Donnerstag, 27. Dezember 2012

Glen or Glenda

Glen or Glenda



USA, 1953
Genre: Drama
Regisseur: Ed Wood
Darsteller: Bela Lugosi, Dolores Fuller

Nach dem Selbstmord eines Transvestiten konsultiert Inspektor Warren den Arzt Dr. Alton, um sich von ihm über moderne Männer, die gerne Frauenkleidung anziehen, beraten zu lassen.  Er möchte vor allen Dingen erfahren, warum sich ein solcher Mensch umbringt. Die Konversation kommt schnell auf den Fall Glen/Glenda, in dem ein Mann sich nicht traut, seiner Geliebten zu beichten, dass er eine Leidenschaft dafür hat, sich als Frau zu verkleiden.

Art or Trash

Kommentar: Selbst das wohl nüchternste, ja idiotensicherste Element dieses Films, der Eingangstext, könnte nach dem Schauen des Films einige Fragen aufwerfen, da in diesem behauptet wird, der Film beinhalte einen "stark realism". Ed Woods aufklärerischer Streifen über Transvestiten ist aber natürlich eher das Gegenteil eines realistischen, sachlich-ruhigen Werks. Die Ambitionen bei einem der unterbewertetsten Filmemacher der Welt waren unverkennbar groß, was unter anderem auf seine Biografie zurückzuführen ist. Wood sah sich nämlich selbst gerne in Frauenkleidern und hatte mit diesem Film die Absicht, Toleranz und Akzeptanz einzufordern. Ob die Welt um eine kleine Zunahme toleranter Menschen reicher geworden ist, darf jedoch bezweifelt werden. Allerdings ist die Intention hinter GLEN OR GLENDA maximal zweitrangig, denn einen höheren Stellenwert besitzt die Umsetzung des Projekts.

 Informiert man sich über den Inhalt, dürfte die Erwartung oder die Hoffnung nach einer strikt hirnfeindlichen Form der Unterhaltung niedrig sein. Doch Ed Wood wäre nicht der großartige, von Experten verkannte Ed Wood, wenn er sich an die in den Köpfen festgeschriebenen, stillen Reglements zwischen Künstler und Zuschauer halten würde. Sei es das man ihm nicht folgen kann, weil er es nicht will, oder, ob man ihm nicht zu folgen vermag, da er das Handwerk der fiktionalen Erzählung nicht beherrscht, spielt im beinahe experimentellen Universum von Wood kaum eine Rolle. So abgedroschen es jetzt klingen mag, in GLEN OR GLENDA steckt ordentlich viel Herzblut.

Durch das beseelte Hüpfen zwischen Dokumentation, Drama und Essay bricht der Regisseur den Boden der Filmregeln komplett auseinander und was sich dort unter dem Boden zeigt, ist ein göttlicher Reichtum an köstlichen Whatthefuck-Momenten. Ein seltsam ernster Sprecher, der in pseudo-philosophischer Manier die Situation des modernen Mannes hinterfragt; das ständig wiederkehrende Nonsense-Gequatsche eines Wissenschaftlers und Erzählers, der genauso gut eine drollige Vorstellung von Gott sein könnte; die unbeholfene Art der Montage, bei der zusammenhanglose Bilder aneinandergekettet werden, das ist nur der Anfang. Diese Faktoren begreifen sich als die Ruhe vor dem Sturm. Erst in der zweiten Hälfte fährt GLEN OR GLENDA die ganz schweren Geschütze auf, dann nämlich, wenn Surrealismus die Oberhand gewinnt und wir uns die Frage stellen, ob wir gerade träumen oder das Gezeigte tatsächlich passiert, im Film.

Es gilt zwar als nicht kontrovers zu behaupten, dass Woods Filme vor unfreiwilligem Humor sprudeln, doch in GLEN OR GLENDA findet sich ein Hinweis, der die Annahme, Wood könne auch freiwillig unglaublich witzig sein, prinzipiell stützt. Die gänzlich absurdeste Sequenz ist jene, in der zwei Frauen vor einem schwarzen Hintergrund die Zeit mit abstrusen Fesselspielen verbringen. Das entlockt selbst dem auf einem Sessel sitzenden, isolierten Wissenschaftler, genial verkörpert durch den einzig wahren Bela Lugosi, einer keiner Worte bedürftigen Was-zum-Teufel-Reaktion. Die Zusammenschnitte von Szene (Frauen) und Reaktion (Wissenschaftler) sind wahrscheinlich die einzigen Passagen, welche von einer Beherrschung des normativen Bildvokabulars zeugen, zudem es auf einer höheren Ebene emblematisch für das Verhältnis zwischen GLEN OR GLENDA und dem Sichter steht. Lacht Wood selbst über sein Werk oder lacht er über den zuständigen Produzenten George  Weiss, der die Verantwortung für das Auftauchen der Bondage-Sequenzen trägt? Oder ist das alles nur ein Zufall?

Für die Einordnung in den Zwischenbereich von Kunst und Schund prädestiniert, entgeht GLEN OR GLENDA nicht der Interpretation, selbst ein Transvestit zu sein. Ein filmischer Transvestit, wenn man das so sagen darf, da er Trash ist, doch vom ganzen Herzen eigentlich ein seriöser Aufklärungs-Streifen sein möchte. In gewissem Sinne, zumindest sobald man sich von starren, Fantasie killenden Deutungsformeln löst, tritt er also nicht bloß für Transvestiten und Transsexuelle ein, sondern für jene Filmkunst, die als untauglich oder unmoralisch verschrien ist, weil sie sowohl mit den Gesetzen des Marktes wie/oder auch mit den Vorzügen des durchschnittlichen Kritikers schwer oder gar nicht kompatibel ist.


9/10

Abwege

Abwege



Deutschland, 1928
Genre: Drama (Stummfilm)
Regisseur: Georg Wilhelm Pabst
Darsteller: Brigitte Helm, Gustav Diessl

Irene Beck fühlt sich durch Auflagen ihres Ehemannes Thomas nicht nur in ihrer Freiheit eingeschränkt, sie fühlt auch starke Vernachlässigung ihres Partners. Eines Tages besucht sie heimlich den Zeichner Walter Frank, dem sie ihr schwieriges Eheproblem erklärt. Daraufhin einigen sie sich, dass sie gemeinsam nach Wien abhauen. Doch aus dem Plan wird nichts, weil Irenes Mann hinter das Geheimnis der beiden kommt und seine Frau am Bahnhof abfängt. Damit platzt Irene endgültig der Kragen. Am nächsten Tag stürzt sie sich, ohne es ihrem Mann mitzuteilen, in das Berliner Nachtleben.

Wenn es  im Eheleben kriselt

Kommentar: Eigenartig modern und sehr zurückhaltend kann man das nennen, um zu beschreiben, wie sich dieser Film präsentiert. Er lässt sich als packend bezeichnen, weil er präzise inszeniert ist. Denn formale Schau-mal-her-Basteleien gehören genauso wenig zum Konzept wie die Motivation, fadenscheinige Rührseligkeit aufkommen zu lassen. Obwohl ABWEGE melodramatische Züge beinhaltet, schlägt er es aus, banal gestaltete Entwicklungen zu zeigen. Stattdessen sind wir Zeuge eines sich immer weiter voneinander wegbewegenden Ehepärchens, welches kurz vor der Auflösung steht. Das Melodram betreibt in diesem Stummfilm überhaupt keine Eingenreshow, sondern ist ständig dabei, sich mit Tragödie und Komödie abzuwechseln. Regisseur Pabst betont die Symptome der Lebenskrise einer jungen Frau, die auf der Suche nach einem nicht von ihrem Ehemann vordiktierten Lebensstil den Mief des Stocksteifen durch den Mief des Oberflächlichen tauscht, mehrmals gekonnt, in dem er die Befindlichkeiten und Positionen von Frau und Mann kontrastiert. Brigitte Helms preisverdächtig feuriger Blick und die feste  Eisblock-Visage von Gustav Diessl lassen die Kluft erspüren, die das Paar voneinander trennt. Unterm Strich ist ABWEGE ein liebevoll und heiter aufbereitetes Melodram mit sexuell aufgeladenen Bildern, einfach strukturierter Geschichte und feinsinniger Komik.

7/10

Donnerstag, 20. Dezember 2012

The Wig

The Wig (Gabal) 
 


Südkorea, 2005
Genre: Horror, Thriller
Regisseur: Won Shin-yeon
Darsteller: Chae Min-seo, Sa Hyon-Jin

Ji-hyeon entscheidet sich dazu, ihre krebskranke Schwester Su-hyeon nach Hause zu nehmen, damit diese die ihr noch verbliebene Zeit nicht im Krankenhaus verbringen muss. Zusätzlich schenkt sie ihr eine Perücke, über die sich Su-hyeon riesig freut. Allerdings wissen die Schwestern nicht, dass auf der von ihr gekauften Perücke ein böser Fluch lastet.

Unterfordernder Geisterfilm von der Stange

Kommentar: Der Kniff, die Handlung mit zwei Hauptpersonen zu führen, anstatt mit einer, und die Konflikt auslösende Person sogar in den Hintergrund zu stellen, lässt sich schwer gering schätzen. Leider ist THE WIG jedoch nicht bereit, auf der Basis dieses Einfalls erzählerische Höhepunkte zu liefern. Das könnte daran liegen, dass es diese Basis gar nicht gibt und der Film einen schlauen Kniff nur vortäuscht, eigentlich aber nur das Produkt des Unvermögens der Drehbuchzuständigen ist. Denn einen Gewinn produzieren die wechselnden Verlegungen der Perspektive nicht, sie bremsen eher die Charaktere. Dem Film mangelt es an Einfühlungsangeboten wie an dem Willen, eine Geistergeschichte originell entstehen zu lassen. Stattdessen überkonstruiert Won Shin-yeon, der gleichzeitig auch Regisseur ist, den Spuk und das Unheimliche so weit, bis das Unbehagliche und das Unheimliche ihre Festigkeit verlieren, flüssig werden und in den Gulli laufen. Wie mindestens jeder zweite Geisterfilm unserer Zeit spart auch THE WIG nicht mit billigen Schockeffekten, die in Form von kurz einsetzenden Klängen und Geräuschen den Zuschauer unter Strom stellen, und ihn damit gebietend spüren lassen wollen, wer die Hosen anhat. Solche Schock-Einheiten, so reizvoll sie in einigen Augenblick auch sein mögen, haben zwar den primären Zweck, eine Gleichfühl-Atmosphäre zwischen Figur und Filmbeobachter zu erschaffen, sind aber nicht selten so aufdringlich und unnatürlich, als ginge es den Machern allein darum, den Konsumenten in einem Wachzustand zu halten.

2/10

Bal - Honig

Bal - Honig (Bal)



Türkei/Deutschland, 2010
Genre: Drama
Regisseur: Semih Kaplanoğlu
Darsteller: Bora Altaş, Erdal Beşikçioğlu

Der sechsjährige Yusuf wohnt mit seinem Vater Yakup und seiner Mutter Zehra in den Bergen der anatolischen Provinz. Eine Kommunikation mit Worten findet jedoch nur mit seinem Vater statt, dem Bienenzüchter. Eines Tages muss Yakup in die Ferne aufbrechen und in entlegenen Gegenden nach Honig suchen, da die Bienen das alte Gebiet aus irgendeinem Grund verlassen haben. Mit seiner Mutter alleine gelassen, hofft Yusuf auf eine baldige Rückkehr seines Vaters.

Der Alleingelassene

Kommentar: In zwei Teile lässt sich Kaplanoğlus Berlinale-Gewinner zerschneiden, um die Figur des sechsjährigen Kindes und ihren Bruch besser fassen zu können. Auf der einen Seite stehen die Vorgänge vor dem Verschwinden des Vaters, in welchen wir eine freundschaftliche Beziehung zwischen dem verschlossenen Jungen Yusuf und seinem Papa sehen. Während Yusuf zu seiner Mutter und seinen Klassenkameraden aus der Schule keinen Kontakt sucht, erfreut er sich immer wieder aufs Neue, Honig mit seinem Vater einzusammeln, mit ihm im Wald zu sein und Fragen über verschiedene in der Gegend wachsenden Blumen zu beantworten oder selber welche zu stellen. Yusuf präsentiert sich an jeder Stätte als Kind der Ruhe, nicht selten als Pol der Bewegungslosigkeit, was ihn zu einer scheinbar inaktiven Person werden lässt. Im zweiten Teil nimmt seine lethargische Art beträchtlich zu, die andere Seite des Films zeichnet insbesondere das Bild einer schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung. Seinen Missmut über das Wegbleiben seines Vaters und die ihm unangenehme Zweisamkeit mit seiner Mutter drückt Yusuf jedoch nicht in Worten aus - er spricht überhaupt nicht mit ihr -, sondern versetzt in einer Szene den gemeinsamen Raum mittels des Lichtschalters abwechselnd in einen Hell- und einen Dunkelzustand, womit er auf der Ebene seines Wohlbefindens ein Alarmsignal andeutet. Verblüffend bleibt dabei, dass die Inszenierung von einem Bruch nichts wissen will, deshalb weder ihre Elegie verstärkt noch das Tempo verändert, um der Handlung einen düsteren Anstrich zu verpassen. Unsere Wahrnehmung von Yusuf bleibt von den Veränderungen also unberührt, weshalb einzig und allein der situative Kontext den Zuschauer neu denken und den Bruch verarbeiten lässt.

7/10

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Lover's Concerto

Lover's Concerto (Yeonae Soseol)



Südkorea, 2002
Genre: Drama
Regisseur: Lee Han
Darsteller: Cha Tae-hyun, Lee Eun-joo

Der junge, im Restaurant arbeitende Ji-hwan begegnet den beiden Freundinnen Soo-in und Kyung-hee. Er verliebt sich auf den ersten Blick in das erstgenannte Mädchen und rennt den beiden, nachdem sie sein Restaurant verlassen, hinterher, um sie anzusprechen. In einer schüchtern-verklemmten Art gesteht er Soo-in seine Liebe, die sich davon zwar unbeeindruckt zeigt, das Freundschaftsangebot von Ji-hwan jedoch nicht abschlagen kann. Fortan gestalten Soo-in, Kyung-hee und Ji-hwan ihre freizeitlichen Unternehmungen gemeinsam.

Gefühlsmusik, die schon gefühlte hundertmal fühlen ließ

Kommentar: Filmen, die mit besinnlichen Klavierspielereien anfangen und enden, kann man gar nicht genug skeptisch gegenübertreten, noch dazu, wenn es sich um an der Grenze zu Kitsch befindenden Arbeiten handelt, deren Natur man völlig gerechtfertigt kritisiert und angreift. YEONAE SOSEOL unterlässt weder die sich oft ökonomisch auszahlenden Anbiederungsversuche noch blickt es aus der Position eines Werks des Genre Melodrams über irgendeinen Tellerrand. Erzählerisch läuft alles mehr auf Sparflamme, man nimmt sich die Zeit die Dreiecksstory zu etablieren und zu entwickeln, macht einige Zeitsprünge, klärt Hintergründe, drängt die Protagonisten in Konfliktsituationen und bereitet die inhaltlich dünnen Szenen mit affektbetonten musikalischen Klängen auf. Dass der so fabrizierte poetische Unrealismus kein Unruhestifter ist, darf als die größte Leistung des Regisseurs und Drehbuchautors Lee Han bezeichnet werden. Die Ursache dafür versteckt sich in den drei für die Handlung relevanten Figuren, welche seltsam echt erscheinen, unter anderem deshalb, da sie keine große Auffälligkeiten besitzen und damit nicht in die Gefahr kommen, stereotypische Erscheinungen oder klar abgegrenzte Rollenkonzepte zu bedienen. Gegen das aufgeblasene Gefühlskonzert im Finale habe selbst ich nichts einzuwenden, gegen einige bumpy moments im Skript allerdings schon.

4/10

Fear City

Fear City



USA, 1984
Genre: Thriller
Regisseur: Abel Ferrara
Darsteller: Tom Berenger, Billy Dee Williams

Matt Rossi führt mit seinem Freund Nicky Parzono eine Vermittlungsagentur für Nachtklub-Tänzerinnen. Das Geschäft läuft gut. Bis ein offensichtlich psychopathischer Killer seine Tänzerinnen angreift und tötet. Die Nachtklubs machen Druck, weil ihnen die Stripperinnen ausgehen, woraufhin Matt Rossi und seine Jungs eine Jagd auf den unberechenbaren Mörder starten.

Neonlicht und Nutten

Kommentar: Als ein untypischer Beitrag des Genres kann das Werk von Ferrara nicht aufgrund seiner dramaturgischen Linie angesehen werden, die sich an den definitiven Formeln der üblichen Thriller-Werke abarbeitet, sondern wegen seiner unentspannten Inszenierung sowie einem extrem düsteren Stimmungsbild. Das New York Ferraras ist ein dreckiger Ort, in welchem die Stripklubs den Menschen Entspannung bieten, sofern sie männlichen Geschlechts sind. In dem frauenfeindlichen Umfeld geht es nur um Moneten, weshalb das Trauern der Männer um ermordete Frauen, die im Film Opfer eines wahnsinnigen Serienmörders werden, auf seltsame Weise unehrlich wirkt. Die Bilder im Film sind zum Teil atemberaubend und bringen das Nacht-Flair einer Stadt, die für ihre Gegensätze bekannt ist, mehr als gut auf den Punkt; bisweilen meint man hier sogar einen als handelsüblichen Thriller maskierten Kunstfilm zu sehen. Im späteren Verlauf stellt man fest, dass der Serienkiller Ähnlichkeiten mit Travis Bickle aus TAXI DRIVER aufweist. So wie bei Scorsese hegt auch hier ein Mann den Gedanken, das New York nach seinen Wünschen umgestalten zu wollen, womit natürlich die Beseitigung des subjektiv wahrgenommenen Abschaums gemeint ist.

6/10

Mittwoch, 5. Dezember 2012

White Dog

White Dog



USA. 1982
Genre: Thriller
Regisseur: Samuel Fuller
Darsteller: Kristin McNichol, Burl Ives

Während einer Autofahrt fährt Schauspielerin Julie Sawyer eines Nachts einen streunenden Hund an. Nach einem Besuch beim Tierarzt pflegt sie den Hund und bemüht sich mit Hilfe von Steckzetteln, den Besitzer zu finden. Als sie am Set mit einer farbigen Kollegin dreht, greift der Hund die Kollegin an und verletzt diese schwer. Bei dem Tierspezialisten Carruthers erfährt Julie, dass der Hund ein so genannter "weißer Hund" ist: Er wurde von seinem Besitzer von klein auf dazu erzogen, farbige Menschen anzufallen.

Anti-Rassismus in billiger Form, trotzdem gut

Kommentar: Wenn man sich damit abfinden kann, einen Film im Billigvideo-Look vorgesetzt zu bekommen, der seine Low-Budget-Natur keinesfalls mit einer sensationellen Handlung auszugleichen versucht, stiftet WHITE DOG wahrscheinlich weit weniger Ärger bei der Sichtung an. Wieder mal ist das Verhältnis von Erwartung und tatsächlicher Realisierung von zentraler Bedeutung, um sich nicht den Spaß und die Freude zu verderben. Samuel Fullers drittletztes Großprojekt strotzt ja nicht nur vor inhaltlichen Knappheiten, er beherbergt gleichzeitig auch fragwürdige bis urkomische stilistische Zusätze. Zu einer Summe addiert, ergeben sie aber durchaus einen Topf voll vitaler Zutaten. Ob es die unruhigen Close-ups oder die Zeitlupen in spektakulären Szenen sind, viele Auffälligkeiten wirken in jedem Fall so, als ob sie ohne eine bestimmte Absicht geschehen. Das erweckt deshalb einen besonderen Charme, weil man sich bewusst wird, welches eigentlich ernste Thema der Streifen behandelt, nämlich Rassismus. Unter der Verkleidung eines Tierhorror-Thrillers präsentiert WHITE DOG neben einer pessimistischen Erzählung über die Schwierigkeit, rassistische Bilder auszutreiben, auch ein Statement in Richtung Pädagogik, das sich mit einem kleinen Umbau des Hänschen/Hans-Spruchs in etwa so wiedergeben lässt: Was Hänschen erlernt, verlernt Hans nimmermehr.

7/10

Valley of the Bees

Valley of the Bees (Údolí včel)



Tschechoslowakei, 1967
Genre: Drama
Regisseur: Frantisek Vlácil
Darsteller: Petr Cepek, Jan Kacer

Von seinem Vater wird der kleine Junge Ondrej in einen christlichen Ritterorden geschickt. Dort verbringt er viele Jahre, bevor er sich als Erwachsener entscheidet, zu fliehen und nach Hause zurückzukehren. Doch auf der Flucht stoppt ihn Ordensbruder Armin, der seiner Spur gefolgt ist und ihn zurück in das Kloster bringen möchte. Ondrej ist aber unbeirrbar, schlägt des Freundes Kopf blutig und setzt seine Reise fort. Zu Hause angekommen, muss er erfahren, dass sein Vater seit einigen Tagen nicht mehr unter den Lebenden ist.

Der Jäger und der Gejagte

Kommentar: Im 13. Jahrhundert angesiedelte Geschichte um zwei konträre Positionen, die zu dieser Zeit kaum gegensätzlicher hätten sein können. Die nicht originelle, aber oft inhaltliches Reichtum aufzeigende Freidenkertum vs. Fanatismus-Thematik findet in VALLEY OF THE BEES ihre Hauptdarsteller in Ondrej und Armin, zwei Ordensbrüdern, deren Beziehung sich schlagartig ändert, als Ondrej über Nacht unerlaubt den strengen Orden verlässt und sich auf den Weg nach Hause macht. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, darüber zu entscheiden, ob der fromm gebliebene Armin Ondrejs Spur uneigennützig folgt, weil er ihn tatsächlich in die Gemeinschaft zurückholen will oder, ob seine Jagd psychischen und sexuellen Motiven unterliegt. Andererseits deuten mehrere Passagen deutlich auf eine homoerotische Veranlagung hin, auf die schon relativ früh im Film durch eine Sequenz angespielt wird. Ungeachtet dieser bewusst verspielten Unklarheit setzt sich Regisseur Vlácil mit bedrückender Klarheit mit beiden Positionen kritisch auseinander, weswegen die Charaktere ständig in sich gebrochen wirken. Der begrenztere Horizont wird jedoch dem religiösen Fanatiker zuteil. Dogmatisch wie er ist, gibt es für ihn weder ein Überdenken der Situation noch ein Über-sich-selbst-Nachdenken. Da verwundert es nicht, dass sich selbst ein Priester vor seinen Gedanken über Bestrafung von Ungläubigen fürchtet. Da das Wie mindestens so wichtig wie das Was ist, und der international anerkannte Regisseur der tschechischen Filmschule dies auch wusste, darf man einige Silben über den stilistischen Teil von VALLEY OF THE BEES in einer schriftlichen Gedankenmacherei nicht vergessen. Oder doch? Völlig unnötig zu schreiben, welche tollen Schwarz-Weiß-Töne das Filmbild überfluten, denn sonst agiere man unfreiwillig als Meister der Herabspielung. Meine Worte wären schlicht und einfach nicht in der Lage, die Kraft der Optik und die Poesie der Musik in VALLEY OF THE BEES einigermaßen verlustfrei wiederzugeben.

9/10

Dienstag, 27. November 2012

Hadewijch

Hadewijch




Frankreich, 2009
Genre: Drama
Regisseur: Bruno Dumont
Darsteller: Julie Sokolowski, Yassine Salime

Weil Novizin Céline ihren Gottglauben fanatisch auslebt und sich weigert zu essen, sorgt sich die Klostervorsteherin um ihre Gesundheit und schmeißt die junge Frau aus der Gemeinde. Doch Célines Hingabe zu Gott ist nicht gewöhnlich, denn in ihrem Leben konzentriert sie sich nur auf das Ziel, sich mit ihm zu vereinigen. In Paris lernt sie den etwa gleichaltrigen Yassine kennen, über den sie zufällig in Kontakt mit dem radikalen Islamisten Nassir kommt. Céline und Nassir haben trotz verschiedener religiöser Identitäten gleiche Auffassungen von dem Glauben an Gott. Wenn man Gott liebt, so ihre Einstellung, dann sollte man es auch mit allen Konsequenzen tun.

Kommentar: Es ist leicht, einen Film wie diesen in Stücke zu reißen, denn schnell zusammenskizziert lässt sich HADEWIJCH wie folgt zusammenfassen: "Ein trüber, melancholischer Blick der Kamera richtet sich auf eine junge Frau, die sich von keinem anderen als Jesus Christus poppen lassen möchte." Als Abgang zückt man noch schnell die Ironie-Karte: "Etwas Spannenderes kann es nicht geben." Aber so ein Unsinn wäre irgendwie auch eine grobe Selbstvergewaltigung, eine Verspottung der eigenen Gehirnzellen.

Dumont behandelt in einer sehr eigenwilligen Mischung aus allegorischen Bildern, Dialogarmut, Leerstellen in der Handlung sowie einem großen Vertrauen in sein Publikum, Themen wie Fanatismus und Liebe. Im Mittelpunkt der Handlung befindet sich die junge Frau Céline. Sie liebt Jesus Christus über alles, doch ihre Liebe findet ihrer Meinung nach keinen Weg zu Gott. Aufgrund dieser sehr starken, aber unerwiderten Zuneigung leidet Céline schließlich so sehr, dass sie mit einem radikal-religiösen Islamisten kooperiert und sich bereit erklärt, an einem Selbstmordattentat teilzunehmen. HADEWIJCH ist weniger versperrt, weil er mit kühl-distanzierten Aufnahmen arbeitet. Der Zugang wird eher durch unglaublich fremde Charaktere dichtgemacht. Es ist schon schwierig genug, sich in eine religiöse Fanatikerin hineinzufühlen, doch erhöht das Ausbleiben eines Motivs den Schwierigkeitsgrad enorm. Trotzdem bleibt das Zuschauen stets eine Wanderung zwischen den Polen Fühlen und Denken. Ausschlaggebend dafür ist die expressive Kraft der statischen Bilder. Die Aufnahmen konfrontieren uns mit unglaublich bedeutungsvollen, gleichzeitig ausdrucksstarken Kompositionen, die die Fähigkeit besitzen, die Figuren, ihre Emotionen und auch ihre Situationen anschaulich darzulegen. Wenngleich die Ich-liebe-Gott-über-alles-Rhetorik im Mittelteil leicht an die Substanz der Nerven gehen kann, lässt das Zuschauerinteresse an der jungen Frau und ihrer spirituellen Sinnsuche nie nach.

6/10

Idioten

Idioten (Idioterne)
 


Dänemark, 1998
Genre: Drama
Regisseur: Lars von Trier
Darsteller: Bodil Joergensen, Jens Albinus

Eine Gruppe von Menschen veranstaltet ein Experiment: Gemeinsam zieht man in ein Haus und gibt sich in der Öffentlichkeit als eine Gemeinschaft von Behinderten aus. Das Ziel ist es, sowohl bürgerliche Werte zu überdenken als auch den "inneren Idioten" zu finden. Doch ihre anarchistische Idee zeigt sich bald als zwar spaßiges, aber auch sinnloses Projekt, da niemand tatsächlich bereit ist, seine bürgerliche Existenz im Arbeits- und Familienumfeld gegen ein Idioten-Dasein einzutauschen.

Die Sinnlosigkeit einer Anklage

Kommentar: Entzückender Versuch, die bürgerlichen Werte zu hinterfragen, doch sie letzten Endes als unzerstörerisches Übel hinzunehmen. In Triers eigenwilliger Versuchsanordnung spielen gesunde junge Menschen der unwissenden Öffentlichkeit geistige Behinderung vor, womit sie einerseits die Doppelmoral ihrer Mitmenschen entlarven, andererseits eine Abkehr von Verhaltensnormen vorführen. Da ihnen jedoch auch daran gelegen ist, den tief im Geist schlummernden "inneren Idioten" aufzuspüren und aufzuwecken, läuft das Projekt nicht nur als Sache der Gemeinschaft gegen eine spießige Gesellschaft. Gleichzeitig bedeutet das Experiment, dass man einen Selbstfindungstrip unternimmt, für welchen es natürlich keine Garantie gibt, ob man den Zielort überhaupt erreichen könne. Die Distanz aufhebende Handkamera fängt dabei alles ein, was die Gruppe veranstaltet. Mal spasten die Frauen und Männer im Schwimmbad rum, mal in einer Fabrik, die sie als Fake-Behindertenverein besichtigen und in einer Sequenz stellt sich einer von ihnen in der Toilette so herrlich blöd an, dass seinem Pipimann eine fremde Hand aushelfen muss. Albernen Blödsinn kultivierend, entdeckt die Gruppe auch noch das Rudelbumsen, was zu unverklemmt offenen Szenen führt und die dokumentarische Dimension des Films verstärkt. Lars von Triers Film ist zwar in seinen besten Phasen, etwa am Ende, sehr emotional, verzichtet jedoch auf inszenatorische Verunstaltungen. Kein Wunder, hängt Trier doch an der Kette seiner eigens mit Thomas Vinterberg kreierten Dogma-Regeln.

5/10

Samstag, 24. November 2012

Das unsichtbare Mädchen

Das unsichtbare Mädchen



Deutschland, 2012
Genre: Kriminalfilm, Drama
Regisseur: Dominik Graf
Darsteller: Elmar Wepper, Ulrich Noethen

Polizist Tanner stößt auf einer Autofahrt zufällig über eine Leiche, die am Straßenrand liegt. Schnell führt in diese Spur auf den zehn Jahre alten Fall Sina, in dem ein geistig behinderter Mann für das spurlose Verschwinden eines Mädchens verantwortlich gemacht wurde. Als Tanner sich mit dem pensionierten, damals für den Fall zuständigen Kommissar Altendorf berät, erzählt ihm dieser, dass er von der polizeilichen Arbeit im Fall Sina abgesetzt worden sei, damit die Ermittlungen mit einem anderen Kommissar schneller und vor allem ergebnisreicher vorankämen. Eindeutige Beweise gegen den geistig behinderten Gefangenen
gäbe es laut Altendorf nicht.

Der gute Krimi

Kommentar: Begrüßenswerte TV-Unterhaltung, die man sich öfters für die heimische Mattscheibe wünscht, anstelle der sonst biederen Handwerksarbeit zu prominenter Uhrzeit. Innerhalb eines Krimiplots installierte Graf mehrere eigene Geschichten, die sich dadurch auszeichnen, dass sie von seltsamen Polizisten handeln, die sich prügeln, miteinander bumsen oder sogar Augen für kleine, minderjährige Mädchen haben. Keine Superhelden-Darstellung lastet auf der polizeilichen Arbeit, sondern der Ton des Peinlichen, über den man mal genüsslich lachen oder mal den Kopf schütteln kann. In jedem Fall profitiert davon die Charakterzeichnung enorm. Der Film bleibt bis zum Finale dreckig und läuft mit seinen Absurditäten fast schon Gefahr, zu sehr nach Wirklichkeit auszusehen. Dass es wohl mehr als eine Auftragsarbeit für Herrn Graf war, zeigt sich in der tollen Inszenierung, die vom autoritären Einheitsbrei aus Bedachtheit und Massenkompatibilität Abstand hält. Zoom-Aufnahmen, schnelle Schnitte, abenteuerliche Kameraschwenks, alles mit einer Gemeinheit und List, mit Schwung und Dynamik, dass man davon kaum genug bekommt. Am Ziel der Reise angekommen, bittet der Film schließlich zum Tanz, wie er es auch schon in der Mitte getan hat. Eindrucksvoll, ausdrucksvoll, wertvoll.

6/10

Drei

Drei



Deutschland, 2010
Genre: Drama
Regisseur: Tom Tykwer
Darsteller: Sophie Rois, Sebastian Schipper

Seit über zwanzig Jahren sind Simon und Hanna schon zusammen, doch ihre gemeinsame Beziehung bröckelt. Unabhängig voneinander verlieben sie sich auch noch in ein und denselben Mann, den Stammzellenforscher Adam, welcher nicht weiß, dass die beiden ein Paar sind. Als es zu einer vollständigen Klärung der Beziehungsspiele unter den Beteiligten kommt, erfährt die bisher kinderlose Hanna, dass sie schwanger ist.

Alle guten Dinge sind drei

Kommentar: Vom Spektakulären befreit, entpuppt sich der zweistündige Liebesfilm als gesellschaftliches Idealporträt der modernen Zeit, die für Offenheit und Entscheidungsfreiheit stehen will. Die Protagonisten sind in ihrem Verhalten deshalb übermäßig energisch und weniger käuflich durch die Gesellschaft und ihren moralischen Erwartungen. Tykwers Figuren in DREI gleichen tatsächlich selbstbewussten Individuen, die auch in unkomischen Augenblicken Stärke und Festigkeit zeigen dürfen. Moral, Liebe, Tod. Es käme einem Blödsinn gleich, wenn man diese verarbeiteten Themen als gleich relevant bezeichnen würde, trotzdem gerät in der Über- und Unterordnung keines dieser Themenfelder in Verdacht, nur des universellen Charakters wegen in die Handlung implementiert worden zu sein. Obwohl der Film ohne Zweifel sehr viel behandelt, macht er das stets konkret und stellt ein Thema immer in einen Bezug zum anderen. Sackt das Drehbuch Lob ein, muss das Visuelle jedoch kleine Kritik einstecken. Denn auch wenn der starke Drang nach Gestaltung auffällt und vielleicht sogar gefällt, taten sich die Macher damit nur bedingt einen Gefallen. Die seltsam-aufregenden Überlegungen über eine unkonventionelle Form der Liebesbeziehung werden so mit kühler, aber markanter Ästhetisierung unnötig aufgedonnert. Das seine Stimmung variierende Drama, von Heiterkeit über Konfusion bis zur Traurigkeit bietet der Film ein reichhaltiges Angebot, scheitert insgesamt natürlich nicht an diesen visuellen Ärgernissen. Was bleibt, ist nur ein fader Beigeschmack. Und das summa summarum: Vielleicht hätte man aus der Idee noch mehr rausholen können.

6/10

Dienstag, 20. November 2012

The Silent Scream

The Silent Scream



USA, 1979
Genre: Horror, Thriller
Regisseur: Denny Harris
Darsteller: Rebecca Balding, Cameron Mitchell

Nach längerer Suche findet Studentin Scotty endlich eine Wohnmöglichkeit. Sie zieht in das Anwesen von Mrs. Engels und ihrem verklemmt wirkenden Sohn Mason ein. Neben ihr wohnen auch drei weitere junge Leute in den gemieteten Zimmern, wozu unter anderem Jack zählt, in den sie sich mit dem ersten Blick verguckt. Anfangs noch ein idealer Ort, da in der unmittelbaren Nähe des Hauses ein Strand existiert, entpuppt sich das Anwesen nach kurzer Zeit als der Aufenthaltsort einer Wahnsinnigen.

Familienprobleme, die Leichen produzieren

Kommentar: Denny Harris gehört zu jenen Regisseuren, die nur einen abendfüllenden Spielfilm in ihrem Werdegang vorzuweisen haben, obwohl ihr Debüt qualitätstechnisch eine Vorlage für weitere Werke geboten hätte. Bei Harris ist das insofern verwunderlich, als dass sein psychologischer Schlitzerfilm auch in Sachen Monetengewinn mehr als erfolgreich war. Zugegeben, THE SILENT SCREAM unterscheidet sich prinzipiell kaum von x-beliebigen Slashern der Seventies und Eighties. Jemand schnappt sich ein Küchenmesser, geht damit auf Jagd und produziert Menschenleichen, bis jemand die Mordsserie endlich stoppt - eine Rezeptur, die viele Guttenbergs unter den Filmemachern finden konnte. Was Harris' Arbeit vom Durchschnitt unterscheidet, ist einerseits der Aufbau einer Unheimlichkeit durch die Bildsprache. Andererseits ist es der Bezug auf die richtigen Größen des Spannungskinos. Als Orientierung und Inspiration bediente man sich nämlich sowohl bei den Filmen von Hitchcock wie auch bei den von Argento. Eine längere Fahrt im Hausinneren, wo die Kamera geheime Winkel erkundet, wäre in einem Film des Giallo-Regisseurs genauso vorstellbar wie der verstörend-dramatisierende Messerattacke-Klang in einer PSYCHO-Fortsetzung vom Suspense-Meister himself. Keine Frage, des Werbefilm-Regisseurs einziger Beitrag zum Kino ist eine kleine B-Movie-Perle. In dieser nimmt der Schrecken manchmal nur in Form eines Gesichtsausdrucks Gestalt an, womit ich auf Barbara Steele und ihre grandiose Schauspielleistung verweise.

6/10

Unter dir die Stadt

Unter dir die Stadt



Deutschland, 2010
Genre: Drama
Regisseur: Christoph Hochhäusler
Darsteller: Nicolette Krebitz, Robert Hunger-Bühler

Die mit ihrem Mann kürzlich nach Frankfurt gezogene Svenja Steve fängt eine Affäre mit Roland Cordes an, dem Vorstandsvorsitzenden einer Bank. Roland ist zwar Banker des Jahres und ein wichtiger Mann im Finanzwesen, doch das reicht ihm nicht. Deshalb schickt er Svenjas Gatten, der bei seiner Firma angestellt ist, nach Indonesien. Diesem wird die Chance, in einer ausländischen Filiale zu arbeiten, als Bewährungsprobe und damit als möglicher Karrieresprung verkauft. Denn genau in diesem Indonesien wurde sein Vorgänger entführt und später zu Tode gefoltert. Cordes verfolgt damit vor allem das Ziel, Svenjas Mann loszuwerden, um sie ganz für sich allein zu haben.

The world looks so good from up here

Kommentar: Mit der Frau eines Mitarbeiters zu schlafen, ist die eine Sache, den Mitarbeiter jedoch ebenfalls in ein mögliches Verderben zu schicken, damit die Frau einem allein gehört, eine ganz andere. Die im Film vorgestellte Figur einer Bank hat nichts mehr zu gewinnen, zumindest nichts, was sich noch lohnen dürfte. Trotzdem spielt er. Mit Svenja, der erwähnten Frau, ihrem Gatten, seiner Zukunft und zu einem kleinen Teil sicherlich mit dem Zustand der globalen Wirtschaft. In Hochhäuslers Filmsprache bleibt sein Arbeitsumfeld stets steril, gleicht eher einer Anti-Karnevalsveranstaltung. In diesem Männer-Biotop der Banker und Finanzmanager verliert man sich hinter geschlossenen Türen in bedeutungsschweren Gesichtsausdrücken und hochpeinlichen Anglizismen, was aber keinen von den Beteiligten auch nur einen Moment lang zu stören scheint. Man darf vermuten, dass dies absichtlich karikierend gemeint ist. Weil für die Herren der Schöpfung weibliches Personal oder die Frauen im Allgemeinen immer nur als angenehmes Beiwerk erscheinen, verstärkt sich der Eindruck des Komischen zusätzlich. Christoph Hochhäusler lag es sicherlich fern, platt gegen die Spieler der Hochfinanz zu wettern, weshalb UNTER DIR DIE STADT gerade in der zweiten Hälfte viele Handlungslücken aufweist, wenn es um die Entscheidungen der Banker geht. Als Psychogramm zweier Menschen zu verstehen, die entschließen, sich fallen zu lassen, geht es dem Film sowieso eher um die Romanze, die als das Spiel des Mannes mit seiner Macht erörtert wird. Er zerstört sich und sie. Aber vor allem die Vergangenheit und die Zukunft, die für ihn nicht mehr existieren. Die Substanz des Augenblicks nimmt nicht nur eine omnipräsente Stellung ein, sie ist auch das Einzige, was noch zählt.

7/10

Samstag, 17. November 2012

Sonnenaufgang - Lied von zwei Menschen

Sonnenaufgang - Lied von zwei Menschen (Sunrise – A song of two humans)



USA, 1927
Genre: Drama (Stummfilm)
Regisseur: Friedrich Wilhelm Murnau
Darsteller: George O'Brien, Janet Gaynor

Ein verheirateter Mann vom Land beginnt eine Affäre mit einer Frau aus der Stadt. Sie bittet ihn, mit in die Stadt zu ziehen. Dafür soll er sein Grundstück verkaufen und seine Frau im örtlichen See ertränken. Nach anfänglichem Zögern erklärt sich der Mann bereit, seine Ehepartnerin in ein Boot zu locken. Am frühen Morgen machen beide einen Bootsausflug, doch ein Mord geschieht nicht. An einem Ufer angekommen, steigt die Frau, zu dieser Zeit bereits über die bösen Absichten ihres Ehepartners informiert, in eine Straßenbahn, die in die Stadt fährt. Der Mann kann sie einholen und bittet sie während der Fahrt um Verzeihung.

Leidenschaft - die edelste aller Tugenden eines Filmemachers

Kommentar: Sobald ein Film es versteht, eine Stimmung zu erzeugen, die mehr als Künstlichkeit in sich birgt, überbringt er aus dem Fiktionalen etwas Tatsächliches. Statt den Dämonen der Verfälschung zu huldigen, baut er eine Basis für pure Emotionalität auf. Murnaus erster amerikanischer Beitrag gehört zu dieser Sorte Film, weil er unter anderem universelle Motive und die von Schablonen abgezeichneten Schuld-und-Vergebung-Episoden weder als Banalität begreift noch als Anlehnung an einen Realismus verpackt. SONNENAUFGANG tickt nicht zuletzt wegen des unverhofften Happy Ends wie ein Märchen, oder noch besser: ein Traum. Von unbändiger Dynamik beherrscht, ruft die durch wenige Zwischentitel unterbrochene Handlung einen faszinierenden Strom aus stimmungsreichen Bildern hervor. Murnaus Skills bei der Bildsprache geben nicht nur eine pointierte Beschreibung von Haltungen und Gefühlen der Figuren wieder. Sie setzen nicht weniger vortrefflich auch die Umgebungen in Szene, sei es die zur Versöhnung dienende Großstadt oder die zur Bedrohung werdenden Natur auf dem Land. Das Erzählen ist in SUNRISE - A SONG OF TWO HUMANS nie ein Motor, welches bloß dafür zuständig ist, konfliktfördernde und -neutralisierende Handlungspunkte anzufahren. Das Erzählen ist in diesem Film überdimensionale Leidenschaft, welche, durch ihr unzögerliches Auftreten, Leidenschaft im Kino für notwendig erklärt. Sie ist in der Lage die Verfälschung der emotionalen Ebene zu verhindern, denn nur wenn der Filmemacher sich einen wahrhaftigen Zugang zu seinen fiktionalen Figuren bohren kann, können wir das auch.

7/10

Prison On Fire

Prison On Fire (Gaam yuk fung wan)



Hongkong, 1987
Genre: Drama, Thriller
Regisseur: Ringo Lam
Darsteller: Chow Yun-Fat, Tony Leung Ka-Fai

Wenige Zeit nach seiner Einlieferung bekommt Yiu im Gefängnis Riesenprobleme, weil er sich unfreiwillig mit Mickey und seinen Burschen anlegt. Die gehören zu den Personen, mit denen man lieber keinen Stress hat. Der erfahrene Ching, der seine Schwester wegen Prostitution umbrachte, hilft Yiu, sich gegen Mickey zu behaupten. Mickey wird schließlich nach einer härteren Auseinandersetzung verlegt, es folgt ein Jahr des scheinbaren Friedens. Doch nach 12 Monaten kehrt Unruhestifter Mickey wieder zurück..

Die Aufmuckenden

Kommentar: Der sich weniger um logische Zusammenhänge als vielmehr um seinen Unterhaltungswert kümmernde Film beginnt ganz gemächlich, fast typisch für einen Streifen, der über unterschiedliche Kräfte im Gefängnis handelt. In diesen Augenblicken, der konzentrierten Einführung der Parteien, nimmt man erst einmal nur die Ruhe vor dem Sturm wahr. Doch in PRISON ON FIRE offenbart sich dann doch jener strategische Gedanke, der vorsieht, dass Spannungen sich unverzüglich, und wenn wenig Vertrauen in die intellektuelle Fähigkeit des Zuschauers besteht, so unmissverständlich wie möglich entladen müssen. Wenn auch Ringo Lams Werk voll mit diesen drehbuchtechnischen Schmeicheleinheiten ist, drängt sich beim Schauen nur selten der Gedanke auf, dass man seine Zeit verschwendet oder auf die Schippe genommen wird. Tatsächlich ist die Geschichte über zwei Männer, die im Gefängnis dicke Freunde werden, allen dogmatischen Gut-Böse-Markierungen zum Trotz ein kleines Spannungsfilm-Highlight, welches vorbehaltlos bekannte Register zieht, um die Emotionen ansteigen zu lassen. Der sich am Schluss fast als großes Melodram ausgebende Film hat vor allem das Riesenglück, zwei so wunderbar spielende Typen wie Chow Yun-Fat und Tony Leung zu präsentieren. Sie spielen eine heterogene Zwei-Mann-Armee, der es mit großem Einsatz und unter hohem Risiko gelingt, sich von den festen Machtstrukturen, die in ihrem Gefängnis bestehen, zu emanzipieren. Dass Emanzipation im Zusammenhang mit dem Genre Gewalt als Mittel erfordert, dürfte wahrscheinlich niemanden überraschen.

6/10

Sonntag, 11. November 2012

The Big Red One

The Big Red One



USA, 1980
Genre: Krieg, Action
Regisseur: Samuel Fuller
Darsteller: Lee Marvin, Mark Hamill

Die Geschichte um einen Sergeant und eine kleine Soldatentruppe spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die fünfköpfige Gruppe, ergänzt durch weitere Soldaten, ist ein Teil der 1. US-Infanteriedivision und kann sich rühmen, alle ihre Einsätze, von der Landung an nordafrikanischer Küste (1942) bis zur Befreiungsaktion eines Konzentrationslagers in der Tschechoslowakei (1945), unbeschadet überstanden zu haben.

Kriegssatire über Soldaten, nicht über den Krieg

Kommentar: Nordafrika, Sizilien, die Normandie, Belgien und die Tschechoslowakei. So heißen die Stationen, die eine kleine Gruppe der 1. Infanteriedivision - auch bekannt als: The Big Red One - unter Führung eines erfahrenen Sergeant zwecks ihrer militärischen Aufträge besucht. Die mehrere Jahre andauernden Kriegsepisoden erfahren in einer satten Spielzeit von 155 Minuten eine sehr angemessene Länge, welche den absurden Actionszenarien an den jeweils verschiedenen Standorten zusätzlich eine gewisse Episodenhaftigkeit verleiht, die dazu führt, dass der Film überaus kurzweilig vorkommt. Segmente der Handlung und einige Aspekte der Figuren lassen sich auf Samuel Fullers Biografie zurückführen. Er hat beispielsweise bei der Big Red One gekämpft und wie seine Helden im Film, war er ebenfalls an der Befreiung eines Konzentrationslagers beteiligt. Trotz autobiografischer Anspielungen und der Ernsthaftigkeit der Thematik Zweiter Weltkrieg nahm sich Fuller nicht vor, die Einsätze hyperrealistisch darzustellen oder dem Geschehen tiefe psychologische Momente abzugewinnen. Beides wird von ihm zwar nicht immer abgelehnt, der Schwerpunkt liegt jedoch woanders. Er zeichnet die Geschichte der Kriegssoldaten als eine abscheuungswürdige Groteske, bei der der Hauptgewinn nur Überleben heißen kann. Nicht das Sterben für ein obskures Etwas wie das Vaterland und auch nicht das Erschießen einer großen Zahl an Feinden müssen die taktischen und moralischen Ziele sein, sondern das Nicht-Sterben in einer irreparablen Perversion.

7/10

Phenomena

Phenomena



Italien, 1985
Genre: Drama
Regisseur: Dario Argento
Darsteller: Jennifer Connelly, Daria Nicolodi

In einem schweizerischen Mädcheninternat angekommen, wird der jungen Jennifer Corvino ein Zimmer mit der aus Frankreich stammenden Sophie zugeteilt, die ihr vor dem Schlafengehen die Geschichte von einer aktuellen Mordserie an jungen Mädchen in der nahen Umgebung erzählt. Gleich in ihrer ersten Nacht im Internet schlafwandelt Jennifer und findet sich irgendwann an einem Waldrand wieder, wo sie einer Schimpansin begegnet, die sie zu einem Insektenforscher führt. Dort erklärt Jennifer dem Wissenschaftler ihre Liebe für Insekten und zeigt, dass sie mit den kleinen Lebewesen kommunizieren kann.

Heavy Metal und Gewalt

Kommentar: Dieses völlig und ganz in Argentos Œuvre passende Werk wirbt zwar nicht damit, die stärkste Leistung des Regisseurs zu sein, bringt jedoch einige nicht uninteressante Vermischungen und Darbietungen mit sich. Zum einen ist es sehr aufregend mitzubekommen, dass Argento musikalisch variiert, den für seine damaligen Filme typischen eindringlichen Elektrosound öfters durch scheppernde Rockmusik austauscht, und zum anderen ist PHENOMENA deshalb von Bedeutsamkeit, weil der italienische Regisseur sich hier auf keine festen Schemata einigt und so innerhalb der Regeln und  Mustern des Giallo nach neuen Entfaltungsmöglichkeiten sucht. Diesen aufgeführten Punkten zum Trotz lässt sich der Film, der in der goldenen Schaffenszeit seines Schöpfers entstand, dank des ärgerlich dämlichen Drehbuchs selten ernst nehmen. Eine normale Serienmordstory hätte in PHENOMENA erzählt werden können, doch den Machern gefiel es, Elemente aus dem Mysterybereich in der Handlung hervorzuheben, was sich leider nicht als Beweis für die Flexibilität des Giallo vernehmen lässt, sondern das Sub-Subgenre eher zu einem falschen Experimentier- und Versuchsfeld erklärt. Höhepunkte bleiben wieder einmal - wie sollte es auch anders sein - die brutalen Exzesse, wobei darauf hingewiesen werden muss, dass die extraordinären Momente Seltenheiten sind.

3/10

Freitag, 9. November 2012

Ilsa - Die Tigerin

Ilsa - Die Tigerin (Ilsa, the Tigress of Siberia)



Kanada, 1977
Genre: Action, Thriller (Trash)
Regisseur: Jean LaFleur
Darsteller: Dyanne Thorne, Michel Morin

Die berühmt-berüchtigte SS-Schergin Ilsa hat in Russland das Kommando über einen Gulag, welches politische Gefangene festhält. Mithilfe der Mitarbeiter versucht Ilsa Informationen aus den Männern zu bekommen. Wenn ihre psychischen und physischen Methoden keine Wirkung zeigen, neigt die gemeine Frau dazu, die Gefangenen in einen Tigerkäfig zu werfen, um dem hungrigen Tier eine saftige Mahlzeit zu spenden.

Schrei of the Tiger

Kommentar: Der dritte Teil der umstrittenen Ilsa-Reihe rebelliert wieder einmal mit Sadismus und expliziten Tötungsszenen gegen den guten Geschmack der herrschenden Filmindustrie. Auch wenn man nicht zu schreiben braucht, dass die Gewalt einzig selbstzweckhaft ist, muss unbedingt etwas zu der Kreativität gesagt werden. Man bemühte sich nämlich trotz des knappen Budgets um einigermaßen einprägsame Schreckens- und Todesmomente, weshalb es nicht ganz verwerflich ist, wenn der Plot nur ein Albi dafür liefert, sinnlose Gewalt auszustellen. Als Unterbrechung der visuellen Härte erweisen sich die in solchen B-Movies obligatorischen Sexsequenzen, die in diesem Fall Ilsa, gespielt von Dyanne Thorne, als geile Nymphomanin zeigen, für welche das Schwanz tragende Geschöpf vor allem der persönlichen Lustbefriedigung gilt. Für viele Menschen mag das einem radikalisierten Feminismus nahekommen und eine in der Kinowelt eher sonderbare Frauenrolle darstellen - die schlüpfrigen Sequenzen führen vor allen Dingen narrative Schwachpunkte vor. ILSA - DIE TIGERIN ist als simple Sexploitation ohnehin gegen jede Form von Logik allergisch, doch entsetzt er zusätzlich mit einem Bruch des Schauplatzes, der die handelnden Figuren aufhören lässt, sich in einer stimmungsvollen Schneelandschaftsszenerie zu bewegen, und stattdessen ihre Konflikte in ein großstädtisches Gebiet transportiert. Etwas geht bei dieser Zäsur verloren. Der Tiger. Die Animalploitation.

4/10

Mittwoch, 7. November 2012

Die 18 Kämpfer aus Bronze

Die 18 Kämpfer aus Bronze (Shao Lin si shi ba tong ren) 
 


Hongkong/Taiwan, 1976
Genre: Action
Regisseur: Joseph Kuo
Darsteller: Carter Wong, Tien Peng

Damit der kleine Shao Lung später klug und stark wird, schickt seine Großmutter das Waisenkind in ein Shaolinkloster. Dort erlernt Shao Lung nach vielen Jahren harten Trainings endlich die 18 verschiedenen Kung Fu-Stufen und meistert mit seinem Lieblingskumpanen Tang Shun den gefährlichen und schwierigen Shaolin-Tunnel, woraufhin beide das Kloster verlassen dürfen. Als Shao Lung seine Großmutter besuchen will, erfährt er von einem Mann, dass sie schon gestorben ist. Des Weiteren klärt ihn der Fremde über den wahren Hintergrund des Vaters auf. Der war nämlich ein Rebellengeneral und wurde vom grausamen Fürsten Hu Yun Ching umgebracht. Fortan sinnt Shao Lung nach Rache.

Inhaltsleere Kung Fu-Action

Kommentar: Durch seine Unverkrampftheit betont dieser Shaolin-Actioner seine vorzüglichste Seite, nämlich, sich nicht in die Gefahr zu begeben, etwas Relevantes erzählen zu müssen. Die Handlung ist auswechselbarster, offenkundigster Quatsch, der sich im Kontext des Subgenres als Vergeltungsstory subsumieren lässt, ohne dass man ihm unfair gegenübertrete, weil man stark vereinfache. Der Sinn für Vereinfachung verbirgt sich in der Handlung selbst, die keinerlei Psychologisierung, geschweige den Anzeichen von Komplexität aufweist. Dass dieser Umstand gerade den Reiz ausmacht, ist keine Überraschung. DIE 18 KÄMPFER AUS BRONZE strahlt gerade wegen seiner Faulheit mit Mustern zu brechen, eine enorme Vitalität aus. Er macht Spaß, weil er naiv ist. Die Szenen im Shaolin-Tunnel, in dem die Kämpfer sich gegen 18 bronzene Kämpfer versuchen müssen, pressen den Begriff "Kult" irgendwie aus einem heraus, wofür Stimmung und Aufbau des Tunnels sorgen, die bisweilen an ein Computerspiel beziehungsweise eine TV-Sendung denken lassen. Wer den Parkour meistert, der darf sich übrigens als Belohnung noch ein Drachensymbol auf den Arm einbrennen lassen. Wie cool ist das denn!?

5/10

Die Stunde, wenn Dracula kommt

Die Stunde, wenn Dracula kommt (La maschera del demonio)



Italien, 1960
Genre: Horror
Regisseur: Mario Bava
Darsteller: Barbara Steele, John Richardson

Moldawien im Jahre 1630: Ein Inquisitionsgericht klagt Asa und ihren Liebhaber Javutich der Hexerei an. Das Gericht verurteilt das Paar zum Tod und lässt sie vorher brandmarken. Asa verflucht ihren Bruder, der Mitglied des Gerichts ist, wie auch seine Nachkommen, bevor ihr und ihrem Geliebten eine Dornenmaske auf das Gesicht geschlagen wird. Zwei Jahrzehnte später kehren die beiden von den Toten zurück.

Trockener Gothic-Horror

Kommentar: Mario Bavas erster Regiestreich darf als Inspirationsquelle sicherlich nicht unterschätzt werden, tauchen in DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT doch zahlreiche Motive auf, die in Vampir-Filmen immer wieder aufs Neueste ausprobiert wurden. Doch weil das Debüt nicht eine Spur Subtilität besitzt, eine überdeutliche Darstellung favorisiert und ziemlich altbacken wirkt, darf sich die Aufführung lediglich für einen klitzekleinen Platz im Filmmuseum bewerben. Mehr springt bei der Story um eine Hexenverbrennung und der anschließenden Rache zweier Vampirgestalten nicht heraus, auch wenn der hervorstechende Schwarz-Weiß-Look für eine perfekte Akzentuierung der Gothic-Schauplätze sorgt und ein unheimliches Ambiente produziert. Bavas bildgestalterische Kompetenzen sind hier zwar noch nicht ganz ausgereift, vermitteln dafür aber sehr deutlich, welches Talent das italienische Genrefilm-Ass besaß. Alte Gemäuer, Särge in der Gruft, von dichtem Nebel umschlossenen Pfade - mit seiner Kultur des Formalen ist er in der Lage all diesen Sachen durch seine Aufnahmen ein Leben zu schenken, ob zeitgleich oder szenentechnisch voneinander isoliert. Mit dem Erzählen von Geschichten und den darin vorkommenden Figuren hat es der Mann jedoch schwer.

3/10

Samstag, 3. November 2012

Der Mann mit der Kamera

Der Mann mit der Kamera (Tschelowek s kinoapparatom)




Sowjetunion, 1929
Genre: Dokumentation (Experimental, Stummfilm)
Regisseur: Dziga Vertov
Darsteller: -
  
Ein Mann begleitet die Menschen einer russischen Großstadt mit seiner Kamera. Manchmal begibt er sich dabei auch in gefährliche Situationen, klettert etwa auf einen hohen Turm oder sucht sich Platz zwischen zwei fahrenden Straßenbahnen. Im Schneideraum werden die Aufnahmen später zu einem beeindruckenden Film zusammengebastelt.

 Der chaotische Dokumentarfilm

Kommentar: Bevor es auf dem Bildschirm richtig losgeht, erscheint eine nicht unwichtige Einleitung, die uns darüber in Kenntnis setzt, dass wir keine Zwischentitel, Schauspieler und Handlung erwarten dürfen. Gleich danach offenbart eine weitere Textpassage die Motivation der Macher. Sie sind an der Herausarbeitung einer internationalen, eigenständigen Sprache des Films interessiert. Okay. Plötzlich steht ein winziger Mann mit einer winzigen Kamera auf einer Riesenkamera. Ein gelungener Anfang ...

Dziga Vertov, der traditionelles Erzählkino verachtete, schuf mit DER MANN MIT DER KAMERA einen der formalästhetisch berauschendsten Filme, einen, bei dem man irgendwann vergisst, dass es sich um einen Dokumentarfilm handelt. Seine Vorliebe für den assoziativen Bilderstrom und sein Geschmack für kreative Metaphern, die sich zwischen den Bildern verstecken, machen ihn zu einem geistreichen Choreografen, für den die Entwicklung des Mediums sicherlich mit gesellschaftspolitischen Interessen in Verbindung stand, doch wahrscheinlich auch Herzensangelegenheit eines mutigen Künstlers war. TSCHELOWEK S KINOAPPARATOM verquickt diese beiden Positionen, die sozialistische und künstlerische, und verliebt sich in beide, ist Arbeit über die Ideale des Kommunismus wie Reflexion auf das Medium und seine Entstehung. Der revolutionäre Experimentalfilm führt vor, wie ein Werk mit einer Riesenanzahl an Schnitten, nicht an der Ideologie der Technikdemonstration scheitert, sondern gerade aufgrund des aufmerksamen Zustands des Betrachters, der in den exquisit montierten Bildern nach Sinn und Zusammenhängen fahndet, sich seiner Wirkung sicher sein kann. Mit seinem rhythmischen Bilderkarussell suchte Filmemacher Vertov die Wahrheit in den Aufnahmen - fraglich ist nur, ob die "Prawda" in diesem manipulativen Spektakel überhaupt existieren kann. Er führt die Instabilität seiner Maxime sogar selbst vor, wenn er in den letzten Minuten mehrere Aufnahmen von Menschenmassen übereinanderlegt, mit denen er signalisiert, dass Wahrheiten und Realitäten schier grenzenlos sind. Weil er sich nach einem
internationalen Kino der Wahrheitsfindung sehnt, appelliert Dziga Vertov damit ebenfalls an Filmemacher aus aller Welt. Eine Revolution löste er meines bescheidenen Wissens nach nicht aus, inspirierte aber eine Unmenge von Leuten, für die die Beherrschung der Filmkunst mehr bedeutete, als nur der gewiefte Umgang mit dem festen architektonischen Aufbau eines klassischen Spielfilms.

8/10

Mr. Smith geht nach Washington

Mr. Smith geht nach Washington (Mr. Smith Goes to Washington)



USA, 1939
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Frank Capra
Darsteller: James Stewart, Jean Arthur

Der bei Eltern und Kindern beliebte Leiter eines Pfadfindercamps, Jeff Smith, wird über Nacht zu einem Senator. Doch der blauäugige Smith ahnt nichts von bösen Kräften in seiner nahen Umgebung, glaubt lieber an Ideale und an ein gerechtes Amerika. Als er gewissen Machenschaften von Politikern auf die Spur kommt, tut sich ein Abgrund vor ihm auf. Allerdings ist er nicht bereit, seine Ideale aufzugeben - stattdessen verteidigt er sie, und steht daraufhin in einen Kampf gegen Windmühlen.

Ein hundertprozentig amerikanischer Film

Kommentar: So naiv Frank Capra und Drehbuchverfasser Sidney Buchman den Fight eines amerikanischen Don Quijote gegen ein korrumpiertes System auch darstellen, so bestimmt sind die beiden in der Position, ihren grünschnabeligen Antihelden nicht an eine Plötzlichkeit zu verraten, an der schon viele Filme grandios gescheitert sind. Trotz des entscheidenden Knicks in seiner Senatorenkarriere, in dem er über das wirkliche Verhältnis von Idealen und Realität in der Politik unterrichtet wird, verwandelt sich der übertrieben patriotische Jeff Smith nicht in eine berechnende Kampfmaschine, die von einer Szene zur nächsten wie verwandelt mit Weisheit und Mut glänzt. Die Entsagung einer formelhaften Charakterentwicklung führt zu einer angenehmen down-to-earth-Stimmung, in der Jeff Smith tatsächlich als Jeff Smith aufgehen kann und sich deshalb nicht in eine Unglaubwürdigkeit katapultieren braucht. Der junge James Stewart, auf ganzer Linie überzeugend, spielt die Hauptrolle so ausführlich, so beseelt und ehrlich, als wäre sie ein Kindheitstraum von ihm gewesen. Die führende weibliche Kraft an seiner Seite, Jean Arthur, sorgt für erheiternde wie traurige Szenen; bezaubert nicht nur mit ihrem Äußeren, sondern auch mit zynischem Humor. Vielleicht entspringt es der Veranlagung der amerikanischen Filme über Idealismus, dass sie Pathos und schwarz-weiß-malerischen Ulk mit einbringen sowie generell dazu neigen, gerne mal dick aufzutragen. MR. SMITH GEHT NACH WASHINGTON hätte sich davon nicht direkt lösen müssen, aber sein Gesamtbild fiele überzeugender aus, wenn dem Zuschauer die eine oder andere klamaukige beziehungsweise pathetische Inszenierung erspart bliebe.

5/10

Donnerstag, 1. November 2012

Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens

Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens



Deutschland, 1922
Genre: Abenteuer (Stummfilm)
Regisseur: Friedrich Wilhelm Murnau
Darsteller: Max Schreck, Gustav von Wangenheim

Thomas Hutter ist Häusermakler Wisborg und wird eines Tages von seinem Vorgesetzten damit beauftragt, nach Transsylvanien zu fahren, um dem reichen Grafen Orlok das Haus gegenüber seiner Wohnung anzubieten. In Transsylvanien angekommen, macht er Rast in einem Gasthaus, wo ihn die Einheimischen vor dem Grafen warnen. Doch Hutter hört nicht auf die Menschen, reist weiter und erreicht schließlich das Schloss des Grafen am späten Abend. Nach einem Mahl bietet man ihn, noch etwas zu verweilen. Am nächsten Morgen bemerkt Hutter zwei Bissmale auf seinem Hals, doch ahnt er noch nicht, in welcher Gefahr er sich befindet.

Eins, zwei, Nosferatu kommt vorbei


Kommentar: Für seine Entstehung in der Frühzeit der Filmgeschichte muss sich der deutsche Klassiker nicht schämen, gilt er doch als ein sehr gutes Beispiel dafür, dass der unaufhaltsame Alterungsprozess es nicht mit jedem Film böse meint. Augrund der vergangenen Dekaden, in denen Unmengen von Brutalo-Schockern und Grusel-Orgien entstanden, ist NOSFERATU als Horrorfilm selbstverständlich längst impotent geworden. Doch der nicht mehr Furcht erregende Bösewicht des Films lässt sich in der Retrospektive dafür besser als der verarbeiten, als der er ursprünglich wahrscheinlich auch konzipiert wurde: ein böses Wrack, gierig nach Macht, sehnsüchtig nach Liebe, tyrannisch bis in die Fingerspitzen. Eine Metapher für eine Diktatur, die nur aufgehalten werden kann, wenn sich die Angst vor dem Tyrannen in Mut gegen den Tyrannen verwandelt; wenn man sich bewusst wird, dass man für die Freiheit Opfer bringen muss. Die in naturalistischen Bildern verarbeitete Vampirgeschichte ist heute ohne echte Spannung und bezieht ihre Energie vor allen Dingen aus der visuellen Gestaltung, die fast jede Szene in einen aus dem Gedächtnis nicht mehr auslöschbaren Moment verwandelt. Letzten Endes ist Murnaus einflussreiche Arbeit aus den Gefilden des Horrorfilms entschwunden, kann schwerlich mit anderen Genrebeiträgen konkurrieren. Der Interpretationsraum gewinnt dadurch gleichzeitig an Klarheit und Weite - denn Grauen und Schrecken vernebeln nicht mehr die Sicht auf politische und gesellschaftliche Motive. Deshalb ist es nicht unwichtig, sich von üblichen Rezeptionsnormen, die unter anderem dadurch entstehen, dass NOSFERATU immer noch mehrheitlich in die Horrorecke gestellt wird, zu lösen. Der Klassiker überträgt seine Signale an das Bedürfnis nach Auseinandersetzung mit der (Film-)historie, nicht mehr an die Lust nach Angst.

7/10

Die Lehrerin

Die Lehrerin



Deutschland, 2011
Genre: Drama
Regisseur: Tim Trageser
Darsteller: Anna Loos, Meret Becker

Nach 13 Jahren hat Andrea die Nase voll vom Lehrerberuf und möchte am ersten Tag des Schuljahres ihre geplante Kündigung einreichen. Vor dem Unterrichtsbeginn tauscht sie mit ihrer besten Lehrerkollegin Katja die Klassen. Kurz nach Beginn der Stunde passiert das Unfassbare: In dem Klassenzimmer, in welchem Katja unterrichtet, zückt ein Schüler die Waffe und trifft die noch unerfahrene Lehrerin, die daraufhin im Koma liegt und geringe Chancen darauf besitzt, dass sie überlebt. Mit dem Unterrichten von Katjas Klasse verarbeitet Andrea ihre eigene Trauer und wird zu einer Kontaktperson für die Sorgen der Schüler.

Wieder einmal die übliche TV-Stangenware

Kommentar: Obwohl der Idee auf dem Papier nicht viel entgegenzusetzen gibt, verliert sich DIE LEHRERIN in lieblosen Plotmustern, unangenehmen Plattitüden und einer scheußlichen Konfliktabarbeitung, bei der insbesondere die Lehrer-Schüler-Dialoge hochpeinlich und unglaubwürdig ausfallen. Wie schlecht es um die Qualität des Drehbuchs steht, lässt sich schon daran festmachen, dass Protagonistin Andrea gefühlte zehn Mal sagen darf, dass sie Biologie unterrichtet, bisweilen in einem Ton, bei dem man sich fragt, ob sie das Unterrichten im Fach Biologie von der Bedeutung her nicht mit einer Nobelpreisauszeichnung gleichsetzt. Der Film von Tim Trageser mag kurzweilig sein und seine hippe Ernsthaftigkeit betonen, mit der es zum kleinen Teil gelingt, enervierenden Klischees auch mal von Naivität befreite psychologische Untertöne entgegenzustellen, doch bleiben die dezenten Stärken nur Tropfen auf dem heißen Stein, die das ambitionierte Projekt nicht vor seinem mauen Fernsehfilm-Niveau retten.

2/10

Montag, 29. Oktober 2012

Enter The Void

ENTER THE VOID
Frankreich, 2009
Genre: Drama
Dauer: 161 Minuten

Regisseur: Gaspar Noé
Drehbuch: Gaspar Noé
Darsteller: Nathaniel Brown, Paz de la Huerta, Cyril Roy, Emily Alyn Lind, Jesse Kuhn, Masato Tanno, Ed Spear, Olly Alexander

Ein inhaltlich zurückhaltender Mindfuck, der einen psychedelischen Trip in das unsichtbare Zusammensein von Leben und Tod gewährt. Trotz einer kaum noch kleiner zu machenden Bierdeckel-Story, welche den Film ein wenig nach TRANSFORMERS für Cineasten riechen lässt, bleibt Noés Werk in seiner Einzigartigkeit und einer zuweilen humorlosen Kompromisslosigkeit eine tolle Filmarbeit über die sich öffnenden Grenzen von Lebenden und Toten, von Realität und Traum sowie von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. ENTER THE VOID ist ein Film auf Drogen, eine verstörende Bilderflut. So gnadenlos rhythmisiert hat man Aufnahmen aus der Vogel- oder Egoperspektive und Hinterkopf-Shots sicherlich noch nicht gesehen. Wenn Oscars Geist über die mit bunten Lichtern überfluteten Straßen schwebt, sich zu seinem nächsten Aufenthaltsort macht, kann man seine Bewegungen zwar mit guten Gründen eines gewissen mechanischen Ablaufs beschuldigen, denn er geht tatsächlich von einer erzählerisch wertvollen Situation zur nächsten, was seinen Qualen an Ausdruck klaut, doch beruht der Film auf nichts weiter als Überlegungen über ein mögliches Weiterleben, weshalb Gaspar Noé die Wege des Geistes so erzählt und visualisiert, wie es ihm lieb ist. Es ist ohne Frage eine bisweilen anstrengende Veranstaltung, die sich zum Anlass nimmt, das Bewusstsein zu erweitern, trotzdem bietet sie das starke Gefühl, etwas Besonderes gesehen zu haben. Nur ein vorübergehender Zustand, ausgelöst durch einen halluzinatorischen Bilderstrom?

Der im Mittelpunkt stehende Oscar lebt zusammen mit seiner Schwester Linda in einem Tokioter Appartment. Bevor er bei dem Polizeibesuch in der Bar "The Void" aufgrund eines unglücklichen Missverständnisses umgebracht wird, streitet er sich mit seiner Schwester, die ihn als Drogenabhängigen bezeichnet. Als sie das Haus verlässt, nimmt er etwas von seinen geliebten Substanzen und erlebt einen artifiziellen Trip voller wilder Farben und Formen, den man selbstverständlich aus der alle Vermittlungshindernisse negierenden Egoperspektive Oscars zeigt. An dieser Stufe der visuellen Brutalität zeigt man sich im Rest des Films nicht mehr interessiert, verlegt sich danach, nachdem Oscars Geist sich von seinem Körper trennt, auf eine zahmere Variante der Bilder. Die Wildheit der ersten halben Stunde wird durch repetitive Rückblenden und entschleunigte Vogelperspektiven ersetzt. Oscars aus dem Körper geworfene Seele irrt in der Welt der Lebenden umher, auf der Suche nach einer Möglichkeit der Reinkarnation.

Durch die strenge subjektive Perspektive ist man so nah am Geist von Oscar, dass einem die Identifikation regelrecht aufoktroyiert wird. Ja, man hat nicht selten sogar das Gefühl Oscar selbst zu sein. Ein solch starkes Identifikationsgefühl innerhalb der albtraumhaften Flugreisen kann entweder in jeder Sekunde bereichernd sein oder in den Wahnsinn treiben, weil die Qual der Sinnlosigkeit und die Witzlosigkeit der Situation, sich komplett auf den Zuschauer übertragen. Wenn man sich nur gerade so durchschleppt und abmüht, weil die 160 Minuten eine Tortur der Langeweile und Monotonie darstellen, ist das  im Prinzip nicht der Fehler des Films, sondern möglicherweise die Intention der Macher. Kritiker müssen sich deshalb die Frage stellen, ob das Werk mit einer Laufzeitverkürzung nicht eher viele Kilos seiner Wirkung verlieren würde.

ENTER THE VOID ist jenseits dessen, was man gemeinhin als wohltuende Unterhaltung bezeichnet. Er fordert das Eintauchen - und fördert es gleichzeitig aufgrund der benutzten Stilmittel. Der sich jedweder naiv-schubladenhafter Zuordnung entziehende Film vermag zwar vor allem wegen seiner begeisternden ästhetischen Komponente für Applaus zu sorgen, nimmt er sich doch mit seinem vordergründigen Inhalt um das Versprechen des Bruders an seine Schwester keine besonders komplexe Thematik vor, doch in den Zwischenschichten, in dem Ungesagten und Ungezeigten, kann sich der Kopf-Cineast durchaus mit eigenen Ideen und Theorien austoben. In die bisherige Noe'sche Spielfilmsammlung, zu der auch MENSCHENFEIND und IRREVERSIBEL gehören, reiht sich ENTER THE VOID aufgrund seiner Kompromisslosigkeit auf der Bildebene perfekt ein, und darf als Entwicklung des Regisseurs betrachtet werden, der nach siebenjähriger Spielfilmpause dazu übergeht, die Menschen nicht mehr mit grafischen Schocks zu empören, sondern mit einem ungewöhnlichen Konzept, welches seiner Dauer wegen für viele schlichtweg zu lang sein dürfte.

Freitag, 26. Oktober 2012

Autopiloten

Autopiloten



Deutschland, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Bastian Günther
Darsteller: Charly Hübner, Wolfram Koch

Vier Männer, die sich nicht kennen, aber viele Gemeinsamkeiten aufweisen: Dieter, der Lokalreporter; Jörg, der Badewannenliftvertreter; Georg, der Fußballtrainer; und Heinz, der Schlagersänger. Die Entfremdung bestimmt den aktuellen Alltag aller vier, weshalb die Männer nur so vor sich hinleben, in Angst oder Desinteresse. Im Ruhrgebiet treffen sich ihre Spuren.

Geistreicher Film über das Schalten auf Autopilot

Kommentar: Ohne übel riechende Schablonen zum Einsatz zu bringen, verbindet Bastian Günther vier Männerstories zu einem Episodenfilm über männliche, die 30 Jahre Grenze hinter sich gelassene Individuen. Was schnell auffällt, ist die sorgsame und bedachte Inszenierung, die mehr spröde denn auffällig wirkt. Lange Einstellungen vom Typ des dokumentarischen Films korrespondieren jedoch auf fabelhafte Weise mit der Prämisse, sodass jegliche Gedanken von einem bewegungs- und emotionslosen Film, sich ins Nirwana zurückziehen müssen. Bastian Günther führte nicht nur Regie, sondern zeichnete sich genauso für das Drehbuch verantwortlich, welches für die vier Geschichten keine gegenseitige Verkupplung vorsieht, vielmehr diese für extrem kurze Zeiträume einander streifen, berühren lässt: Den für die Presse arbeitenden Dieter belohnt das Glück mit der Aussicht, Fotos vom flüchtenden Noch-Schalketrainer Georg Brandner zu schießen, als dieser sich in einer Telefonzelle aufhält, statt beim Spiel seiner Mannschaft zu sein. Jörg, der Verkäufer im Außendienst, hört aus dem Auto den ehemaligen Schlagerstar Chris Kaiser, bleibt kurz stehen, horcht den pathetischen Zeilen und düst weiter. Und so fort. Wenn sie nicht gestorben sind, verkaufen, singen, fotografieren und flüchten sie noch heute. AUTOPILOTEN, ein melancholischer und geistreicher Streifen über das Irgendwie-Irgendwas-Tun.

6/10

Triangle

Triangle (Tie saam gok)
 


Hongkong, 2007
Genre: Thriller, Drama
Regisseur: Tsui Hark, Ringo Lam, Johnnie To
Darsteller: Louis Koo, Simon Yam

Ein fremder Mann erzählt den dringend nach Möglichkeiten der schnellen Geldbeschaffung suchenden Sam, Fai und Mok etwas von einem Goldschatz, woraufhin die drei armen Schlucker zuerst skeptisch reagieren. Doch die Skepsis legt sich, als der Fremde ihnen ein Teil des Goldschatzes vorlegt. Schnell stellen sie einen Plan zusammen und begeben sich unter das Parlamentsgebäude, wo der Schatz versteckt sein soll. Der Raub wird zu keinem großen Problem, löst aber große Schwierigkeiten aus.

Gangsterfilm-Experiment aus Hongkong

Kommentar: Trotz des prächtigen und unkonventionellen Finalakts gestaltet sich die Regiezusammenarbeit von drei bekannten Profis als ein zähes, mit Handlungsschemen mühsam spielendes Werk. Es hat den Anschein, als hat man sich nicht festlegen können, worüber der Film letztendlich erzählen soll, wo sein zentraler Punkt liegen muss. Ein wirres, unprätentiöses Konglomerat von Ideen, bei dem jedoch keine alles um sich vereinende Mitte existiert. Es sei denn, diese Mitte ist der Schatz, den Sam, Fai und Mok unter der Damentoilette des Parlaments finden. Im letzten Viertel des Films und dem Aufeinandertreffen mehrerer Gruppen, worunter sich auch ein ahnungsloser Polizist befindet, kann man dem glücklichen Fund tatsächlich so etwas wie eine magnetische Wirkung bescheinigen. Und trotzdem, diese Überlegung gleicht in keiner Weise das ansonsten unbefriedigende Drehbuch aus. Obwohl TRIANGLE nie großspurige Versprechungen macht, weil er diese sowieso nicht einlösen kann, und dafür mit ungestümen Actionszenen geizt, verfehlt er seine Wirkung und lässt ungenutztes Potenzial liegen. Das ist natürlich kein Untergang, doch vielleicht ein Beispiel dafür, dass Regisseure Visionäre sind und mehrere Visionen nur selten miteinander kooperieren.

4/10

Dienstag, 23. Oktober 2012

Solino

Solino



Deutschland, 2002
Genre: Drama
Regisseur: Fatih Akin
Darsteller: Barnaby Metschurat, Moritz Bleibtreu

Nachdem Streit mit ihrem Vater ziehen die Brüder Gigi und Giancarlo aus dem Elternhaus. Sie mieten sich mit ihrer Freundin eine gemeinsame Wohnung und beschließen nicht mehr für das Lokal ihres Vaters zu arbeiten, weil er sie nur ausbeutet. Als ihre Mutter Rosa in der Zeitung liest, dass ihr Sohn Gigi sich mit einem eigenen Film bei einer Filmpreisverleihung bewirbt, möchte sie die Nachricht gleich ihrem Mann erzählen und erwischt ihn zufällig beim Geschlechtsakt mit einer anderen Frau. Das trifft die beiden Brüder hart, doch dann erfahren sie auch noch vom Arzt, dass ihre Mutter unheilbar an Leukämie leidet.

Feuer und Leidenschaft

Kommentar: Das Leben von Migranten in Deutschland scheint für Fatih Akin eine unerschöpfliche Quelle für inspirierende Stoffe zu sein. In SOLINO porträtiert er eine italienische Einwandererfamilie, deren Zusammenbruch erst eine explosive Wirkung zeigt, später jedoch ein enormes Gemeinschaftsgefühl provoziert. Mag der poetische Ton den Realismus ins Abseits schieben, verdeutlicht er doch gleichzeitig, dass Akin ein großer Kinovisionär mit viel Herz und Gefühl ist, und dass die Schönheit in einem Augenblick fesselnder sein kann als die Hässlichkeit in der Komposition. Diesem Programm folgend, kümmert sich der deutsch-türkische Filmemacher nicht um die Handlung, sondern benutzt sie insgeheim, um aus dem Stoff die flammenden Momente herauszukitzeln. Insofern lässt sich sagen, dass Hauptfigur Gigi die Entdeckung von Feuer und Leidenschaft, zu der ihm in jungen Jahren ein namhafter Regisseur rät, nicht alleine macht, weshalb Akin und der Protagonist sich in ihrer Art des Antriebs sehr nah stehen. Etwas ärgerlich ist der Umstand, dass die ansonsten sehr stimmigen Bilderbögen etwas unter der kitschigen Stimmung der letzten Filmphase leiden müssen. 

5/10

Dienstag, 16. Oktober 2012

Stroszek

Stroszek 

 


Deutschland, 1976
Genre: Drama
Regisseur: Werner Herzog
Darsteller: Bruno S., Eva Mattes

Kurz nach seinem Gefängnisaufenthalt geht der arbeitslose Bruno S. mit der Prostituierten Eva und seinem Nachbarn Scheitz nach Amerika, um dort einer geregelten Arbeit nachzugehen und ein neues Leben anzufangen. Dort läuft zuerst alles gut. Bruno arbeitet in einer Autowerkstatt, Eva kellnert in einem Restaurant und einen gemütlichen Wohnwagen nennen die beiden ihr Zuhause. Doch dann geraten die beiden in Zahlungsschwierigkeiten. Daraufhin verliert Bruno S. sowohl seine Freundin Eva als auch den Wohnwagen.

Bruno, numero uno

Kommentar: Gedreht in Berlin-Kreuzberg und dem amerikanischen Ministädtchen Plainfield (Wisconsin), handelt der Film von einer menschenunwürdigen Existenz der Figur Bruno S., einem ungepflegten, mental gebrochenen Liedermacher. Er bezieht sich auf eine Menge biografischer Punkte des echten Bruno S., welcher unüberraschenderweise in STROSZEK sich selbst spielen darf. Die abenteuerlich entstandenen Aufnahmen, von denen einige sich brüsten dürfen, illegal entstanden zu sein, wirken wie ein experimentelles und privates Kleinprojekt, das planlos schrullige Menschen vor die Kamera stellt. Das Projekt wirkt desto außergewöhnlicher, je mehr man sich über die Umstände klar macht, auf welche Art und Weise es überhaupt zustande kam. Ausgelöst durch ein Versprechen von Herzog, dem Bruno S. einen Film zu widmen, fackelte man nicht lang und drehte den gesamten Film mit einem Alibi-Drehbuch und der Geschwindigkeit einer Rakete. Das Resultat ist exquisit. Eine wunderschöne humanistische Tragödie, welche irrwitzig und todtraurig sein kann und ihre nicht in Würde lebenden Protagonisten mit empathischer Haltung humanisiert. Obwohl Parallelen zu Fassbinders Außenseiter-Dramen existieren, beschleicht einen nie das Gefühl, Herzog wollte sich mit dem pessimistischen Feeling an die Werke des R.W. Fassbinder anschmiegen. Das Schönste ist jedoch - wie sollte es bei einem solchen Film auch anders sein - die Authentizität. Dies gelingt nicht nur durch Brunos mächtige und auratische Präsenz, sobald er im Bild auftaucht; es tritt in vielen improvisatorischen und lückenhaft konzipierten Momenten ebenfalls eine ungekünstelte Menschlichkeit ans Licht, an der Werner Herzog wahrhaftig interessiert ist, und die man fast nur dort findet, wo Mensch und Mensch keinen ausgefeilten Drehbuchtext einer Figur aufsagen, sondern für einen kleinen Abschnitt auf der Zeitachse und für die Augen der Kamera durch eine emanzipierte, unpräzise gestaltete Interaktion sie ganz selbst werden.

9/10

D'Artagnans Tochter

D'Artagnans Tochter (La Fille de d’Artagnan)



Frankreich, 1994
Genre: Abenteuer, Komödie
Regisseur: Bertrand Tavernier
Darsteller: Sophie Marceau, Philippe Noiret

Frankreich im Jahr 1654: Nach der Ermordung ihrer Vorsteherin verlässt Eloise das Kloster in Richtung Paris, wo sie ihren Vater D'Artagnan, den bekannten Anführer der Musketiere, um Hilfe im Kampf gegen den verbrecherischen Herzog Crassac bittet. Anfangs gibt sich D'Artagnan sehr zurückhaltend, glaubt an keinen Komplott, vom dem seine Tochter ständig spricht. Als Eloise sich einmal jedoch in Lebensgefahr befindet, kommt er ihr mit seinen Degenkünsten zur Hilfe und trommelt daraufhin seine noch verbliebenen Musketierkumpanen zusammen.

En garde

Kommentar: Die 129 Minuten andauernden, wuseligen, wilden und energiereichen Plotrotationen tragen schon ein wenig zur Entrüstung über die narrative Unschärfe dieses Werks bei. Um die Tochter eines Musketiers geht es dabei nur marginal, wenngleich das erste Viertel das Gefühl gibt, Zeuge einer Emanzipationsgeschichte zu sein. Es ist schon ein wenig erstaunlich, wie wenig Bildschirmzeit Sophie Marceau zugestanden wird, die eine willensstarke Frau spielen und dabei mit der Umklammerung zweier Männer umgehen muss. Der eine ist ihr Vater D'Artagnan, ein immer noch fitter Degenschwinger, der die Tochter irgendwann einmal ins Kloster schickte und sie auch nach ihrer Rückkehr zu ihm am liebsten dort haben möchte. Der andere Mann nennt sich Quentin la Misère, und ist ein Dichter, den Eloise irgendwo aufgabelte und für den sie leise Gefühle hegt. Wie das oft so ist, hält der Vater natürlich nichts vom Liebling der Tochter. Die Konsequenz des Drehbuchs schmerzt nicht nur an diesem Punkt, wenn es die Spannung zwischen den zwei Parteien und der Tochter im Mittelpunkt wenig ernst nimmt. Es ist dieses allgemeine Problem wilder, in der Spiellänge überzogener komödiantischer Filme: Sie thematisieren viel, doch ohne jegliche Konzentration. Ihnen fehlt der Charakter durchlöchernde Blick. Die einige Sekunden laufende Oben-ohne-Aufnahme von der bezaubernden Sophie Marceau kann für diesen Mangel leider auch nicht vollwertig entschädigen.

4/10