Sonntag, 30. September 2012

Police Python 357

Police Python 357



Frankreich/Deutschland, 1976
Genre: Thriller
Regisseur: Alain Corneau
Darsteller: Yves Montand, François Périer

Der Polizist Marc Ferrot verliebt sich in die Fotografin Sylvia, deren Tod ihn in eine große Misere bringt. Er wird mit dem Fall beauftragt und muss feststellen, dass alle Spuren zu ihm führen und die Indizien gegen ihn sprechen. Mit taktischem Geschick versucht Ferrot, die Ermittlungen im Fall von Sylvia zu behindern und in eigener Person den wahren Mörder zu fassen.

Kleine Affäre - großer Ärger

Kommentar: Ein auf zwei Stunden ausgebreiteter atmosphärischer Spannungsfilm nimmt immer das Risiko auf sich, Erwartungen aufzubauen, denen die Drehbuch verantwortlichen Personen zum Filmfinale hin nicht zufriedenstellend entgegenkommen. Riskiert hat POLICE PYTHON 357 mit seiner Länge dementsprechend auch sehr viel, doch brilliert er mit den waghalsigen Steigerungen seines Antihelden und bringt mit dem ihm auf die Pelle rückenden Erwartungsdruck, im überhaupt nicht großspurigen Finale, seine letzten Reserven ins Spiel, wenn er seiner Hauptfigur Marc Ferrot endlich die Anwendung seiner exzellenten Schießfähigkeiten zugesteht, mit denen dieser das Leben eines engagierten Polizeikollegen rettet. Wenngleich POLICE PYTHON 357 seine größten Konzentrationsmomente in die Innenatmosphäre von Marc Ferrot verwendet, der übrigens fantastisch und superfantastisch von Yves Montand verkörpert wird, inszeniert der Filme keine Einmannshow mit Dramaturgie fördernden, aber später ausgenutzt ausrangierten Charakteren. Immer wieder blickt der Film nämlich zu Ferrots Gegenspieler, seinem Vorgesetzten und dem wahren Mörder, zeigt Teile des Privatlebens und gibt Auskunft über die Motivation; nebenbei berichtet der Film von den Gewissensbissen des Antagonisten und spult sich gewissermaßen selbst vor, in dem er dokumentiert, welche Pläne der Gegenspieler gegen seinen Arbeitskollegen Ferrot schmiedet. Doch die wahren sensationellen Reize in diesem psychologisch tiefsinnigen und geerdeten Thriller tauchen immer dann auf, wenn die Hauptfigur sich genötigt sieht, seine Affäre mit der getöteten Sylvia zu vertuschen und die polizeilichen Ermittlungen, für die er zuständig ist, zu behindern. Was er sich da alles einfallen lassen muss.

7/10

Freitag, 28. September 2012

Geständnisse

Geständnisse (Kokuhaku)



Japan, 2010
Genre: Drama, Thriller
Regisseur: Tetsuya Nakashima
Sprecher: Takaku Matsu, Yoshino Kimura

Am letzten Tag des Schuljahres erzählt die Lehrerin Moriguchi einer siebten Klasse von ihrer persönlichen Tragödie. Sie verlor ihre Tochter Manami, die von zwei Schülern der Klasse ermordet wurde. Sie offenbart der Klasse auch ihren Teil der Rache: Sie infizierte die Schulmilch der beiden für den Tod ihrer Tochter verantwortlichen Schüler mit dem HIV-positiven Blut ihres Ex-Ehemannes.

Plopp, und tschüss

Kommentar: Rachekino aus dem asiatischen Raum steht oft für Innovation und Frische, nicht selten auch für Härte und Konsequenz. Doch auch wenn für GESTÄNDNISSE jede dieser Zuschreibungen zutrifft, bleibt das Sehvergnügen stark davon abhängig, ob man durchgestylten und ästhetisch aufgepimpten Filmen nicht mit großem Ärger begegnet, wenn sie sich ihrer Erzählung nur aus Interesse für die Optik widmen. Tatsächlich ist es so, dass zwar mit aller Gewalt versucht wird, hübsche und pulsierende Bilder von Zeitlupen und Nahaufnahmen als visuellen Standard des Werks und gleichzeitig als optische Eigenheit zu installieren, doch für die Tiefe der Charaktere oder die Geschichte selbst, sind die Stilmittel so gut wie ohne Bedeutung. Blockbuster für den Kunstfilmfan? Nicht ganz. Eine solche Bezeichnung wäre zu viel des Guten, denn Nakashimas Arbeit zeichnet sich durch ein sehr eindringliches Porträt der modernen Gesellschaft aus, die kalt gegenüber Mitmenschen geworden ist und sich ohne philosophische Motive Fragen über den Wert des Lebens stellt. Mit jedem Geständnis, den ein Charakter im Film ausspricht, gewinnt der Film an Tiefe, bevor er im allerletzten Akt endgültig, und im wahrsten Sinne des Wortes, explodiert. Kabumm.

4/10

Montag, 17. September 2012

Götter der Pest

Götter der Pest



Deutschland, 1970
Genre: Drama
Regisseur: Rainer Werner Fassbinder
Darsteller: Harry Baer, Hanna Schygulla

Franz wird aus dem Gefängnis entlassen und sucht seine Freundin Joanna auf, die er jedoch nicht mehr liebt. Er lernt Margarethe kennen, verlässt Joanna und trifft seinen Freund "Gorilla" wieder, nachdem er und das gesamte Umfeld mitsamt der Polizei einige Zeit nach ihm gesucht haben. Zufällig erfährt die verlassene Joanna von einem Überfall seitens Franz und dem Gorilla auf einen Supermarkt und verpfeift die beiden an die Gesetzeshüter.

Kein Entkommen aus der Düsternis

Kommentar: In welch trauriger, düsterer und desolater Umwelt sich die Protagonisten in Fassbinders Anti-Noir doch bewegen, fast so als wären sie herumkriechende Gespenster, die nach Erlösung schrieen. Der ganze Film wimmelt nur so von schweigsamen Typen, todtraurigen Gestalten, deren Leben in ihrem mikrokosmischen Umfeld einer Verdammnis gleichkommt. Die Nutzung der Motive eines Kriminalfilms bleibt dabei eher eine Maßnahme, die dem Zweck dient, Konflikte auf einfache Art auszulösen, dem Handlungsstoff Leben einzuhauchen, nicht um tatsächliche Spannung oder Unberechenbarkeiten von außen auf spektakuläre Weise zu präsentieren. Somit findet alles, was den Film vorantreibt, seinen Ursprung bei den Hauptfiguren. Sie sind es, die sich zum Schluss selbst zerstören, aus Unvernunft, aus Liebe, aus Hass, und vielleicht, auch aus Selbsthass. Der grobe S/W-Look rahmt die handelnden Personen in angenehmer Manier ein, macht ihr Schicksal tragischer und die knappen Dialoge unmittelbarer, wodurch eine humane Begegnung fernab vom Verrat der Protagonisten entsteht. Diese einfühlsame Ader verfestigt sich besonders in sehr vielen absurden Szenen, wenn z.B. Franz bei seiner neuen Geliebten eine Platte anhört, von der ein Kindersong mit den abstrusesten Reimen erklingt ("Das Dromedar, das Dromedar brachte zur Verstärkung Kaviar") oder als der brutal ausschauende Gangster namens Gorilla sich ohne den geringsten Grund durch ein Fenster feuchtfröhlich ins Heu wirft.

6/10

The Limits Of Control

The Limits Of Control



USA, 2009
Genre: Drama
Regisseur: Jim Jarmusch
Darsteller: Isaach De Bankole, Tilda Swinton

Ein geheimnisvoller Einzelgänger reist nach Spanien, um einen Auftragsmord auszuführen. Er ist namenlos und hat keine Vorgeschichte. In Cafés und Zügen trifft er auf ebenso geheimnisvolle Personen, die für seine Mission eine wichtige Rolle spielen und ihm in Streichholzschachteln chiffrierte Nachrichten übermitteln.

Realität ist beliebig

Kommentar: Personen kommen, Personen gehen. Streichholzschachteln werden ausgetauscht, Gesichter mit geheimnisvollen Ausdrücken versehen, Fahrten mit Zügen durchgemacht, aus deren Fenstern pittoreske Landschaften vorbeilaufen. Im Zentrum der kaum vorhandenen Story steht ein schweigsamer Einzelgänger, ein meditierender Auftragskiller, ohne Namen und Vorgeschichte, so emotionslos schauend, dass man sich zwangsläufig fragt, ob er jemals in seinem Leben außerhalb des Kellers gelacht hätte. Was der amerikanische Regisseur Jim Jarmusch in diesem Film in meinen Augen präsentiert, ist eine unheimlich eigenwillige Reflexion auf das Machen wie auch das Rezipieren von Kunst, speziell sicherlich auch eine Reise zum Kino selbst uns zur Aufgabe der Filmemacher. Wie man ein Kunstwerk produziert und wie man dieses schließlich aufnimmt, ist eine Sache der Wahrnehmung, und auch der Vorstellungskraft, was gerade bei diesem Film auf Publikumsseite ins Extreme geht, da man sich viele Hintergründe selbst konstruieren kann und verschiedene Deutungsmöglichkeiten zur Prämisse gehören. THE LIMITS OF CONTROL ist kein normaler Streifen, kein Unterhaltungs- oder Problemfilm, der um jeden Preis reüssieren möchte. Es ist eine fast zwei Stunden laufende Hypnosemaschine zum Quadrat, von der man sich entweder betören lässt oder nicht.

9/10

Down By Law

Down By Law



USA, 1988
Genre: Drama
Regisseur: Jim Jarmusch
Darsteller: Tom Waits, John Lurie

Zack ist ein Discjockey und muss irrtümlich wegen Mordes seine Haft absitzen; sein Gefängniszellenpartner Jack war im freien Leben ein Zuhälter und wird beschuldigt, Kinderprostitution betrieben zu haben. Beide wurden unabhängig voneinander ausgetrickst und sind eigentlich unschuldig. Doch von einem Zusammenhalt aufgrund ähnlicher Schicksale ist bei beiden keine Spur, denn sie hassen sich auf Anhieb. Die Stimmung in der Zelle kocht - bis der in englischen Brocken sprechende Italiener Bob ihnen Gesellschaft leistet und später von einem Fluchtweg erzählt.

Eine Odyssee

Kommentar: Zuerst sehen wir die Vorgeschichten der beiden später zu Unrecht im Gefängnis sitzenden Männern. In der Exposition von Zack, dem Discjockey, der trinkend auf einer Stadtbank sitzt und gerade von einer Freundin verlassen wurde, platzt der mit knappem englischen Wortschatz ausgestattete Italiener Roberto, später nur "Bob" genannt, und stellt schon mal seine extreme Verschrobenheit vor, seine Naivität und seinen sympathischen Spleen, die man im späteren Verlauf nur zu gern lieben lernt. Was wäre der Film überhaupt ohne den Typ Roberto, oder besser gesagt ohne den Schauspieler Roberto Benigni? Mit ihm steht und fällt DOWN BY LAW, Jarmuschs exzentrische Arbeit über drei Männer, von denen zwei erst das Gesetz übertreten, nachdem sie im Knast saßen. Viele der Einstellungen sind auffällig lang, wobei die Kamera eine immer gute Position einnimmt, sei es in einer kleinen Gefängniszelle oder in einem Waldgebiet in Louisiana. Von dem Radau anderer Ausbruchsstreifen hat DOWN BY LAW herzlich wenig und von Spannung kann man ebenso kaum sprechen, sodass man den Film eher als ein abenteuerliches Charakterexperiment mit komödiantischem Einschlag lesen sollte. Viele Szenen und Sequenzen sind wirklich unvergesslich, allen voran natürlich die "I scream, you scream, we all scream for ice cream"-Gesangsnummer, die den Charakter von Roberto und seinen Einfluss auf seine sich hassenden Zellenkollegen Zack und Jack auf den Punkt bringt.

7/10

Die Insel der Ungeheuer

Die Insel der Ungeheuer (The Food of the Gods)


USA, 1976
Genre: Horror (Trash)
Regisseur: Bert I. Gordon
Darsteller: Marjoe Gortner, Pamela Franklin

Auf einer Insel hat das Ehepaar Skinner in der Nähe ihres Hauses eine Quelle von einer seltsamen Flüssigkeit entdeckt und die Idee gehabt, diese mit dem Tierfutter zu vermischen, um es an die Hühner zu verfüttern. Nun ist das Chaos ausgebrochen, denn die Hühner sind riesengroß geworden, und nicht nur die, sondern auch Wespen und Ratten, die Jagd auf Menschen machen.

Konfuser Horrorfilm mit pseudo-kritischer Haltung

Kommentar: Er gehört ohne Zweifel zu den Dauerbrennern der Gurkenfilme. DIE INSEL DER UNGEHEUER versprüht eine so dermaßen verbissene Ernsthaftigkeit, dass für dieses Werk selbst mit größeren finanziellen Mitteln und mehr künstlerischem Talent kein Ergebnis in Sicht wäre, welches man mit gutem Gewissen auf seine non-cineastischen Kumpels loslassen könnte. Weil es zig Gründe dafür gibt, ist es selbstverständlich, nur die gravierendsten rauszusuchen. Erst einmal sei gesagt, dass der schlechte Geschmack in wirklich jeder Phase des Films Einzug hält, statt zu verschonen und so etwas wie Mitleid zu haben. Dass abgrundtief schlechte Effekte ein knappes Produktionsbudget ausweisen, dürfte jedem klar sein, doch kurioserweise existieren in FOOD OF THE GODS tatsächlich auch viele Tiere in Übergröße, deren Aussehen keine Lacher nach sich ziehen. Anscheinend konnten die Macher die Riesenratten so real wie möglich ausschauen lassen, indem sie Aufnahmen von Ratten nahmen, diese vergrößerten und ins Filmbild reinkopierten. Das schaut für das Jahr 1976 vielleicht selten gut aus, hebt sich aber beispielsweise von transparenten, vollkommen lachhaften gigantischen Mücken deutlich ab. Des Weiteren sind alle Figuren Abziehbilder bestimmter Charaktertypen aus vielen Jahrzehnten Film, was aufgrund der schlechten Schauspieler kaum auffallen würde, wenn es nicht den dümmlichen Mr. Skinnr gäbe, der den Typus des "Für-eine-Extraportion-Geld-verkauf-ich-auch-meine-Oma"-Geschäftsmannes bis zum Erbrechen imitiert, wobei er über das Niveau einer Schulaufführung nie hinauskommt und zu einer Karikatur des opportunistischen Businesstypen verkommt. Seine krankhafte Ernsthaftigkeit zelebriert DIE INSEL DER UNGEHEUER dann, wenn er im Schlussmoment sein Sujet für eine im Kontext des Films lächerliche Gesellschaftskritik nutzt und die Gefährlichkeit von Genmutation aufzeigt. Ja, er tut es tatsächlich. Dieses Aufklärungsmovie für alle Gewinnoptimierungsknallköpfe.

6/10

Das Lied der Sperlinge

Das Lied der Sperlinge (Avaze gonjeshk-ha)



Iran, 2008
Genre: Drama
Regisseur: Majid Majidi
Darsteller: Reza Naji, Maryam Akbari

Familienvater Karim verdient sein Geld auf einer Straußenfarm. Doch innerhalb kürzester Zeit ereignen sich zwei Ereignisse, die dem routinierten Arbeiter und seiner Familie große finanzielle Schwierigkeiten bereiten. Einmal ist es seine Tochter, die versehentlich ihr Hörgerät kaputtmacht, für den anderen folgenschweren Vorfall ist der Mann selbst verantwortlich: Auf dem Hof entwischt ihm ein Strauß, am nächsten Tag feuert man ihn.

Tragikomödie über die Entdeckung wahrer Werte

Kommentar: Ein dreckiger und staubiger, aber nichtsdestotrotz poetischer Streifen aus dem Iran, welches bei der Darstellung des ärmlichen Lebens sich jede Bilderbuchpräsentation verkneift und mit prägnanten Sequenzen Charakterisierungen auf den Punkt bringt. Trotz aller übertriebenen Konstruktionen im Drehbuch verrät sich der Film zum Glück nie als sentimentales, um große Emotionen bettelndes Stück Abendunterhaltung. Vielmehr bleibt die Empathie zu allen relevanten Charakteren stets dezent, woran zwei Ursachen ihre Finger im Spiel haben könnten. Der erste Grund ist der, dass einerseits der Film außer für Familienvater Karim keiner anderen Person im Film einen Raum für Entfaltung bietet und dass andererseits Karim seine finanziellen sowie pädagogischen Anstrengungen für uns eher aus der Distanz ergreift. Die zweite Ursache begründet sich wohl im Mangel an scharfen Konflikten, was nicht falsch verstanden werden soll, denn Gegensätzlichkeiten und Spannungen sieht man in DAS LIED DER SPERLINGE zuhauf. Schlussendlich kann man sagen, der Remix aus dezenter und leiser Empathie mit der Vermeidung dramaturgischer Taschenspielernummern führt zu einem exquisiten Ergebnis eines Porträts über einen Vater, der sich noch nicht ganz mit seinem gesellschaftlichen Schicksal abgefunden hat, während er die kindliche Wahrnehmung der Nachbarskinder inklusive seines Sohnes über ihre Lebensrealitäten für absurd hält, diese später jedoch begreifen kann.

6/10

Freitag, 14. September 2012

Tenebrae

Tenebrae



Italien, 1982
Genre: Thriller, Horror,
Regisseur: Dario Argento
Darsteller: Anthony Franciosa, Christian Borromeo

Der amerikanische Schriftsteller Peter Neil vermarktet seinen neuen Kriminalroman in Rom und erfährt durch einen Polizisten von einer Mordserie, die sich auf seinen Roman bezieht. Laut der Polizei stellt der Killer die Morde aus dem Buch nach, indem er jungen Frauen die Kehle mit einem Rasiermesser aufschlitzt. Doch Peter Neil hat einen Verdächtigen im Kopf und geht der Spur in seinen eigenen Untersuchungen nach.

Mordgeile Kamera mit dem Hunger auf Blut

Kommentar: Wenn jemand im früheren Genrekino aus semi-aufregendem Stoff etwas Taugliches machen konnte, dann sicherlich Dario Argento, einer der markantesten Vertreter des italienischen Krimithrillers und Horrorfilms. Mit dem Sinn für das Optische und der Leidenschaft für das Akustische stellte er auch "Tenebrae" zusammen, einen bösen Schlitzerfilm, der in erster Linie mit gewaltästhetisierenden Sequenzen aufzufallen weiß. Das führt automatisch jedoch nicht zum Ergebnis, dass Argento in herkömmlichen Szenen ohne Morde, nicht ebenfalls einen fachmännischen Instinkt für das Ästhetische ausweist. Da ist zum Beispiel der mehrere Minuten dauernde Abschnitt mit dem gefährlichen Hund, der eigentlich aus dem nichts kommt, und sich bis zum Ableben der in der Situation befindenden Figur als eine audiovisuelle Wucht herauskristallisiert, die wahrlich seinesgleichen sucht - der Mord im Anschluss stellt nichts weiter als eine dem Kontext angepasste Hinzufügung dar. TENEBRAE vermittelt überraschenderweise sogar so etwas wie eine Message in puncto Medienrezeption: In Whodunit-Kriminalfilmen (bzw. -romanen) sollte man immer auch den Blick auf die Person behalten, die am wenigsten für Gewaltverbrechen in Frage kommt.

5/10

Zeit der Fische

Zeit der Fische



Deutschland, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Heiko Aufdermauer
Darsteller: Janusz Kocaj, Kim Schnitzer

Der 19-jährige Robert lebt mit seiner Mutter in Halle-Neustadt. In der Stadt herrscht große Arbeitslosigkeit, weshalb es für Robert nur wenige passende Angebote gibt. Der Hobbymusiker, der Punkrock spielt, ist aber auch sonst keiner, der sich an ein normal geregeltes Leben anpassen möchte. Die gleichaltrige Jana lernt er zufällig kennen, als sie von einigen Jungs aus der Nachbarschaft gehänselt wird. Mit ihr freundet er sich an und lernt ihren Bruder Clemens kennen. Dass Bruder und Schwester in einem verlassenen Schulgebäude hausen, von Zuhause abgehauen sind und möglicherweise die Polizei hinter ihnen her ist, verschlägt Robert die Sprache.

Neuanfang, jetzt!

Kommentar: Ein Film der Bindungen und Privatheiten in der Zeit der Besorgnis erregenden Trübseligkeit. Wenn der anpassungsunwillige Robert und seine Mutter Hand in Hand zu russischer Musik tanzen, wenn Jana und Clemens, die Geschwister, ein gemeinsames Bad nehmen, ist es ausdrucksstark da, das Motiv Beziehung im Zusammenhang des eisernen Zusammenhalts. Allerdings drohen diese Stützen für die betroffenen Personen wegzubrechen; sie sollen dem Strom der Zeit zum Opfer fallen. Robert will mit Jana aus der hoffnungslosen Stadt raus, irgendwohin, wo das Wort Zukunft noch ein Leben in sich trägt. Kann Jana aber einfach so ihren verzweifelten Bruder Clemens Stich lassen? Und was ist mit der Mutter von Robert, die ihrem Sohn problemlos die Handgreiflichkeiten in einer stürmischen Auseinandersetzung verzeiht? Robert will neu anfangen, darum geht's. Inmitten all der ästhetisch eingefangenen Plattenbau-Panoramen, schafft der Film einen poetischen Pessimismus, der unverkrampft mit Hoffnung, Leichtsinn und Verlustangst jongliert und sich unter anderem auch deshalb nie als billige aus Elendsfilmen bekannte Assoziationstaktik entpuppt, nach der ein Stereotyp an das nächste gehängt wird.

5/10

Die fabelhafte Welt der Amélie

Die fabelhafte Welt der Amélie (Le fabuleux destin d’Amélie Poulain)



Franreich/Deutschland, 2001
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Jean-Pierre Jeunet
Darsteller: Audrey Tautou, Mathieu Kassovitz

Die introvertierte Amélie Poulain verdient ihr Geld als Kellnerin in einem kleinen Pariser Café, während sie ihre Freizeit mit den banalsten Tätigkeiten verbringt, wie z.B. dem Publikum im Kino beim Zuschauen zuzugucken oder kleine Steine über einen Kanal springen zu lassen. Eines Tages entdeckt sie in ihrer Wohnung eine kleine Box aus den 50er Jahren, die ursprünglich einem kleinen Jungen gehören musste. Überraschenderweise kann sie diesen sogar ausfindig machen. Als sie dem jetzt älteren Mann die Box auf anonyme Weise zukommen lässt und sieht, wie glücklich dieser darüber wird, beschließt sie, anderen Menschen in ihrer Umgebung ähnlich zu helfen.

Fabel-hafte Welt

Kommentar: Wie eine Actionkino-Version einer melancholischen Komödie. Das optisch aufregende Kino von Jeunet kennt keinen Stillstand, sondert spurtet von einem fabelhaft visualisierten Moment zum nächsten. Das macht summa summarum zwei Stunden Schnellerzählstil in blumig-romantischer Form - und man hat nicht selten das Feeling, alles läuft nach Takt, im Rhythmus des Gedankens, dass alles Schöne und Perfekte zum Schluss ein perfektes Produkt abgibt. Die unentschuldbare Schwäche von DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE darf man natürlich nicht bei den wunderbaren Charakteren suchen, die die sympathischen Außenseiter abgeben und mit persönlichen Schicksalen ausgestattet wurden, denen man gerne mit Empathie begegnet. Mit dem Argument, dass die Welt in diesem Film viel zu aufpoliert ausschaut oder der Mikrokosmos ein kitschig inszeniertes Märchenland abgibt, kann man auch schwer ins Feld ziehen, da im Zentrum der Handlung eine eigenwillige, verschrobene Gestalt steht, die ihre Umgebung etwas anders als die Mehrheit der Menschenbevölkerung wahrnimmt - somit dient diese synthetische Welt nur der Identifikation mit Amélie. Das Problem von diesem Film, wie auch von anderen Filmen ähnlicher Machart, ist ihre Offbeat-Natur. Spätestens nach der Hälfte läuft der Stil voraus, wird zum ruhmreichen Darbieter audiovisueller Ausschweifungen, während der Inhalt entweder trivial bleibt oder noch trivialer wird.

4/10

Mittwoch, 12. September 2012

Das Gesicht

Das Gesicht (Ansiktet)



Schweden, 1958
Genre: Drama
Regisseur: Ingmar Bergman
Darsteller: Max von Sydow, Bibi Andersson

Mitte des 19. Jahrhunderts: Eine Gruppe von Gauklern fährt zu einem Treffen zum Haus des Konsuls Egerman, der mit Naturwissenschaftler Dr. Vergerus die spaßige Wette abgeschlossen hat, dass übernatürliche Kräfte wahrhaft existieren. Nach der Ankunft wird die Gruppe rund um den Starmagier Dr. Vogler in einer Diskussion aufgefordert, ihre magischen Fähigkeiten zu präsentieren, da man sich ansonsten in der Pflicht sieht, die Polizei wegen Betrugs einzuschalten.

Lasst die Magie weiterleben

Kommentar: Die Unheimlichkeit und Rätselhaftigkeit bahnt sich rasend an und wird ab den Anfangscredits in den ersten Sekunden mit düsterer, minimalistischer Trommelmusik etabliert. Viele Male nutzt Bergman diese musikalische Beschwörung der Finsternis für seine an vielen Stellen knappen und subtilen Inszenierung, wobei sich die geisterhaften Klänge weder mit Wichtigtuerei in den Mittelpunkt werfen noch mit einer fehlplatzierten Lebhaftigkeit. Die Klänge sind keine Ergänzung in der Definition des atmosphärischen Klimas, sie sind die gesamte Atmosphäre - auch wenn man nichts von ihnen hört! Als spiele ein ständig anwesendes Gespenst diese unheimliche Musik, die man gar nicht akustisch wahrnehmen muss, um ihr Dasein zu spüren. Was dieses unheimliche Dasein meisterhaft verdichtet ist der Kampf Rationalismus und Wissenschaft gegen Übernatürlichkeit und den Glauben an das Übernatürliche. Zentralgestalt Dr. Vogler, Entwickler des "animalischen Magnetismus", soll unter anderem Visionen vor dem Gesicht eines Fremden evozieren können, wofür er natürlich von der aufgeklärten und feinen Gesellschaft verspottet wird. Doch wie die Ungläubigen stürzt der geheimnisvolle Magier und seine Gefolgschaft die Filmschauenden ebenfalls in die Verwirrung, da gerade sie bei einzelnen Sequenzen nicht sicher sind, ob in der konstruierten Filmwirklichkeit Magie oder nur billige Tricks zur Anwendung kamen. DAS GESICHT ist vor allen Dingen rätselhaft. Selbst das Happy End erscheint wie ein zufälliger Schluss. Aber vielleicht ist das auch nur ein Verweis darauf, dass es immer Leute geben wird, die an Magie glauben und die Faszination am Übernatürlichen durch die Wissenschaft nicht ausrottbar ist.

7/10

2000 Maniacs

2000 Maniacs (Two Thousand Maniacs)



USA, 1964
Genre: Horror, Komödie (Trash)
Regisseur: Herschell Gordon Lewis
Darsteller: William Kerwin, Connie Mason

Sechs Touristen verschlägt es auf einer Durchreise in das Südstaatenstädtchen Pleasentville, wo gerade Vorbereitungen für eine große Feier stattfinden. Der Bürgermeister der kleinen Stadt schafft es die Touristen zu überreden, in der Stadt zu bleiben und das Fest mitzufeiern. Was die sechs Durchreisenden nicht ahnen: Sie sind nicht zufällig in der Stadt und die nett erscheinenden Bewohner haben Böses mit ihnen vor.

The South's gonna rise again

Kommentar: Backwood-Gemetzel plus Backwood-Blues mal die dritte Wurzel aus makabrem Humor ergibt natürlich, wie jedes Kind weiß, 2000 MANIACS, das lustig spaßige Abenteuer, bei dem gar nicht mal so sehr viel Blut spritzt, als man es vom früheren als auch späteren Herschell Gordon Lewis gewohnt ist. Für diesen Umstand interessiert man sich jedoch sowieso nur am Rande, schließlich stehen die kreativen Tötungsszenen im Mittelpunkt, und die werden von einer fanatischen Zuschauerschaft bejubelt! In diesen vielen memorablen Phasen verweist der Film auch unfreiwillig auf den gewaltgeilen Horrorfilmgucker, dem für Tötungen im Film jegliche Empathiegedanken abhandengekommen sind. Diese Beobachtung verträgt sich natürlich kaum mit der Intention des Gore-Schwergewichts Lewis, doch eine Sequenz, in der man als Zuschauer vor dem Schirm kaum abwarten kann, bis endlich der Riesenstein fällt und die Frau zerquetscht, untermauert diese Feststellung besonders. Inszenatorisch ist der B-Movie-Splatter selbstverständlich im Bereich von Murks, leider ist das eben nur Konsensmurks. Es hätte schon mehr Feindlichkeit gegenüber Dramaturgie und Logik bedurft.

4/10

Die Marquise von O.

Die Marquise von O. (La Marquise d’O…)



Deutschland/Frankreich, 1976
Genre: Drama
Regisseur: Eric Rohmer
Darsteller: Edith Clever, Bruno Ganz

Marquise von O., Tochter eines Kommandanten, wird schwanger, weiß jedoch nicht von wem. Daraufhin verstoßen ihr Vater und ihre Mutter sie aus dem Haus. Die Marquise gibt ein Zeitungsinserat auf, indem sie den Vater des Kindes dazu aufruft, sich bei ihr zu melden.

Wort für Wort

Kommentar: Eine Literaturverfilmung, die "Wort für Wort" dem Original folgt, kann man sich eigentlich kaum reizvoll vorstellen. Bleibt da nicht die künstlerische Leistung des Regisseurs auf der Strecke? Ist eine Bebilderung einer vorformulierten Geschichte eines verstorbenen Schriftstellers nicht etwas unheimlich Triviales? Im Fall von DIE MARQUISE VON O. kann man diese berechtigten Fragen nur mit einem klaren Nein beantworten, was sowohl an der Vorlage von Kleist selbst, als auch an ihrer Übertragung ins Medium Film liegt. Zuerst einmal handelt es sich bei der Vorlage um eine Novelle, die im Prinzip keine unverfilmbaren Elemente enthält und für den Durchschnittsleser in einer Zeit zu meistern ist, der der durchschnittlichen Länge eines Spielfilms entspricht. Was aber speziell für Rohmers Arbeit spricht, ist die Überführung der theaterhaften Sprache der Novelle mithilfe einer stilisierten Inszenierung, die die Originalatmosphäre bei Kleist in den Film von Rohmer transferiert. Und: Las sich die Geschichte um Emanzipation, Ehre und Moral im kleistschen Buchstabenkosmos noch beinahe wie aufregende Spannungsliteratur, radiert Regisseur Rohmer diesen Bestandteil durch das Informationssplus der Bilder aus, womit er die Originalatmosphäre der Vorlage neu ausrichtet, die Dramatik herausnimmt, den ironischen Unterton unterstreicht, und stärker für Vernunft sowie Anstand plädiert. Grenzenlos genial, Buch wie Film.

8/10

Aguirre, der Zorn Gottes

Aguirre, der Zorn Gottes



Deutschland, 1972
Genre: Drama, Abenteuer
Regisseur: Werner Herzog
Darsteller: Klaus Kinski, Nicolas Del Negro

Eine spanische Expeditionsgruppe begibt sich im 16. Jahrhundert auf die Suche nach dem sagenumwobenen Land Eldorado. Nachdem man an Land nicht mehr weiterkommt, wird eine Truppe von 40 Mann gebildet, die auf Flößen eine Route ausfindig machen soll. Das Kommando des Entdeckungstrupps hat Don Pedro de Ursúa, sein Stellvertreter ist der fanatische Lope de Aguirre, der die Angst der Männer während der Suche nutzt und den Kommandoführer Ursúa stürzt. Dieser wird in Ketten gelegt, ein Brief an den spanischen König aufgesetzt, in dem sich die Meuterer von Spanien lossagen, und Don Fernando de Guzmán zum "Kaiser von Eldorado" erklärt, der die Expedition anführen soll.

Der vergewaltigte Zorn

Kommentar: Nehmen wir an, dass im realen Leben vor einigen Jahrhunderten wirklich gottesgläubige Abenteurer eine wie im Film anstrengende und zermürbende Eroberungsreise in den Dschungel unternahmen, mit einem wahnsinnig gewordenen Anführer an der Spitze, der meinte, die Erde bebe vor ihm, weil er der Zorn Gottes sei, dann sah es vielleicht nicht sehr viel anders aus, wie in diesem Film von Werner Herzog, seiner ersten Zusammenarbeit mit Klaus Kinski. Die Gründe für diese (natürlich) trügerische und einfältige Überlegung liegen auf der Hand. Der Film ist extrem nüchtern inszeniert, die Regeln der konventionellen Dramaturgie finden keine Anwendung und das Werk driftet schließlich nie in die Unglaubwürdigkeit ab. Kurzum: ein dokumentaristischer Stil, der das Fiktionale mit seinen dauernden Aufnahmen vom Dschungel fast übertönt. Ach, der Dschungel! Die mit imperialistischen Gedanken in den amazonischen Urwald Eingedrungenen lernen die Natur von ihrer unbarmherzigsten Seite kennen und scheitern schließlich an dem Unvermögen zu akzeptieren, dass der menschliche Intellekt und die Kraft nicht ausreichen, um gewaltiger als der Dschungel zu sein. Während sich die Natur also halb totlachend über die Naivität der Eroberer amüsiert, ernennt sich Anführer Aguirre, gespielt von Klaus Kinski, in einem denkwürdigen Monolog zum Zorn Gottes, dem dieser Status als Mittel gegen die erbarmungslosen Angriffe seitens der Natur helfen soll. Dabei wirkt Aguirre, als wäre sein Gehirn von eben dieser Natur längst vergewaltigt.

5/10

Dienstag, 11. September 2012

Blaue Bohnen für ein Halleluja

Blaue Bohnen für ein Halleluja (Little Rita nel west)



Italien, 1967
Genre: Western, Komödie, Musical
Regisseur: Fernando Baldi
Darsteller: Rita Pavone, Terence Hill

Eine Gruppe von Gesetzlosen überfällt eine Postkutsche und raubt das Gold, das mit dem Wagen transportiert wurde. Doch die freche Pistolenheldin Big Little Jane durchkreuzt die Pläne der Bande und nimmt den Goldschatz an sich, den sie mithilfe eines indianischen Häuptlings entsorgen will, damit die Menschen von den Lastern der Gier befreit werden. Um alles Gold in der Umgebung verschwinden zu lassen, muss sie noch zwei Banditen aufsuchen und ihnen die Münzen aus wertvollem Edelmettal abknöpfen.

Western-Klamotte mit Schunkelfaktor

Kommentar: Diese Western-Persiflage ist eine Aneinanderreihung klamaukiger Nummern, denen vor allem der Sinn für das Ganze fehlt. Die Mischung aus Western, Komödie, Musical und Satire steigert zwar das Interesse am Film, weil sie nicht unoriginell daher kommt, aber die wie zufällig platzierten Elemente in der Handlung zeugen nicht gerade von großen künstlerischen Ambitionen. Wenngleich musikalische Einschübe von poppigem Geträller bis zu gefühlvollen Balladen kein kleines Repertoire von Stimmungen auffahren, bleiben sie allesamt fremdkörperartige Passagen und Zeitfüller zum Unwohle des Publikums, das Seichtheiten ablehnt. Wenn BLAUE BOHNEN FÜR EIN HALLELUJA das Western-Genre veralbert, dann hat es schon seine weitaus bessere Momente. Die unübersehbare Veralberung geschieht in erster Linie durch eine Umwertung der klassischen Hauptfigur: Rita Pavone, spielt die Revolverheldin Big Little Jane, ist der Inbegriff einer furchterregenden Gestalt. Von kleiner, schmaler Körperstatur und mit zarten Gesichtszügen ausgestattet, schickt sie einen goldgierigen Bösewicht nach dem anderen ins Jenseits. Wenn es einmal nicht mit einem handelsüblichen Revolver klappen sollte, nimmt sie sich einfach eine goldene Granate mit Feindentfernung-Einstellungsmechanismus. Warum auch nicht. Neben visuellen Verweisen aufgroße Klassiker des Genres nimmt sich der Film diverse Titel auch in markigen Sprüchen vor. Und ansonsten? Naja, die üblichen Filmklischees. Blitzschnelle Coltzieher, Saloonweiber und Klavierklimperer.

3/10

Freitag, 7. September 2012

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs (Mujeres al borde de un ataque de nervios)



Spanien, 1988
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Pedro Almodovar
Darsteller: Carmen Maura, Fernando Guillen

Fernsehschauspielerin und Synchronsprecherin Pepa wird von ihrem Geliebten Ivan verlassen. Dieser bricht mit einer Rede auf dem Anrufbeantworter ihre gemeinsame Beziehung. Pepa versucht ihren Mann zu erreichen, doch ihre Versuche bleiben immer erfolglos. Daraufhin wird sie von Panik und Hysterie überrollt und entschließt sich die gemeinsame Wohnung zur Vermietung auszuschreiben. Als die Wohnungsinteressenten sich bei ihr einfinden und ihre Freundin Candela von einer Beziehungsgeschichte mit Terroristen erzählt, verkompliziert sich Pepas Situation um ein Vielfaches.

Wenn Filmfiguren hyperventilieren

Kommentar: Almodovars ironisch-feinsinnige Beobachtung weiblicher Verrücktheit, die im Zuge einer Entnervung über die Männerwelt ihren Höhepunkt in einem Mordgedanken findet, spült mit einer Lawine bunter und schillernder Bilder die Vernünftigkeit des Plots in das Unvermittelbare, bis alles nur noch eine gewaltige Farce ist. FRAUEN AM RANDE DES NERVENZUSAMMENBRUCHS ist typisches Kino der Skurrilitäten, in dem Protagonisten und Zuschauer in der Hinsicht verschmelzen, dass sie ständig von neuen und vor allem kaum ausdenkbaren Überraschungen erfasst werden. Frauentrubel ist irgendwie in beinah jeder Einstellung, während die männlichen Homo sapiens nur eine Randnotiz bilden oder eine Fußnote oder einen Punkt hinter irgendeinem beliebigen Satz. Die flotte Inszenierung leistet der Drolligkeit der Erzählung gewiss Vorschub, indes die spritzigen Dialoge sowie die hollywoodeske Bildsprache, Bezug nehmend auf die amerikanischen Komödien der 50er und 60er Jahre, das Durcheinander der Emotionen in Gang setzen.

5/10

Diese Nacht

Diese Nacht (Nuit de chien)



Frankreich/Deutschland/Portugal, 2008
Genre: Drama, Thriller
Regisseur: Werner Schroeter
Darsteller: Pascal Greggory, Bruno Todeschini

Ossorio kehrt in die Stadt Santa Maria zurück. Er ist der Held einer gescheiterten Widerstandsbewegung und sucht seine Frau Klara, die anscheinend ohne jede Spur verschwunden ist. Mit ihr möchte er gemeinsam aus der Stadt fliehen, die von der Geheimpolizei und skrupellosen Milizen dominiert wird. Leider gestaltet sich die Suche nach Klara erfolglos und er verliert sich in der Nacht, nach der der Untergang bevorsteht.

Diese Nacht wird die letzte sein

Kommentar: Gewalt und Verrohung, innerstädtische Machtkämpfe, eine fiktive Stadt befindet sich in Schroeters bildgewaltigen Drama in Auflösung und zählt ihre letzten Stunden. Es vermischen sich absurde und grausame Szenen mit eigenartigem, kaltem Humor, und niemand wundert sich darüber. Vielleicht fehlt den Personen der Sinn für das Kafkaeske, weil sie sich im Angesicht mit dem Tod befinden und somit der Dramaturgie des Überlebenskampfs schon entsagt haben. Aber wahrscheinlich führen gedankliche Spiele über Vernunft und Unvernunft in einem solchen Ausnahmezustand nur zur Erkenntnis, dass menschliche Leidens- und Todesdramen dieses Ausmaßes sich der Plausibilität entziehen, dem Außenstehenden also weder einen emotionalen noch einen geistigen Zugang ermöglichen können. Und das hieße, dass alle anderen Filme mit ähnlichen Situationen die Menschen täuschen, weil sie ihnen naive Konstrukte anbieten, wo alles schnell und einfach zu begreifen ist. Es könnte aber auch sein, dass NUIT DE CHIEN den feuchten Traum des klassischen Bildungsbürgers vorstellt. So wie hier auf den Einsatz von Opernmusik beharrt und sich um opulente Bilder bemüht wird, nähren viele kritische Stimmen den in diesem Fall selbstverständlichen Diskurs über Inhalt und Form. Es läuft letztlich doch immer auf das subjektive Verstehen und Erfahren hinaus. Für mich blieb der Film den Beweis schuldig, dass er mehr als nur die Summe seiner einzelnen Elemente ist.

4/10

Ponyo

Ponyo (Gake no Ue no Ponyo)



Japan, 2008
Genre: Komödie, Familienfilm (Zeichentrick)
Regisseur: Hayao Miyazaki
Sprecher: Yuria Nara, Hiroki Doi

Der fünf Jahre alte Sosuke findet am Meer einen Goldfisch im Marmeladenglas und nimmt seine Entdeckung mit nach Hause. Sosuke gibt dem Goldfisch den Namen Ponyo und findet heraus, dass der Goldfisch sprechen kann und ihn gern hat. Doch Sosuke kann sich nicht lange am Glück der neuen Freundschaft erfreuen, da der Vater von Ponyo seine Tochter zurück ins Wasser holt. Ponyo begehrt jedoch auf, verwandelt sich in ein menschliches Mädchen und verlässt mithilfe ihrer Unzahl von Schwestern das väterliche Reich.

Ein Goldfisch, der die Welt auf den Kopf stellt

Kommentar: Ein kleiner Goldfisch in Gestalt eines kleinen Mädchens enthebt unfreiwillig die Gesetze der Erde von ihrer Gültigkeit, was zufolge chaotische Zustände mit sich bringt. Daraus leitet sich die Dramatik des zweiten Teils des Films ab und begünstigt für die Hauptprotagonisten jene wichtigen Passagen, die sie noch fester zusammenschweißen lassen. Aus dem Reich der Fantasie konnte Miyazaki wieder einmal einiges in das Filmformat überführen, was sich speziell natürlich in der bizarr anmutenden Unterwasserwelt offenbart oder in den tollen Farbkombinationen, die er für seine Bilder wählte, ersichtlich wird. Aber auch andere geistreiche Einfälle sorgen entweder für Spaß oder Kurzweil, wovon das wiederholende Wasserspeien des Goldfisches und die Auto rasende Mutter im Anfangsteil zu meinen Favoriten zählen. Des Weiteren gibt der gegen die väterliche Autoritätsperson rebellierende Goldfisch mit seiner ungestümen Art der Handlung etwas Träumerisches und Kindlich-Naives, indes sein Aussehen Rührung und kaum kontrollierbare "Ach, wie Süß"-Gefühle provoziert. Weniger berührend ist dagegen der fehlende Einklang zwischen der Einfachheit der Story und der Hereinnahme von zu vielen Handlungselementen.

4/10

Rashomon

Rashomon (Rashōmon)


Japan, 1951
Genre: Drama
Regisseur: Akira Kurosawa
Darsteller: Toshiro Mifune, Machiko Kyo  

Mitte des 12. Jahrhunderts in Japan: Ein Mönch und ein Holzfäller rätseln gemeinsam über eine Geschichte. Ein Bürger tritt hinzu, der sich die Geschichte in drei verschiedenen Fassungen erzählen lässt. Nachdem alle drei Versionen gehört wurden, macht sich im Mönch der Pessimismus hinsichtlich der menschlichen Natur breit, der Bürger findet sich in seinem längst abgeschlossenen Urteil über das Böse im Menschen bestätigt und der Holzfäller verrät den beiden anderen, dass er noch eine vierte Version zu erzählen hat.    

Menschen sind böse, aber...

Kommentar: Der gesellschaftspessimistische Film von Kurosawa setzt hinter die Behauptung, dass Menschen schlecht und egoistisch sind, ein Fragezeichen und geht diesem Thema sowie weiteren interessanten Themen und Problemstellungen, auf den Grund. Ein einsames Waldstück nimmt dabei den Hauptort eines Verbrechens ein und wird zum Sinnbild des Kulturlosen, dort wo sich niedere Instinkte aus dem Inneren am allerbesten in äußere Wildheit umwandeln lassen. Das Verbrechen wird aus den Erinnerungen eines Holzfällers erzählt, die selber auf den Erinnerungen der drei Figuren des gewalttätigen Aktes basieren. In dieser minimalen Verschachtelung applizierten die Macher des Werks einen cleveren Effekt, in dem sie nicht nur mit Rückblenden am Ort des Geschehens, sondern auch mit den Rückblenden zum Zeitpunkt der Aussagen arbeiteten. Der letzte Punkt findet vor einer Art Gericht statt, wobei die Kamera statisch bleibt und konzentriert auf die Aussagenden blickt. Aus dieser Perspektive kann der Zuschauer gar nicht anders, als den richterlichen Blick auf die Figuren und ihre Lügengebilde zu werfen. Spätestens bei der Aussage eines Toten überschreitet Kurosawas gesunder Pessimismus seinen neuralgischen Punkt. Doch Kurosawa wäre wohl kein fantastischer Regiekünstler, wenn er zum Schluss keine menschliche, Hoffnung machende Geste anbieten und stattdessen auf dem einfallslosen, spekulativen Pfad negativer Zukunftsbilder reiten würde. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass zu diesem Film ein Haufen weiterer Interpretationen existieren, die wissenschaftlich bedeutender sind.

8/10

Mittwoch, 5. September 2012

7 Jungfrauen

7 Jungfrauen (7 Virgenes)



Spanien, 2005
Genre: Drama
Regisseur: Alberto Rodríguez
Darsteller: Juan Joé Ballesta, Jesús Carroza

Tano ist 16 Jahre und sitzt in einer Besserungsanstalt. Doch für die Hochzeit seines Bruders darf er für 48 Stunden in die Freiheit treten. Doch statt Zurückhaltung zu üben, fängt er nicht unweit davon an, wo er in den letzten Tagen vor der Anstaltsverwahrung wohl aufgehört hat: Partyexzesse, Diebestouren mit seinem besten Kumpel Richi und aufregendes Bettenturnen mit seiner Freundin Petri. Bis ihm klar wird, wie leer sein Leben eigentlich wirklich ist.

Sozial engagierter Film in flirrender Optik

Kommentar: Aus der Ecke stereotypisierend inszenierter Sozialdramen kommt der Film von Regisseur Rodríguez nicht. Er schiebt Sentimentalitäten und plakative Aussagen gekonnt beiseite, dringt in das Umfeld einer sich immer weiter selbstzerstörenden Kultur ein und zeichnet ein komplexes Bild der moralisch degenerierten Jugend am Stadtrand in Andalusien. Diebstähle und Auseinandersetzungen zwischen Gangs sind an der Tagesordnung, das Machotum regiert. Die Hauptfigur Tano ist kein Held, fühlt sich aber so. Seine zwei Tage in Freiheit werden für ihn schließlich zu einem Prozess der Bewusstwerdung, was jedoch nicht gleichbedeutend mit der Besserung seiner sittlichen Standards ist. So leicht macht es Alberto Rodríguez dann doch nicht. Stattdessen fördert die Ambiguität der Hauptfigur Variablen in der Psychologie zutage, deren Auflösung irgendwann nicht mehr im Bereich des Möglichen scheint. Wer nimmt sich am Ende das Recht zu sagen, was für den jungen Mann richtig und was für ihn falsch ist? Des Weiteren bleiben die Polaritäten mehrerer sich abgrenzender Welten in dem Gemisch aus greller Handkamera-Optik und spanischen Rhythmen nur angedeutet, was den pessimistischen Neigungen des Sujets den Wind aus den Segeln nimmt. Dies mag sich vielleicht negativ lesen, doch der Punkt mit der fehlenden Düsternis und dem Pessimismus hat durch die Tatsache, dass der Film eine überdramatisierende Form strikt vermeidet, ein starkes Für-Argument auf seiner Seite. Wenn wir in der letzten Szene das aus vielen Filmen bekannte Motiv des Weglaufenden sehen, der mit Highspeed die Stadtstraße runtersaust, spielt 7 JUNGFRAUEN seinen Trumpf aus und stoppt das Bild, sobald sich Tano nach hinten umdreht. Ein magic moment. Was auch immer er bedeuten mag.

6/10

Yella

Yella


Deutschland, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Christian Petzold
Sprecher: Nina Hoss, Devid Striesow

Yella will raus aus dem tristen Wittenberge - und zwar schnell. Die Firma ihres Mannes Ben ist pleite, die Ehe ist gescheitert, jetzt will sie die Vergangenheit hinter sich lassen. In Hannover findet sie glücklicherweise einen Job. Am Tag der Abreise nach Hannover lässt sie sich von Ben überreden, dass er sie zum Bahnhof fährt. Doch auf der Autofahrt breitet Ben seine eigene fatale Situation vor ihr aus, gibt ihr zu denken, dass er ohne sie nicht mehr weiter leben kann und stürzt das Auto mit sich und seiner Ex-Frau in die Elbe. Yella schafft es aus dem Wasser zu kommen und fährt nach Hannover. In die vermeintlich schöne Zukunft.

Eine Träumerin in der Welt der Kapitalmanager

Kommentar: Hoffnungstrümmer und psychische Blessuren sind alles, was die aus Ostdeutschland stammende Yella am Ende mitnehmen kann - oder was uns Zuschauern von ihr übrig bleibt. Regisseur Petzold entwirft mit eindringlicher Tragik und präziser Ironie das Psychogramm einer Frau, die die Türen der Vergangenheit abschließt und in einer neuen Welt ihr Glück zu suchen beginnt. Die Kapitalistenwelt mit ihren Verhandlungsposern und Profitwichsern erweist sich als ein unbarmherziges System, in dem man zurecht kommt oder gnadenlos scheitert. Yella taucht in dieses System ein. Mithilfe ihres Geschäftspartners Philipp lernt sie die Geldgeilheit schätzen und die konstruierten, abgestimmten Abläufe in Managerzimmern kennen. Dabei kehrt Yellas lebendiges Ich ihr mit jeder neuen Gewinnsumme und jeder neuen Hoffnung immer stärken den Rücken zu. Bis nur noch ein Geist von ihr zu existieren scheint. YELLA lässt sich jedoch auf vielfältige Art und Weise deuten. Der Film zeigt sich in Beobachter-Position, nimmt in meinen Augen deshalb keine Peitschenhiebe gegen den bösen Kapitalismus vor, sondern ist am Jetzt-Menschen in einem neuen Stadium seines Lebens interessiert. Ein überzeugendes Werk der verträumten Bilder und pulsierender Surrealität.

7/10

Die Liebenden

Die Liebenden (Les Amants)



Frankreich, 1958
Genre: Drama
Regisseur: Louis Malle
Darsteller: Jeanne Moreau, Alain Cuny

In der Ehe von Jeanne und ihrem Mann Henri Tournier läuft es nicht rund. Henri ist ein reicher Verleger und vernachlässigt seine Frau, während es diese aufgrund des Zeitmangels ihres Mannes immer öfters nach Paris zu ihrer Freundin Peggy und dem charmanten und ihr sympathischen Raoul zieht. Die Eifersucht Henris seiner Frau gegenüber veranlassen ihn schließlich dazu, seiner Frau zu verbieten nach Paris zu fahren und stattdessen Peggy und Raoul in seine schmucke Villa zum Essen einzuladen.

Raus aus dem snobistischen Zirkel

Kommentar: Das Glück wartet nur darauf, eingefangen zu werden. Die Hauptfigur Jeanne versucht es mit ihren Lippen. In den zentralen und bekanntesten Szenen des Films vermischt Malle Bild- und Tonspur zu einem glühenden, feierlichen Akt der Leidenschaft. Ihre Wirkungskraft bedingt natürlich den Zusammenhang. Sie kontrastieren alles Vergangene und alles, was noch die Zukunft bringt. Sie stehen für sich und sind doch der Teil, der alles andere verbindet. Diese ausgeklügelte Systematik in der Dramaturgie erweist sich vor allem zum Schluss als hochexplosives Dynamit. Dynamitplatzierer Malle lässt seine Hauptfigur im Zuge der Leidenschaft tatsächlich ihre Ehe brechen und ihr eigenes Kind verlassen. Gerade der zweite Punkt konfrontiert den Zuschauer mit Gewissensfragen, da Hauptcharakter Jeanne eine Sympathiefigur darstellt. In dieser Angreifbarkeit der moralischen Position reflektiert Jeanne ihre Lage sehr treffend, als sie ihr Unbehagen über die Richtigkeit ihrer Entscheidung äußert. Der Film nimmt dem Rezipienten wenig Arbeit ab, indem er viele Antworten schuldig bleibt.

7/10

Zelle 211

Zelle 211 (Celda 211)



Spanien/Frankreich, 2009
Genre: Thriller
Regisseur: Daniel Monzón
Darsteller: Luis Tosar, Alberto Ammann

Um einen guten Eindruck auf seine neuen Arbeitskollegen zu machen, fängt Juan Oliver seinen Job als Gefängniswärter einen Tag früher an. Während des obligatorischen Rundgangs mit dem Personal bekommt Juan durch einen Unfall einen Schlag auf den Kopf und wird daraufhin bewusstlos. Als er aufwacht, findet er sich in Zelle 211 vor. Das Personal ist nirgendswo aufzufinden und die Gefängnisinsassen haben einen Aufruhr gestartet. Juan sieht seine einzige Möglichkeit zu überleben darin, dass er sich den Aufständischen als frisch eingebunkerter Zellenbewohner ausgibt.

Erhebt euch, Knastbrüder!

Kommentar: Die Anfangssequenz gibt die latent bedrohliche Stimmung der nächsten 90 Minuten vor: Ein Gefangener steht in seiner kleinen Zelle, schaut sich im Spiegel an und schneidet seine Arme auf. Seine Augen fixieren das Blut, welches aus seinem Körper sprudelt, in den Waschbecken runterläuft. Auch wenn der Rest von ZELLE 211 längst nicht so schaurig ist, führt er den Hauptplatz des Films, ein spanisches Gefängnis, mit effizienter Ausnutzung von Indizes als Ort des Zerbrechens ein. Die Geschichte des Protagonisten, der sich zur falschen Zeit und am falschen Ort befand, wird auf der Zeitachse linear erzählt, nur gebrochen von einigen wenig begrüßenswerten und bedeutungslosen Rückblenden, die ihn mit seiner schwangeren Freundin zeigen. Wie er sich langsam mit den Gefängnisjungs solidarisiert und sich mit ihrer Welt zu identifizieren beginnt, ist durchaus im Bereich des Verstehbaren, da dem Zuschauer selbst klar wird, dass die Grenzen zwischen Gefängniswärtern und Gefängnisinsassen hinsichtlich der Moral ziemlich verwischt sind. Man kommt kaum umhin, den Knastrevoluzzern Sympathien für ihr Vorgehen entgegenzubringen. Die Inszenierung fällt weniger furios-stürmisch aus, als dass man es zuerst denken könnte. Regisseur Monzón bedient sich sicherlich typischer Handlungspunkte und überdeckt nie die Schwachpunkte der etwas unwirklich gestalteten Männergruppendynamik, verliert jedoch mit seiner Fokussierung, die auf der Aufdeckung der Parallelen zwischen Gangstern und "Schließern" beruht, nie die Kontrolle über das Formale.

4/10

Montag, 3. September 2012

Mörderische Frauen

Mörderische Frauen (Mujeres salvajes)



Mexiko, 1984
Genre: Abenteuer, Action (Trash)
Regisseur: Gabriel Retes
Darsteller: Tina Romero, Jorge Santoyo

Eine Gruppe von Frauen schafft es aus einem Gefängnis auszubrechen und macht sich auf den Weg, einen vergrabenen Schatz mit Gold zu suchen. Doch an dem vermuteten Ort, wo das Gold liegen soll, entdecken sie ein kleines, von einigen Männern bewohntes Zeltlager. Den Frauen stehen keine anderen Optionen offen, als ein Überfall auf das Männerlager zu organisieren.

Rebellische Frauen auf der Suche nach Gold

Kommentar: MÖRDERISCHE FRAUEN ist zwar kein richtiger Vertreter des sogenannten Frauengefängnisfilms, übernimmt jedoch zahlreiche prägende Motive dieser Art von Exploitation für seine Figuren. Ob es nun die radikal-emanzipatorische Tendenz ist oder die mit Opportunismus verbundene Gewaltbereitschaft - zahlreiche Filmklischees, die die Frau betreffen, werden sorgfältig umschifft. Dass die Frauen trotzdem keinen echten Charakter vorweisen können, liegt eben in der Natur solcher Filme. Figurenzeichnung, Handlung, Dramaturgie, wer braucht so etwas? Diese Leerstellen werden vernunftsgemäß mit Titten, Schießeisen und Super Nintendo-Musik besetzt. Das zusammengewürfelte Dasein der Elemente und ihr Nicht-Funktionieren sind doch schließlich die ausschlaggebenden Eigenschaften für die Qualität solcher Werke. Und auch wenn sich dieser mexikanische Film nie an den äußersten Rand traut, nie ganz die Hirnzellen erweicht, bietet es mit seiner Nonsense-Handlung über eine kleine Gruppe sexistischer Frauen, eine Missbilligung der Filmnormen und in mancher Hinsicht auch Anarchismus in seiner schmuddeligsten Gestalt.

5/10

Caché

Caché


Frankreich/Österreich/Italien/Deutschland, 2005
Genre: Drama, Thriller
Regisseur: Michael Haneke
Darsteller: Daniel Auteuil, Juliette Binoche

Das Ehepaar Laurent, Georges und Anne, lebt in einer ruhigen Straße in der französischen Hauptstadt, ihr Leben scheint idyllisch. Doch das intellektuelle Paar bekommt Botschaften per Video, die ihr Haus von vorne abgefilmt zeigen. Als eine Videokassette eintrifft, die Georges' Elternhaus zeigt und nachdem eine Zeichnung auftaucht, auf dem ein kleiner Junge mit einem blutigen Mund zu sehen ist, bringt Georges einen gewissen Majid mit den Botschaften in Verbindung. Majid war ein Waisenjunge, deren Eltern bei einem Massaker umgebracht wurden und der von Georges' Eltern adoptiert werden sollte. Doch da der damals sechsjährige Georges eifersüchtig auf Majid war, erzählte er den Eltern schlechte Sachen über ihn, sodass Majid ins Waisenhaus gebracht wurde.

Intellekt schützt vor Strafe nicht

Kommentar: CACHE erzählt vom plötzlichen Einbruch einer Bedrohung, welche ein gutbürgerliches Ehepaar terrorisiert. Der durch eine Videokassette vermittelte Terror zwingt Ehemann Georges sich mit der verdrängten Vergangenheit zu beschäftigen, womit Haneke wieder einmal das böswillige Eindringen in die Privatsphäre untersucht. Doch wo er in seinem Experiment FUNNY GAMES das Ergebnis des Eindringens als Erniedrigung verdeutlicht, erforscht er in diesem Film die Störung und den Versuch der Entstörung. Was die Störung angeht, referenziert Haneke auf das Massaker von Paris im Jahr 1961, als bei einer Demonstration gegen eine Ausgangssperre 200 Algerier von französischen Polizisten erschossen und ertränkt wurden. Wie in BENNY'S VIDEO und DER SIEBENTE KONTINENT will der Regisseur die "emotionale Vergletscherung" in den Wohlstandsländern deutlich machen, die in diesem Film Hauptcharakter Georges betrifft, da er es nicht begreift, sich dem Vergangenen mit Hingabe und Anstand zu nähern. Auf wackeligen Beinen steht für Georges aber nicht nur das eigene Gewissen, das sich auf eine Konfrontation mit längst Verdrängtem einlassen muss. Von den beunruhigenden Videonachrichten und Zeichnungen geht gleichsam eine zerstörerische Kraft auf die Beziehung mit seiner Frau Anne über. Wie unwichtig der Mann oder die Frau hinter dem Terror für den Zuschauer ist, zeigt Michael Haneke, indem er auf einwandfreie Beweise, die auf die Identität des Täters zurückschließen lassen, verzichtet. Die filmische Kälte sowie die strenge Inszenierung fangen die unangenehmen Konflikte dabei perfekt auf.

6/10

Pauline am Strand

Pauline am Strand (Pauline à la plage)



Frankreich, 1983
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Eric Rohmer
Darsteller: Amanda Langlet, Arielle Dombasle

Die 15-jährige Pauline fährt mit ihrer älteren Cousine Marion zu einem Ferienhaus an der Küste, um dort ihre Ferien zu verbringen. Am Strand treffen sie auf Pierre, einen ehemaligen Lover von Marion, und seinen Bekannten Henri, der sie zum Abendessen in sein Haus einlädt. Marion verguckt sich in den charmanten Henri und verbringt eine Nacht mit ihm. Pauline trifft es ähnlich wie Marion: Sie entwickelt Gefühle für den 17-jährigen Sylvain, ihrer Strandbekanntschaft.

Paarungswillige Urlauber und ihre Macken

Kommentar: Die erheiternde Tragödie zeigt seine Figuren in einem Spiel von Verwirrungen, Leiden, Lügen und trügerischen Überzeugungen. Seinen dritten Teil aus dem Zyklus "Komödien und Sprichwörter" inszeniert Rohmer in einer sommerfrischen Atmosphäre, die sich mehrmals auffällig konträr zu den disharmonischen und brüchigen Beziehungen der Charaktere verhält. Thematisch gesehen ist PAULINE A LA PLAGE ohne Frage ein differenzierter Film über Liebe. Seine Besonderheit erhält er dennoch durch seine Auseinandersetzung mit der Titelfigur Pauline, der ehrlichsten und unschuldigsten, weil jüngsten Person im Film. Pauline ist bei ihrem Prozess des Erwachsenwerdens in einem Stadium, wo sie endlich Erfahrungen mit einem Jungen machen möchte. Zwar findet sie schnell ihren jungen Verehrer, doch rechnet Pauline nicht mit der Brutalität und den amoralischen Beklopptheiten des Erwachsenenuniversums, die vor ihrer Beziehung mit dem 17-jährigen Sylvain nicht haltmachen. Ein toll gemachter, witziger und anspruchsvoller Konversationsfilm, der den Willen mitbringt, seinen Figuren eine Echtheit zu geben, die man nicht oft vorfindet.

6/10

Knallhart

Knallhart



Deutschland, 2006
Genre: Drama, Thriller
Regisseur: Detlev Buck
Darsteller: David Kross, Jenny Elvers-Elbertzhagen

Michael und seine Mutter ziehen in eine kleine Wohnung in Berlin-Neukölln, nachdem der Geliebte der Mutter plötzlich entschieden hat, sich nicht mehr um die beiden zu kümmern. Der Unterschied zwischen seinem alten Heimatbezirk Zehlendorf und Neukölln bekommt Michael gleich am ersten Schultag zu spüren. Eine kleine Gang von Schülern lauert ihm auf und erpresst von dem 15-jährigen Schutzgeld. Später eskaliert die Situation zwischen Michael und dem Chef der Gang. Doch Michael kann sich dank den Gangstern Barut und Hamal aus der Bredouille befreien und fängt an für die beiden als Drogenkurier zu arbeiten.

Harter Alltag in Neukölln

Kommentar: Der Film von Detlev Buck quetscht die für den in Berlin gelegenen Problembezirk Neukölln bekannten Probleme zusammen und reduziert jedes einzelne Ereignis auf den Wert seiner Spannung und seines Konfliktpotenzials. Für solch eine Vorgehensweise und Strategie hätte ein Sozialdrama mit realistischen Tendenzen sicherlich kaum haltbare Argumente anzubieten, doch kommt eine Entdeckung eines besonderen Realismus in KNALLHART einem Unfug gleich. Spätestens ab dem Punkt, an dem die türkischen Drogenticker zu ihrem Einsatz kommen und den unsicheren Protagonisten als Arbeitnehmer rekrutieren, schmilzt jede Hoffnung auf feinsinnige Milieau-Beobachtung dahin und der Nagel wird nur noch von dem Wort "Unterhaltungsfilm" auf den Kopf getroffen. Das ist trotzdem wenig unglücksselig, passt doch das Charakteristische eines Thrillers viel besser zu der schematischen Handlung. Seine offensichtlichen Defizite in der Figurenzeichnung pariert KNALLHART mit seiner Befürwortung des Ungefähren, da er einigen (vollkommen unwichtigen) Nebengeschichten wenig Raum zur Ausdehnung lässt und sich keine Mühe macht, diesen auf den Grund zu gehen. Muss ja nicht alles offen und hundertprozentig begreiflich erzählt werden.

6/10