Donnerstag, 27. Dezember 2012

Glen or Glenda

Glen or Glenda



USA, 1953
Genre: Drama
Regisseur: Ed Wood
Darsteller: Bela Lugosi, Dolores Fuller

Nach dem Selbstmord eines Transvestiten konsultiert Inspektor Warren den Arzt Dr. Alton, um sich von ihm über moderne Männer, die gerne Frauenkleidung anziehen, beraten zu lassen.  Er möchte vor allen Dingen erfahren, warum sich ein solcher Mensch umbringt. Die Konversation kommt schnell auf den Fall Glen/Glenda, in dem ein Mann sich nicht traut, seiner Geliebten zu beichten, dass er eine Leidenschaft dafür hat, sich als Frau zu verkleiden.

Art or Trash

Kommentar: Selbst das wohl nüchternste, ja idiotensicherste Element dieses Films, der Eingangstext, könnte nach dem Schauen des Films einige Fragen aufwerfen, da in diesem behauptet wird, der Film beinhalte einen "stark realism". Ed Woods aufklärerischer Streifen über Transvestiten ist aber natürlich eher das Gegenteil eines realistischen, sachlich-ruhigen Werks. Die Ambitionen bei einem der unterbewertetsten Filmemacher der Welt waren unverkennbar groß, was unter anderem auf seine Biografie zurückzuführen ist. Wood sah sich nämlich selbst gerne in Frauenkleidern und hatte mit diesem Film die Absicht, Toleranz und Akzeptanz einzufordern. Ob die Welt um eine kleine Zunahme toleranter Menschen reicher geworden ist, darf jedoch bezweifelt werden. Allerdings ist die Intention hinter GLEN OR GLENDA maximal zweitrangig, denn einen höheren Stellenwert besitzt die Umsetzung des Projekts.

 Informiert man sich über den Inhalt, dürfte die Erwartung oder die Hoffnung nach einer strikt hirnfeindlichen Form der Unterhaltung niedrig sein. Doch Ed Wood wäre nicht der großartige, von Experten verkannte Ed Wood, wenn er sich an die in den Köpfen festgeschriebenen, stillen Reglements zwischen Künstler und Zuschauer halten würde. Sei es das man ihm nicht folgen kann, weil er es nicht will, oder, ob man ihm nicht zu folgen vermag, da er das Handwerk der fiktionalen Erzählung nicht beherrscht, spielt im beinahe experimentellen Universum von Wood kaum eine Rolle. So abgedroschen es jetzt klingen mag, in GLEN OR GLENDA steckt ordentlich viel Herzblut.

Durch das beseelte Hüpfen zwischen Dokumentation, Drama und Essay bricht der Regisseur den Boden der Filmregeln komplett auseinander und was sich dort unter dem Boden zeigt, ist ein göttlicher Reichtum an köstlichen Whatthefuck-Momenten. Ein seltsam ernster Sprecher, der in pseudo-philosophischer Manier die Situation des modernen Mannes hinterfragt; das ständig wiederkehrende Nonsense-Gequatsche eines Wissenschaftlers und Erzählers, der genauso gut eine drollige Vorstellung von Gott sein könnte; die unbeholfene Art der Montage, bei der zusammenhanglose Bilder aneinandergekettet werden, das ist nur der Anfang. Diese Faktoren begreifen sich als die Ruhe vor dem Sturm. Erst in der zweiten Hälfte fährt GLEN OR GLENDA die ganz schweren Geschütze auf, dann nämlich, wenn Surrealismus die Oberhand gewinnt und wir uns die Frage stellen, ob wir gerade träumen oder das Gezeigte tatsächlich passiert, im Film.

Es gilt zwar als nicht kontrovers zu behaupten, dass Woods Filme vor unfreiwilligem Humor sprudeln, doch in GLEN OR GLENDA findet sich ein Hinweis, der die Annahme, Wood könne auch freiwillig unglaublich witzig sein, prinzipiell stützt. Die gänzlich absurdeste Sequenz ist jene, in der zwei Frauen vor einem schwarzen Hintergrund die Zeit mit abstrusen Fesselspielen verbringen. Das entlockt selbst dem auf einem Sessel sitzenden, isolierten Wissenschaftler, genial verkörpert durch den einzig wahren Bela Lugosi, einer keiner Worte bedürftigen Was-zum-Teufel-Reaktion. Die Zusammenschnitte von Szene (Frauen) und Reaktion (Wissenschaftler) sind wahrscheinlich die einzigen Passagen, welche von einer Beherrschung des normativen Bildvokabulars zeugen, zudem es auf einer höheren Ebene emblematisch für das Verhältnis zwischen GLEN OR GLENDA und dem Sichter steht. Lacht Wood selbst über sein Werk oder lacht er über den zuständigen Produzenten George  Weiss, der die Verantwortung für das Auftauchen der Bondage-Sequenzen trägt? Oder ist das alles nur ein Zufall?

Für die Einordnung in den Zwischenbereich von Kunst und Schund prädestiniert, entgeht GLEN OR GLENDA nicht der Interpretation, selbst ein Transvestit zu sein. Ein filmischer Transvestit, wenn man das so sagen darf, da er Trash ist, doch vom ganzen Herzen eigentlich ein seriöser Aufklärungs-Streifen sein möchte. In gewissem Sinne, zumindest sobald man sich von starren, Fantasie killenden Deutungsformeln löst, tritt er also nicht bloß für Transvestiten und Transsexuelle ein, sondern für jene Filmkunst, die als untauglich oder unmoralisch verschrien ist, weil sie sowohl mit den Gesetzen des Marktes wie/oder auch mit den Vorzügen des durchschnittlichen Kritikers schwer oder gar nicht kompatibel ist.


9/10

Abwege

Abwege



Deutschland, 1928
Genre: Drama (Stummfilm)
Regisseur: Georg Wilhelm Pabst
Darsteller: Brigitte Helm, Gustav Diessl

Irene Beck fühlt sich durch Auflagen ihres Ehemannes Thomas nicht nur in ihrer Freiheit eingeschränkt, sie fühlt auch starke Vernachlässigung ihres Partners. Eines Tages besucht sie heimlich den Zeichner Walter Frank, dem sie ihr schwieriges Eheproblem erklärt. Daraufhin einigen sie sich, dass sie gemeinsam nach Wien abhauen. Doch aus dem Plan wird nichts, weil Irenes Mann hinter das Geheimnis der beiden kommt und seine Frau am Bahnhof abfängt. Damit platzt Irene endgültig der Kragen. Am nächsten Tag stürzt sie sich, ohne es ihrem Mann mitzuteilen, in das Berliner Nachtleben.

Wenn es  im Eheleben kriselt

Kommentar: Eigenartig modern und sehr zurückhaltend kann man das nennen, um zu beschreiben, wie sich dieser Film präsentiert. Er lässt sich als packend bezeichnen, weil er präzise inszeniert ist. Denn formale Schau-mal-her-Basteleien gehören genauso wenig zum Konzept wie die Motivation, fadenscheinige Rührseligkeit aufkommen zu lassen. Obwohl ABWEGE melodramatische Züge beinhaltet, schlägt er es aus, banal gestaltete Entwicklungen zu zeigen. Stattdessen sind wir Zeuge eines sich immer weiter voneinander wegbewegenden Ehepärchens, welches kurz vor der Auflösung steht. Das Melodram betreibt in diesem Stummfilm überhaupt keine Eingenreshow, sondern ist ständig dabei, sich mit Tragödie und Komödie abzuwechseln. Regisseur Pabst betont die Symptome der Lebenskrise einer jungen Frau, die auf der Suche nach einem nicht von ihrem Ehemann vordiktierten Lebensstil den Mief des Stocksteifen durch den Mief des Oberflächlichen tauscht, mehrmals gekonnt, in dem er die Befindlichkeiten und Positionen von Frau und Mann kontrastiert. Brigitte Helms preisverdächtig feuriger Blick und die feste  Eisblock-Visage von Gustav Diessl lassen die Kluft erspüren, die das Paar voneinander trennt. Unterm Strich ist ABWEGE ein liebevoll und heiter aufbereitetes Melodram mit sexuell aufgeladenen Bildern, einfach strukturierter Geschichte und feinsinniger Komik.

7/10

Donnerstag, 20. Dezember 2012

The Wig

The Wig (Gabal) 
 


Südkorea, 2005
Genre: Horror, Thriller
Regisseur: Won Shin-yeon
Darsteller: Chae Min-seo, Sa Hyon-Jin

Ji-hyeon entscheidet sich dazu, ihre krebskranke Schwester Su-hyeon nach Hause zu nehmen, damit diese die ihr noch verbliebene Zeit nicht im Krankenhaus verbringen muss. Zusätzlich schenkt sie ihr eine Perücke, über die sich Su-hyeon riesig freut. Allerdings wissen die Schwestern nicht, dass auf der von ihr gekauften Perücke ein böser Fluch lastet.

Unterfordernder Geisterfilm von der Stange

Kommentar: Der Kniff, die Handlung mit zwei Hauptpersonen zu führen, anstatt mit einer, und die Konflikt auslösende Person sogar in den Hintergrund zu stellen, lässt sich schwer gering schätzen. Leider ist THE WIG jedoch nicht bereit, auf der Basis dieses Einfalls erzählerische Höhepunkte zu liefern. Das könnte daran liegen, dass es diese Basis gar nicht gibt und der Film einen schlauen Kniff nur vortäuscht, eigentlich aber nur das Produkt des Unvermögens der Drehbuchzuständigen ist. Denn einen Gewinn produzieren die wechselnden Verlegungen der Perspektive nicht, sie bremsen eher die Charaktere. Dem Film mangelt es an Einfühlungsangeboten wie an dem Willen, eine Geistergeschichte originell entstehen zu lassen. Stattdessen überkonstruiert Won Shin-yeon, der gleichzeitig auch Regisseur ist, den Spuk und das Unheimliche so weit, bis das Unbehagliche und das Unheimliche ihre Festigkeit verlieren, flüssig werden und in den Gulli laufen. Wie mindestens jeder zweite Geisterfilm unserer Zeit spart auch THE WIG nicht mit billigen Schockeffekten, die in Form von kurz einsetzenden Klängen und Geräuschen den Zuschauer unter Strom stellen, und ihn damit gebietend spüren lassen wollen, wer die Hosen anhat. Solche Schock-Einheiten, so reizvoll sie in einigen Augenblick auch sein mögen, haben zwar den primären Zweck, eine Gleichfühl-Atmosphäre zwischen Figur und Filmbeobachter zu erschaffen, sind aber nicht selten so aufdringlich und unnatürlich, als ginge es den Machern allein darum, den Konsumenten in einem Wachzustand zu halten.

2/10

Bal - Honig

Bal - Honig (Bal)



Türkei/Deutschland, 2010
Genre: Drama
Regisseur: Semih Kaplanoğlu
Darsteller: Bora Altaş, Erdal Beşikçioğlu

Der sechsjährige Yusuf wohnt mit seinem Vater Yakup und seiner Mutter Zehra in den Bergen der anatolischen Provinz. Eine Kommunikation mit Worten findet jedoch nur mit seinem Vater statt, dem Bienenzüchter. Eines Tages muss Yakup in die Ferne aufbrechen und in entlegenen Gegenden nach Honig suchen, da die Bienen das alte Gebiet aus irgendeinem Grund verlassen haben. Mit seiner Mutter alleine gelassen, hofft Yusuf auf eine baldige Rückkehr seines Vaters.

Der Alleingelassene

Kommentar: In zwei Teile lässt sich Kaplanoğlus Berlinale-Gewinner zerschneiden, um die Figur des sechsjährigen Kindes und ihren Bruch besser fassen zu können. Auf der einen Seite stehen die Vorgänge vor dem Verschwinden des Vaters, in welchen wir eine freundschaftliche Beziehung zwischen dem verschlossenen Jungen Yusuf und seinem Papa sehen. Während Yusuf zu seiner Mutter und seinen Klassenkameraden aus der Schule keinen Kontakt sucht, erfreut er sich immer wieder aufs Neue, Honig mit seinem Vater einzusammeln, mit ihm im Wald zu sein und Fragen über verschiedene in der Gegend wachsenden Blumen zu beantworten oder selber welche zu stellen. Yusuf präsentiert sich an jeder Stätte als Kind der Ruhe, nicht selten als Pol der Bewegungslosigkeit, was ihn zu einer scheinbar inaktiven Person werden lässt. Im zweiten Teil nimmt seine lethargische Art beträchtlich zu, die andere Seite des Films zeichnet insbesondere das Bild einer schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung. Seinen Missmut über das Wegbleiben seines Vaters und die ihm unangenehme Zweisamkeit mit seiner Mutter drückt Yusuf jedoch nicht in Worten aus - er spricht überhaupt nicht mit ihr -, sondern versetzt in einer Szene den gemeinsamen Raum mittels des Lichtschalters abwechselnd in einen Hell- und einen Dunkelzustand, womit er auf der Ebene seines Wohlbefindens ein Alarmsignal andeutet. Verblüffend bleibt dabei, dass die Inszenierung von einem Bruch nichts wissen will, deshalb weder ihre Elegie verstärkt noch das Tempo verändert, um der Handlung einen düsteren Anstrich zu verpassen. Unsere Wahrnehmung von Yusuf bleibt von den Veränderungen also unberührt, weshalb einzig und allein der situative Kontext den Zuschauer neu denken und den Bruch verarbeiten lässt.

7/10

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Lover's Concerto

Lover's Concerto (Yeonae Soseol)



Südkorea, 2002
Genre: Drama
Regisseur: Lee Han
Darsteller: Cha Tae-hyun, Lee Eun-joo

Der junge, im Restaurant arbeitende Ji-hwan begegnet den beiden Freundinnen Soo-in und Kyung-hee. Er verliebt sich auf den ersten Blick in das erstgenannte Mädchen und rennt den beiden, nachdem sie sein Restaurant verlassen, hinterher, um sie anzusprechen. In einer schüchtern-verklemmten Art gesteht er Soo-in seine Liebe, die sich davon zwar unbeeindruckt zeigt, das Freundschaftsangebot von Ji-hwan jedoch nicht abschlagen kann. Fortan gestalten Soo-in, Kyung-hee und Ji-hwan ihre freizeitlichen Unternehmungen gemeinsam.

Gefühlsmusik, die schon gefühlte hundertmal fühlen ließ

Kommentar: Filmen, die mit besinnlichen Klavierspielereien anfangen und enden, kann man gar nicht genug skeptisch gegenübertreten, noch dazu, wenn es sich um an der Grenze zu Kitsch befindenden Arbeiten handelt, deren Natur man völlig gerechtfertigt kritisiert und angreift. YEONAE SOSEOL unterlässt weder die sich oft ökonomisch auszahlenden Anbiederungsversuche noch blickt es aus der Position eines Werks des Genre Melodrams über irgendeinen Tellerrand. Erzählerisch läuft alles mehr auf Sparflamme, man nimmt sich die Zeit die Dreiecksstory zu etablieren und zu entwickeln, macht einige Zeitsprünge, klärt Hintergründe, drängt die Protagonisten in Konfliktsituationen und bereitet die inhaltlich dünnen Szenen mit affektbetonten musikalischen Klängen auf. Dass der so fabrizierte poetische Unrealismus kein Unruhestifter ist, darf als die größte Leistung des Regisseurs und Drehbuchautors Lee Han bezeichnet werden. Die Ursache dafür versteckt sich in den drei für die Handlung relevanten Figuren, welche seltsam echt erscheinen, unter anderem deshalb, da sie keine große Auffälligkeiten besitzen und damit nicht in die Gefahr kommen, stereotypische Erscheinungen oder klar abgegrenzte Rollenkonzepte zu bedienen. Gegen das aufgeblasene Gefühlskonzert im Finale habe selbst ich nichts einzuwenden, gegen einige bumpy moments im Skript allerdings schon.

4/10

Fear City

Fear City



USA, 1984
Genre: Thriller
Regisseur: Abel Ferrara
Darsteller: Tom Berenger, Billy Dee Williams

Matt Rossi führt mit seinem Freund Nicky Parzono eine Vermittlungsagentur für Nachtklub-Tänzerinnen. Das Geschäft läuft gut. Bis ein offensichtlich psychopathischer Killer seine Tänzerinnen angreift und tötet. Die Nachtklubs machen Druck, weil ihnen die Stripperinnen ausgehen, woraufhin Matt Rossi und seine Jungs eine Jagd auf den unberechenbaren Mörder starten.

Neonlicht und Nutten

Kommentar: Als ein untypischer Beitrag des Genres kann das Werk von Ferrara nicht aufgrund seiner dramaturgischen Linie angesehen werden, die sich an den definitiven Formeln der üblichen Thriller-Werke abarbeitet, sondern wegen seiner unentspannten Inszenierung sowie einem extrem düsteren Stimmungsbild. Das New York Ferraras ist ein dreckiger Ort, in welchem die Stripklubs den Menschen Entspannung bieten, sofern sie männlichen Geschlechts sind. In dem frauenfeindlichen Umfeld geht es nur um Moneten, weshalb das Trauern der Männer um ermordete Frauen, die im Film Opfer eines wahnsinnigen Serienmörders werden, auf seltsame Weise unehrlich wirkt. Die Bilder im Film sind zum Teil atemberaubend und bringen das Nacht-Flair einer Stadt, die für ihre Gegensätze bekannt ist, mehr als gut auf den Punkt; bisweilen meint man hier sogar einen als handelsüblichen Thriller maskierten Kunstfilm zu sehen. Im späteren Verlauf stellt man fest, dass der Serienkiller Ähnlichkeiten mit Travis Bickle aus TAXI DRIVER aufweist. So wie bei Scorsese hegt auch hier ein Mann den Gedanken, das New York nach seinen Wünschen umgestalten zu wollen, womit natürlich die Beseitigung des subjektiv wahrgenommenen Abschaums gemeint ist.

6/10

Mittwoch, 5. Dezember 2012

White Dog

White Dog



USA. 1982
Genre: Thriller
Regisseur: Samuel Fuller
Darsteller: Kristin McNichol, Burl Ives

Während einer Autofahrt fährt Schauspielerin Julie Sawyer eines Nachts einen streunenden Hund an. Nach einem Besuch beim Tierarzt pflegt sie den Hund und bemüht sich mit Hilfe von Steckzetteln, den Besitzer zu finden. Als sie am Set mit einer farbigen Kollegin dreht, greift der Hund die Kollegin an und verletzt diese schwer. Bei dem Tierspezialisten Carruthers erfährt Julie, dass der Hund ein so genannter "weißer Hund" ist: Er wurde von seinem Besitzer von klein auf dazu erzogen, farbige Menschen anzufallen.

Anti-Rassismus in billiger Form, trotzdem gut

Kommentar: Wenn man sich damit abfinden kann, einen Film im Billigvideo-Look vorgesetzt zu bekommen, der seine Low-Budget-Natur keinesfalls mit einer sensationellen Handlung auszugleichen versucht, stiftet WHITE DOG wahrscheinlich weit weniger Ärger bei der Sichtung an. Wieder mal ist das Verhältnis von Erwartung und tatsächlicher Realisierung von zentraler Bedeutung, um sich nicht den Spaß und die Freude zu verderben. Samuel Fullers drittletztes Großprojekt strotzt ja nicht nur vor inhaltlichen Knappheiten, er beherbergt gleichzeitig auch fragwürdige bis urkomische stilistische Zusätze. Zu einer Summe addiert, ergeben sie aber durchaus einen Topf voll vitaler Zutaten. Ob es die unruhigen Close-ups oder die Zeitlupen in spektakulären Szenen sind, viele Auffälligkeiten wirken in jedem Fall so, als ob sie ohne eine bestimmte Absicht geschehen. Das erweckt deshalb einen besonderen Charme, weil man sich bewusst wird, welches eigentlich ernste Thema der Streifen behandelt, nämlich Rassismus. Unter der Verkleidung eines Tierhorror-Thrillers präsentiert WHITE DOG neben einer pessimistischen Erzählung über die Schwierigkeit, rassistische Bilder auszutreiben, auch ein Statement in Richtung Pädagogik, das sich mit einem kleinen Umbau des Hänschen/Hans-Spruchs in etwa so wiedergeben lässt: Was Hänschen erlernt, verlernt Hans nimmermehr.

7/10

Valley of the Bees

Valley of the Bees (Údolí včel)



Tschechoslowakei, 1967
Genre: Drama
Regisseur: Frantisek Vlácil
Darsteller: Petr Cepek, Jan Kacer

Von seinem Vater wird der kleine Junge Ondrej in einen christlichen Ritterorden geschickt. Dort verbringt er viele Jahre, bevor er sich als Erwachsener entscheidet, zu fliehen und nach Hause zurückzukehren. Doch auf der Flucht stoppt ihn Ordensbruder Armin, der seiner Spur gefolgt ist und ihn zurück in das Kloster bringen möchte. Ondrej ist aber unbeirrbar, schlägt des Freundes Kopf blutig und setzt seine Reise fort. Zu Hause angekommen, muss er erfahren, dass sein Vater seit einigen Tagen nicht mehr unter den Lebenden ist.

Der Jäger und der Gejagte

Kommentar: Im 13. Jahrhundert angesiedelte Geschichte um zwei konträre Positionen, die zu dieser Zeit kaum gegensätzlicher hätten sein können. Die nicht originelle, aber oft inhaltliches Reichtum aufzeigende Freidenkertum vs. Fanatismus-Thematik findet in VALLEY OF THE BEES ihre Hauptdarsteller in Ondrej und Armin, zwei Ordensbrüdern, deren Beziehung sich schlagartig ändert, als Ondrej über Nacht unerlaubt den strengen Orden verlässt und sich auf den Weg nach Hause macht. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, darüber zu entscheiden, ob der fromm gebliebene Armin Ondrejs Spur uneigennützig folgt, weil er ihn tatsächlich in die Gemeinschaft zurückholen will oder, ob seine Jagd psychischen und sexuellen Motiven unterliegt. Andererseits deuten mehrere Passagen deutlich auf eine homoerotische Veranlagung hin, auf die schon relativ früh im Film durch eine Sequenz angespielt wird. Ungeachtet dieser bewusst verspielten Unklarheit setzt sich Regisseur Vlácil mit bedrückender Klarheit mit beiden Positionen kritisch auseinander, weswegen die Charaktere ständig in sich gebrochen wirken. Der begrenztere Horizont wird jedoch dem religiösen Fanatiker zuteil. Dogmatisch wie er ist, gibt es für ihn weder ein Überdenken der Situation noch ein Über-sich-selbst-Nachdenken. Da verwundert es nicht, dass sich selbst ein Priester vor seinen Gedanken über Bestrafung von Ungläubigen fürchtet. Da das Wie mindestens so wichtig wie das Was ist, und der international anerkannte Regisseur der tschechischen Filmschule dies auch wusste, darf man einige Silben über den stilistischen Teil von VALLEY OF THE BEES in einer schriftlichen Gedankenmacherei nicht vergessen. Oder doch? Völlig unnötig zu schreiben, welche tollen Schwarz-Weiß-Töne das Filmbild überfluten, denn sonst agiere man unfreiwillig als Meister der Herabspielung. Meine Worte wären schlicht und einfach nicht in der Lage, die Kraft der Optik und die Poesie der Musik in VALLEY OF THE BEES einigermaßen verlustfrei wiederzugeben.

9/10