Dienstag, 29. Mai 2012

Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Die verlorene Ehre der Katharina Blum



Deutschland, 1975
Genre: Drama
Regisseur: Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta
Darsteller: Angela Winkler, Mario Adorf

An einem Morgen bricht auf einmal die Polizei bei Katharina Blum ein. Sie verdächtigen die Frau, den Deserteuren und Anarchisten Ludwig Götten in ihrer Wohnung versteckt zu halten. Da die Polizei jedoch die gewünschte Person nicht findet, nimmt sie Katharina Blum auf die Station zur Vernehmung mit. Schon am nächsten Tag ist die Geschichte von Frau Blum auf der ersten Seite der Boulevardzeitungen. Mitarbeiter der Sensationspresse versuchen sogar der schwerkranken Mutter von Katharina einige Worte zu dem von der Presse hochgepushten Fall zu entlocken.

Kommentar: Die Pressefreiheit hat auch ihre Schattenseiten, und die vielleicht enormste beleuchtet der Film, in dem es um die vom Sensationsjournalismus vergewaltigte Katharina Blum geht, auch sehr eindringlich. Eine satirische Form wäre bei diesem Stoff wahrscheinlich eine bessere Lösung gewesen, doch entschieden hat man sich für die dramatische und mehr einfühlsame. Gerade die Möglichkeit der Einfühlsamkeit bietet einen hervorragenden Zugang zu der Geschichte, den Umständen und den Auswirkungen. Das ist vor allem Angela Winkler zu verdanken, die ihre Rolle als paralysierte Geschädigte mit authentischer Mimik verkörpert. Kritisiert wird nicht nur die Sensationspresse und ihre Wege der Informationsbeschaffung, sondern auch die Zusammenarbeit der Polizei mit unseriösen Journalisten. Da der Medienkonzern Springer heutzutage, wie auch im Jahr der Filmentstehung, weiterhin einen unglaublichen Einfluss auf die Gesellschaft hat, ist "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" trotz seines Alters kein unmoderner Streifen - was die Medienkritik angeht.

5/10

Montag, 28. Mai 2012

Rififi

Rififi (Du rififi chez les hommes)



Frankreich, 1955
Genre: Kriminalfilm, Drama
Regisseur: Jules Dassin
Darsteller: Jean Servais, Carl Möhner

Tony plant kurz nach seiner Gefängnisentlassung mit seinen befreundeten Berufsgangstern einen neuen Coup. Das Ziel ist ein Juweliergeschäft und der dort stehende Geldschrank. Allerdings ist das Projekt auch ein großes Risiko, da die Männer ein komplexes Alarmsystem austricksen müssen, um an die begehrten Juwelen im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar heranzukommen.

Kommentar: Mustergültiger Genrefilm mit einer sehr guten Figurenzeichnung, der die selbstzerstörerischen Kräfte im Männerkosmos im Allgemeinen und im Berufsgangstertum im Speziellen unter die Lupe nimmt. Im Original heißt der Film nicht umsonst "Du rififi chez les hommes", auf Deutsch: Krawall zwischen den Männern. Hauptdarsteller Jean Servais spielt den eiskalten und abgebrühten, kaum zu Emotionen neigenden Verbrecher Tony auf geniale Art und Weise. Der immer allgegenwärtige Ernst in seiner Person und seine brutale Gangsterlogik lassen seinen Beinamen "Der Sanfte" ironisierend wirken, wofür auch eine Szene sorgt, in der er eine Frau auspeitscht. Wie bei einem künstlerischen Film üblich findet die Gewalt entweder außerhalb des Bildes statt oder wird durch eine distanzierte Kameraaufnahme ästhetisiert. Das Herzstück von "Rififi" bildet sich jedoch aus einer anderen hervorragenden Prämisse. Die Einbruch- und Raubsequenz ist eine über 30-minütige Quasi-Realzeitaufnahme ohne Musik und Dialoge. Die schweißbeladenen Gesichter und die zitternden Hände transportieren die gesamte Belastung der Verbrecher durch die Bilder, und das in einer atemberaubenden Form, welche einem Meisterstreich gleicht.

7/10

Sonntag, 27. Mai 2012

Rotation

Rotation


DDR, 1949
Genre: Drama
Regisseur: Wolfgang Staudte
Darsteller: Paul Esser, Irene Korb

Berlin 1929, die Krise in der Wirtschaft ist bei den Arbeitnehmern deutlich spürbar. Auch Hans Behnke hat keine Arbeit. Seine Frau Lotte bekommt einige Monate nach der Heirat ein Kind und die finanzielle Lage der Familie spitzt sich zu. Hans, ein sehr unpolitischer Mensch, profitiert 1933 von Hitlers Machtübernahme und findet eine Stelle bei einer Druckerei. Als sein antifaschistisch eingestellter Schwager ihn darum bittet, Blätter gegen das NS-Regime zu drucken, willigt Hans ein.

Kommentar: Zu Anfang des Films starrt Darsteller Paul Esser, der den unpolitischen Hans Behnke spielt, auf eine Gefängniswand. Diese ist verziert mit allerlei Kritzeleien, wer wann hier war, wer wann hier starb. Hans starrt wie gebannt auf die Wand und vielleicht fragt er sich in diesem Moment nach seiner eigenen Schuld, als er sich den protokollierten Schicksalen bewusst wird. Danach tritt eine Rückblende ein und katapultiert in das Jahr 1929.

"Rotation" bildet zwei Sachen in besonderer Art und Weise ab. Einmal den unpolitischen Menschen, hier Hans Behnke, der sich trotz seiner schwierigen Situation nicht für Politik interessiert und deshalb nicht wählen geht. Hiermit stellt der Film eine Verantwortungslosigkeit unpolitischer Bürger dar, die für den Aufstieg der Nationalsozialisten nicht unentscheidend war. Paul Essers exzellente Charakterdarstellung gibt jedoch glücklicherweise wenig Raum für eine simple Schuldzuweisung. Hans Behnke ist vielmehr ein überforderter Typ, der von allen politischen Seiten angesprungen wird und sich lieber für die Strategie entscheidet, von seinem Einfluss in einem noch-demokratischen Staat keinen Gebrauch zu machen.

Das andere entscheidende Element des Films steckt in dem Titel. Die Kreisbewegung ist ein Sinnbild für ein dauerndes Umsichselbstdrehen. Am Ende scheint diese Bewegung mit dem Einzug der russischen Armee beendet zu sein. Aber ist der Sprung von einer Diktatur in die nächste nicht nur bloß eine weitere Rotation? Aus heutiger Sicht und basierend auf dem Wissen über den Staatssicherheitsdienst in der DDR, muten einige Szenen sehr merkwürdig an, wenn man bemerkt, dass der Film doch selbst eigentlich leicht propagandistisch gefärbt ist. Die erkennbaren Parallelen dürften allerdings wohl nicht der Intention der Macher entsprungen sein.

4/10

Freitag, 25. Mai 2012

M - Eine Stadt sucht einen Mörder

M - Eine Stadt sucht einen Mörder


Deutschland, 1931
Genre: Kriminalfilm, Drama
Regisseur: Fritz Lang
Darsteller: Peter Lorre, Gustaf Gründgens

Die Stadt wird Berlin wird von den Gewalttaten eines Kindermörders beherrscht. Hysterie und Angst sind an der Tagesordnung, Verdächtigungen und Zeugenaussagen überschwemmen die polizeilichen Kräfte. Doch auch die Männer aus der Unterwelt machen Jagd auf ihn. Und diese wollen ihn nicht bloß fangen und der Polizei übergeben, vielmehr planen sie einen Lynchmob auf den Mörder zu hetzen.

Kommentar: Langs erster Tonfilm gilt als Klassiker. Doch bei all seinen filmischen Qualitäten scheinen auch Bezüge zur Aktualität durch. Diese geben dem präzise inszenierten Werk die gesellschaftspolitische und emotionale Tiefe. Die traurigen Tatsachen, dass Lynchjustiz noch immer keine aus den Köpfen der Menschen verschwundene Absicht ist, Sexualverbrecher auf eigene Faust zu bestrafen, und, dass Medien auch heute als Multiplikatoren der Hysterie fungieren, verweisen insbesondere darauf, welche moralische Entwicklung die Gesellschaft beim emotionalisierenden Thema Kindermord erreicht hat. Nämlich so gut wie gar keine. Trotzdem bin ich mir gegenüber der Wirkung des hier deutlich angelegten Plädoyers gegen Lynchmobaktivitäten sehr sicher: Bei dem ein oder anderen haben die Bilder einen Denkprozess in Gang gesetzt. Über die formale Kraft in "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" lässt sich kaum streiten und noch weniger macht es viel Sinn, darüber irgendetwas zu texten. Man muss es einfach selbst erleben.

8/10

Donnerstag, 24. Mai 2012

Schlafkrankheit

Schlafkrankheit



Deutschland, 2011
Genre: Drama
Regisseur: Ulrich Köhler
Darsteller: Pierre Bokma, Jean-Christophe Folly

Das Ehepaar Velten, Ebbo und Vera, lebt seit vielen Jahren in vielen afrikanischen Ländern, da der Mann der Familie, Arzt und Entwicklungshelfer ist. Da sie ihre Tochter jedoch auf ein Internat in Deutschland schicken, doch sich in Zukunft mehr um sie sorgen wollen, ziehen sie es vor, wieder zurück in die Heimat zu fliegen. Doch Ebbo fühlt sich so stark zu Afrika hingezogen und scheint so entfremdet von Deutschland zu sein, dass er sich entschließt, auf dem afrikanischen Kontinent weiter zu arbeiten.

Kommentar: "Schlafkrankheit" ist keine konkrete Studie über die Entfremdung, sondern ein Versuch dieses Phänomen anhand zweier unterschiedlicher Biografien fassbar zu machen. Deshalb behandelt der Film eben auch andere Schwerpunkte. An vorderster Stelle steht natürlich der postkolonialistische Irrsinn in Afrika. Doch auch die Relativität des schwarzen Kontinents von dem europäischen thematisiert Köhlers größtenteils nüchtern inszeniertes Werk, welches sich nicht scheut, unangenehme Wahrheiten zu problematisieren. Die beiden Charaktere, um die es hier geht, haben täuschend ähnliche Schwierigkeiten mit ihrer heimischen Identität. Der in Afrika lebende Ebbo und der aus Frankreich angereiste Alex fühlen sich entfremdet, sie sind ihrer Herkunft zwar bewusst, aber nicht mehr verbunden. Oder die anderen sind es, die Probleme haben, sie zu akzeptieren. Beide Menschen treffen in Kamerun aufeinander. Die Kamera fängt die Unerträglichkeit des Bewusstseins über ihre Anwesenheit besonders adäquat auf, wenn sie ihren Blick auf die Landschaft wirft. Die schwüle, unangenehm warme Stimmung transportiert ein Gefühl des Ausschlusses, an dem beide Protagonisten leiden. Dass das Finale in einem transzendentalen Höhepunkt mündet, ist genauso überraschend wie exquisit - ein magic moment!

6/10

Todesmarsch der Bestien

Todesmarsch der Bestien (Condenados a vivir)



Spanien, 1972
Genre: Western, Drama
Regisseur: José Romero Marchent
Darsteller: Robert Hundar, Mabel Karr

Ein Treck soll sieben Schwerverbrecher über eine Berglandschaft in das Örtchen Ft. Green und das dortige Gefängnis bringen. Doch auf der Fahrt stoppen Banditen den Wagen, da sie denken, dass in diesem Treck Gold transportiert wird. Als die Gangster kein Gold vorfinden, ermorden sie die Begleiter und Aufpasser, und schicken den Pferdewagen ohne Kutscher fort. In letzter Sekunde schafft es der bei den Gefangenen sitzende Sergeant Brown, mit seiner Tochter aus dem Wagen zu springen und gesundheitliche Schäden zu vermeiden. Die sieben Verbrecher, deren Wagen sich mehrmals überschlägt und sogar einen Verletzten fordert, sind weiterhin seine Gefangenen und die Ketten um ihre Füße sind sein Kapital.

Kommentar: Als einer der wenigen Western, die in einem Schneegebiet spielen, lebt auch "Todesmarsch der Bestien" enorm von seiner Umgebung. Wo Verrohtheit und Skrupellosigkeit, Goldgier und Rachesehnsüchte vorherrschend sind, akzentuiert die Atmosphäre einer schneebedeckten Berglandschaft die gesamte Lage und der sich in ihr befindenden Figuren. Kälte, als eine weniger schöne Seite der Natur, befeuert die ohnehin auf Verbrechen und Straftaten fixierten Männer, deren unmoralische Triebe fast schon als Obsessionen entblößt werden. Die einzige mit positiven Attributen bedachte Person ist eine Frau, Tochter des in einem Rachewahn befindenden Sergeants. Einer Überprüfung der allgemeinen Einstufung, die den Film als ultrabrutalen Western heraushebt, hält die Arbeit Marchents aus heutiger Sicht kaum stand. Er stellt zwar brutale Vorgänge auf eine deutlich gewaltästhetisierende Weise zur Schau, doch bleiben diese eben nur Nebenphänomene; die psychologischen Aspekte einer mordenden, vor sich selbst kaum sicheren, wandernden Gruppe stehen dafür im Mittelpunkt. Und das ist auch besser so.

6/10

Mittwoch, 23. Mai 2012

Meatball Machine

Meatball Machine (Mîtobôru mashîn)



Japan, 2005
Genre: Thriller, Horror
Regisseur: Yudai Yamaguchi, Junichi Yamamoto
Darsteller: Issei Takahashi, Aoba Kawai

Fabrikarbeiter Joji, ein Außenseiter, der jeden Tag in seiner Arbeitspause die junge Sachiko beobachtet, in die er verliebt ist, findet eines Tages ein seltsames rundes "Etwas" mit einer extrem harten Oberfläche. Als Joji zufällig Sachiko vor einer möglichen Vergewaltigung rettet, kommen beide in Kontakt und landen in Jojis Wohnung. Nachdem Sachiko ihm von ihrer schweren Vergangenheit erzählt, fliegt das gefunde "Etwas" auf sie zu und übernimmt die Kontrolle über sie. Zusätlich lässt das "Etwas" Sachiko in eine Kampfmaschine verwandeln.

Kommentar: Natürlich ist das Trash. Aber eben in seiner primitiven Bedeutung. Gerade das man versucht hat den Figuren einen zumindest in Teilen nachvollziehbaren Background zu geben, wirkt sich katastrophal auf das Filmerlebnis aus. Das Ergebnis sind Längen, wo memorable Splatter- und Ekelszenen besser gepasst hätten. Es wäre konsequent und ehrlich gewesen. Dramatische Elemente in einem Sci-Fi-Horror-Ekel-Szenario dieser Art bewirken nunmal das Gegenteil von Spaß und werfen keine Fragen nach den Machern auf, beispielsweise ob denen die Sicherung durchgeknallt ist. "Meatball Machine" ist ein viel zu braver, im billigen Look daherkommender (was vielleicht seine größte Stärke ist!) No-Brainer, leider ohne hirnschmelzende Tendenzen.

3/10

Dienstag, 22. Mai 2012

Das Netz der 1000 Augen

Das Netz der 1000 Augen (Le secret)



Frankreich/Italien, 1974
Genre: Thriller, Drama
Regisseur: Robert Enrico
Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Marlene Jobert

David flüchtet aus einer Psychiatrie in eine Gebirgsregion in Südfrankreich. Dort trifft er auf den aufgeschlossenen Thomas, der einsam mit seiner Frau weit weg von der Stadt lebt und David überredet, bei ihnen im Haus zu übernachten. Schnell merkt das Paar, dass der Fremde gesucht wird. David leidet unter einem Verfolgungswahn, und wie sich später für das Ehepaar herausstellt, hat er auch einen Grund dazu. Thomas und seine Frau müssen sich entscheiden, entweder dem Mann glauben oder den Radiosprechern, die von der Gefährlichkeit des fremden Mannes sprechen.

Kommentar: Trintignant, Jobert, Noiret - drei schauspielerisch großartige Darsteller versammeln sich in einem Film, der viele starke Momente hat und sich um Unaufgeregtheit bemüht. "Le secret", wie er im Original heißt, bietet tatsächlich dauerhafte Spannung, weil er einer dieser Werke ist, die aus der Ausgangssituation den gesamten Thrill beziehen und nichts auflösen. Am Ende ist man genauso schlau wie vorher. Auch wenn der ein oder andere in der finalen Einstellung sicherlich interpretationstechnisch etwas anderes sehen wird. Um was geht es hier eigentlich? Konkret um einen Typen namens David, der aus einer psychiatrischen Sicherheitseinrichtung flüchtet, bei einem ungleichaltrigen Ehepaar unterkommt und denen erzählt, dass er im Besitz wertvoller Informationen ist und man ihn deshalb durch das gesamte Land jage.

Misstrauen und Ungewissheit plagen jedoch nur die Ehefrau. Julia hat kein Vertrauen zum Fremden und spürt ein Unbehagen ihm gegenüber, während ihr Mann Thomas, David einen Freund nennt und das ein oder andere Gläschen mit ihm kippt. Die Situation betrachtend besteht also ein Konflikt nicht nur zwischen dem Fremden David und seinen Verfolgern, sondern auch noch eine stille Zerrissenheit zwischen dem Paar. Im Detail bedeutet es eben, dass Angst sich in diesem Film in mehreren Facetten zeigt. Der kühle Thomas ist der Gegenpol zu den unter Furcht respektive Paranoia leidenden David und Julia. Aus der Fassung bringt ihn kaum etwas. Wenn also David so etwas wie das allgemeine Misstrauen gegenüber dem staatlich-politischen Apparat repräsentiert und Julias Unbehagen, die Angst vor der Zukunft, die Angst um eine sichere Existenz symbolisiert, dann ist vielleicht das nüchterne Verhalten Thomas' ein auf die Gesellschaft bezogener Ausdruck der Ausgeglichenheit, des Zufriedenseins, des Irgendwiewirdsschon.

5/10

Montag, 21. Mai 2012

Das Messer im Wasser

Das Messer im Wasser (Nóż w wodzie)



Polen, 1962
Genre: Drama
Regisseur: Roman Polanski
Darsteller: Leon Niemczyk, Zygmunt Malanowicz

Gewinnertyp Andrzej ist mit seiner Frau Krystina mit dem Auto unterwegs, um eine Bootstour mit dem eigenen Segelboot zu machen. Als sie einen Fremden mitten auf der Straße sehen, der als Anhalter mitfahren möchte, nehmen sie ihn mit. Eigentlich will und soll der Fremde nur bis zum Anlegeplatz gebracht werden, doch dann entschließt sich Andrzej den Namenlosen auf die Bootsfahrt mitzunehmen. Auf dem See gibt es jedoch Zank und Machtkämpfe zwischen den beiden Männern prägen die gesamte Fahrt.

Kommentar: Polanskis Spielfilmdebüt drängt zum Zuschauer durch seine subtile Spannung und das Verhältnis zwischen drei Menschen, die allesamt gegeneinander spielen und von existentiellen Ängsten umschnürt werden. Die psychologischen Faktoren bringen das Kammerspiel unter freiem Himmel wahrlich zum Glühen; die Bootsfahrt, die schon wenig harmonisch begann, wird mit jeder Minute mehr und mehr zu einer Bewährungsprobe, in der sich jeder als Individuum sieht und eigene Ziele verfolgt. Überdeutlich ist Polanskis Spiel mit Phallussymbolen. Die Essenz dieser schließt sowohl Machtbewusstsein und Rebellion ein, aber auch Neid. Beim Thema Bild lässt sich auch noch eine weitere Besonderheit schnell ausmachen. Dass nämlich die Kamera oftmals gefährlich nah an Gesichtern und Körper hängen bleibt, während der Hintergrund in sehr scharfer Auflösung dargestellt wird, womit neue Perspektiven und Blickwinkel entstehen. Das Zusammenspiel von Inhalt und Form lässt den Film als komplexes Beziehungsdrama funktionieren und als unerbittliche Parabel über die natürlichen Sehnsüchte des Menschen.

6/10

Samstag, 19. Mai 2012

Vampyr – Der Traum des Allan Grey

Vampyr – Der Traum des Allan Grey



Deutschland, 1932
Genre: Horror, Drama
Regisseur: Carl Theodor Dreyer
Darsteller: Julian West, Maurice Schutz

Der Student Allan Grey landet bei seiner Durchreise in dem Städtchen Courtempierre. Er übernachtet in einem Gasthaus und wird am nächsten Tag Zeuge vieler unheimlicher Ereignisse. Aus einem Buch erfährt Allan Grey, dass eine Vampirin namens Marguerite Chopin an den Toden vieler Menschen in Courtempierre verantwortlich ist. Glücklicherweise steht in dem Buch auch, wie man solche Vampire wieder los wird.

Kommentar: Es ist schon bewundernswert, was hier Dreyer aus einem einfachen, nein, banalen Sujet rausholt. Äußerlich an Stummfilme deutscher Machart erinnernd, verschwendet das Horrorwerk des dänischen Regisseurs keine einzige Minute für Nebensächlichkeiten, verblüfft stattdessen mit einem recht hohen Tempo, was natürlich Konzentration erfordert. Egalisiert wird die schnelle Abarbeitung der Handlung durch die düsteren und geheimnisvollen Kamerabilder, die traumwandlerisch und gespenstisch rüberkommen, visuell eine absolute Marke sind, und dem Film Ruhe im Sinne von Bewegungslosigkeit verleihen. Tatsächlich entströmt den eingefangenen Bildern eine solch magische Wirkung, dass Spannung und Thrill sich in diesen am besten verorten lassen. Beinahe überflüssig zu sagen, welchen Stellenwert in diesem Stück die Dialoge einnehmen. Sehr selten spricht irgendjemand, wenn man etwas hört, dann meistens wehleidige oder hektische Musikstücke. Bedauerlich ist das keineswegs. Denn schauspielerisch überdurchschnittliche Leistungen erlebt man hier absolut nicht, und noch weniger, wenn gesprochen wird.

6/10