Sonntag, 26. Februar 2012

Once

Once

Irland, 2006
Genre: Drama
Regisseur: John Carney
Darsteller: Glen Hansard, Marketa Irglova

Ein Musiker, bewaffnet mit einer Akustik-Gitarre, verdient sich durch das Spielen von Songs nebenbei etwas Geld auf der Straße. Eines Abends wirft eine junge Frau, aus Tschechien stammend, ein 10 Cent Stück in den Gitarrenkoffer und verwickelt den Mann in ein Gespräch. Da sie eine kaputten Staubsauger zu Hause hat und der Musiker in einem Reparaturladen für Staubsauger arbeitet, verabreden sich die beiden für den nächsten Tag. Sie finden heraus, dass die Liebe zur Musik das ist, was sie eint.

Kommentar: Der mit einer Handkamera gedrehte Streifen erweist sich als ein unglaublich emotionaler Musikfilm, der auf sehr realistische Weise von zwei besonderen Menschen erzählt und die Geschichte einer Liebe in nicht penetranter Form darstellt. Dabei lebt "Once" nicht nur von seinen viel gelobten akustischen Tönen, die wohl immer einen Platz in meiner persönlichen Bestenliste meiner Lieblings-Soundtracks finden werden, sondern auch von den Darstellern, die eigentlich keine professionellen sind. Die beiden Hauptfiguren Glen Hansard und Marketa Irglova sind eigentlich beide Musikmacher, er ein Gitarrist, sie eine Pianistin. Interessanterweise war es gar nicht geplant, dass sie in diesem Film schauspielern. Doch anscheinend wollte es der Zufall so. Das Ergebnis besticht durch eine klare Authentizität, und beschert der sowieso schon sehr nüchternen Herangehensweise den nötigen Touch von Realismus. Wenn man nicht gerade unter einer Acoustic Folk Aversion leidet, wird man sich der Magie dieses musikalischen Pärchenporträts nicht entziehen können. Quicklebendig, erfrischend, originell.

8/10

SOS Gletscherpilot

SOS Gletscherpilot


Schweiz, 1959
Genre: Drama, Dokumentation
Regisseur: Victor Vicas
Darsteller: Annemarie Düringer, Hannes Schmidhauser

Fünf Bergsteiger machen sich eines Tages auf, den Gipfel des Dent Blache zu besteigen. Darunter ein Liebespärchen, ein Arzt, ein Engländer und ein Bergführer. Nach Erreichen ihres Ziels beschließen sie so schnell wie möglich wieder nach unten zu klettern, da der Nebel immer dichter wird. Doch auf dem Weg nach unten werden sie Zeugen von Hilferufen. Während Bergführer Perren den Hilfeschreien folgt, dürfen die anderen von Ort und Stelle nicht weg. Von der großen Gletschergefahr dieser Tage ahnen die fünf Personen nichts.

Kommentar: "SOS Gletscherpilot" liegt es fern, ein spannender Abenteuerfilm zu sein oder durch große Emotionen das Publikum anzusprechen. Es handelt sich vielmehr um eine Halb-Dokumentation über den langjährigen Gletscherpiloten und Lebensretter Hermann Geiger, der sich in diesem Film übrigens auch selbst spielt. Doch als eine absurde Selbstdarstellungsshow verkommt das Werk von Regisseur Victor Vicas dennoch nie. Zwar ist das letzte Drittel, in dem Hermann Geiger außerordentlich viel Screetime bekommt, wirklich eher unaufregend und ideenlos, doch gerade der Aufstieg und der Überlebenskampf der Bergsteiger ist sehr ansehnlich in Szene gesetzt worden. Hier fällt die sehr nüchterne und distanzierte Inszenierung auf oder die prächtigen Bilder von der eisigen Walliser Berglandschaft. Leider ist der Film letzten Endes doch eher eine Darstellung eines Helden, als eines Bergsteigerunglücks.

3/10

Dienstag, 21. Februar 2012

Pappa ante portas

Pappa ante portas


Deutschland, 1991
Genre: Komödie
Regisseur: Loriot
Darsteller: Loriot, Evelyn Hamann

Der Einkaufsabteilungsleiter der Deutschen Röhren AG, Heinrich Lohse, wird eines Tages von seinem Chef pensioniert. Da Heinrich nicht weiß, was er machen soll, fällt ihm nichts Besseres ein, als seiner Frau und der in seinem Haus beschäftigten Putzfrau bei den Haushaltsarbeiten zu helfen. Obwohl seine Frau Renate ihm klar zu verstehen gibt, dass sie seine Hilfe nicht möchte und stattdessen Freiraum benötigt, schafft es Heinrich nicht Abstand zu halten, sodass das Paar immer wieder in Streit gerät.

Kommentar: Als Flaggschiff des deutschen Humors ausgerufen, beweist Loriot auf "Pappa ante portas", dass Komödien aus Deutschland keine politischen Dimensionen erreichen müssen, um anspruchsvoll zu sein. War Vorgänger "Ödipussi" noch sehr auf Situationskomik getrimmt, die mehrmals absurd und störend wirkte, entdeckt Loriot bei seiner zweiten Regiearbeit den Dialogwitz, der schon seine Sketche im Fernsehen zu etwas Besonderem machte. Zitierwürdiges Material gibt es definitiv in Hülle und Fülle, was manchmal als Ergebnis hat, dass der Zuschauer fünf Minuten lang schmunzelnd auf dem Bildschirm schauen kann, überrannt und umgehauen von der Kreativität, die einigen wortakrobatischen Leistungen zugrunde liegt. Mit gesellschaftlichen Angelegenheiten wie Freiheitsanspruch und Identitätsschwierigkeiten beschäftigt sich das Drehbuch des vielseitigen Humoristen nur nebenbei, die große Thematik dagegen ist das im Kino schon immer beliebte Festhalten eines Geschlechterkampfs. Ja, das ist irgendwie ein wenig Screwball, dieses "Pappa ante portas".

6/10

Montag, 20. Februar 2012

Die mit der Liebe spielen

Die mit der Liebe spielen (L'avventura)


Italien/Frankreich, 1960
Genre: Drama, Liebesfilm
Regisseur: Michelangelo Antonioni
Darsteller: Monica Vitti, Gabriele Ferzetti

Sizilien: Eine kleine Gruppe macht einen kleinen Bootsausflug zu der Insel Lisca Bianca. Auf der Felsinsel geht Anna, die sich vor kurzem noch mit ihrem Freund Sandro stritt, plötzlich verloren. Nach umfangreicher Suche findet sich keine Spur von ihr. Sandro beschließt erst einmal auf der Insel zu bleiben, in der Hoffnung Anna noch zu finden. Auch Annas beste Freundin Claudia will nicht aufgeben und auf die Verschwundene warten. Während am nächsten Tag die Polizei die Felsinsel absucht, kommen sich Sandro und Claudia näher.

Kommentar: Dieses Werk von Antonioni hat mit seinen früheren bekannten neorealistischen Arbeiten nichts mehr zu tun. In "Die mit der Liebe spielen" geht es um Menschen aus der oberen Schicht Italiens und ihren Trieb, die Herzen der Mitmenschen als Spielobjekte zu betrachten. Mit Hilfe des tollen Drehbuchs und einer klaren Bildsprache bringt der Film das Verhängnis von Sandro und Claudia auf den Punkt. Die Frage, die sich beide immer wieder stellen: Ist es richtig sich so zu verhalten? Mit "so" sind dabei ihre Annäherungen gemeint, die nur einen Tag nach dem plötzlichen Verschwinden von Anna den Grundstein für ihre Liebesbeziehung setzten. Immer wieder auffallend ist die Verwendung der Supertotalen, die häufig Claudia und Sandro alleingelassen und ein bisschen wie in ihrem eigenem Kosmos zeigen, ihrem eigenen Verständnis von Miteinander. Alles in allem ein Film, der viel Wert auf die Psyche der Charaktere legt, mit Monica Vitti und Gabriele Ferzetti zudem noch fantastisch besetzt ist und sich nicht nach klassischen Erzählmustern richtet.

8/10

Samstag, 18. Februar 2012

Orly

Orly



Deutschland/Frankreich, 2010
Genre: Drama
Regisseur: Angela Schanelec
Darsteller: Natacha Régnier, Bruno Todeschini

Am Flughafen Orly (Frankreich), in den Wintertagen: Die Abflughalle ist voll mit Menschen. Darunter auch Juliette und Vincent. Sie sind zufällig in ein Gespräch gekommen, reden über persönliche Dinge und reflektieren ihr Berufs- und Familienleben. Am anderen Ende der Halle sitzen Mutter und Sohn, sie warten auf den Flug, der sie zur Beerdigung des Vaters fliegen soll. Mit interessanten Gesprächsthemen tun sie sich schwer, doch wollen sie die Wartezeit nicht stumm verbringen und lassen sich auf eine Konversation über Privates ein.

Kommentar: Es muss sie einfach geben. Regisseure, die eine ganz eigene Vorstellung von Kino haben und sich nicht den Erwartungen des Zuschauers beugen. Die den Anspruch haben, Filmen eine eigene Handschrift zu geben, eine unverwechselbare Form und die in der Lage sind diese willkommenen Stärken als unerzwungen und natürlich zu verkaufen. Als solche Persönlichkeit lässt sich in jedem Fall die deutsche Regisseurin Angela Schanalec ausmachen. Das Arbeiten mit Statisten überlässt sie anderen, genauso wie das Vertrauen in Geräuschen von der Tonspur. Beide dieser Ansichten spielen für "Orly" eine große Bedeutung. Oder anders gesagt: Der Film erfährt durch die konsequente Nicht-Beschneidung der zwei Realitätsfaktoren - originale Menschen und originale Geräusche - überhaupt erst eine Lebendigkeit.

Der zentrale Ort der Handlung ist der Wartebereich einer Flugzeughalle. Schreiende Babys, küssende Paare, nachdenkliche Rentner - sie alle warten hier, um in ein Flugzeug zu steigen, der sie an einen anderen Platz bringt. Als Zuschauer spielt man die Rolle des alltagsbeobachtenden Zeugen. "Orly" ist damit reines Beobachtungs- und Analysekino, das sich der Frage annimmt, wie das Warten in einem öffentlichen Raum sich als Zweck für Privates anbietet und welche Wirkung es auf den Menschen ausübt.

Ohne dramaturgische Ansätze verfolgt der Film vier unterschiedliche Geschichten, die sich an einem Wintertag in der Flughafenhalle Orly-Sud abspielen. Gezeigt werden: Eine Frau und ein Mann, die sich zufällig begegnen; Mutter und Sohn auf dem Weg zu einer Beerdigung; ein junges Paar, deren Beziehung nicht mehr lange anzuhalten scheint; und eine Alleinreisende, die einen Brief ihres Liebhabers verarbeitet. Dabei lässt die Regisseurin eine Verbindung zwischen den Erzählungen weg und schweißt die Figuren nur des Hauptthemas wegen zusammen: die Intimität in der Öffentlichkeit. Mehrmals illustriert die Kamera mit Hilfe der Protagonisten eine Art illusorische Isolation, wenn sie Gespräche oder Blicke aufzeichnet, die sehr Vertrauliches beinhalten und in der die Charaktere glauben ganz allein zu sein. Für gesellschaftskritische Ansätze ist Schanelec jedoch nicht zu haben, ihr geht es in erster Linie um die Wirkung des Raums. Die Wartehalle manipuliere die Menschen, so ihre These. Und tatsächlich bietet sie mit den langen Kameraeinstellungen, die manchmal sehr beobachtend, manchmal sogar voyeuristisch daherkommen, den unzweifelhaften Beleg dafür. Das Untertauchen in der Menschenmenge entlockt schließlich Geheimes. Das Warten in einer Flughafenhalle ist jedoch gleichzeitig auch Stillstand und konträr zu dem beweglichen Drumherum. In "Orly" sieht man das Ergebnis an den Blicken der Figuren, wenn kaum gesprochen wird. Ihre Augen zielen auf vorbeilaufende und geschäftige Menschen, ihre Sehnsucht gilt der Aktivität.

Frau Schanelec schuf einen überzeugenden Film, welches nur das Licht des Flughafens verwendet und für die meisten Szenen das Teleobjektiv nutzt. Für eine gehörige Portion Realismus sorgt die von den Machern kaum kontrollierte Aktivität der Flughafenbesucher, da auf die Arbeit mit Statisten streng verzichtet wurde. Des Weiteren ist die Soundkulisse in ihrer Einfachheit unschätzbar effektiv. Der Lärm in der Flughafenhalle hat für den Ort der Anonymität eine besonders expressive Wirkung und nur aufgrund einer Fokussierung auf Einzelpersonen bleiben Individualitäten erhalten, statt dass sie in der Masse verschwinden. Als Schanelec jedoch mit ihrer starren Einschränkung bezüglich der Hintergrundmusik einmal tatsächlich bricht, untermauert sie ihre ganze Genialität. Doch diesen Moment mit Worten schildern? Auf keinen Fall. Das käme einem Spoiler gleich.

6/10

Freitag, 17. Februar 2012

Schwarze Katze, weißer Kater

Schwarze Katze, weißer Kater (Crna mačka, beli mačor)


Jugoslawien/Deutschland/Frankreich, 1998
Genre: Komödie
Regisseur: Emir Kusturica
Darsteller: Branka Katic, Florijan Ajdini

Als der Zigeuner Matko von den Russen über den Tisch gezogen wird, leiht er sich Geld bei Grga, dem besten Freund seines Vaters. Mit dem Geld möchte er mehrere Waggons mit illegalem Benzin kaufen. Doch der naive Matko lässt sich auch bei diesem Deal mit den Falschen ein, weil er seinem Bekannten Dadan von der Waggon-Geschichte erzählt, woraufhin Dadan Bereitschaft zeigt, eine Investition zu tätigen. Am Tag des Coups geht dann jedoch alles schief für Matko. Sein Partner hintergeht ihn und tischt ihm eine erfundene Geschichte auf, nach der zufolge das gesamte Geld verschwunden ist. Dass Matko das fehlinvestierte Geld nicht zurückzahlen kann, ist Dadan klar. Und deswegen hält er Matko nur einen Ausweg offen: Zwing deinen Sohn Ida, meine Schwester Aphrodita zu heiraten!

Kommentar: Groteskes Roma-Theater über eine erzwungene Heirat mit dem Anspruch Unterhaltung zu bieten, das Niveau jedoch nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Meisterlich präsentiert von einer großen Menge an Laiendarstellern, sprüht der Film nur so vor Ideenreichtum und unverbrauchter Frische. Die Running Gags sind natürlich Spitzenklasse, allen voran sicherlich das Schwein, welches an einem alten Schrottauto nagt, oder der skurille Gangster, der sich von schönen Damen immer wieder einkreisen lässt, damit sie ihm zu Ehren zu einem Popsong mitsingen. Interessant ist sicherlich auch der Aufbau des Films. Denn einen Hochgeschwindigkeitsfilm erwartet man nach dem eher langsam vorbeigehenden Anfang eher nicht, erst zur Mitte bricht "Schwarze Katze, weißer Kater" aus seinen Fesseln, mit dem Resultat, dass dem Zuschauer nicht viel Zeit bleibt, um Luft zu holen. So gelingt es Regisseur Kusturica, spaßig eine Parallelkultur näher zu bringen, indem er Skurrilitäten, Klischees und Liebenswürdigkeiten aneinanderreiht, ohne das Taktgefühl zu verlieren und so das Desinteresse am Thema zu zeigen. Die Kultur als Hauptdarsteller, prima.

7/10