Mittwoch, 29. August 2012

Käpt'n Abu Raed

Käpt'n Abu Raed (Captain Abu Raed)



Jordanien, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Amin Matalqa
Darsteller: Nadim Sawalha, Rana Sultan

Ein Treffpunkt aller Gesellschaftsschichten Jordaniens ist der Flughafen in der Hauptstadt Amman. Dort arbeitet auch Abu Raed als Reinigungskraft. Als er eines Tages im Müll eine Pilotenmütze findet und diese nach Hause mitnimmt, trifft ihn auf seinem Heimweg ein Nachbarsjunge. Dieser bemerkt die Mütze, hält Abu Raed für einen Piloten und plaudert seinen Freunden die neueste Entdeckung aus. Da Abu Raed die Fantasie der Kinder nicht kaputt machen möchte, beschließt er ihnen nichts von seiner tatsächlichen Arbeit zu erzählen und stattdessen über seine Reisen als Flugkapitän zu berichten.

Kommentar: Dem Film eine sozialromantische Märchenhaftigkeit zu unterstellen, hieße ihn für seine Menschlichkeit zu verurteilen. Denn für nichts weiter als mehr Humanität plädiert dieser jordanische Beitrag, der das Regiedebüt des fähigenFilmemachers Amin Matalqa bildet. Die Figur des Abu Raed ist die eines alleinstehenden, sich um die Kinder der Nachbarschaft sorgenden, recht gebildeten Putzmanns, der weder in idealistischen Positionen verharrt noch mit einer stoischen Passivität und Energielosigkeit die Augen gegenüber den Schwierigkeiten in seinem Umfeld verschließt. Seine Figur ist es eben auch, die das Potenzial des Sujets ausschöpft. Erst die moralische Eindeutigkeit (träumen und träumen lassen ist nichts unmoralisches!) von Abu Raed entwickelt den Film von einer spannenden Studie über die sozialen Realitäten in Armenvierteln zu einem feinfühligen Diskurs über Menschlichkeit.

5/10

Beziehungsweisen

Beziehungsweisen



Deutschland, 2011
Genre: Dokumentation
Regisseur: Calle Overweg
Darsteller: Anja Haverland, Axel Hartwig

Drei unterschiedliche Paare stehen an einem jeweils anderen Punkt ihrer gemeinsamen Beziehung. Aufgrund anhäufender Streitigkeiten beschließen sie ihre Probleme einem Therapeuten anzuvertrauen.

Kommentar: Die Paartherapie erfreut sich in einer Zeit ansteigender Scheidungsraten und Zukunftsängsten einem immer größeren Zulauf. Bedingt seiner dokumentarischen und aufklärerischen Funktion konzentriert sich der Film aber weniger auf ein gesellschaftliches Kernthema und auf die Lebensumstände der Paare, denn beides sind Gegenstände, die ohnehin genug filmisch problematisiert werden. Im Mittelpunkt befinden sich stattdessen die Therapeuten, von echten Vertretern des Berufszweigs repräsentiert, die auf eine empathische und lösungsorientierte Art ihren Paaren das Gefühl geben, mit einer Mischung aus Hilfsbereitschaft und Kompetenz auf ihrer Seite zu stehen. Die Geschichten der Paare sind jedoch fiktiv, wie es auch die Figuren sind, von sechs professionellen Schauspielern vorgetragen. Das Zusammentreffen gleicht somit einem kleinen Experiment. Mittels dem auf verbalen Auseinandersetzungen basierenden ständigen Hin und Her und der gespielten Konflikte außerhalb des Therapieraums, entsteht eine merkwürdige Assoziation mit Nachmittagssendungen der hiesigen Privatsender. "Beziehungsweisen" denkt das Konzept der Scripted-Reality-Sendungen gewissermaßen neu - gegen diese Art von Fernsehen gäbe es dann auch kaum etwas einzuwenden.

5/10

Freitag, 24. August 2012

Picknick

Picknick (Pescuit sportiv)



Rumänien/Frankreich, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Adrian Sitaru
Darsteller: Adrian Titieni, Maria Dinulescu

Iubi und ihr Freund Michael fahren mit dem Auto zu einem gemütlichen Picknick am Strand. Im Moment einer kaum wichtigen Diskussion, in der die steuernde Iubi die Landstraße keines Blickes würdigt, bemerkt das Pärchen, dass es irgendetwas überfahren hat. Entsetzt stellen sie fest, dass es sich um eine Prostituierte handelt, die sie nach einer langen und hitzigen Debatte auf die Hintersitze pferchen und beschließen, im Wald zu vergraben. Dort angekommen erwacht die Prostituierte und gibt ihr Durcheinander zu verstehen. Iubi und Michael spielt der Fehler in ihrem Gedächtnis in die Karten und deshalb einigen sich die beiden darauf, der Frau nichts über den wahren Vorfall zu erzählen. Der Höflichkeit halber folgen sie auch dem Wunsch des Mädchens, das unbedingt an den Strand mitkommen möchte.

Kommentar: Nie die Verwandtschaft mit Dogma95-Filmen verleugnend, begleitet die rumänisch-französische Produktion "Picknick" ein Paar bei ihrem kleinen Ausflug zu einem gemütlichen Picknick. Doch die Beziehung des Paars erweist sich schon von den ersten Minuten an als höchst faulig. Iubi, der weibliche Part des Paars, ist eigentlich noch verheiratet, schiebt ein Gespräch mit ihrem Noch-Ehemann aber immer wieder auf, worüber sich ihr neuer Lover Mihai erbost zeigt. Die junge Prostituierte, die mit ihrer direkten und unverschämten Art immer weiter in die intime Zone des Pärchens eindringt, führt schließlich beinahe zu einem Totalkollaps. Die Strenge der subjektiven Perspektive verlegt die Konzentration voll und ganz auf die Figuren und wirft sie aus ihren brüchigen Fassaden. Dieser angespannte und wirklichkeitstreue Film spricht gezielt ein Publikum an, welches die Action in den Dialogen und Mimiken sucht. Damit kehrt es nicht nur den gängigen Verwöhnungsorgien den Rücken, sondern erweitert mit dieser Übernahme des Dogma95-Stils das zurückhaltende europäische Kino um einen weiteren gelungenen Teil eines eindringlichen, experimentellen Filmabenteuers.

6/10

Bad Boy

Bad Boy



Deutschland, 1998
Genre: Drama
Regisseur: Herbert Brödl
Darsteller: Manoel Compton, Francisco Ozié Jr.

Kommissar Rui, der ein kleines Gefängnis in einer kleinen Gemeinde leitet, möchte den neuesten Zellenbewohner Jô resozialisieren und ihm die Möglichkeit geben beim Silvesterrennen in der Großstadt Sao Paulo teilzunehmen. Der flinke Jô willigt ein und lässt sich von Rui für das Rennen trainieren. Nach und nach merkt der Kommissar, dass der junge Sprinter für ihn mehr als nur ein persönliches Projekt ist, und sieht sich als dessen Vaterfigur.

Kommentar: Die Alltagstristesse im brasilianischen Hinterland kann bedrückend sein. Insbesondere für die Wächter des Gesetzes, die sich mit Korruption und arroganten Städtern auseinandersetzen müssen, ohne dass sie in ihrem eigentlichen Beruf gefordert werden. Die Hauptfigur dieses Films ist Kommissar Rui. Sein Gefängnis hat gerade mal zwei Gefangenenzellen. In einer dieser Zellen sitzt der diebische Hinterhof-Sprinter Jô, den er zu seinem Projekt macht, und zwar in der Hinsicht, dass er ihn für das große Silvesterrennen in Sao Paulo fit trainiert. Die Gesichtszüge von Rui verraten so etwas wie eine Bitterkeit über die soziale Realität im Hinterland Brasiliens. Da verwundert es kaum, dass er seine Unterbringung für Kleingangster als "5-Sterne-Scheiße" bezeichnet. Doch den ernsten Bildern der Bitterkeit werden erheiternde, ja sogar satirische Momente gegenübergestellt. Wenngleich weniger eine Gegenüberstellung stattfindet, als viel mehr eine Verquickung, die ihr teuflisches Spiel mit dem Zuschauer treibt und die oder andere Erwartung unterwandert. Der Zuschauer wird sich vielleicht auch überrascht zeigen, ob dem Gefühl, dass die einprägsamsten Augenblicke sich in der Metropole Sao Paulo abspielen, wenn Rui und sein junger Schützling vor dem Marathonstart in einer für sie unvertrauten Gegend spazieren. In einer Szene erinnern die beiden an zwei Cowboys, die sich in einer Großstadt verlaufen haben. Toll!

7/10