Montag, 29. Oktober 2012

Enter The Void

ENTER THE VOID
Frankreich, 2009
Genre: Drama
Dauer: 161 Minuten

Regisseur: Gaspar Noé
Drehbuch: Gaspar Noé
Darsteller: Nathaniel Brown, Paz de la Huerta, Cyril Roy, Emily Alyn Lind, Jesse Kuhn, Masato Tanno, Ed Spear, Olly Alexander

Ein inhaltlich zurückhaltender Mindfuck, der einen psychedelischen Trip in das unsichtbare Zusammensein von Leben und Tod gewährt. Trotz einer kaum noch kleiner zu machenden Bierdeckel-Story, welche den Film ein wenig nach TRANSFORMERS für Cineasten riechen lässt, bleibt Noés Werk in seiner Einzigartigkeit und einer zuweilen humorlosen Kompromisslosigkeit eine tolle Filmarbeit über die sich öffnenden Grenzen von Lebenden und Toten, von Realität und Traum sowie von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. ENTER THE VOID ist ein Film auf Drogen, eine verstörende Bilderflut. So gnadenlos rhythmisiert hat man Aufnahmen aus der Vogel- oder Egoperspektive und Hinterkopf-Shots sicherlich noch nicht gesehen. Wenn Oscars Geist über die mit bunten Lichtern überfluteten Straßen schwebt, sich zu seinem nächsten Aufenthaltsort macht, kann man seine Bewegungen zwar mit guten Gründen eines gewissen mechanischen Ablaufs beschuldigen, denn er geht tatsächlich von einer erzählerisch wertvollen Situation zur nächsten, was seinen Qualen an Ausdruck klaut, doch beruht der Film auf nichts weiter als Überlegungen über ein mögliches Weiterleben, weshalb Gaspar Noé die Wege des Geistes so erzählt und visualisiert, wie es ihm lieb ist. Es ist ohne Frage eine bisweilen anstrengende Veranstaltung, die sich zum Anlass nimmt, das Bewusstsein zu erweitern, trotzdem bietet sie das starke Gefühl, etwas Besonderes gesehen zu haben. Nur ein vorübergehender Zustand, ausgelöst durch einen halluzinatorischen Bilderstrom?

Der im Mittelpunkt stehende Oscar lebt zusammen mit seiner Schwester Linda in einem Tokioter Appartment. Bevor er bei dem Polizeibesuch in der Bar "The Void" aufgrund eines unglücklichen Missverständnisses umgebracht wird, streitet er sich mit seiner Schwester, die ihn als Drogenabhängigen bezeichnet. Als sie das Haus verlässt, nimmt er etwas von seinen geliebten Substanzen und erlebt einen artifiziellen Trip voller wilder Farben und Formen, den man selbstverständlich aus der alle Vermittlungshindernisse negierenden Egoperspektive Oscars zeigt. An dieser Stufe der visuellen Brutalität zeigt man sich im Rest des Films nicht mehr interessiert, verlegt sich danach, nachdem Oscars Geist sich von seinem Körper trennt, auf eine zahmere Variante der Bilder. Die Wildheit der ersten halben Stunde wird durch repetitive Rückblenden und entschleunigte Vogelperspektiven ersetzt. Oscars aus dem Körper geworfene Seele irrt in der Welt der Lebenden umher, auf der Suche nach einer Möglichkeit der Reinkarnation.

Durch die strenge subjektive Perspektive ist man so nah am Geist von Oscar, dass einem die Identifikation regelrecht aufoktroyiert wird. Ja, man hat nicht selten sogar das Gefühl Oscar selbst zu sein. Ein solch starkes Identifikationsgefühl innerhalb der albtraumhaften Flugreisen kann entweder in jeder Sekunde bereichernd sein oder in den Wahnsinn treiben, weil die Qual der Sinnlosigkeit und die Witzlosigkeit der Situation, sich komplett auf den Zuschauer übertragen. Wenn man sich nur gerade so durchschleppt und abmüht, weil die 160 Minuten eine Tortur der Langeweile und Monotonie darstellen, ist das  im Prinzip nicht der Fehler des Films, sondern möglicherweise die Intention der Macher. Kritiker müssen sich deshalb die Frage stellen, ob das Werk mit einer Laufzeitverkürzung nicht eher viele Kilos seiner Wirkung verlieren würde.

ENTER THE VOID ist jenseits dessen, was man gemeinhin als wohltuende Unterhaltung bezeichnet. Er fordert das Eintauchen - und fördert es gleichzeitig aufgrund der benutzten Stilmittel. Der sich jedweder naiv-schubladenhafter Zuordnung entziehende Film vermag zwar vor allem wegen seiner begeisternden ästhetischen Komponente für Applaus zu sorgen, nimmt er sich doch mit seinem vordergründigen Inhalt um das Versprechen des Bruders an seine Schwester keine besonders komplexe Thematik vor, doch in den Zwischenschichten, in dem Ungesagten und Ungezeigten, kann sich der Kopf-Cineast durchaus mit eigenen Ideen und Theorien austoben. In die bisherige Noe'sche Spielfilmsammlung, zu der auch MENSCHENFEIND und IRREVERSIBEL gehören, reiht sich ENTER THE VOID aufgrund seiner Kompromisslosigkeit auf der Bildebene perfekt ein, und darf als Entwicklung des Regisseurs betrachtet werden, der nach siebenjähriger Spielfilmpause dazu übergeht, die Menschen nicht mehr mit grafischen Schocks zu empören, sondern mit einem ungewöhnlichen Konzept, welches seiner Dauer wegen für viele schlichtweg zu lang sein dürfte.

Freitag, 26. Oktober 2012

Autopiloten

Autopiloten



Deutschland, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Bastian Günther
Darsteller: Charly Hübner, Wolfram Koch

Vier Männer, die sich nicht kennen, aber viele Gemeinsamkeiten aufweisen: Dieter, der Lokalreporter; Jörg, der Badewannenliftvertreter; Georg, der Fußballtrainer; und Heinz, der Schlagersänger. Die Entfremdung bestimmt den aktuellen Alltag aller vier, weshalb die Männer nur so vor sich hinleben, in Angst oder Desinteresse. Im Ruhrgebiet treffen sich ihre Spuren.

Geistreicher Film über das Schalten auf Autopilot

Kommentar: Ohne übel riechende Schablonen zum Einsatz zu bringen, verbindet Bastian Günther vier Männerstories zu einem Episodenfilm über männliche, die 30 Jahre Grenze hinter sich gelassene Individuen. Was schnell auffällt, ist die sorgsame und bedachte Inszenierung, die mehr spröde denn auffällig wirkt. Lange Einstellungen vom Typ des dokumentarischen Films korrespondieren jedoch auf fabelhafte Weise mit der Prämisse, sodass jegliche Gedanken von einem bewegungs- und emotionslosen Film, sich ins Nirwana zurückziehen müssen. Bastian Günther führte nicht nur Regie, sondern zeichnete sich genauso für das Drehbuch verantwortlich, welches für die vier Geschichten keine gegenseitige Verkupplung vorsieht, vielmehr diese für extrem kurze Zeiträume einander streifen, berühren lässt: Den für die Presse arbeitenden Dieter belohnt das Glück mit der Aussicht, Fotos vom flüchtenden Noch-Schalketrainer Georg Brandner zu schießen, als dieser sich in einer Telefonzelle aufhält, statt beim Spiel seiner Mannschaft zu sein. Jörg, der Verkäufer im Außendienst, hört aus dem Auto den ehemaligen Schlagerstar Chris Kaiser, bleibt kurz stehen, horcht den pathetischen Zeilen und düst weiter. Und so fort. Wenn sie nicht gestorben sind, verkaufen, singen, fotografieren und flüchten sie noch heute. AUTOPILOTEN, ein melancholischer und geistreicher Streifen über das Irgendwie-Irgendwas-Tun.

6/10

Triangle

Triangle (Tie saam gok)
 


Hongkong, 2007
Genre: Thriller, Drama
Regisseur: Tsui Hark, Ringo Lam, Johnnie To
Darsteller: Louis Koo, Simon Yam

Ein fremder Mann erzählt den dringend nach Möglichkeiten der schnellen Geldbeschaffung suchenden Sam, Fai und Mok etwas von einem Goldschatz, woraufhin die drei armen Schlucker zuerst skeptisch reagieren. Doch die Skepsis legt sich, als der Fremde ihnen ein Teil des Goldschatzes vorlegt. Schnell stellen sie einen Plan zusammen und begeben sich unter das Parlamentsgebäude, wo der Schatz versteckt sein soll. Der Raub wird zu keinem großen Problem, löst aber große Schwierigkeiten aus.

Gangsterfilm-Experiment aus Hongkong

Kommentar: Trotz des prächtigen und unkonventionellen Finalakts gestaltet sich die Regiezusammenarbeit von drei bekannten Profis als ein zähes, mit Handlungsschemen mühsam spielendes Werk. Es hat den Anschein, als hat man sich nicht festlegen können, worüber der Film letztendlich erzählen soll, wo sein zentraler Punkt liegen muss. Ein wirres, unprätentiöses Konglomerat von Ideen, bei dem jedoch keine alles um sich vereinende Mitte existiert. Es sei denn, diese Mitte ist der Schatz, den Sam, Fai und Mok unter der Damentoilette des Parlaments finden. Im letzten Viertel des Films und dem Aufeinandertreffen mehrerer Gruppen, worunter sich auch ein ahnungsloser Polizist befindet, kann man dem glücklichen Fund tatsächlich so etwas wie eine magnetische Wirkung bescheinigen. Und trotzdem, diese Überlegung gleicht in keiner Weise das ansonsten unbefriedigende Drehbuch aus. Obwohl TRIANGLE nie großspurige Versprechungen macht, weil er diese sowieso nicht einlösen kann, und dafür mit ungestümen Actionszenen geizt, verfehlt er seine Wirkung und lässt ungenutztes Potenzial liegen. Das ist natürlich kein Untergang, doch vielleicht ein Beispiel dafür, dass Regisseure Visionäre sind und mehrere Visionen nur selten miteinander kooperieren.

4/10

Dienstag, 23. Oktober 2012

Solino

Solino



Deutschland, 2002
Genre: Drama
Regisseur: Fatih Akin
Darsteller: Barnaby Metschurat, Moritz Bleibtreu

Nachdem Streit mit ihrem Vater ziehen die Brüder Gigi und Giancarlo aus dem Elternhaus. Sie mieten sich mit ihrer Freundin eine gemeinsame Wohnung und beschließen nicht mehr für das Lokal ihres Vaters zu arbeiten, weil er sie nur ausbeutet. Als ihre Mutter Rosa in der Zeitung liest, dass ihr Sohn Gigi sich mit einem eigenen Film bei einer Filmpreisverleihung bewirbt, möchte sie die Nachricht gleich ihrem Mann erzählen und erwischt ihn zufällig beim Geschlechtsakt mit einer anderen Frau. Das trifft die beiden Brüder hart, doch dann erfahren sie auch noch vom Arzt, dass ihre Mutter unheilbar an Leukämie leidet.

Feuer und Leidenschaft

Kommentar: Das Leben von Migranten in Deutschland scheint für Fatih Akin eine unerschöpfliche Quelle für inspirierende Stoffe zu sein. In SOLINO porträtiert er eine italienische Einwandererfamilie, deren Zusammenbruch erst eine explosive Wirkung zeigt, später jedoch ein enormes Gemeinschaftsgefühl provoziert. Mag der poetische Ton den Realismus ins Abseits schieben, verdeutlicht er doch gleichzeitig, dass Akin ein großer Kinovisionär mit viel Herz und Gefühl ist, und dass die Schönheit in einem Augenblick fesselnder sein kann als die Hässlichkeit in der Komposition. Diesem Programm folgend, kümmert sich der deutsch-türkische Filmemacher nicht um die Handlung, sondern benutzt sie insgeheim, um aus dem Stoff die flammenden Momente herauszukitzeln. Insofern lässt sich sagen, dass Hauptfigur Gigi die Entdeckung von Feuer und Leidenschaft, zu der ihm in jungen Jahren ein namhafter Regisseur rät, nicht alleine macht, weshalb Akin und der Protagonist sich in ihrer Art des Antriebs sehr nah stehen. Etwas ärgerlich ist der Umstand, dass die ansonsten sehr stimmigen Bilderbögen etwas unter der kitschigen Stimmung der letzten Filmphase leiden müssen. 

5/10

Dienstag, 16. Oktober 2012

Stroszek

Stroszek 

 


Deutschland, 1976
Genre: Drama
Regisseur: Werner Herzog
Darsteller: Bruno S., Eva Mattes

Kurz nach seinem Gefängnisaufenthalt geht der arbeitslose Bruno S. mit der Prostituierten Eva und seinem Nachbarn Scheitz nach Amerika, um dort einer geregelten Arbeit nachzugehen und ein neues Leben anzufangen. Dort läuft zuerst alles gut. Bruno arbeitet in einer Autowerkstatt, Eva kellnert in einem Restaurant und einen gemütlichen Wohnwagen nennen die beiden ihr Zuhause. Doch dann geraten die beiden in Zahlungsschwierigkeiten. Daraufhin verliert Bruno S. sowohl seine Freundin Eva als auch den Wohnwagen.

Bruno, numero uno

Kommentar: Gedreht in Berlin-Kreuzberg und dem amerikanischen Ministädtchen Plainfield (Wisconsin), handelt der Film von einer menschenunwürdigen Existenz der Figur Bruno S., einem ungepflegten, mental gebrochenen Liedermacher. Er bezieht sich auf eine Menge biografischer Punkte des echten Bruno S., welcher unüberraschenderweise in STROSZEK sich selbst spielen darf. Die abenteuerlich entstandenen Aufnahmen, von denen einige sich brüsten dürfen, illegal entstanden zu sein, wirken wie ein experimentelles und privates Kleinprojekt, das planlos schrullige Menschen vor die Kamera stellt. Das Projekt wirkt desto außergewöhnlicher, je mehr man sich über die Umstände klar macht, auf welche Art und Weise es überhaupt zustande kam. Ausgelöst durch ein Versprechen von Herzog, dem Bruno S. einen Film zu widmen, fackelte man nicht lang und drehte den gesamten Film mit einem Alibi-Drehbuch und der Geschwindigkeit einer Rakete. Das Resultat ist exquisit. Eine wunderschöne humanistische Tragödie, welche irrwitzig und todtraurig sein kann und ihre nicht in Würde lebenden Protagonisten mit empathischer Haltung humanisiert. Obwohl Parallelen zu Fassbinders Außenseiter-Dramen existieren, beschleicht einen nie das Gefühl, Herzog wollte sich mit dem pessimistischen Feeling an die Werke des R.W. Fassbinder anschmiegen. Das Schönste ist jedoch - wie sollte es bei einem solchen Film auch anders sein - die Authentizität. Dies gelingt nicht nur durch Brunos mächtige und auratische Präsenz, sobald er im Bild auftaucht; es tritt in vielen improvisatorischen und lückenhaft konzipierten Momenten ebenfalls eine ungekünstelte Menschlichkeit ans Licht, an der Werner Herzog wahrhaftig interessiert ist, und die man fast nur dort findet, wo Mensch und Mensch keinen ausgefeilten Drehbuchtext einer Figur aufsagen, sondern für einen kleinen Abschnitt auf der Zeitachse und für die Augen der Kamera durch eine emanzipierte, unpräzise gestaltete Interaktion sie ganz selbst werden.

9/10

D'Artagnans Tochter

D'Artagnans Tochter (La Fille de d’Artagnan)



Frankreich, 1994
Genre: Abenteuer, Komödie
Regisseur: Bertrand Tavernier
Darsteller: Sophie Marceau, Philippe Noiret

Frankreich im Jahr 1654: Nach der Ermordung ihrer Vorsteherin verlässt Eloise das Kloster in Richtung Paris, wo sie ihren Vater D'Artagnan, den bekannten Anführer der Musketiere, um Hilfe im Kampf gegen den verbrecherischen Herzog Crassac bittet. Anfangs gibt sich D'Artagnan sehr zurückhaltend, glaubt an keinen Komplott, vom dem seine Tochter ständig spricht. Als Eloise sich einmal jedoch in Lebensgefahr befindet, kommt er ihr mit seinen Degenkünsten zur Hilfe und trommelt daraufhin seine noch verbliebenen Musketierkumpanen zusammen.

En garde

Kommentar: Die 129 Minuten andauernden, wuseligen, wilden und energiereichen Plotrotationen tragen schon ein wenig zur Entrüstung über die narrative Unschärfe dieses Werks bei. Um die Tochter eines Musketiers geht es dabei nur marginal, wenngleich das erste Viertel das Gefühl gibt, Zeuge einer Emanzipationsgeschichte zu sein. Es ist schon ein wenig erstaunlich, wie wenig Bildschirmzeit Sophie Marceau zugestanden wird, die eine willensstarke Frau spielen und dabei mit der Umklammerung zweier Männer umgehen muss. Der eine ist ihr Vater D'Artagnan, ein immer noch fitter Degenschwinger, der die Tochter irgendwann einmal ins Kloster schickte und sie auch nach ihrer Rückkehr zu ihm am liebsten dort haben möchte. Der andere Mann nennt sich Quentin la Misère, und ist ein Dichter, den Eloise irgendwo aufgabelte und für den sie leise Gefühle hegt. Wie das oft so ist, hält der Vater natürlich nichts vom Liebling der Tochter. Die Konsequenz des Drehbuchs schmerzt nicht nur an diesem Punkt, wenn es die Spannung zwischen den zwei Parteien und der Tochter im Mittelpunkt wenig ernst nimmt. Es ist dieses allgemeine Problem wilder, in der Spiellänge überzogener komödiantischer Filme: Sie thematisieren viel, doch ohne jegliche Konzentration. Ihnen fehlt der Charakter durchlöchernde Blick. Die einige Sekunden laufende Oben-ohne-Aufnahme von der bezaubernden Sophie Marceau kann für diesen Mangel leider auch nicht vollwertig entschädigen.

4/10

Freitag, 5. Oktober 2012

Das Wunder von Mailand

Das Wunder von Mailand (Miracolo a Milano) 
 


Italien, 1951
Genre: Fantasy, Drama
Regisseur: Vittorio De Sica
Darsteller: Francesco Golisano, Emma Gramatica

Eine alte Frau findet in ihrem Garten ein Kind, nennt es Toto und zieht es auf. Nach ihrem Tod muss der Junge ins Waisenhaus und kommt aus diesem erst als Erwachsener heraus. In Mailand angekommen, versucht er eine Arbeit zu finden, landet jedoch in einem Slum voller hilfsbedürftiger Menschen, die in provisorischen Häusern leben. Daraufhin organisiert der lebenslustige Toto einen Umbau der Gegend und steckt die Bewohner mit seiner positiven Art an. Als sie auf Öl stoßen, können sie ihr Glück kaum fassen. Blöd nur, dass auch der steinreiche Besitzer des Grundstücks von diesem mitbekommt und vorhat, die Gegend zu räumen.

Zauberstab-Fantasien in Schwarzweiß

Kommentar: De Sica wettert zahm gegen den kapitalistischen Gedanken und wählt ein mit dem Gemeinschaftsinn gesegneten Slum am Stadtrand von Mailand als Hintergrund für seine Geschichte. Auf den ersten Blick irritiert der poetische Gestus in DAS WUNDER VON MAILAND, später stellt sich jedoch heraus, dass er aufgrund einer Genreverquickung nur eine Konsequenz darstellt. Obwohl das Werk von neorealistischen Motiven lebt, finden irrationale Elemente aus dem Fantasyfilm immer wieder Eingang in das schwarzweiße Bild. Die Idee, Märchen und Neorealismus zu paaren, lässt sich nach De Sicas wenig reizvoller Umsetzung aber kaum begreifen. Wie diese merkwürdige Synthese, so sind auch die emotionalen Höhen unbefriedigend. Die Entgegnung, ein Film über arbeitslose Italiener könne durch eine dokumentaristische Form auf empathische Teilnahme der Zuschauenden verzichten, oder müsse das sogar, hat in diesem Fall wenig Chancen, da der Film Probleme der Realität mit Zaubereien löst und MIRACOLO A MILANO nicht dokumentaristisch, sondern mit seiner überhöhten Hauptfigur Toto und dessen gesichtslosen Slumkumpanen, ein zu Teilnahmslosigkeit verdonnernder Simsalabim-Trickeffekt-Streifen geworden ist. Des Weiteren offenbart vorgestrige Ulkigkeit in den letzten Minuten noch eine ganz besondere Peinlichkeit, die ganz sicher nicht nötig gewesen wäre.  

3/10

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Patsany

Patsany



Sowjetunion, 1983
Genre: Drama
Regisseur: Dinara Assanowa
Darsteller: Valeri Priyomykhov, Andrei Zykov

Pawel Antonow leitet ein Jugenddorf für straffällige männliche Heranwachsende. Die meisten Jugendlichen stammen aus benachteiligten Familienverhältnissen, weshalb ihnen Vorbilder fehlen und Pawel Antonow für sie Autoritätsperson, Kumpel und Vater in Personalunion ist. Zwar ziehen die pädagogischen Maßnahmen von Pawel Antonow nicht immer eine positive Reaktionen seitens seiner Schützlinge nach sich, dennoch gibt er keinen der Jugendlichen auf und glaubt in jedem Einzelnen an das Gute.

It's hard to be good

Kommentar: Regisseurin Assanowa stellt mit ihrem Film in erster Linie Fragen. Das wird gleich am Anfang des Films deutlich gemacht. Auf Dokumentarfilm-Modus gestellt, kratzt der Film aus den heranwachsenden Burschen Stücke ihrer Gedanken, in dem, wie in einem Fernsehinterview, Fragen über Träume und die persönliche Gewaltbereitschaft gestellt werden. Auf alles scheinen sie eine Antwort zu haben. Bis auf eine Frage, die im späteren Verlauf eine wichtige Rolle für die Quintessenz von PATSANY spielt: Was ist ein guter Mensch? Die Jugendlichen reagieren auf diese simple Angelegenheit nervös und wortkarg; der zuletzt im Bild gezeigte bietet nur eine Floskel an. Aber wen verwundert das eigentlich, wenn Dinara Assanowa Jungen aus sozial benachteiligten Milieus vorstellt, deren Eltern sich nicht um sie kümmern und denen die Gemeinschaft mit Gleichaltrigen aus bürgerlichen Familien verwehrt wird, weil Eltern von privilegierten Kindern das nicht zulassen wollen. Trotzdem geht es in dem Film nicht direkt um gesellschaftliche Widersprüchlichkeiten auf der Basis der Ökonomie, sondern um die hohe Jugendkriminalität, die vermeidbar wäre, wenn die jüngere Generation der älteren endlich mehr Vertrauen könnte. Wie man das Vertrauen der Jugendlichen gewinnen kann, zeigt Assanowa durch die Figur von Antonow, einem sehr engagierten Leiter eines Sportcamps, der Vater und Kumpel für seine Schützlinge ist, einfach deshalb, weil es sonst niemand tut. Es ist sein Ziel, das Herz der Jugendlichen zu erreichen - damit sie sich vor ihren schlechten Taten schämen und diese in Zukunft unterlassen. Dass Antonows Ideale trotz alle Sympathien hinterfragt werden und dass das Ende den Pädagogen machtlos aussehen lässt, belegt grundsätzlich, wie differenziert die Macher von PATSANY den Stoff vermitteln wollten. Es gibt deshalb nur Konflikte, keine Lösungen. Die Lösungen müssen sich in der realen Welt durchsetzen.

8/10

Montag, 1. Oktober 2012

Der Tote aus Nordermoor

Der Tote aus Nordermoor (Mýrin)



Island/Dänemark/Deutschland, 2006
Genre: Thriller, Kriminalfilm
Regisseur: Baltasar Kormákur
Darsteller: Ingvar Eggert Sigurðsson, Ágústa Eva Erlendsdóttir

Der alleinstehende Lkw-Fahrer Holberg wird in seiner Wohnung tot aufgefunden. Kommissar Erlendur kümmert sich um den Fall und stößt auf eine Spur, die ihn immer weiter in die Tiefen der dunklen Vergangenheit des Ermordeten führt.

Düsterer Kriminalfilm aus Island

Kommentar: Bis auf die schönen Aufnahmen der weiten Landschaft Islands, ein durch und durch verzichtbares Werk, das seine Puzzleteil-Suche in ein 90-Minuten-Korsett presst, mit dessen Hilfe sich die etwas unkonventionell gezeichneten Ermittler regelrecht ins Kriminalerolymp kombinieren. Zwar bleibt der Film in angenehmer Weise düster gefärbt und versorgt seine Geschichte ständig mit neuen Geheimnissen und Aufdeckungen, doch dieser Kriminalfilm-Form, bei der die Ermittler von einer Kontaktperson zur nächsten hechten, kann ich (und konnte ich schon immer) wenig Positives abgewinnen. Dem übertrieben konfusen mythisch-religiösen Unterton bescheinige ich bestenfalls eine untergeordnete Rolle beim Support der rauen Atmosphäre zu spielen, auf welche der Film sich in jeder Phase verlassen kann.

3/10

Rabia

Rabia



Spanien/Mexiko, 2009
Genre: Drama
Regisseur: Sebastián Cordero
Darsteller: Gustavo Sanchez Parra, Martina García

Hausmädchen Rosa und Bauarbeiter José María, beide ursprünglich aus Kolumbien, lernen sich in Spanien kennen und verlieben sich. Allerdings müssen sie sich nach kurzer Zeit schon wieder trennen, weil José María aus Wut einen Vorarbeiter tötet und daraufhin von der Polizei gesucht wird. Er versteckt sich im großen Haus der reichen Familie, bei der Rosa angestellt ist.  

Wenn Liebe ins Verderben führt

Kommentar: Es ist schon ein absurdes Szenario, aus welchem auch ein paar Liter Sozialkritik geschöpft wird: ein illegaler Einwanderer aus Südamerika versteckt sich in einer riesigen Villa und kein Schwein merkt etwas davon, am wenigsten die reichen spanischen Hausbesitzer. Doch der Kern dieses Szenarios ist selbstverständlich ein anderer, man könnte sagen, er dient weitaus mehr der Dramaturgie. Im Rhythmus des langsamen Erzählstroms bekommen wir eine Liebesgeschichte von einem Paar serviert, das in ihrem Arbeitsland Spanien unterschiedlicher gar nicht integriert sein könnte. Die Erzählung ist sehr spannungsintensiv und beklemmend, wobei der große Reiz der Geschichte in der unglücklichen und fatalen Situation des Paares liegt. Vom großen Thriller-Spektakel weit entfernt, gibt sich der Film von Regisseur Cordero als kammerspielartiges Psychodrama aus, in dem besonders die Darstellerleistungen von Parra und García, die das Pärchen spielen, herausstechen. In diesem Film, in dem ein Ereignis das nächste beeinflusst, passiert leider aber auch immer etwas nicht ganz Nachvollziehbares oder Sachen, die in Nebensätzen kurz abgehandelt werden, wodurch auch ärgerliche Lücken entstehen. Das ist ein wenig schade, raubt es RABIA doch einiges von seinem großen Potenzial, aber die Tatsache, dass man es geschafft hat aus einer nicht verstrickten und beinahe schon lausigen Story, eine beklemmende Beobachtung einer unmöglichen Liebesbeziehung zu machen, ist erst einmal aller Ehren wert.

4/10

Wir Wunderkinder

Wir Wunderkinder



Deutschland, 1958
Genre: Drama
Regisseur: Kurt Hoffmann
Sprecher: Johanna von Koczian, Hansjörg Felmy

Bevor Hans Boeckel 1939 an die Front muss, macht er so einige Sachen durch. Zum Beispiel verliert unter dem Nationalsozialismus seine Stellung als Journalist in einer Redaktion, da er kein Mitglied der NSDAP ist. Des Weiteren nutzt sein alter Schulfreund Bruno Thies den Aufstieg der Nationalsozialisten, um als Parteifunktionär Karriere zu machen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ändert Thies seinen Namen und kann sich im Zuge des Wirtschaftsbooms als erfolgreicher Unternehmer profilieren. Als Hans Boeckel, der wieder als Redakteur arbeitet, davon erfährt, nutzt er die Gelegenheit, Bruno Thies aufgrund seiner Vergangenheit eins auszuwischen.

Das ist das Wirtschaftswunder. Zwar gibt es Leute, die leben zwischen Dreck und Plunder, doch für die Naziknaben, die das verschuldet haben, hat unser Stadt viel Geld parat und spendet Monatsgaben.

Kommentar: Selbst ohne Blutvergießen könnte der Film von Kurt Hoffmann der blutgierigste Splatterstreifen ever sein. Weil er die Taten der Vergangenheit manisch abschlachtet, unter das Messer legt und sich an deren Innereien ergötzt, ohne sich zurückzuhalten. Er macht das nicht auf plumpe, apolitische Art, wie man das von üblichen Schlitzerfilmchen und ihren Gewaltorgien gewohnt ist, sondern hintergründig und unter dem Deckmantel einer bösen Anti-Friedefreudeeierkuchen-Satire. Mag der Film seine Grundgeschichte um den braven Redakteur Hans Boeckel schlicht halten, liefert er den qualitativen Kontrapunkt in der formalen Gestaltung. WIR WUNDERKINDER arbeitet mit einem Film-im-Film-Konzept, das mir bisher nur wenige Male so genial vorkam. Kabarettist Wolfgang Neuss und der Pianist Wolfgang Müller veranstalten auf der Bühne eine Vorführung (die Geschichte von Hans Boeckel natürlich), die sie mit gepfefferten und spöttischen Sprüchen bzw. mit passender (und manchmal bewusst unpassender) Musik begleiten. Mithilfe dieser Form verschärfen sich die satirischen Elemente um ein Vielfaches, weshalb die großen Lacher gerade an den Stellen abzuholen sind, an dem das Traumduo eingreift. Angelegt als ein Film über den Opportunismus in wie auch nach der Nazizeit, kümmert sich WIR WUNDERKINDER ebenfalls um die aktuellen Geschehnisse und reflektiert den deutschen Wirtschaftsaufschwung mit abmildernder Haltung - weil auch die Typen aus der alten Braunhemd-Fraktion daran partizipieren.

5/10