

Hydra - Verschollen in Galaxis 4

Hydra - Verschollen in Galaxis 4 (The Doomsday Machine)



USA, 1972
Genre: Sci-Fi (Trash)
Regisseur: Lee Sholem, Harry Hope
Darsteller: Denny Miller, Grant Williams

Die Welt ist in Gefahr. Die Chinesen sind nämlich dabei eine Wasserstoffbombe zu zünden, die für den ganzen Planeten die totale Zerstörung bedeuten würde. Gleichzeitig startet in den USA eine Crew mit der Rakete Richtung Venus. Das Ziel dieses Flugs: die sechs Personen im Raumschiff sollen verhindern, dass die menschliche Rasse durch eine Explosion auf der Erde ausgelöscht wird. Und die Vorsichtsmaßnahme ist nicht unklug, denn nach nur einigen Stunden im All wird den Raumschiffinsassen klar, dass es die Erde nicht mehr gibt.

Kommentar: Eine richtige Trash-Perle ist "Hydra - Verschollen in Galaxis 4" bestimmt nicht, dieser Film ist jedoch zweifellos bescheurt und kann sich in Sachen Spannung nicht mal im Ansatz an den Zuschauer heranpirschen. Schon blöd, wie dilletantisch die Schauspieler in ihrem kleinen kunterbunten Raumschiff agieren. Natürlich fehlen bei diesem Machwerk auch nicht die Haufen von übernommenen Szenen aus ähnlichen Filmen. Und dann wird man als Sichter auch noch mithilfe einiger Ungereimtheiten verblödet oder erfreut (wie man es halt nimmt). Insofern: Wessen Herz für den schlechten Geschmack schlägt, der wird die letzten 25 Minuten lieben. Auffällig und interessant, wenn auch unabsichtlich billig, ist das offene Ende.

5/10

Samstag, 19. November 2011

Import Export

Import Export


Österreich, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Ulrich Seidl
Darsteller: Ekateryna Rak, Paul Hofmann

Nachdem Olgas Arbeitgeber wieder als Monatslohn für ihren Job als Krankenschwester nur ein Teilbetrag auszahlt, versucht sie sich im pornografischen Bereich. Doch auch das ist keine ernsthafte Lösung, also beschließt sie nach Österreich zu gehen, wo auch eine Freundin von ihr arbeitet. Zur gleichen Zeit hat Paul, ein Arbeitsloser aus Wien, riesige Geldprobleme und Schulden. Besonders viel Geld schuldet er seinem Stiefvater. Mit ihm macht er sich auf die Reise, um in Osteuropa Spielautomaten aufzustellen.

Kommentar: Seidls aufregender Film kann als Studie über menschliche Bedürfnisse in persönlichen Krisenzeiten verstanden werden. Die beiden Hauptprotagonisten verbindet nämlich die Sehnsucht nach Liebe und Menschlichkeit. Nach Verständnis und Anerkennung. Das Sozialdrama ist bedrückend und nicht selten schmerzhaft. Es zeigt die gesellschaftlichen Unterschiede in dem immer noch stark heterogenen Europa und die Abgründe, die sich auftun, wenn man genau hinschaut und nicht die Augen verschließt. Nebenbei besitzt der Film auch eine stark dokumentarische Wirkung, was einerseits an der nüchternen Inszenierung liegt, andererseits am Thema selbst und natürlich auch, weil er episodenhaft erzählt wird. Aber die Kombination von Fiktion und Dokumentation funktioniert bestens, allerdings fallen bei einer Dauer von über zwei Stunden einige Längen auf.

5/10

Montag, 14. November 2011

G.O.R.A.

G.O.R.A.


Türkei, 2004
Genre: Komödie, Sci-Fi, Trash
Regisseur: Ömer Faruk Sorak
Darsteller: Cem Yilmaz, Rasim Oztekin

Teppichhändler Arif stellt einem ausländischen Kunden seine Produkte vor. Von einer auf die andere Sekunde befindet er sich jedoch auf einem Raumschiff. Er findet heraus, dass er von Außerirdischen des Planeten G.O.R.A. entführt wurde. Diese haben nämlich vor, alle Menschen zu versklaven. Arif kann seine Gefangenschaft nicht akzeptieren und will so schnell wie möglich fliehen. Doch sein Freund Bob Marley Faruk hält die Idee für schwachsinnig. Zuerst sieht es tatsächlich danach aus, als ob Faruk mit seiner Meinung recht hat. Dann aber droht ein Meteorit den Planeten G.O.R.A. zu zerstören.

Kommentar: Eine Sci-Fi Parodie aus der Türkei. Wie herrlich, wie anstrengend. Wer Klamauk auf niedrigem Niveau erwartet, kommt bei diesem Film auf seine Kosten. Über zwei Stunden lang versucht man sich an Hollywood-Klassikern, man veralbert sie, mal mehr, mal weniger gut. Leider gerät "G.O.R.A." in der zweiten Hälfte in Kopierwahn, denn wo vorher noch gewisser Charme und klein wenig Eigenständigkeit dem schlechten Geschmack sowas wie einen Charakter verliehen, bricht der Film später total ein und wirkt so, als hätte man sich bei vielen Klamauk-Streifen unmotiviert bedient. Manchmal ist die Lächerlichkeit, an wenigen Stellen im Film versteht sich, aber bombastisch. Nur verdammt schade, dass er so unnötig lang ist.

2/10

Samstag, 12. November 2011

Gegen die Wand

Gegen die Wand


Deutschland/Türkei, 2004
Genre: Drama
Regisseur: Fatih Akin
Darsteller: Birol Ünel, Sibel Kekili

Weil Sibel, eine jünge Türkin, ihrem Leben in der Familie entkommen will, überredet sie den Alkoholiker Cahit sie zu heiraten. Dieser willigt nach heftigen Diskussionen ein. Doch Sibel's Unabhängigkeitsdrang bringt viele Schwierigkeiten mit sich. Nicht nur für sie, sondern auch für Cahit. Für den die Beziehung zuerst zwar nichts weiter als eine bloße Scheinehe ist, später aber, da er sich in sie verliebt, ein lebensrettendes Geschenk darstellt.

Kommentar: In diesem Liebesdrama erfährt man wahrscheinlich wirklich, was es heißt zwischen zwei verschiedenen Welten zu leben. Die Probleme, die sich aus der Identitätsunsicherheit ergeben können, zeigt Herr Akin schonungslos. Es geht ihm nicht darum, den Betrachter zu umarmen, ihm eine nette, kleine Geschichte zu erzählen, sondern kulturelle Differenzen näher zu bringen, sie auszuleuchten und so real wie möglich erscheinen zu lassen. Insbesondere der Schauspieler Birol Ünel überzeugt in der Rolle eines längst seelenlosen Wesens, das durch die Kraft der Liebe wieder an den Ort der Lebenden zurückbefördert wird. In packenden, elektrisierenden, hektischen und manchmal sogar spannenden Szenen wird das Milieu der türkischen Menschen in Deutschland untersucht und dabei bewusst einige Fragen offen gelassen, die jeder für sich selbst beantworten muss.

6/10

Freitag, 11. November 2011

Der Mann aus London

Der Mann aus London (A Londoni Férfi)


Ungarn/Frankreich/Deutschland, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Bela Tarr
Darsteller: Miroslav Krobot, Tilda Swinton

Maloin arbeitet am Hafen als Gleisrangierer. Er arbeitet, wenn die meisten Leute schlafen und ist immer alleine in seiner Kabine. Auch sonst führt er eher ein tristes Leben mit seiner Frau und seiner Tochter. Eines Nachts wird er jedoch Zeuge eines Mordes und zusätzlich will der Zufall es ebenfalls, dass er durch einen Koffer an sehr viel Geld kommt. Doch was ein Segen sein sollte, wird für ihn zu einem Fluch. Er fühlt sich verfolgt und bekommt mit, wie die Polizei im Mordfall vorwärts kommt.

Kommentar: Kunstkino muss schwierig sein. Es muss Dinge versperren, es muss den Konsumenten aktivieren und ihn fordern. Bela Tarr verlangt in den knapp 140 Minuten schon einiges ab. In einem Mix aus Kriminalfilm, Drama und Thriller erzählt er die Geschichte eines Mannes, der sich in einem inneren Konflikt befindet. Der nicht weiß, was richtig und was falsch ist. Der nichts ausspricht und trotzdem durch seine Mimik Hilfeschreie ausstößt. Die Erzählgeschwindigkeit von "Der Mann aus London" ist extrem langsam, absichtlich dehnt der Regisseur die Handlung aus, weckt Erwartungen, die, weil der Film minimal sein möchte, aber nie erfüllt werden können. Ein charakteristisches Merkmal ist natürlich die Fülle an Plansequenzen. Und in diesem Punkt mach Tarr keine Kompromisse, sondern hält drauf, lässt die Kamera gleiten, damit wir erleben.

5/10

Sonntag, 6. November 2011

Kinder des Himmels (DVD-Kritik)

Kinder des Himmels (Bacheha-Ye aseman)


Iran, 1997
Genre: Drama
Regisseur: Majid Majidi
Darsteller: Amir Farrokh Hashemian, Bahare Seddiqi

Der neunjährige Ali holt für seine Schwester die Schuhe ab und steckt sie in eine schwarze Tüte. Auf dem Weg nach Hause kommt er noch an einem kleinen Lebensmittelstand vorbei und lässt - bevor er hereingeht, um paar Kartoffeln mitzunehmen -, die schwarze Tüte zwischen ein paar Obstkisten liegen. Als er bemerkt, dass die Tüte nicht mehr da ist, rennt er nach Hause und beichtet seiner Schwester den Vorfall. Gleichzeitig bittet er sie darum, den Eltern nichts davon zu erzählen, weil der Vater kein Geld für neue Schuhe übrig hätte und sie beide nur verprügeln würde. Seine Schwester Zahra fragt ihn jedoch, wie sie am nächsten Tag ohne Schuhe zur Schule gehen soll. Ali findet für dieses Problem zwar eine Lösung, doch die Umsetzung der Idee gestaltet sich schwierig.

Kommentar: Majidi's beliebter Film entführt den Zuschauer in die schmalen Gassen eines Teheraner Armutsviertels. Die Welt von Ali und seiner Schwester Zahra ist kein heiles Paradies, doch ihre Welt ist voll mit bescheidenen und herzensguten Menschen. Das stellt Majidi immer wieder in den Vordergrund und bedient sich nicht drastischen Darstellungen. Die kahlen Wege, die kleinen Wohnbauten und natürlich die unübersehbare Armut von Ali's Familie reichen schon aus, um zu erläutern in welcher Umgebung manche Kinder in Iran aufwachsen müssen. Neben dem sozialen Aspekt ist noch der humane ein ganz bedeutender. Wie die Kinder sich unterhalten, welche Ernsthaftigkeit sie einbringen, mit wie viel Willen sie ihre missliche Lage durchstehen. Denn Ali verschweigt seinen Eltern die Sache mit den verlorengegangenen Schuhe nicht nur weil er Angst vor Prügel hat, sondern um Vater und Mutter weitere Sorgen zu ersparen, da sie schließlich genug mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Diese Akzeptanz der wirtschaftlichen Situation führt daher dazu, dass Ali und Zahra sich jeden Tag die Schuhe für die Schule untereinander tauschen müssen. Andere Mittel sehen sie nicht, erst später offenbart sich ein Ausweg aus den unglücklichen Umständen.

Es ist alles in allem ein besonderer Kinderfilm, der auch Werte wie Ehrlichkeit und Vertrauen vermittelt. Dass die beiden Kindercharaktere von Laiendarstellern gespielt werden, tut absolut keinen Abbruch, sondern macht die tragische wie rührende Geschichte noch viel authentischer. Eine sozial schwierige Situation aus der Perspektive der Kinder zu filmen bedeutet vielleicht eben auch naive Töne anzuschlagen und den Realismus nach hinten zustellen. Das schafft "Kinder des Himmels" grandios und fasziniert durch eine beeindruckende Filmsprache.

Zur DVD: Die DVD von Arthaus enthält leider kein Making-Of. Dafür viele andere Features wie eine coole Fotogalerie und ein Presseheft. Das Highlight sind jedoch die Produktionsnotizen, die Auskunft über die Entstehung des Films geben und informieren darüber, welche Anfangsschwierigkeiten damit zusammenhingen. Eine Biografie des im Iran wie auch im Ausland beliebten Regisseurs Majid Majidi gibt es natürlich auch. Außerdem sind noch Zusatzbemerkungen von ihm enthalten, wo er sich im Besonderen über die Darsteller äußert.

7/10

DVD: 6/10

Samstag, 5. November 2011

Devi

Devi (The Goddess)


Indien, 1960
Genre: Drama
Regisseur: Satyajit Ray
Darsteller: Sharmila Tagora, Chhabi Biswas

Eines Nachts hat der strenggläubige Kalikinkar Roy eine Vision in Form eines Traums. Er glaubt, dass seine Schwiegertochter Doyamoyee die Inkarnation der Göttin Kali ist und verehrt sie von nun an. Verschiedene Zeremonien, an denen eine große Menge von Menschen teilnimmt, werden für Doyamoee veranstaltet. Als Doya's Mann Um von der Collegeprüfung aus Kalkutta zurückkehrt, kann er kaum seinen Augen trauen. Sofort sucht er das Gespräch mit seinem Vater Roy, dem er in keinster Weise mit Respekt für die abergläubische Haltung begegnet. Um schleicht sich in der darauffolgenden Nacht in das Zimmer seiner Ehefrau und bittet sie mit ihm zu fliehen.

Kommentar: Der Film spielt um das Jahr 1860 herum und wagt einen kritischen Blick auf die religiöse Besessenheit des Landes Indien. Allerdings liegt es Regisseur Ray fern, seine Figuren ins Lächerliche zu ziehen. Es geht ihm viel mehr darum, Ursache und Wirkung aufzuzeigen und damit den Weg der Idolisierung zu beleuchten. Das unterkühlte Schauspiel sorgt für die nötige Distanz, trotzdem gelingt es durch eine tolle Bildersprache den Zuschauer auf eine emotionale Ebene zu bringen, was wichtig ist, um das Leid von Doyamoee, der angebetenen "Göttin", nachzuempfinden. Denn "Devi" prüft ebenso die Rolle von Doyamoee - einer junge Frau, die zur Wiedergeburt der Kali popularisiert wird und fortan keine Freiheiten mehr besitzt. Tragisch wird die Geschichte aber erst dann, als Zweifel an Doya's Göttlichkeit kommen und sie sogar umgebracht werden soll.

7/10

Ferien in der Silberbay

Ferien in der Silberbay (Vacanze alla baia d´argento)


Italien, 1961
Genre: Komödie
Regisseur: Filippo W. Ratti
Darsteller: Mario Caratenuto, Laura Solari

Das Ehepaar Morricone streitet sich mal wieder. Kein Wunder, wirtschaftlich schlechte Zeiten machen Menschen nervöser und die Morricones sind hochverschuldet. Ihren einzigen Ausweg aus den Schulden sehen sie in ihrer Tochter Rossella, die immer noch unverheiratet ist. Also geht es mit Rossella an den Strand, in der Hoffnung, dass sie sich einen Mann mit Vermögen angelt. Und tatsächlich passiert es, Rossella lernt den Sohn eines Baronen kennen.

Kommentar: Sonderbar unkomische Vorstellung, die weder Witz noch Charme besitzt, jedoch komisch sein möchte. Bemüht sieht das aus, mitreißend aber nie. Das Schräge an "Ferien in der Silberbay" ist die Handlungsweise sowohl von der Familie Morricone als auch von dem Baron, die beide materialistisch gesinnt sind. Das kann man noch komisch finden, wenn man will. Die Nebengeschichten überbieten die Inspirationslosigkeit der Haupthandlung um Rossella aber noch um einiges. Müll, müll, Sondermüll!

1/10

Blind Beast

Blind Beast (Moju)


Japan, 1969
Genre: Drama, Erotik
Regisseur: Yasuzo Masumura
Darsteller: Eiji Funakoshi, Mako Midori

Das attraktive Aktmodel Aki ruft eines Abends einen Masseur ins Haus, der ihren verspannten Körper wieder auf Vordermann bringen soll. Doch der Masseur entpuppt sich als ein blinder Möchtegernkünstler, der sie mithilfe seiner Mutter entführt. Als Aki nach der Entführung wieder aufwacht, befindet sie sich in seinem seltsamen Raum voller Skulpturen von Armen, Beinen, Riesenaugen an den Wänden sowie einem Riesenfrauenkörper im Zentrum. Der blinde Künstler hat alle Skulpturen durch seinen Tastsinn erschaffen und nun soll die schöne Aki, deren Körper er perfekt findet, seine ultimative künstlerische Arbeit werden. Sie darf nicht gehen, bis er mit seinem Kunstwerk fertig ist.

Kommentar: "Blind Beast" konzentriert sich auf das Wesentlichste. Keine schnick-schnackige Handlung, keine Nebenplots und nur wenige Drehorte. Nach nicht einmal 90 Minuten erzählt der Film alles, für was andere die doppelte Zeit bräuchten. Das ist insbesondere im letzten Drittel ersichtlich, da dort die Handlungen der Figuren schwer nachvollziehbar sind. Aber bis dahin ist der Streifen physisch wie auch psychisch spürbar und überrascht sogar einige Male. Die Figur der Aki, des Aktmodels, welches entführt wird, ist vor allem sehr spannend geraten. Sie findet sich recht schnell in der Umgebung wieder und versteht sofort, dass zwischen Sohn und Mutter eine sonderbare Beziehung herrscht, welche sie zu ihrem Vorteil nutzen kann. Dennoch überkommt sie seit ihrer Ankunft im gruseligen Atelier - trotz der cleveren psychischen Manipulation von Mutter und Sohn - eine Faszination für die Welt des blinden Künstlers, dem sie sich im Verlauf der Geschichte ja auch sichtbarer hingibt. Eine unsichtbare, undefinierbare Verbindung zwischen den beiden wird schon in den ersten Minuten des Films deutlich: In einer Galerie schaut Aki zu wie der blinde Mann die Skulptur einer nackten Frau befühlt. Und es fühlt sich für sie an, als seien die Hände des Blinden an ihrem Körper.

6/10

Montag, 31. Oktober 2011

Free Rainer

Free Rainer


Deutschland/Österreich, 2007
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Hans Weingartner
Darsteller: Moritz Bleibtreu, Elsa Sophie Gambard

Rainer ist ein sehr erfolgreicher Fernsehproduzent und verantwortlich für den neuen Quoten-Hit "Hol dir das Superbaby". Eine trashige Sendung, die aber anscheinend viele Zuschauer findet. Eines Tages wird er von einem Auto gerammt und muss ins Krankenhaus. Die den Unfall verursachende Person heißt Pegah und wurde selbst schwer verletzt. Rainer erfährt, dass sie ihn absichtlich rammte, da er mit einem schlecht recherchierten Bericht ihren Großvater in den Selbstmord trieb. Das bewegt ihn schlussendlich dazu, von dem Fernsehprogramm seines Senders Abstand zu nehmen und zu kündigen. Sein Glaube an Qualitätsfernsehen ist stark, also treibt er ein paar Arbeitslose zusammen, um mit ihnen die Quoten zu fälschen und Druck auf die Fernsehproduzenten aufzubauen.

Kommentar: Von der Grundidee ist der Film eigentlich überaus interessant. Doch der Kampf gegen die televisionäre Volksverdummung gestaltet sich mit einer Spielzeit von über 120 Minuten deutlich zu langgezogen. Das signifikante Problem ist aber seine Message, die unvereinbar mit dem ist, was im Film geboten wird. Denn es fehlt hier die Glaubwürdigkeit. Es ist vollkommen widersprüchlich sich gegen Trash, schlechte Unterhaltung und Oberflächlichkeit auszusprechen, jedoch genau dieses im Film anzubieten. Stümperhafte Dialoge, ein übertrieben naives Drehbuch, kein Verständnis für die Realität - so könnte man sich auch auf einige Nachmittagssendungen im Privatfernsehen beziehen. "Free Rainer" fehlt es auch nicht bloß an Mut und Charme, es krankt hier deutlich an einer konsequenten Linie, einer Spur, der der Zuschauer bereit ist zu folgen. Stattdessen versucht er auf schlampige Art und Weise mal ein Gefühl von Melancholie einzufangen, mal auf die Feel-Good-Movie-Schiene zu treten. Irgendwie alles erschreckend dilettantisch.

2/10

Samstag, 29. Oktober 2011

The Face Of Another

The Face Of Another (Tanin no kao)


Japan, 1966
Genre: Drama
Regisseur: Hiroshi Teshigahara
Darsteller: Tatsuya Nakadai, Machiko Kyo

Bei einem Laborunfall wird das Gesicht von Okuyama komplett entstellt. Von seiner Frau fühlt er sich entfremdet und auch mit dem Rest seiner Umwelt fühlt er sich seit der Gesichtsverbrennung nicht mehr verbunden. Doch der Psychiater Dr. Hira schafft es ihm ein künstliches Gesicht zu geben. Der Doktor warnt ihn jedoch aufzupassen, da er glaubt, die "Maske" könnte Gewalt über ihn nehmen und seine Persönlichkeit verändern.

Kommentar: Ein überaus düsteres Drama, das langsam erzählt wird und eine Menge Portion eingeflossener Kreativität enthält. Das Highlight ist sicherlich das surrealistische anmutende Labor des Psychiaters, welches in manchen Phasen nicht einmal wie von dieser Welt aussieht. Und auch sonst reagiert kein technisches Unvermögen, was die Inszenierung angeht. Ein prägnantes Ausdrucksmittel ist hierbei der plötzliche Wegfall der Hintergrundgeräusche und die darauf aufbauenden stillen Minuten, die als Zentrum für Diskussionen dienen. Inhaltlich sieht es jedoch blasser aus, so richtig startet der Film eigentlich erst zum Ende durch. Gerade der Anfang läuft sehr schleppend voran und die moralischen Fragen schwirren zwar deutlich während der gesamten Länge umher, adäquat aufgegriffen werden sie jedoch nur kurz.

5/10

Freitag, 28. Oktober 2011

Blutspur im Park

Blutspur im Park (Una farfalla con le ali insanguinate)


Italien, 1971
Genre: Thriller, Drama
Regisseur: Duccio Tessari
Darsteller: Helmut Berger, Giancarlo Sbragia

Eine junge Frau wird ermordet in einem Stadtpark aufgefunden und der Mörder noch am Tatort gesehen. Alessandro Marchi, ein Fernsehreporter wird vom Gericht für schuldig befunden. Doch schon nach kurzer Zeit kommt es zu einem weiteren blutigen Mord. Aufgrund von stichhaltigen Hinweisen ist sich die Polizei sicher, dass der erste und der zweite Mord von ein und derselben Person verübt wurden. Alessandro Marchi wird nach kurzer Haftzeit also wieder freigelassen.

Kommentar: Ein äußerst durchdachter Thriller, der in seinen besten Momenten, beispielsweise dem Schluss, einprägsame und stilsichere Darbietungen vorweist. Die Grenzen eines traditionellen Kriminalfilms werden verweigert. So fährt er nach der Hälfte der Spielzeit mit der ansosten sukzessiv steigenden Spannungskurve etwas runter und versucht sich als Psychodrama. Was die blutigen Aufnahmen angeht, war man sehr sparsam und behielt die Konzentration auf das Innenleben der Figuren. Mehr noch als durch sein echtes Interesse an den Charakteren verdient sich "Blutspur im Park" Pluspunkte mit der musikalischen Untermalung, die zwar manchmal reichlich überbordend klingt, in den meisten Szenen allerdings zur nötigen Unterstreichung der dichten Atmosphäre beiträgt.

5/10

Ex Drummer

Ex Drummer


Belgien, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Koen Mortier
Darsteller: Dries Van Hegen, Norman Baert

Dries ist ein Schriftsteller, er ist erfolgreich, lebt in einer schönen Wohnung und hat eine attraktive Frau. Eines Tages kommen drei Typen zu ihm, die ihn fragen, inwieweit er Lust hätte in ihrer Band als Schlagzeuger mitzuspielen. Nach kurzer Überlegung gefällt Dries die Idee und er verabredet sich mit der Gruppe zum nächsten Tag. Ihm ist bewusst, dass die Mitglieder der Gruppe in ganz anderen Verhältnissen leben und zum sozialen Bodensatz der Gesellschaft gehören - aber genau hier sieht er den Schlüssel, der ihm den Zugang zu einer anderen Welt verschafft. Verlieren kann er schließlich nicht viel, denn er kann immer aussteigen und vollends in seine heile Welt zurückkehren.

Kommentar: Wie weit Hochnäsigkeit gehen und mit welcher brutalen Kraft man seine Selbstsicheit zeigen kann, stellt "Ex Drummer" auf verblüffende Art und Weise zur Schau und begibt sich nie in Deckung, sondern holt alles raus, was rauszuholen ist. Selbst die skurrilsten und ekelhaftesten Szenen scheinen irgendeine Bedeutung zu haben. An Lärm, Dreck und Gewalt fehlt hier nichts; das gezeigte soziale Elend ist für den Zuschauer so greifbar ungreifbar, wie es für den Hauptcharakter Dries ist, der, je länger das Band-Projekt dauert, immer mehr Spaß daran findet, zwischen seiner, für ihn nachvollziehbaren heilen Welt und dem Milieu der gescheiterten Existenzen hin und her zu springen. Dieser Film ist nicht einfach nur kontrovers, nicht bloß wegen der konsequenten Darstellung von idiotischer Brutalität so reizvoll, sondern weil es ihm an Anspruch nicht mangelt, weder inhaltlich noch formal. Es ist eigentlich kein schnell konsumierbares Produkt, dass gesehen, gehört und erfahren werden will. Der sensationsgeile Zuschauer tut nur so, als ob.

7/10

Samstag, 22. Oktober 2011

Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber

Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber (The Cook the Thief His Wife & Her Lover)


UK/Frankreich, 1989
Genre: Drama
Regisseur: Peter Greenaway
Darsteller: Michael Gambon, Helen Mirren

Jeden Abend besucht der stämmige Albert Spica mit seiner Frau und einigen Kollegen das Restaurant "Le Hollandais". Und jeden Abend schreit er die Gäste und die Mitarbeiter des Restaurants an, wird auch mal gewalttätig und zeichnet sich allgemein vor allem durch seine Respektlosigkeit aus. Als er rausfindet, dass seine Frau Georgina ihn betrügt und es hinter seinem Rücken mit einem Restaurantgast treibt, macht er sich auf die Suche nach ihr und ihrem Liebhaber, wobei er keine Kompromisse eingeht und sogar ein Kind wegen ein paar Informationen terrorisiert.

Kommentar: Greenaway verlegt den Kampf gegen Despotismus in ein Restaurant, das gefüllt ist mit dem unterworfenen Volk, den durch Konsumterror gesättigten Menschen. Während vor dem Restaurant hungernde Hunde auf der Straße herumlungern, verfault Fleisch in den nahe stehenden Transportwagen. Eines klagt der Film immer wieder an: die sinnlose Verschwendung. Gerade das kannibalische Finale macht darauf aufmerksam, wie wahnsinnig der hemmungslose Verbrauch wirklich ist. Zwar dauert der Film fast zwei Stunden, doch aufgrund der gnadenlosen Flut von spannenden Ereignissen, die man sehr distanziert und wenig emotional wahrnimmt, ist er an keiner Stelle zu lang. Die Filmmusik ist durchgehend atemberaubend und harmoniert majestätisch mit ebensolcher Bildkomposition, was dieser Groteske eine noch viel eigenwilligere Note verleiht. "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" ist ein erstklassiges Stück über Machtbesitz, Sex, Essen und Maßlosigkeit, immer umgeben von Ekel und Zorn.

8/10

Kto ya?

Kto ya?


Russland, 2010
Genre: Drama, Thriller
Regisseur: Klim Shipenko
Darsteller: Aleksandr Yatsenko, Anatoliy Belyy

Ein junger Mann, Mitte 20, wird eines morgens von der Polizei auf dem Bahnhof in der kleinen ukrainischen Stadt Sevastopol entdeckt und gibt an, nichts mehr über sich zu wissen. Der zuständige Detektiv Shumov lässt nach kurzer, ergebnisloser Befragung einen Spezialisten für Amnesie kommen. Doch auch dieser kriegt aus dem Mann keine wichtigen Informationen heraus. Die einzigen Anhaltspunkte finden sich in der Jacke des Identitätslosen: Konzertkarten und eine große Summe an Bargeld.

Kommentar: Im langsamen Tempo versunkener, klug konstruierter Krimithriller, der es auf Spannung und Geduldshaltung abgesehen hat. Atmosphärisch bricht er wegen seiner Zeitsprünge aus der kammerspielartigen Sphäre immer wieder heraus und bleibt dadurch ungemein vielseitig wie berauschend. Außerdem liegt es dem Film fern, keine Manipulationen zu betreiben. Sympathisiert man anfangs noch mit dem an Amnesie leidenden jungen Mann, kippen diese zugungsten des Detektivs Shumov, dem die präsentierte Erzählung nicht ganz hasenrein vorkommt. Die Auflösung der ganzen Geschichte gelingt auf visueller Ebene übrigens bravourös, da man sich der Videoclip-Ästhetik bediente, die ich bisher selten so gut verwendet zu Gesicht bekam.

5/10

Freitag, 21. Oktober 2011

Die toten Augen des Dr. Dracula

Die toten Augen des Dr. Dracula (Operazione Paura)



Italien, 1966
Genre: Horror, Thriller
Regisseur: Mario Bava
Darsteller: Giacomo Rossi-Stuart, Erika Blanc

In einem abgelegenen Dorf gehen mysteriöse Dinge vor sich und die abergläubischen Bewohner leben in Angst. Als ein Mädchen sich umbringt, sieht der Inspektor keine andere Wahl und lässt den jungen Arzt Dr. Eswai kommen, obwohl die Dorfbewohner auf Fremde nicht gut zu sprechen sind. Er soll eine Autopsie durchführen und Licht in den Todesfall bringen. Bei der Untersuchung der Leiche lernt Eswai Monica kennen, die ihm von einer alten, düsteren Dorflegende erzählt.

Kommentar: Ich setze mich ab und an für deutsche Verleihtitel ein, weil sie eben ab und an - zumindest was Genrefilme betrifft - besser sind als die Originaltitel. Aber im vorliegenden Fall weiß ich auch nicht mehr weiter. Denn viel krasser kann man mit einem Titel eigentlich gar nicht mehr daneben liegen. Das Original bedeutet übersetzt Operation Angst und beschreibt passend sowohl die Stimmung des Films wie auch die Idee des Regisseurs. Leider vermag Bava keine Angstgefühle zu erzeugen. Die inflationäre Verwendung dramatisch klingender Musik zur Intensivierung bedrohlicher Szenen ist ein gewaltiger Ausdruck fehlender Inspiration und entlarvt den Film konsequent als Möchtegern-Gruselkino. Als grusel-dich-oder-stirb-Kino. Glücklichweise kann Brava trotz dieser Neigung zur Penetranz doch noch etwas bieten. So ist die Einführung in das kleine, abgelegene Dorf, welche der Zuschauer mit der Hauptperson Dr. Eswai erlebt, besonders aufregend und von der Spielzeit auch gar nicht so kurz geraten. Die visualle Arbeit verbuche ich ebenfalls auf der Habenseite, freue mich noch über die "Vertigo"-Anleihen und den kleinen Schwenk zum Surrealistischen in der letzten halben Stunde.

4/10

Gromozeka

Gromozeka


Russland, 2011
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Vladimir Kott
Darsteller: Nikolay Dobrynin, Boris Kamorzin

Drei Männer mittleren Lebensalters, die sich seit der Kindheit kennen, treffen sich regelmäßig in der Sauna, um gemeinsam Zeit zu verbringen. Ansonsten haben sie nichts mehr miteinander zu tun. Wortkarg sind ihre Unterhaltungen, denn jeder möchte den Schein aufrechterhalten, er hätte keine Schwierigkeiten und alles sei in bester Ordnung. Die Wirklichkeit der Männer sieht aber anders aus: Chirurg Eduard möchte sich so schnell wie möglich von seiner Ehefrau lösen und ist außerdem totkrank. Taxifahrer Mozerov verzweifelt an seiner Tochter, da sie eine Pornodarstellerin ist und Polizist Vasya kämpft um seine Noch-Ehefrau.

Kommentar: Wie schwer es wirklich ist, eine gute Tragikomödie zu drehen, zeigt "Gromozeka" vorbildlich. Denn leider ist hier die Komik schon im Bereich des Lächerlichen. Gleich neben der Bezeichnung lächerlich, steht auch unlustig, da die Schicksale, deren Zeuge man wird, einfach zu schwer wiegen, als dass man viele Gründe zum Lachen hätte. Und weil den Hauptpersonen zumeist auch selbstkarikierende Züge fehlen, beginnen die Witze zu nerven und mehr als einer kurzen peinlichen Berührung vermag man darauf auch keine Reaktion zu zeigen. Dafür gefällt das düstere Gesellschaftsbild, das von männlichen Verlierern im modernen Russland erzählt. Allerdings ist diese Erzählung sehr anstrengend und wenig pointiert. In einer Art Episodendrama stellt der Regisseur Vladimir Kott drei Schicksale nebeneinander, bettet sie aber nicht in einen größeren Zusammenhang, sondern lässt sie lose in ihren eigenen Welten verweilen.

3/10

Mittwoch, 19. Oktober 2011

16 Uhr 50 ab Paddington

16 Uhr 50 ab Paddington (Murder She Said)


GB, 1961
Genre: Krimi, Komödie
Regisseur: George Pollock
Darsteller: Margaret Rutherford, Stringer Davis

Als Miss Marple in einem Zug sitzt und ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Lesen von Kriminalromanen, nachgeht, sieht sie den auf dem Nebengleis fahrenden Zug vorbeifahren. Interessiert schaut sie sich die Insassen an und wird plötzlich Zeuge, wie in einem Abteil eine junge Frau von einem Mann zu Tode gewürgt wird. Das schildert sie der Polizei, doch die glaubt, dass Miss Marple durch zu viele Romane wohl zu viel Fantasie habe und alles nur eine Einbildung gewesen ist. Doch so leicht lässt sich Miss Jane Marple nicht abschütteln - und so versucht sie sich als Hobbydetektivin.

Kommentar: Vielleicht hat der Humor in diesem Film schon sein Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten, denn lustig fand ich das keinesfalls, auch wenn ich immer eine Vorstellung davon hatte, wo die vermeintlichen Lacher platziert waren. Vielleicht ist das einfach nur nicht meine Art von Humor. Selbst diese alte schrullige Hobbydetektivin im Großmutterformat überzeugt mich weder mit tiefsinnigem Charakter noch sehe ich da eine Schauspielerin, die voll und ganz in ihrer Rolle aufgeht. Da der Film sich der klassischen Wer-hat-es-getan-Logik unterwirft, befördert er sich durch seine immense Vorhersehbarkeit selbst automatisch ins Abseits. Und schon den Grundgedanken, dass eine Frau im Rentenalter, die zu viele Krimalromane gelesen hat, ja scheinbar jeden Kriminalroman auswendig weiß, selbst erfolgreich auf Mörderjagd geht - diesen Gedanken finde ich nicht charmant und nicht komisch - sondern abstrus!

3/10

Sonntag, 16. Oktober 2011

Erzählung von den späten Chrysanthemen

Erzählung von den späten Chrysanthemen (Zangiku monogatari)



Japan, 1939
Genre: Drama
Regisseur: Kenji Mizoguchi
Darsteller: Shotaro Hanayagi, Kokichi Takada

Kikunosuke Onoue, der Adoptivsohn eines bekannten Kabukispielers, ist ein ziemlich schlechter Theaterdarsteller. Doch wegen seines berühmten Familiennamens und dem Ansehen des Vaters bekommt er von allen Seiten Lob für seine Auftritte. Nur die junge Frau Otoku, die Amme im Hause Onoue, macht ihn auf seine Schwächen aufmerksam, wodurch sie Kikunosuke's Interesse weckt, da er von ihrer offenen Kritik imponiert ist. Aufgrund dieser Offenheit, aber vor allem wegen ihrer engen Beziehung zum Adoptivsohn wird sie etwas später jedoch entlassen. Kikunosuke kann es nicht fassen, dass man ihm den Umgang mit Otoku verbietet und verlässt Tokio und damit das Elternhaus, um seine Fahigkeiten im Schauspiel zu verbessern, aber auch um mit Otoku zusammen zu sein.

Kommentar: Es geht weniger um die männliche Figur Kikunosuke Onoue, der von einem luxuriösen Leben ins Elend marschiert, triumphierend aufsteht und zum Luxus wieder zürückkehrt und die öffentliche Aufmerksamkeit erlangt. Vielmehr wirft die Geschichte einen Blick auf die Partnerin Otoku, die im Zug ihrer Liebe zu Kikunosuke jedes Leid auf sich nimmt und für das Wohl ihres Partners ihre eigenen Bedürfnisse nach hinten stellt. Ihr Einfluss auf Kikonosuke's Erfolg ist enorm, was später selbst von Vater Onoue honoriert wird, der in der Beziehung einige Jahre zuvor nichts weiter als einen Riesenskandal sah, da er fürchtete, dass eine Heirat zwischen seinem Adoptivsohn und einer einfachen Amme einen gesellschaftlichem Bruch darstellen würde. Somit ist die Anerkennung des Vaters eine Schlüsselgeste, die zum Bestandteil der gesellschaftskritischen Message des Films dazugehört. Leider rutscht der japanische Streifen, je näher er dem Ende kommt, in leicht unglaubwürdige Gefilde ab, konzentriert sich aber dennoch stärker denn je auf die kritischen emotionalen Phasen beider Hauptfiguren. Besondere Beachtung verdient jedoch der Aufnahmestil des japanischen Regisseurs. Diese unvergleichlich zarten Kamerafahrten zieht Mizoguchi mit aller Konsequenz durch - wenn er sie überhaupt anwendet, denn meistens bleibt die Kamera still, wartend auf eine neue Anweisung, die oft lange auf sich warten lässt und beobachtet mit dem scharfen Blick die Figuren, besessen und fasziniert von ihren Interaktionen. Und der Überzeugung, dass nichts spannender ist, als die Beobachtung des Menschen und seiner Umwelt.

6/10

Samstag, 15. Oktober 2011

Der aus dem Regen kam

Der aus dem Regen kam (Le passenger de la pluie)


Frankreich/Italien, 1969
Genre: Thriller
Regisseur: Rene Clement
Darsteller: Marlene Jobert, Charles Bronson

Nachdem Mellie ihren Vergewaltiger mithilfe zweier Schrotpatronen ins Jenseits befördert, versteckt sie die Leiche und trifft sich mit ihrem Mann Tony, der als Pilot mal wieder einige Zeit von zu Hause weg war. Aber Mellie redet weder mit der Polizei noch mit ihrem Mann über die Vergewaltigung. Sie verleugnet den Mord auch vor dem mysteriösen und fremden Dobbs, der nicht nur den Tathergang genau zu wissen scheint, sondern ebenfalls über den Vergewaltiger viel Bescheid weiß. Dobb verspricht Mellie in Ruhe zu lassen, wenn er die Sporttasche bekommt, die der Vergewaltiger bei sich hatte.

Kommentar: Naive Frau trifft auf gerissenen Mann - und das Spiel beginnt. Könnte man meinen, aber die vergewaltigte Mellie ist immer intelligenter als es den Anschein hat. Gerade dieser Aspekt des energischen Psychoduells ist eindrucksvoll und charakterisiert bis zum Ende Mellie's Kampf gegen die Dominanz der Männer. Doch Schwächen im Drehbuch wie auch bei der Zusammenstellung des Soundtracks bleiben ebenfalls im Kopf. Außerdem ist der Film deutlich zu lang geworden. Fast 120 Minuten muss man sich nehmen und wird auch noch mit Längen bestraft, die besonders dann deutlich sind, wenn zarte Annäherungsversuche zwischen den Duellanten stattfinden. Die fügen sich nicht so recht in die Geschichte und haben für die Entwicklung der Charaktere sowiese wenig Bedeutung.

4/10

Alles tanzt nach meiner Pfeife

Alles tanzt nach meiner Pfeife (L'Homme Orchestre)


Frankreich/Italien, 1970
Genre: Komödie
Regisseur: Serge Korber
Darsteller: Louis De Funes, Olivier De Funes

Evan Evans ist eine berühmte Frauen-Tanzgruppe. Ihr Manager ist der strenge Manager Monsieur Balduin, der von den jungen Frauen sexuelle Enthaltsamkeit und Top-Aussehen verlangt. Als eine Tänzerin ihm beichtet, heiraten zu wollen, fasst er den Entschluss sie zu entlassen und zu ersetzen. Doch auch die neue Performance-Künstlerin hat etwas, wovon der herrschsüchtige Balduin nichts weiß.

Kommentar: Die ersten zehn Minuten sind wirklich frische Momente, in denen der Charakter Balduin treffend beschrieben wird. Erstaunlich und unfassbar komisch, wenn Funes mit dem Tonchef um die Wette den Kopf zum musikalischen Rhythmus bewegt. Doch wenn die Handlung einsetzt, verpufft alles Habenswerte. Mitunter ist es sehr anstrengend den Abläufen auf dem Bildschirm zu folgen, dies verdankt man jedoch mehr der kruden Geschichte und nicht den fehlenden Gags. Dennoch war ich überrascht, wie aus einer Story über den hitzköpfigen Tanzdirektor Balduin und seinem Hang zur Objektisierung seiner Mädchen noch eine recht pfiffige Verwechslungskomödie entstehen kann.

3/10

Ploy

Ploy


Thailand, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Pen-Ek Ratanaruang
Darsteller: Pornwut Sarasin, Lalita Panyopas

Dang und ihr Ehemann Wit leben in Amerika, kehren jedoch wegen einer bevorstehenden Beerdigung für einige Tage in ihre Heimat Thailand zurück. Sie quartieren in einem Hotel und sind beide ziemlich gestresst vom langen Flug. Wit's Zigaretten sind alle und so verlässt er das Zimmer, um an der Bar sich neue zu besorgen. Dort trifft er die 19-jährige Ploy, die noch einige Stunden auf ihre Mutter warten muss. So kommt Wit die Idee Ploy in dem von ihm und seiner Frau belegten Hotelzimmer schlafen zu lassen.

Kommentar: Es existieren viele Filme über die Liebe, aber wenige sind wirklich so magisch wie beispielsweise "Ploy". Dass es überhaupt eine Magie gibt, hat einen besonderen Grund. Natürlich kann hier mit der Benutzung der pop-ästhetischen Ambient Sounds argumentiert werden, die das räumlich beänstigende, die gesamte surreale Stimmung transportieren. Aber viel faszinierender ist der Ort der Handlung. Es ist das Hotel, welches als Dreh- und Angelpunkt zweier unterschiedlicher Beziehungen fungiert. Einmal ist es die konventionelle Ehebeziehung von Wit und Dang und in anderen Momenten das körperlich betonte, sexuelle Treiben zwischen dem Barkeeper und dem Zimmermädchen des Hotels. Regisseur Ratanaruang stellt durch den parallelen Ablauf der Geschehnisse vor allem die Ehe, die feste Bindung in Frage. Das Ende ist wenig überraschend, sondern eigentlich allzu offensichtlich, wenn Ehemann Wit nach einer halben Stunde Spielzeit der Meinung ist, die Liebe habe immer ein Verfallsdatum.

8/10

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Robot Monster

Robot Monster


USA, 1953
Genre: Sci-Fi (Trash)
Regisseur: Phil Tucker
Darsteller: George Nader, Claudia Barrett

Die außerirdischen Robot Monster haben fast alles Leben auf der Erde ausgelöscht. Nur sechs Personen haben überlebt. Um die muss sich nun Ro-Man kümmern, der die restlichen Menschen mit einer speziellen Strahlenkanone auslöschen soll. Doch die Menschen geben sich nicht so leicht geschlagen und schmieden Pläne, um den Angriffen Ro-Man's zu entkommen. So entwickelt sich ein harter, bahnbrechender Kampf zwischen Mensch und Maschine.

Kommentar: Autsch, ist das gut! Ein affenartiges Monster mit Taucherhelm macht Jagd auf eine Familie, die sich in einer großen Grube versteckt und sich mit einem kleinen elektrischen Draht schützt. Mancher wird sich zum Ende wohl auch an "King Kong und die weiße Frau" erinnert haben, dort weist eine Frau durch ihre Schönheit ebenfalls ein Monster in die Schranken - wenn auch vollkommen unabsichtlich. Aber Vergleichen muss sich "Robot Monster" nicht ausliefern. Es ist viel mehr als ein Monsterfilm. Es ist ein Trash-Original! Archiviertes Filmmaterial (krasse Saurierkämpfe, yo!!!), blöd glotzende Schauspieler, die kein vernünftiger Regisseur in Hollywood je genommen hätte und natürlich die unverschämt miesen Special-Effects kommen in diesem Machwerk köstlich zur Entfaltung. Da bleibt kein Auge trocken.

4/10

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Der Ruhm meines Vaters

Der Ruhm meines Vaters (La gloire de mon pere)


Frankreich, 1990
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Yves Robert
Darsteller: Philippe Caubere, Nathalie Roussel

Für die Sommerferien mieten sich Marcel's Vater Joseph und Onkel Jules ein Ferienhaus in einer ländlichen Gegend. Marcel ist ein aufgeweckter 11-jähriger Junge und entdeckt schon mit Beginn der Reiseankunft seine Liebe für die malerische Landschaft der Provinz. Als sein Vater und sein Onkel auf die Jagd gehen, schleicht er ihnen hinterher und versteckt sich auf Abhängen. Doch irgendwann merkt er, dass er sich verirrt hat. Nur durch einen Zufall kommt er aus seiner misslichen Lage heraus, und nicht nur das: er hält auch plötzlich den Ruhm seines Vaters in den Händen!

Kommentar: Simpler, aber dennoch starker Film über die zarten Berührungen eines Kindes mit der Erwachsenenwelt. Betörende Landschaftsaufnahmen verbildlichen die Anziehungskraft der Natur, die das spielerische Gemüt von dem 11-jährigen Marcel in den Bann reißt. Die Geschichte spielt sich Anfang des 20. Jahrhunderts ab und verdichtet sich mehr und mehr zu einer sympathischen Familienkomödie ohne Niedlichkeitseffekte, Stereotypisierung oder sonstigen haltlosen Eingriffen. Thematisch ist der Film sehr vielfältig gestaltet, bringt aber vor allem eine Sache auf den Punkt: Kinder können nicht ohne Erwachsene und die Erwachsene ebenso nicht ohne ihre Kinder. Da helfen auch die von beiden Lagern gezogenen scheinbaren Grenzen nicht.

6/10

Die Müßiggänger

Die Müßiggänger (I Vitelloni)


Italien, 1953
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Federico Fellini
Darsteller: Franco Interlenghi, Franco Fabrizi

Als der Frauenaufreißer Fausto erfährt, dass seine Freundin Sandra schwanger ist, will er nach Mailand abhauen und sich dort einen Job suchen. Doch sein Vater verbietet ihm das und so heiratet Fausto seine Freundin, die gleichzeitig auch die Schwester seines besten Freundes Moraldo ist. Die beiden gehören zu den sogenannten Vitellonis in ihrer Kleinstadt, den herumtreibenden arbeitslosen jungen Leuten.

Kommentar: "Die Müßiggänger" ist ein überragend tolles Porträt einer kleinbürgerlichen Gesellschaft. Es widmet sich der ewig-menschlichen Themen Hoffnung und Liebe und stellt eine lethargische Männergruppe in den Vordergrund, dessen Mitglieder gegen die Wertvorstellungen ihrer Eltern rebellieren. Fellini gelingt mit Bravour eine bedrückende Stimmung zu erzeugen, die durch satirische Einlagen immer wieder aufgebrochen wird. Überhaupt ist der ständige Wechsel zwischen Heiterkeit und Pessimismus, diese manchmal ungreifbare Atmosphäre, ein Charakterzug des Films. Emotionale Momente vermischen sich mit sachlicher Distanz; Poesie trifft auf Ironie - das ergibt alles zusammen ein amüsantes filmisches Dokument, welches gerade durch diese sonderbare, nicht selten witzige Darstellung autobiografische Züge erkennen lässt. Denn ein Außenstehender hätte das kleinstädtische Alltagsleben einer müßiggängerischen Generation meines Erachtens nach nie in dieser Form darstellen können.

8/10

Samstag, 17. September 2011

Unter Schnee

Unter Schnee


Deutschland, 2011
Genre: Dokumentation
Regisseur: Ulrike Ottinger
Darsteller: Takamasa Fujima, Kiyotsugu Fujima

Die jungen Männer Takeo und Mako reisen mit dem Zug ins provinzielle Echigo, wo sie das Neujahrsfest verbringen wollen. Sie wandern im Schnee und kommen durch eine Füchsin, der sie auf wundersame Art und Weise folgen, vom Weg ab und kommen zu einer Hütte, in der sie die Nacht verbringen wollen. Die Besitzerin klärt sie darüber auf, die Tür neben dem Essplatz nicht aufzumachen. Doch die Neugier der Männer siegt, als sich die Frau zu Bett legt. Wieder passiert ein Wunder: aus einem der Männer ist eine Frau geworden und beide finden sich als Kabuki-Darsteller in der Edo-Zeit wieder.

Kommentar: Die langsamen Kamerabilder beeindrucken ein ums andere Mal und bilden mit den traditionellen Musiktönen wie mit der angenehmen Erzählstimme von Eva Mattes das Grundgerüst des Films, welches weit über dokumentarische Grenzen hinausgeht und eine fremde Kultur zeigen möchte, die sich über Jahre hinweg zwar entwickelt, aber nicht enorm verändert hat. Es geht um das Schneeland in der Provinz Echigo, wo monatelang der Schnee liegt und die Dörfer von der Außenwelt abgrenzt. Regisseurin Ottinger begibt sich auf die Spuren dieser Welt und vermischt dokumentarischen Stil mit epischer Form zu einem gar nicht so konventionellen Konstrukt, aus der eine visuell ansprechende Reise ins Reich der Mythen und Rituale wird. Ihr gelingt eine wirklich famose Grenzwanderung zwischen zwei unterschiedlichen Stilen und unterstreicht ihr Interesse an der filmischen Auseinandersetzung mit der für viele westlichen Bürger so schwierig zu verstehenden und auch vielfältigen asiatischen Kultur.

6/10