Dienstag, 26. Juli 2011

Toto der Held

Toto der Held


Belgien/Deutschland/Frankreich, 1991
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Jaco Van Dormael
Darsteller: Michel Bouquet, Jo De Backer

Thomas war immer von einer Sache ganz besonders überzeugt: dass er als Kind vertauscht worden ist und deswegen bei den falschen Eltern aufwachsen musste. Alfred Kant, der Nachbarsjunge, hat seiner Meinung nach seinen Platz in einer wohlhabenden Familie geklaut und ihm so viele Chancen genommen. Jetzt ist Thomas im Altersheim und lässt nochmal die wichtigsten Abschnitte in seinem Leben im Kopf Revue passieren. Er denkt dabei an seinen ums Leben gekommenen Vater, seine verschwundene Schwester und an Toto. Toto ist eine Heldenfigur, von der Thomas in der Kindheit sehr fasziniert war und jetzt seinen Drang zu einer Rache an Alfred steigert.

Kommentar: Es tut der Bewertung gut, dass der Film nicht lang gestreckt, sondern die Charakterstudie in knapper Form zusammengefasst wurde. "Toto der Held" fällt vor allem wegen seiner zeitlichen Sprünge auf, wenn diese auch wenig Komplexität vorweisen, da es im Grunde nur drei Zeitebenen gibt, die auch noch klar voneinander abgegrenzt werden. So schaut man sich den Hauptcharakter Thomas als Kind, als Erwachsenen und als alten Mann an. Vor- und Rückblenden sind hier insofern konstruktive Mittel, als dass sie zahlreich vorkommen und bevorstehende Szenen nur kurz anschneiden. Das intensiviert die ganze Entwicklung der Geschichte extrem und verbrennt die gesamte Spannung nicht schon im Anfang oder im Mittelteil. Dazu wird am Ende eines doch ganz deutlich, nämlich dass Regisseur Van Dormael mit der verqueren Vorstellung der Menschen abrechnet, dass ein Leben in Wohlstand und Sicherheit keine Probleme schaffe und nur Chancen eröffne.

6/10

Montag, 25. Juli 2011

Die außergewöhnlichen Abenteuer des Saturnino Farandola

Die außergewöhnlichen Abenteuer des Saturnino Farandola



Italien/Frankreich, 1913
Genre: Abenteuer, Stummfilm
Regisseur: Marcel Perez
Darsteller: Marcel Perez, Nilde Baracchi

Nach einem Schiffsunglück wächst Saturnino bei einer Gruppe von Affen auf. Kurz vor seinem 18. Lebensjahr flieht er von der Gruppe, die über viele Jahre lang eine Familie für ihn war. Der Grund dafür ist die ständige Verspottung von Seiten der Primaten, die sich über seinen nicht vorhandenen Schwanz lustig machen. Er flieht von der Insel der Affen und wird vom Kapitän des Schiffes Bella Leocadia als Matrose eingestellt. Da der Kapitän jedoch einige Jahre später bei einer Auseinandersetzung stirbt, übernimmt der nun schon sehr erfahrene und fleißige Saturnino das Amt des Anführers.

Kommentar: Ursprünglich bestand der Film ja aus 18 Episoden. Da die nur noch vier Episoden in der einzig existierenden Fassung einen kleinen Teil des Originalprojekts ausmachen, kann man das chaotische Hin und Her verstehen. Es ist nur noch ein Fragment übrig, das zwar beachtliche Bilder liefert, ansonsten aber 77 Minuten in beachtlich hohem Tempo alle spannenden und weniger spannenden Erlebnisse des Helden Saturnino abarbeitet. Die nachträglich eingefärbten Bilder sehen jedoch wunderschön aus, die neu komponierte Musik ist kraftvoll und vitalisierend. Wenn man zur Filmgeschichte jedoch keinen Zugang sucht, so ist eine Sichtung vollkommen sinnlos.

2/10

Ein Sonntag auf dem Lande

Ein Sonntag auf dem Lande



Frankreich, 1984
Genre: Drama
Regisseur: Bertrand Tavernier
Darsteller: Louis Ducreux, Michel Aumont

Monsieur Ladmiral lebt mit seiner Hausangestellten Mercedes in einem großen Landhaus. Er ist Maler und lädt jeden Sonntag die Familie seines Sohnes Gonzague ein, den Tag bei ihm auf dem Land zu verbringen. So auch dieses Mal. Doch an diesem Wochenende tritt eine weitere Person in die bis dahin harmonische Runde. Es ist Irene, die unverheiratete Tochter von Monsieur Ladmiral, die mit einem teuren Automobil vorfährt und mit ihrem lebendigen Auftreten die Ruhe verschwinden lässt.

Kommentar: Gnadenlos gut fotografierter Film. Die Natürlichkeit gilt als die große Stärke von "Ein Sonntag auf dem Lande", der humanistische Ansatz mit dem dieser Film versucht das Leben eines alten Mannes zu hinterfragen, zeigt sich als das korrekte Mittel, allen Charakteren eine Basis zu bieten, um auf dieser das Familienensemble und ihre komplexen Beziehungen untereinander darzustellen. Was in den ersten Minuten noch schlicht und vielleicht sogar unkonzipiert wirkt, verflechtet sich zu einem schwermütigen Porträt, das ein Begreifen und Einfühlen erfordert. Geschichten aus der Vergangenheit oder auch Gedanken von Personen erfährt man häufig durch eine Off-Stimme, eine Sache, die dem Film einen dokumentarischen Charakter verleiht. So ruhig "Ein Sonntag auf dem Lande" über den Bildschirm läuft, so gewaltig ist auch die Wirkung, die er von sich gibt, ohne inhaltlich allzu viel preiszugeben. Der Zuschauer muss also hier den nicht ganz leichten Rezipientenjob lieben, um diesen Film zu lieben.

8/10

Sonntag, 24. Juli 2011

Alphaville

Alphaville


Frankreich/Italien, 1965
Genre: Sci-Fi, Drama, Thriller
Regisseur: Jean-Luc Godard
Darsteller: Eddie Constantine, Anna Karina

Der Geheimagent Lemmy Caution reist nach Alphaville und gibt sich dort als normaler Journalist aus. Er möchte in der Stadt mehr über den Vermissten Henry Dickinson erfahren und erkennt je länger er sich in Alphaville aufhält, wie unmenschlich und Technik-abhängig die Leute dort sind. Die Bürger sind gleichgeschaltet, wer sich den totalitären Machtstrukturen widersetzt wird erschossen. Lemmy Caution trifft auf die schöne Natascha von Braun, in die er sich verliebt und mit dessen Hilfe er dem allmächtigen Computer Alpha 60 den Kampf ansagt.

Kommentar: Mich als Fan von intelligenten, alternativen Sci-Fi Filmen riss "Alphaville" sofort in den Dunstkreis des Futuristischen. Die Stadt, die Fluren, die Menschen, all dies ist spürbar, weil wir nicht mehr weit entfernt davon scheinen, einer Diktatur der Technik zum Opfer zu fallen. Thematisch bringt der Streifen dem Zuschauer eine entmenschlichte Gesellschaft nah, deren Handlungen von Godard nicht selten zynisch kommentiert werden. Dazu gesellen sich noch Mittel wie die chaotische Abfolge von Kameraeinstellungen, plötzlich eintretende Musik oder leicht surrealistische Momente, die die Logik und Berechenbarkeit konsequent zerbrechen bzw. belächeln, die von den Bewohnern von Alphaville als das Nonplusultra des menschlichen Verlangens angepriesen werden.

7/10

Samstag, 23. Juli 2011

Das Mädchen, das die Seiten umblättert

Das Mädchen, das die Seiten umblättert


Frankreich, 2006
Genre: Drama, Thriller
Regisseur: Denis Dercourt
Darsteller: Deborah Francois, Catherine Frot

Melanie kommt aus einer Metzger-Familie, spielt leidenschaftlich Klavier und möchte unbedingt in eine Musikakademie aufgenommen werden. Die Mutter begleitet sie zur Aufnahmeprüfung, bei der Melanie mitten in ihrem Klavierspiel von der Juryvorsitzenden Ariane respektlos behandelt und dadurch aus dem Konzept gebracht wird. Sie erhält eine Absage und verlässt mit Tränen in den Augen das Vorspielzimmer. Jahre später beginnt Melanie ein Praktikum bei einer Anwaltskanzlei, dessen Chef der Mann der damaligen Juryvorsitzenden Ariane ist. Melanies Rachespiel beginnt.

Kommentar: Furchtbar einschläfernd und von der Story her ziemlich mager aufgetragen. Ein fester Bestandteil solcher Rachethriller wird immer das Motiv des Täters sein. Leider ist dieses in diesem Film nicht genau formuliert, was den Zugang zu den Charakteren leider erschwert. Das Dauergrinsen des Hauptcharakters Melanie muss dann auch noch interpretiert und die Subtilität ihrer Rachegedanken verstanden werden. Wenn das alles ist, was einen Film niveauvoll macht, dann prost. Nicht oft sind mir solch eigenschaftslose Charaktere im Film über den Weg gekommen; ich erinnere mich nur, das man genauso in 08/15 Hollywoodproduktionen, die gerne Psychothriller sein wollen, ebenfalls mit unerklärlich unheilvoll bringender, melancholischer Musik massiv beim Genuss gestört wird. "Das Mädchen, das die Seiten umblättert" will Kunst sein, scheitert für mich aber schon an elementar wichtigen Sachen.

2/10

Freitag, 15. Juli 2011

Familienbande, scharf gewürzt

Familienbande, scharf gewürzt


Frankreich, 2007
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Mahamat-Saleh Haroun
Darsteller: Christian Loustau, Phillippe-Herve Gomez

Plötzlich ist für Malik nichts mehr so wie früher: seine Frau Hortense verlässt ihn an ihrem 45. Geburtstag und lässt ihn mit den Söhnen allein. Doch Malik ist zu einer Neuorientierung gar nicht bereit, die Liebe für Hortense wiegt zu schwer, und Erfahrung in der Führung eines Haushaltes besitzt er nicht. Sein Festhängen an der alten Liebe kriegt auch seine Nachbarin mit, die alleinstehend ist und mit abwartender Haltung eine von ihm ausgehende Initiative zum Versuch einer Beziehung herbeisehnt. Sein ältester Sohn Dani lernt eines Nachts in einer Partybar die jünge Frau namens Amina kennen, die er, da sie einen Platz zum Schlafen sucht, zu seinem Vater bringt. Perfekt für Malik, da er doch dringend eine Haushaltshilfe braucht.

Kommentar: Dem afrikanischen Regisseur Mahamat-Saleh Haroun ist mit diesem Film eine aufmunternde Komödie gelungen, deren Zweck es ist, die afrikanische Gesellschaft in Frankreich zu zeigen - mit aller Tragik und Komik. Ihm geht es auch darum, die Kluft zwischen Moderne und Tradition aufzuzeigen, sie deutlich zu machen. Das Spannungsverhältnis zwischen dem integrierten, erfolgreichen Sohn und dem Vater mit dem reaktionären Weltbild bleibt bis zum Schluß ein großes Thema des Films. Im Weiteren besticht der Streifen durch klug durchdachte überraschende Momente, die immer irgendwie auch ein Augenzwinkern des Regisseurs beinhalten und selbstverständlich fokussiert sich die komödiantische Parade vor allem auf Malik's Weltbild. Da nörgelt Malik über seinen ältesten Sohn, weil er kocht und dies doch eigentlich die Arbeit der Frauen sei, während die Männer sich durch die Jagd zu profilieren hätten. Paar Minuten später lässt er sich nicht nehmen, allein im Wohnzimmer mit einem Speer zu tanzen. Herrlich!

5/10