Sonntag, 29. Dezember 2013

Best-of Erstsichtungen 2013: Hayat var

Hayat var



Türkei/Griechenland/Bulgarien, 2008
Genre: Drama
Regisseur: Reha Erdem
Darsteller: Elit Iscan, Erdal Besikçioglu

Hayat ist 14 Jahre alt und lebt mit ihrem Vater sowie ihrem an Asthma erkrankten Großvater in einer Hütte nah am Bosporus. Ihr Vater ist offiziell ein Fischer, verdient sein Geld aber eigentlich mit der Belieferung von großen Schiffen durch illegale Waren und Prostituierten, während sie selbst in der Schule eine Außenseiterin ist und Probleme mit Lehrern und dem Schulleiter hat.

You are my sunshine, my only sunshine

Kommentar: Das ist das Leben. Der Titel spielt schon auf die Richtung an, auf die sich der gesamte Film in seinen fast zwei Stunden fokussieren wird. Für Hauptfigur Hayat besteht das Leben aus dem Auswechseln von Sauerstoffflaschen, den einsamen Gängen durch vermüllte Gassen, dem Außenseitersein in der Schule, den trost- und mehrwertlosen Besuchen bei ihrer geschiedenen und mit einem neuen Mann zusammenlebenden Mutter oder dem Drücken auf ein Plüschtier, das "I love you" sagen und sogar die Kurzfassung des Songs YOU ARE MY SUNSHINE singen kann. Andere Tätigkeiten sind nicht minder frei von anschaulichen Illusionen und so bleibt ihr nur übrig, ihren Zorn an einem unschuldigen Truthahn auszuleben, den sie im Garten verfolgt und tritt. Um auf den Punkt zu kommen: Ihr Leben ist scheiße, auch wenn sich die meisten von den Beteiligten, die man um sie herum findet, durchaus Mühe geben. Auffällig viele Sequenzen wechseln sich in diesem Film ab, viele von ihnen dauern keine zwei Minuten, und nicht selten wiederholen sich die Handlungen auch. Wiederholung des Trostlosen tut logischerweise wiederholt weh und man merkt, wie die Gereiztheit bei Hayat wächst. In vibrierenden Tableaus ausgestellt, bietet HAYAT VAR eine ungewöhnliche Coming-of-Age-Story mit eskapistischen, den Zuschauer mitreißenden Bilderfluten, während die Soundspur öfters mit Polizeisirenen, Donner und natürlich den beruhigenden charakteristischen Summlauten beladen wird, die zunächst verwirren, mit der Zeit aber sich als völlig normale Komponenten erweisen, an die man sich schnell gewöhnt hat. Reha Erdem gelang mit seinem fünften Spielfilm ein chef d'oeuvre, bei dem alles stimmt. Außerdem ist es schon länger her, dass ich mich für eine Figur am Ende so sehr gefreut habe wie für Hayat.

In der Reihe "Best-of Erstsichtungen 2013" gehe ich auf Filme ein, die ich im Laufe dieses Jahres zum ersten Mal gesehen und für genial befunden habe.

Freitag, 27. Dezember 2013

Panik im Jahre Null

Panik im Jahre Null (Panic in Year Zero!)



USA, 1962
Genre: Thriller, Sci-Fi
Regisseur: Ray Milland
Darsteller: Ray Milland, Jean Hagen

Die Familie Baldwin ist eigentlich auf dem Weg zu einem Ausflug. Plötzlich wird Los Angeles, das sie gerade erst verlassen haben, durch einen nuklearen Angriff zerstört. Die Familie deckt sich auf der Reise mit Waffen und Vorräten ein, um sich dem Chaos, der in den Städten herrscht, zu entziehen und sich irgendwo in den Bergen zu verstecken.

Eng gesteckte Grenzen der üblichen Geschlechterrollen

Kommentar: Der mit bescheidenen Mitteln gedrehte Film wirft seinen Blick nicht auf die Katastrophe selbst, sondern auf die gesellschaftlichen Folgen sowie die Überlegungen darüber, wie mit dieser Krise umzugehen ist. Nach einem nuklearen Angriff herrscht an Amerikas Westküste Panik, und wo vorher noch bestimmte Verhaltensregeln gegolten haben, machen sich Rücksichtslosigkeit und Egoismus breit, sodass respektvoller Umgang mit Fremden keinen Pfifferling mehr Wert ist. Wer Essen und anderen Kram haben möchte, muss draufzahlen, um eine Transaktion abzuschließen. Alternativ lässt sich das Geschäft aber auch durch Androhung von Waffengewalt durchsetzen, mit der sich die Pläne des gierigen Warenverkäufers durchkreuzen lassen. PANIK IM JAHRE NULL folgt einer vierköpfigen Familie, die sich vom Chaos, das die schwere Katastrophe verursacht hat, zurückzieht und dabei auf wenig schöne Mittel und Wege zurückgreift, um den bösen Elementen die Stirn bieten zu können. Das Überleben im Chaos, das große Thema des Films, wird in erster Linie auf den Gebrauch oder die Präsenz von Schusswaffen reduziert. Nur wer solch ein Gerät besitzt und weiß, wie man damit umgeht, ist in einer Welt, die ihren kulturellen Geist aufgegeben hat, überlebensfähig. Da kann das Oberhaupt der Familie so viel über die Unerträglichkeit des Abfeuernmüssens sinnieren wie er möchte, die fragwürdige Ideologie wischt er damit nicht weg. Ebenfalls problematisch sind die auffällig eng gesteckten Grenzen der Geschlechterrollen, die in nur wenigen Szenen wirklich aufgehoben werden. Dadurch entstehen abgetrennte Räume, in denen die Charaktere ihr Verhalten aus den filminternen Informationsdaten über das Mann- und Frausein beziehen und somit an Individualität einbüßen, aber auch eine ebenbürtige Interaktion verhindern.

Begegnung

Begegnung (Brief Encounter)



UK, 1945
Genre: Drama
Regisseur: David Lean
Darsteller: Celia Johnson, Trevor Howard

Laura und Alec lernen sich in einem Bahnhofscafé kennen, finden sich gegenseitig sympathisch, und fangen deshalb an, sich regelmäßig zu treffen. Später gestehen sie, dass sie sich ineinander verliebt haben. Allerdings sind beide mit anderen Menschen verheiratet, mit denen sich auch Kinder haben. Ihre Familien möchten sie nicht zerstören, weshalb sie sich mit jedem Treffen schuldiger fühlen.

Eine Begegnung mit Folgen

Kommentar: Am Ende wird es abstrus. Der Mann entschuldigt sich bei der Frau dafür, dass er sich in sie verliebt hat. Wochen zuvor lernten sie sich zufällig kennen und verliebten sich ineinander, trotz der Tatsache, dass beide einen Ehepartner und auch Kinder zu Hause haben. Die Liebe als irrationales Produkt verschiedener Einflüsse kann immer zuschlagen und macht vor aufgebauten Kleinorganisationen wie der eigenen Familie keinen Halt. Laura und Alec, so heißen die unglücklich Verliebten, fangen irgendwann an, sich für ihre heimlichen Treffen zu schämen und sich schuldig vorzukommen. Ihre Ehe wollen sie nicht aufs Spiel setzen, zumal ihnen das Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Auflösung alter Verhältnisse unvorteilhaft vorkommt. Gefangen in einem imaginären Bild, auf dem sie strahlend mit ihrer Familie abgebildet sind, fühlen sie sich durch die Affäre wie Kriminelle, die Angst davor haben, den gesellschaftlichen Rhythmus durcheinanderzubringen. Die Vorlage für die melodramatische Handlung war ein Einakter von Sir Noël Coward, doch die Prämisse ist auch aus Tschechows Erzählung DIE DAME MIT DEM HÜNDCHEN bekannt, die 1899 erschien. Ungeachtet des anderen Kulturraums und der anderen Zeit sind die Gründe für den Konflikt zwischen innerer Stimmung und äußerer Anforderung dieselben und es ist erstaunlich, dass dieser Konflikt sogar auf die gleiche Art gelöst (oder: verdrängt) wird. David Leans Film ist ein bewegendes Melodram, wo nichts intellektuell verfremdet wird und sich in den Blicken ganz oft entweder Sehnsucht oder Abneigung spiegelt.

Mittwoch, 25. Dezember 2013

In Bildern: Santa Claus Conquers the Martians

Santa Claus Conquers the Martians

USA, 1964
Genre: Komödie, Sci-Fi (Trash)
Regisseur: Nicholas Webster
Darsteller: John Call, Leonard Hicks

Der immer vergnügte Weihnachtsmann wird auf dem Nordpol von einem Fernsehsender interviewt.
Auch die Kinder auf dem Mars verfolgen das Geschehen und sind natürlich ganz traurig darüber, dass sie auf ihrem Planeten keinen Weihnachtsmann haben.
Deshalb reist eine Truppe von Marsmenschen zur Erde, um den Weihnachtsmann zu entführen.
Sie treffen zuerst auf zwei Kinder. Eins von ihnen fragt: "What are those funny things sticking out of your head?"
"Those are our antennae."
Es wird eins und eins zusammengezählt: "Are you a television set?"
Den Weihnachtsmann versucht man zunächst, von einem Roboter schnappen zu lassen. Aber weil der Weihnachtsmann diesen wie ein Spielzeug behandelt, verhält sich der Blechkasten auch wie einer.
Anyway, sie holen ihn trotzdem zu sich und teilen ihm mit, dass er nicht mehr zurück auf die Erde darf. Seine Antwort: "Ho...ho...ho...!"
Doch auf dem Mars gibt es auch Widerstand gegen den Mantelträger, da einige glauben, er würde falsche Werte in die Kultur der Marsbewohner hineintragen. Der Anführer dieses Protests stellt sich ihm persönlich entgegen und möchte ihn zur Strecke bringen.
Der Weihnachtsmann raucht aber weiter seine Pfeife und chillt, schließlich hat er seine Helfer, die den Banditen mit Seifenblasen...
...oder geworfenen Modellflugzeugen in die Flucht schlagen.
Bei diesem Angriff hat der Schurke nichts zu lachen.
Der immer fröhliche alte Mann amüsiert sich dafür aber umso mehr.
Weil sie den Menschen auf dem Mars, speziell den Kindern, so viel Freude bereitet haben, dürfen die Erdlinge danach sogar doch noch nach Hause.
Dann müssen die Bewohner des Roten Planeten eben einen eigenen Weihnachtsmann einstellen. Tschüüüss!

Montag, 23. Dezember 2013

Kurzfilm: Messerspitze

Messerspitze (Knife Point)



USA, 2009
Genre: Drama (Kurzfilm)
Regisseur: Carlo Mirabella-Davis
Darsteller: Lev Gorn, Davis Hall

Der christliche Fundamentalismus hat in den USA verhältnismäßig viele Anhänger, für die die Worte aus der Bibel durch keinen Zeitgeist negiert werden sollen. Die meisten von ihnen können sich ein Amerika ohne einen starken Glauben nicht vorstellen und verkehren aufgrund dessen nicht selten die meiste Zeit in Kreisen, wo sie unter ihresgleichen sein und sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen können. Eine Kleingruppe, die zu solchen Anhängern gehört oder ihnen zumindest stark ähnelt, stellt Mirabella-Davis in seinem ersten Kurzfilm vor und inszeniert eine Familientragödie, in der viel geschwiegen und unsicher geguckt wird. Etwas ist vergiftet, eine Heilung ist jedoch nicht in Sicht. Der Messerverkäufer Gerry hat einen Termin mit einem Kunden und muss in Kürze abfahren. In einem kleinen Restaurant kommt er in ein Gespräch mit einer ausgewogen besetzten vierköpfigen Familie - Vater, Mutter, Tochter, Sohn -, die seinen Zielort erfährt und ihn auf ihrer Durchreise mitnimmt, da sie die gleiche Strecke fahren müssen. Als der Vater mitbekommt, dass Gerry nicht religiös ist, macht er ihm klar, dass er nicht seinen Vorstellungen entspreche und dass der Glaube an Gott wichtig für die Zukunft des Landes sei. Gerry vermerkt die negativen Zeichen zwar, deutet sie aber unzureichend, wie wir im Schluss noch sehen werden, wo der Fanatismus des Vaters auf die Spitze getrieben wird - nicht im ironischen, sondern ganz und gar grausamen Sinne. Trotz kühler und unappetitlicher Töne erzählt MESSERSPITZE auch von warmen Blicken, die sich treffen und von dem Messerverkäufer sowie von der Tochter der Familie ausgehen. Die junge Frau entdeckt in Gerry einen Halt für kurze Zeit und schickt die faschistische Utopie ihrer Eltern ins Jenseits. Des Weiteren punktet das subtile Drama durch eine sehr ambitionierte Bildgestaltung und einen langsamen, bedachten Aufbau.

Sonntag, 22. Dezember 2013

Malastrana

LA CORTA NOTTE DELLE BAMBOLE DI VETRO
Italien/Deutschland/Jugoslawien, 1971
Genre: Thriller
Dauer: 92 Minuten

Regisseur: Aldo Lado
Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Aldo Lado
Darsteller: Jean Sorel, Ingrid Thulin, Mario Adorf, Barbara Bach, Fabijan Sovagovic, José Quaglio, Relja Basic, Piero Vida

Bevor Regisseur Aldo Lado 1972 seinen Giallo-Klassiker THE CHILD drehte, erschien ein Jahr zuvor sein Debüt, das nicht weniger seine Fähigkeiten bei der Inszenierung unter Beweis stellte. Ihm gelingt fabelhaft, Eindrücke zu schaffen und Figuren in einem verworrenen System einzusperren. Figuren, die für ihr Recht kämpfen und eine skeptische Einstellung gegenüber polizeilichen Ermittlungen mitbringen. Figuren, die nicht ahnen, welche Luken sie alles mit ihrer Schnüffelei öffnen und die nicht wissen, welche diabolischen Elemente hinter Fassaden nur darauf warten, ihre wahre Fratze zu zeigen. Sie werden hinters Licht geführt und ihre alten, verniedlichenden Vorstellung vom Bösen werden schnell mal in Kleinholz verwandelt. In MALASTRANA sehen wir eine morbid wirkende Kulisse, ein unheimliches Prag, in dem ein amerikanischer Journalist tot aufgefunden wird. Da nach mehreren Stunden die Leichenstarre ausbleibt, versuchen die Ärzte, den Mann zu reanimieren. Wir als Zuschauer kennen jedoch die wahre Situation des Mannes, der denken, aber sich nicht bewegen kann, ja überhaupt nicht imstande ist, ein Zeichen der Aktivität nach außen zu tragen. Das Problem des scheintoten Mannes, dessen
körperliche Verfassung für die anwesenden Ärzte ein Rätsel darstellt, ist, dass er so gut wie nichts über sich selbst weiß und sein Wissen über seine Person erst zurück in sein Bewusstsein holen muss, damit ihm klar wird, warum ihn das Krankenhauspersonal für tot hält und er auf dem Obduktionstisch liegt.

Die Klärung darüber, wie es zum Scheintod überhaupt kam, versammelt im Laufe der Geschichte natürlich zahlreiche Wendungen. Der in der tschechischen Hauptstadt gedrehte MALASTRANA unternimmt keine Versuche, seine Konsumenten zu erschrecken oder sie mit behandschuhten Mördern vertraut zu machen. Man schwört stattdessen auf eine dichte Kriminalerzählung und den trostlos bis schaurig wirkenden Schauplatz mit seinen verwinkelten Gässchen und den grau- und gelbfarbenen, blassen, nicht mehr den frischesten Eindruck machenden Häuserfassaden. Der Fortschritt der Handlung ist nicht zäh zu nennen, auch wenn es in kurzen Abständen kleine Pausen gibt, in welchen wieder zurück in die Gegenwart geblickt wird, wo der arme Kerl für alle anderen Menschen immer noch wie ein Toter da liegt. In der von ihm konstruierten Rückblende erfahren wir, dass er Gregory Moore heißt und mit seiner Freundin Mira, einer Tschechin, eigentlich nach England fahren wollte. Doch dann fehlt von ihr jede Spur. Der Polizei vertraut der Journalist wenig und setzt sich deshalb auch selbst mit dem Verschwinden von Mira auseinander. Seine Kollegen bei der Zeitung unterstützen ihn zwar tatkräftig, doch können sie ihn nicht davor bewahren, die Türschwelle zu passieren, die ihn zu einem gefährlichen Geheimbund und damit ins Verderben führt.

MALASTRANA bringt im letzten Drittel auch eine politische Note mit und lässt sich als Reaktion auf die gescheiterten Liberalisierungsbemühungen der Kommunistischen Partei in der Tschoslowakei lesen, die sich Ende der Sechziger gegen die Reformfaulheit der Elite aufgelehnt hatte. Subtil transportiert zwar, doch aufgrund des Schauplatzes und des zeitlichen Kontexts mit Allgemeinkenntnissen über den Sozialismus entlarvbar, zumal Motive in die Handlung eingebunden werden, die eine solche Deutung erst recht plausibel machen. Lados Debüt überzeugt überdies mit Vielfalt und gewaltigen Kurven, die der Protagonist nehmen muss, wenn er nicht aus der Bahn geschleudert werden will. Gelegentlich ins Artifizielle abgleitend, profitiert der Film von dem dunklen und pessimistischen Ton der Geschichte, welche nicht einfach lieblos zum Verzehr hingeklatscht, sondern mit Kompetenz eingefangen wurde. Keiner Windung der Handlung mangelt es so an genügend Stimmung und kein Bild bietet buchstäbliche Leere, die uns kalt lässt. Aldo Lado steht dabei als Regisseur in einer Reihe mit den bekannteren Italienern Mario Bava und Dario Argento, die in ihren Debütprojekten ebenfalls ein auffallend hohes Maß an Verständnis für die Visualisierung mitbringen konnten.

Dieser Krimi, in dem ein Mosaiksteinchen nach dem anderen eingesammelt wird, kommt nicht ohne nennenswerte Unterstützung der Schauspieler aus. Es ist zwar schade, dass Ingrid Thulin einen relativ blassen Charakter bekam (sie spielt die ehemalige Geliebte der Hauptfigur und ist viel zu selten im Bild), doch bügelt sie das mit ihren Fähigkeiten aus und entlockt auf diese Weise ihrer Präsenz mehr Facetten, als es das Drehbuch eigentlich hergibt. Tatkräftig steht ihre Filmfigur Gregory zur Seite, der sich auch auf seinen Kollegen Jack verlassen kann, welcher von Mario Adorf gespielt wird und der seinen Kumpel zu keinen Zeitpunkt hängen lässt. In der Hauptrolle ist Jean Sorel zu sehen, ein vor dem Erscheinen von MALASTRANA etablierter Schauspieler der italienischen und französischen Leinwandprodukte, dessen bekanntester Film bis dato BELLE DE JOUR (1967) war. Die als "König von Mallorca" titulierte Schlager-Socke namens Jürgen Drews mischt hier ebenfalls mit, wenn auch sein Auftritt keine zwei Minuten dauert. Er zupft grinsend an der Gitarre und versucht mit einem Song, die Ohren der um ihn herumstehenden Menschen zu betören.

Samstag, 21. Dezember 2013

Heil dem siegreichen Helden

Heil dem siegreichen Helden (Hail the Conquering Hero)



USA, 1944
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Preston Sturges
Darsteller: Eddie Bracken, Ella Raines

Woodrow, der aus einer Kleinstadt stammt, wurde von den US-Marines abgelehnt und traut sich nicht, diese Nachricht seiner Mutter mitzuteilen, weil er fest davon überzeugt, ist, dass er sie mit dieser Mitteilung enttäuschen würde, da sein Vater ein Kriegsheld gewesen ist. In einer Bar trifft er auf eine Gruppe von Marines, die ihn dazu überreden, seinen Heimatort zu und seine Mutter zu besuchen. Allerdings ziehen sie ihm auch eine Uniform mit Abzeichen und Medaillen an, sodass er vorgeben soll, der Armee gedient zu haben.

Stumpfe Heldenverehrung

Kommentar: In dieser Kleinstadtfarce und Militärsatire wird die Heldenverehrung aufs Korn genommen und ein geheimer Wunsch der Bevölkerung nach unproportionalen Verhältnissen zwischen Sein und Schein thematisiert. Eine Eventisierung einer einfachen Ankunft eines vermeintlichen Kriegshelden am Bahnhof ist dabei nur die Spitze des Eisbergs und im Film ist das gleichzeitig auch der Anfang eines Missverständnisses, welches auf einer unhinterfragten Deutung des Wortes Stolz einerseits und einer Sehnsucht nach Sensationalität andererseits basiert. In HEIL DEM SIEGREICHEN HELDEN gelingt einem Menschen der turboschnelle Aufstieg nicht durch Akribie, konzentrierte Vorbereitung oder dem Einsatz von Grips, der sich in einem Plan manifestiert. Vielmehr bestimmt der Zufall das fragwürdige Schicksal des gefeierten Protagonisten, dessen Fallhöhe sich Sequenz für Sequenz nach oben schraubt, bis das Herunterfallen nicht mehr bloß schmerzlich werden kann, sondern man auch annehmen muss, dass der auf dem Boden der Realität Ankommende sein Gesicht verlieren wird. Deshalb ist der Film auch so fies, schließlich verlässt der Protagonist den erwähnten Boden überhaupt nicht, die konstruierte Rolle akzeptieren nur die, die sie auch zusammengehämmert haben, nämlich die Bürger. Spitzzüngige Bemerkungen in Richtung der Politik nimmt Sturges wieder einmal mit in sein Skript, wenngleich sie in DER GROSSE MCGINTY noch um einiges böser und provozierender daherkommen. Eine Abschwächung tritt ebenso bei dem inhaltlichen Motiv der Heldenverehrung auf, da der Regisseur die Position der Bürger am Ende relativiert und aufgrund dessen weniger an ihrem Verhalten rummäkelt. Dafür zeigt er sich aber mehr an einer Neuinterpretation des Heldenbegriffs interessiert.

Das Haus des Schreckens

Das Haus des Schreckens (Sherlock Holmes and the House of Fear)



USA, 1945
Genre: Kriminalfilm, Thriller
Regisseur: Roy William Neill
Darsteller: Basil Rathbone, Nigel Bruce

Sherlock Holmes und sein Partner Dr. Watson reisen nach Schottland auf einen abgelegenen Landsitz, wo sie sich mit fünf Männern eines privaten Klubs treffen. Diese haben hohe Lebensversicherungen abgeschlossen und sich gegenseitig als Begünstigte eingetragen. Jedoch bestand ihr Klub ursprünglich aus sieben Mitgliedern, aber zwei von ihnen sind bereits ums Leben gekommen. Ob sich da jemand durch die Tode bereichern möchte?

Verständliche Aufschlüsselungen

Kommentar: Ein B-Film, bei dem das Krimi-Rad nicht neu erfunden wird, aber dafür die Vorzüge des Genres in dessen traditioneller Formulierung herausgestellt werden. So viel zu wissen, wie der Detektiv, der an einem Fall arbeitet, und die Lösung mitzuraten, dabei Hypothesen aufzustellen und wieder zu verwerfen, ist für den Zuschauer aufregend und funktioniert als Mitmachangebot, auch wenn der fiktive Schnüffler meistens doch etwas schlauer ist und um mehr Ecken denken kann, als man selbst. Überraschend an DAS HAUS DES SCHRECKENS ist es, dass er trotz der kurzen Spielzeit von weniger als 70 Minuten einen stimmigen dramaturgischen Aufbau des Falls aufweisen kann, also keine realitätsfernen Verbindungen braucht, um zur üblichen Auflösung zu kommen. Die Aufschlüsselungen der versteckten Zeichen zirkulieren immer im Bereich des Möglichen oder Verständlichen, denn Holmes scharfer Geist liebt die Logik und das Drehbuch lässt uns aufgrund relativ weniger Knäuel auch nicht daran zweifeln, dass alles mit rechten Dingen zugeht und der Zuschauer die gleichen Chancen hat, bei der Untersuchung erfolgreich zu sein. Obwohl diese Verfilmung einer Doyle-Geschichte ein sehr ernstes Thema hat und die Krimistimmung öfters in eine Horroratmosphäre umschlägt, wollte man nicht peinlich genau diese Umstände auf die Dialoge zwischen Holmes und seinem Partner Watson übertragen. Die Diskussionen zwischen den beiden sind deshalb auch eher amüsant und zur Auflockerung gedacht. An einer Stelle entfernt sich Sherlock Holmes beispielsweise für kurze Zeit von Watson, der diesen Akt aber gar nicht realisiert und einfach weiterspricht. Als er sich über Personen äußert, huhut in der Nähe eine Eule, was Watson aber als ein "Who?" seines Kollegen wahrnimmt, wodurch er sich gezwungen sieht, auf die Zwischenfrage erklärend Antwort zu geben.

Notlandung im Weltraum

Notlandung im Weltraum (Robinson Crusoe on Mars)



USA, 1964
Genre: Sci-Fi, Drama
Regisseur: Byron Haskin
Darsteller: Bradley Cooper, Leslie Bibb

Zwei Raumfahrer umkreisen zwecks einer Expedition den Planeten Mars. Doch ein Meteor zwingt die beiden dazu, auf dem Mars zu landen, wobei nur einer von ihnen die Landung überlebt. Der Sauerstoffvorrat ist allerdings sehr knapp und so muss der erste Mensch auf dem Mars sich zuerst um die Schwierigkeiten mit dem Sauerstoff kümmern. Glücklicherweise ist noch ein Äffchen bei ihm, so ist er wenigstens nicht völlig allein.

Authentische Landschaften unter einem orangeroten Himmel

Kommentar: In Defoes bekanntem Literaturklassiker war es ein Schiffbrüchiger, der auf einer Insel leben musste, hier ist es ein Raumfahrer, welcher auf dem Mars notlandet und dort um sein Überleben kämpft. Sein Verständnis für die neue Umgebung wächst mit der Zeit, so erleben wir aufregende Erkundungen des fremden Planeten, an dessen orangeroten Himmel wir uns langsam gewöhnen. Mit einem putzigen Äffchen durchstreift unser Protagonist seinen neuen Lebensraum und muss schon bald feststellen, dass ihm der Kontakt zu Menschen fehlt und die Isolation ihn zu entmutigen beginnt. Aus dem philosophischen Blickwinkel wird so eine Überlegung über die Wichtigkeit zwischenmenschlicher Kommunikation getätigt und das Auftauchen einer Halluzination unterstreicht nicht nur den Höhepunkt einer demoralisierenden Situation, sondern merkt auf psychologischer Ebene ebenso die Bedeutsamkeit dieser Frage für das Individuum an. Größtenteils in der Mojavewüste aufgenommen, machen die Landschaftsaufnahmen einen guten und - an dieser Stelle passt der Ausdruck tatsächlich - authentischen Eindruck, was nicht selbstverständlich für ähnliche Filme aus den Sechzigern war. Aufgrund dieses Umstands verwundert es sehr, dass die Raumschiff-Darstellung selbst für die Zeit, in der der Film entstand, out of date ausschaut, um nicht zu sagen beschissen. Natürlich kann man sein Gaudium daran haben und fliegende Untertassen, die an eine schlechte Cartoonzeichnung denken lassen, als brüllend komisches Element ansehen, aber erstaunlich ist das schon, wie nachlässig an diesen Stellen gearbeitet wurde, obwohl NOTLANDUNG IM WELTRAUM ansonsten handwerklich eine Wucht ist.

Best-of Erstsichtungen 2013: Arsen und Spitzenhäubchen

Arsen und Spitzenhäubchen (Arsenic and Old Lace)



USA, 1944
Genre: Komödie
Regisseur: Frank Capra
Darsteller: Cary Grant, Josephine Hull

Der bekannte Theaterkritiker Mortimer Brewster hat geheiratet und möchte nun auf eine Hochzeitsreise aufbrechen. Doch zuvor stattet er seinen beiden Tanten Abby und Martha einen Besuch ab, der allerdings unerwartete Folgen mit sich bringt. Er entdeckt in einer Truhe eine Leiche und erfährt von seinen Verwandten daraufhin, dass noch elf weitere im Keller liegen.

Eine rauschhafte Szene jagt die nächste

Kommentar: Selbst ich vertrat mal die Ansicht, dass alte Komödien nicht lustig seien, weil der Humor sich verändert habe und man doch kaum über irgendein Zeug lachen könnte, welches noch zu Lebzeiten Hitlers gedreht wurde. Vor mindestens zwei Jahren habe ich diese Meinung allerdings vollständig revidiert und hätte ich das vorher nicht getan, dann wäre das spätestens nach meiner Sichtung von ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN so weit, denn selten hat mich eine Filmkomödie so sehr vergnügt, wie der von rauschhaften Szenen durchzogene, unter Strom stehende, bebende und quietschende, mit Cary Grant in der Hauptrolle perfekt besetzte Streifen, der an einem einzigen Tag und größtenteils in einem einzigen Raum spielt. Er bedient auf fantastische Weise verschiedene Spielarten der Komödie und lässt sich deshalb auch schwer in einer Schublade unterbringen. Wirrwarr wird am Band produziert, wenngleich es niemals um die Summe bizarrer Ereignisse geht, sondern um deren Verkettung. Auf diese Weise kann der Film so viel Schippen drauflegen, wie er möchte, die Schüssel schwappt einfach nicht über. Nicht Stichworte fügen sich aneinander, vielmehr handelt es sich um ganze Schachtelsätze, die von einem weisen Verstand der Macher zeugen. Mit Grants Rolle kann man fast schon Mitleid haben, schließlich wollte der Arme seinen zwei Tanten bloß erklären, dass er wegfahren wird, doch dann muss er zusammenzuckend feststellen, dass die beiden Frauen schon zwölf Männer umgebracht haben und gar nicht daran denken, mit den Verbrechen aufzuhören. Ballaballa-Attitüden und aufgeregte Versuche, den Irrsinn zu verstehen, wechseln sich daraufhin ab. Die Figur von Cary Grant weiß gar nicht, wie ihm geschieht, und tut anschließend alles dafür, dass seine Frau nicht von den Familienangelegenheiten Wind kriegt. Mit dem ständigen Abtreten von Figuren macht der Film auf seine Theaterherkunft aufmerksam, die ebenso durch die kinematografische Einfachheit unterstützt wird, während er sich in den Referenzen an den Kriminal- sowie den Horrorfilm auf sein eigenes Medium konzentriert.

In der Reihe "Best-of Erstsichtungen 2013" gehe ich auf Filme ein, die ich im Laufe dieses Jahres zum ersten Mal gesehen und für genial befunden habe.

Freitag, 13. Dezember 2013

Best-of Erstsichtungen 2013: The Midnight Meat Train

The Midnight Meat Train



USA, 2008
Genre: Horror
Regisseur: Ryūhei Kitamura
Darsteller: Bradley Cooper, Leslie Bibb

Leon Kauffman läuft nachts durch New York und fotografiert für eine Ausstellung das Nachtleben der Stadt. Auf einer Treppe zum U-Bahnhof rettet er eine junge Frau vor einem Überfall, indem er sich mehreren Männern entgegenstellt, die er mit der laufenden Überwachungskamera einschüchtert, sodass sie von dannen ziehen. Die Frau bedankt sich bei Leon und steigt in die U-Bahn ein. Später erfährt Leon, dass diese Frau noch in derselben Nacht getötet wurde. Zufällig stößt er bei seinem Fotografie-Projekt auf einen sehr breitschultrigen Typen und verdächtigt ihn, die Frau, der er zur Hilfe kam, und viele andere Menschen brutal ermordet zu haben.

Hinter der vertrauten Oberfläche

Kommentar: Die von Clive Barker abgesegnete Verfilmung einer Kurzgeschichte aus der Novellensammlung DAS ERSTE BUCH DES BLUTES ist sowohl ein Gorefest als auch ein vielschichtiges Psychogramm. Fotografieren wird hier zur Obsession, und diese verwandelt sich in rasende Lust. Die Geilheit darauf, seinen vielleicht größten Schock zu erleben und eine unvorstellbare Grausamkeit auf einem Bild festhalten zu können, überrennt die Vernunft, sodass man dort seine Nase reinzustecken beginnt, wo sie eigentlich nichts zu suchen hat. Man steigt in eine U-Bahn ein und wird zum Voyeur von erschreckenden Gewaltverbrechen, deren Urheber mit immer gleicher Miene auf seine Werkzeuge und Opfer schaut. Der Zuschauer angelt sich an dieser Stelle schnell ein paar Schlaumeier-Fragen aus seinem Hirn, wie beispielsweise die, warum der Protagonist nicht abhaut und sich darum bemüht, die hinteren Waggons zu erreichen. Doch die Filmrealität funktioniert in dieser Welt komplexer, weil schwer ergründbare Elemente in die Handlung eingebunden werden. New York ist in diesem Film nur mit dem trivialen Blick ein Ort wie jeder andere, denn hinter der vertrauten Oberfläche regieren mystische Kräfte, die die Fäden in der Hand halten. In den furchterregenden bis stylischen Actionszenen, die THE MIDNIGHT MEAT TRAIN prägen, sieht man deshalb auch keine Vergnügung, sondern nur Pflicht. Gehorsamkeit wird zum Prinzip des Auserwählten.

In der Reihe "Best-of Erstsichtungen 2013" gehe ich auf Filme ein, die ich im Laufe dieses Jahres zum ersten Mal gesehen und für genial befunden habe.

Best-of Erstsichtungen 2013: Dällebach Kari

Dällebach Kari



Schweiz, 1970
Genre: Drama
Regisseur: Kurt Früh
Darsteller: Walo Lüönd, Franziska Kohlund

Dällebach Kari ist ein Coiffeur, der in Bern Kunden bedient, welche auch aufgrund seiner Person in seinen Laden kommen. Denn Dällebach gilt mit seiner Hasenscharte und seiner eigenwilligen Art, Witze zu machen, als Stadt-Original.

Anklage gegen Ausgrenzung

Kommentar: Zu seinen liebsten deutschsprachigen Filmen zählte der von uns gegangene Blogger Whoknows den in Deutschland kaum bekannten Film DÄLLEBACH KARI, der vom traurigen Leben des Schweizer Coiffeurs Karl Tellenbach handelt. Vor ein paar Monaten strahlte 3sat diesen Film nach Mitternacht aus, und obwohl meine Müdigkeit mir genug Hinweise dafür lieferte, dass ich schon im Bettchen sein müsste, wollte ich dieses "Meisterwerk", welches "ausserhalb der Schweiz immer ein Geheimtipp bleiben wird", auf keinen Fall verpassen. Es gibt diese Werke, die man sich nachts anschaut und die das Müdesein vergessen lassen. So lief es bei mir auch mit diesem Juwel ab, der im Original auf der Sprachspur den Berndeutschen Dialekt aufweist. DÄLLEBACH KARI fängt mit dem Selbstmord seiner Hauptfigur an und erzählt in einer Rückblende, warum es zu diesem kam. In ein Korsett eingeschnürt, das ihm eine Freak-Rolle aufzwingt, lebt der stadtbekannte Dällebach zwei Leben. In seinem Coiffeur-Laden ist der Mann mit einer Hasenscharte
ein Witzereißer, der mit seinen Kunden ungewöhnliche Späße treibt, doch außerhalb seines kleinen Machtbereichs ist er ein Saufloch und von Erinnerungen geprägt, die jedem Menschen die Laune verderben würden. Dällebach ist für seine Klienten eine Attraktion in der normalsten Normalität, was auch bedeutet, dass diese Mitmenschen nur an seiner Originalität interessiert sind und nicht etwa an seiner Person. Der gesellschaftliche Außenseiter versucht es zwar, Wege aus der Krise zu finden, doch er läuft ständig in neue Sackgassen hinein. Der gewählte Freitod wirkt im Zusammenhang seiner Situation dennoch weniger als Zeichen persönlichen Scheiterns, sondern vielmehr als Anklage gegen die Ausgrenzung.

In der Reihe "Best-of Erstsichtungen 2013" gehe ich auf Filme ein, die ich im Laufe dieses Jahres zum ersten Mal gesehen und für genial befunden habe.

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Kurzfilm: Die letzte Runde

Die letzte Runde (Choejongmyeonjeop)



Südkorea, 2010
Genre: Drama (Kurzfilm)
Regisseur: Moon-seok Hwang
Darsteller: Jae-man Kim, Na-mi Yu

Bewerbungsgespräche können ätzend sein. Das Davor, das Danach, das Mittendrin. Personaler, die fiese Tricks für Anwärter vorbereiten oder die Bewerber vor unkonventionelle Aufgaben stellen, soll es auch noch geben. Genau an diese Art von Trick oder Prüfung denken ein Mann und eine Frau, die zu einem finalen Vorstellungsgespräch in einen Raum im Untergeschoss geschickt werden, in dem anscheinend schon lange nicht mehr sauber gemacht wurde, denn die hier stehenden technischen Geräte sind mit dicken Staubschichten bedeckt. Sie können sich kaum vorstellen, dass hier ein Gespräch stattfinden wird. Und weil sie sich für eine Stelle als Reinigungskraft beworben haben, fangen beide an, eifrig zu putzen. Sie glauben, dass der Arbeitgeber ihr Engagement und ihre Initiative überprüfen möchte, weshalb keiner die Konkurrenz besser aussehen lassen möchte. Doch dann drückt einer von ihnen unabsichtlich auf einen Knopf und schaltet damit einen Countdown ein. Eine Erschütterung bewirkt, dass beide zu Boden fallen, eine Weile wahrscheinlich ohnmächtig daliegen und später aufstehen. Nichts scheint verändert, außer dass sie jetzt aus dem Fenster nach draußen schauen können. Bei dem Anblick, der sich ihnen präsentiert, fragt der Mann die Frau, ob sie wirklich glaube, dass sie im Weltall seien. Wir als Zuschauer wissen es ganz genau, weil wir eine Außensicht auf das im All schwebende Laborzimmer haben, genau so, wie wir wissen, dass die beiden einfach nur in die falsche Ecke des Gebäudes geschickt wurden, weil die zuständige Bürokraft das Gekritzel ihres Vorgesetzten falsch interpretiert hat. Doch auch nachdem die zwei Bewerber von der ernsten Situation durch Funk unterrichtet werden, kann kein positiver Einfluss auf die Konkurrenzstruktur einwirken. Dann merken wir, dass es sich doch alles um einen Test handelt. Die Prüfer sind die Filmzuschauer, die einen kritischen Blick darauf werfen sollen, wie es um die menschlichen Qualitäten der Isolierten steht.

Best-of Erstsichtungen 2013: Reise zur Sonne

Reise zur Sonne (Güneşe Yolculuk)



Türkei/Niederlande/Deutschland, 1999
Genre: Drama
Regisseur: Yeşim Ustaoğlu
Darsteller: Nazmi Kırık, Newroz Baz

Die jungen Männer Mehmet und Berzan - der eine ist Türke, der andere ist Kurde - begegnen sich, als ein paar lautstark brüllende Männer nach einem Fußballspiel durch die Straßen laufen, und anfangen, auf Berzan einzuschlagen, den Mehmet daraufhin vor den Prüglern verteidigt. Beide kamen aus ländlichen Gegenden nach Istanbul, um in der Großstadt ein neues Leben anzufangen.

Glaubhafte Berührungen

Kommentar: Solidarität als Maßnahme zur Verbesserung einer Situation, die ungerecht ist, kann sich auch in einer Freundschaft zeigen. Davon berichtet das türkische Drama, das bitteren Realismus und Berührungen mit dem Poetischen verknüpft. Regisseurin Yeşim Ustaoğlu schrieb auch das Drehbuch zu dem Film und nimmt mit ihrer eigenen solidarischen Haltung kein Blatt vor den Mund. In einer sowohl subtilen wie auch offenen Art spricht sie die politische Verfolgung von Kurden in der Türkei an, die zur Zeit der Entstehung ein schwieriges Thema in der öffentlichen Diskussion war und tabuisiert wurde. Sie entkleidet die diskriminierenden Einstellungen nicht in verwaschenen Analysen, sondern setzt ihren Aufruf zu einer gesellschaftlichen Debatte im Zusammenhang einer einfühlsamen Story um, die die Möglichkeit einer Distanz zur Kritik ganz offensichtlich schwächen soll. Nicht wenige Filme scheitern, wenn sie eine berührende Handlung und eine dezidierte politische Agenda zusammenfügen. Meistens deshalb, weil die Berührungen zwischen diesen beiden inhaltlichen Linien gestelzt wirken. In REISE ZUR SONNE sind diese Berührungen aber so natürlich wie die Unterhaltungen zwischen den beiden befreundeten Männern, die, als hätten sie die Stimmung ihres Landes vernunftslos übernommen, nie miteinander über den staatlichen Rassismus sprechen. Die kleinen Unebenheiten im Drehbuch, die schauspielerische Unerfahrenheit der Hauptdarsteller sowie der nicht von einem großen Budget zeugende Look tragen die Wappen der anziehenden Unvollkommenheit und haben mich mit der Unterstützung einer unglaublich fachkundigen Inszenierung teils sprachlos gemacht.

In der Reihe "Best-of Erstsichtungen 2013" gehe ich auf Filme ein, die ich im Laufe dieses Jahres zum ersten Mal gesehen und für genial befunden habe.

Montag, 9. Dezember 2013

The Wooden Room

The Wooden Room (Derevyannaya komnata)



Russland, 1995
Genre: Drama (Experimental)
Regisseur: Yevgeny Yufit
Darsteller: Vladimir Maslov, Tatyana Verkhovskaya

Ein Mann wohnt mit seiner Frau in einer Hütte im Wald, abgeschnitten vom Rest der Welt. Er schaut sich Bilder an, die der Filmprojektor ihm an die Wand wirft. Als seine Frau unglücklich hinfällt und stirbt, versucht er, sich selbst umzubringen.

Ein System bricht zusammen

Kommentar: Das Rattern des Filmprojektors als angenehme Begleitung zu bizarren Bildern, die etwa zwei nackte Männer im Wasser, einen Otter bei der Körperpflege oder einen merkwürdig ablaufenden Selbstmord zeigen. Der Mann, der diese Filmrollen abspielt, scheint fasziniert von all der dokumentarischen Potenz und ist völlig versunken in das Material, welches die Frau an seiner Seite aber weniger begeisternd findet. Es ist auf jeden Fall das, was man als Zuschauer empfindet, denn Kommunikation mittels Sprache findet zwischen den beiden nicht statt. Wir müssen also die Gesichter und die Umgebung der Menschen lesen, um hinter das zu kommen, was man uns sagen möchte. Wie in vielen seiner Werke, bedient sich der Nekrorealist Yevgeny Yufit in THE WOODEN ROOM der audiovisuellen Möglichkeiten des Kinos der 20er und 30er Jahre. Allerdings entschärft der Regisseur diesen Anachronismus auch wieder, wenn er mit dem Sound arbeitet, da er mit dieser Eigenschaft sehr manipulierend umgeht. Während in dem ganzen Film nicht gesprochen wird und einige Objekte überhaupt keinen Laut machen, verursachen manche Dinge auffällig laute und manchmal außerordentlich verzerrte Geräusche, die durch den Kontrast mit dem Lautlosen teils verunsichern, aber zumeist anders wahrnehmen lassen. Wenn beispielsweise zwei Männer vor einem See stehen und die Soundspur durch das Plätschern von Wasser dominiert wird, haben wir auch eine direktere Sicht auf den See, obwohl er nicht im Ansatz zum Mittelpunkt des Bildes gehört. Der entstellte Ton macht die Aufnahmen also ganz oft sichtbarer; man könnte auch schreiben, dass er unseren Fixpunkt erweitert. Ein Gefüge existiert in DEREVYANNAYA KOMNATA nur in der ersten Hälfte der etwas mehr als 60 Minuten, danach bricht die feste Ordnung ohnmächtig zusammen, wodurch die dokumentierte und die wahre Realität ineinandergleiten.

Best-of Erstsichtungen 2013: Der Bruder

Der Bruder (Brat)



Russland, 1997
Genre: Drama, Thriller
Regisseur: Aleksei Balabanov
Darsteller: Sergey Bodrov, Viktor Sukhorukov

Danilo kommt aus dem Militärdienst zurück und wird von seiner Mutter nach St. Petersburg geschickt, wo auch sein großer Bruder Wiktor wohnt, der sehr erfolgreich durch das Leben kommen soll. Als ihn Danilo dort antrifft, stellt er allerdings fest, dass Wiktor ein Verbrecher ist, der ihn braucht, um Aufträge zu erfüllen.

Ein dreckiges St. Petersburg

Kommentar: Der wahrscheinlich bekannteste Film von Balabanov ist ein düsterer Großstadt-Thriller, der in einem langsamen Tempo die Geschichte eines Kriegsveteranen erzählt, der die Gangsterszene aufmischt und mit seiner unnachgiebigen Art einiges auf den Kopf stellt. Man taucht ab in ein dreckiges St. Petersburg, das mit den typischen Photographien der Reiseveranstalter nichts gemein hat. Doch zu einem Film, in dem Illusionen entweder zerstört oder gar nicht zugelassen werden, passt das außerordentlich. Wenngleich von amerikanischen Vorbildern abgepaust wurde, behält DER BRUDER einen eigenen individuellen Anstrich, was möglicherweise an der Vermischung verschiedener Eigenschaften liegt, die durch stark hollywooduntypische Bilder abgerundet werden. An die Narration befestigte man zudem noch einen exzellenten Soundtrack, der die jeweiligen Darstellungen mit einem bestimmten Klima bereichert, wodurch der energetische Höhepunkt des Visuellen verlängert und maximiert wird. Die Figur des Kriegsveteranen Danilo, der in die Kriminalität einsteigt, seine Erfahrung mit Waffen zelebriert, mit zwei Frauen gleichzeitig etwas am Laufen hat und den eigenen Bruder zu hassen beginnt, ist mindestens schwierig ausgefallen, sodass man nicht immer sicher ist, wie sympathisch man sie eigentlich finden darf. Am Ende nickt man das Geschehen wohl aber trotzdem ab, vor allen Dingen deshalb, weil solche vielschichtigen Charaktere die Regel bei Balabanov waren und seinen Werken etwas Unheimliches verliehen haben. Balabanov ist im Mai 2013 verstorben.

In der Reihe "Best-of Erstsichtungen 2013" gehe ich auf Filme ein, die ich im Laufe dieses Jahres zum ersten Mal gesehen und für genial befunden habe.

Sonntag, 8. Dezember 2013

Kurzfilm: Seven Years of Winter

Seven Years of Winter



Deutschland, 2011
Genre: Drama (Kurzfilm)
Regisseur: Marcus Schwenzel
Darsteller: Sasha Savenkov, Hannes Jaenicke

Der Film spielt vier Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl und handelt von einem etwa zehnjährigen Jungen namens Andrej, der in die Todeszone der Stadt Prypjat geschickt wird, um dort Pässe und Dokumente ehemaliger Bewohner einzusammeln. Er wird von einem Hehler namens Artjom betreut, der ihn vor einiger Zeit auf der Straße gefunden hat und sich nun um ihn kümmert. Andrej ist Waise, der nicht ungerne in die Geisterstadt geht, denn das Alleinsein stimuliert sein emotionales Wohlbefinden. An diesem Ort fürchtet sich Andrej vor nichts und niemandem, hier ist er stark und jemand Besonderes. Ihm gefallen die Stille sowie die stillgelegten Plätze. Allerdings weiß er nicht, dass jeder Aufenthalt an diesem ihm so imponierenden Ort auch eine Verschlechterung seines Gesundheitszustands bedeutet. Der Bande, für die er als sogenannter Schwarzbudler arbeitet, sieht ihn nur als Werkzeug, das benutzt wird, um Knete zu machen, schließlich werden die Fundstücke von der kriminellen Gruppe für viel Geld auf dem Markt verkauft. Regisseur Schwenzel drehte einen famosen Kurzfilm, der in bestechenden Bildern eine kleine Tragödie zeigt, die wohl nach keiner konkreten realen Begebenheit nachgestaltet wurde, aber Vorkommnisse erzählt, welche sich Jahre nach der Katastrophe so ähnlich tatsächlich abspielten. SEVEN YEARS OF WINTER thematisiert den langsamen Zerfall des Jungenkörpers genau wie die Unkenntnis des Kindes, dessen Naivität und dessen kindlichen Geist bezüglich der gesperrten Zone. Für die Glaubwürdigkeit der lokalen und atmosphärischen Verhältnisse sorgen nicht nur die echten Plätze in Prypjat, sondern auch die komplett in ukrainischer Sprache gehaltenen Dialoge (und Monologe natürlich).

Blumen des Schreckens

Blumen des Schreckens (The Day of the Triffids)



UK, 1962
Genre: Horror, Sci-Fi
Regisseur: Steve Sekely
Darsteller: Howard Keel, Nicole Maurey

Am Londoner Himmel können die Menschen einen Meteoritschauer beobachten. Doch alle, die ihn sehen, erblinden daraufhin, sodass die ganze Stadt in ein Chaos stürzt. Nur wenige Personen können noch sehen, wie zum Beispiel Bill Masen, der sich zum Zeitpunkt des Spektakels in einem Krankenhaus befand, weil er sich von einer Augenoperation erholen musste. Zusammen mit anderen Sehenden muss er die Welt vor einer Invasion retten.

Unter den Blinden ist der Zweiäugige König

Kommentar: Was mit B-Movies Jahrzehnte nach ihrer Herstellung passiert, das kann kaum vorhergesehen werden. Manche haben das Glück als kultiges Produkt verehrt zu werden oder gar sichtbare Prägungen an anderen Werken zu hinterlassen, während viele von den Sachen wiederum in Vergessenheit geraten oder dem durchschnittlichen Enthusiasten des B-Films nicht schmackhaft genug sind. Auf BLUMEN DES SCHRECKENS trifft gar nichts davon zu, obwohl ich ihn gerne in der Ecke der Vergessenen sehen würde, aber zu meinem Unglück gilt er als akzeptiertes Endzeit-Material mit einigen trashigen Ausrutschern, die man ihm gerne verzeiht. Nett, klein, nicht gemein. Ein Jammer ist es, dass gerade dieser niedrig budgetierte Spielfilm szenebekannt ist und der Tenor ihn als mindest durchschnittlich ausweist, obwohl Werke mit Riesenviechern häufig ganz durchfallen. Die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wird, fehlt bekanntlich anderen Projekten. Die Apokalypse-artige Situation, in der fleischfressende Pflanzen aus dem All auftauchen, um Menschen zu verspeisen, die durch einen zuvor stattgefundenen Meteoritschauer blind wurden, kommt nämlich nie über das Wesen einer Skizze hinaus. Selbst die Albernheiten, wie das ulkige Geräusch, welches die Pflanzen machen, geben nichts Konkretes her. So stagniert das Jux-Niveau nach einer Zeit ziemlich deutlich, weil auch der Schauwert der Monsterpflanzen sich auflöst. Der Anfangsteil mit seinen Straßen, auf denen sich Blinde langsam vorwärtsbewegen oder die Aufnahmen aus dem Inneren eines Flugzeugs, deren Piloten natürlich auch nichts sehen können und deshalb unweigerlich abstürzen müssen, sind aber einzelne Lichtblicke, die mich doch berührt haben.

Watchtower

Watchtower (Gözetleme Kulesi)



Türkei/Frankreich/Deutschland, 2012
Genre: Drama
Regisseur: Pelin Esmer
Darsteller: Olgun Şimşek, Nilay Erdonmez

Nihat verrichtet seinen Dienst auf einem Wachturm, wo er einsam haust und nach Waldbränden Ausschau hält. Eines Tages, als er mal wieder im Tal ist, beobachtet er, wie die ihn bedienende junge Frau namens Seher, die als Hilfskraft bei einem kleinen Busunternehmen arbeitet, vor Schmerzen aus dem Lokal läuft. Er hilft ihr und es stellt sich heraus, dass sie unbemerkt ein Kind geboren hat, welches von ihr wieder weggeworfen wurde. Nihat holt das Baby allerdings zurück und zwingt die Mutter dazu, sich um das Kind zu kümmern.

Weiterhin Einzelgänger

Kommentar: Beginnen tut WATCHTOWER wie ein klassischer Film, in dem zwei Menschen aufeinandertreffen und sich aufgrund ähnlicher Lebensumstände sofort verstehen. Beide leben isoliert - er räumlich, sie eher psychisch - und beide haben etwas durchmachen müssen, was ihnen sicher nicht mal ihre schlimmsten Feinde wünschen würden. Doch aus dem oft realisierten Grundgedanken um ein Zusammenkommen formte man keine musterhafte Abbildung, die nur wiederkäut, was auf der Leinwand schon viele Male zu sehen war. Der Kurs auf die Romanze oder die Freundschaft wird hier einfach abgebrochen und an dessen Stelle tritt ein Pfad, der uns zu den hässlichen Spalten der menschlichen Existenz führt. Eine Verwandlung der Düsternis in eine weniger an Katastrophen denkende Atmosphäre deutet man am Schluss des Films nur an, aber ansonsten sind die Bilder beinahe vollständig geräumt von Hoffnungsschimmern und Muntermachern. Das Grün der Natur, das sich schon teilweise in ein Gelb verwandelt hat, sieht für das Szenario irgendwie entstellt und unwahr aus. Das liegt aber ebenfalls an den kräftigen Farben, mit denen gearbeitet wurde. Wer sich einen Narren an solchen Äußerlichkeiten gefressen hat, könnte aber enttäuscht feststellen, dass die Bilder des erfahrenen Kameramannes Özgür Eken (EI, MILCH, 10 VOR 11) die Pracht eher außen vor lassen, als sie in den Entwurf hineinzubringen. So dreht sich alles um die beiden Hauptfiguren, die zwar zusammen in dem von der Zivilisation abgeschnittenen Wachturm leben, aber weiterhin Einzelgänger sind. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines Miteinanders muss sich erst noch bilden.

Best-of Erstsichtungen 2013: Lass jucken, Kumpel 5: Der Kumpel lässt das Jucken nicht

Lass jucken, Kumpel 5: Der Kumpel lässt das Jucken nicht



Deutschland, 1974
Genre: Komödie (Sex)
Regisseur: Franz Marischka
Darsteller: Gisela Kraus, Daniela Sander

Das Ehepaar Gerti und Uwe zieht in ihre neue Wohnung ein. Die beiden erwarten Nachwuchs und kriegen von Uwes Bruder Klaus kräftig Unterstützung beim Umzug. Das Mietshaus, in dem Gerti und Uwe von nun an wohnen wollen, scheint sehr lebendig zu sein, so werden sie gleich von einem anderen Paar besucht und willkommen geheißen. Sie kriegen sogar gleich eine Einladung zu einem Vierer, der Uwe zwar scharfmacht, aber mit seiner schwangeren Frau wohl nicht zu arrangieren ist.

Wenn die Mami durchgenommen wird und dabei das Scheißhaus kaputtgeht

Kommentar: Ein Film, wo kaum eine Stelle im Verdacht steht, mit strengen moralischen Maßstäben irgendetwas zu tun zu haben, kriegt man als Schundfilm-Gerngucker gar nicht so oft zu sehen, weil die Macher in der Regel kompromissbereite Vertreter der Gesellschaft sind. Doch der fünfte Teil der LASS JUCKEN, KUMPEL-Reihe lässt Verstand und Sittenstrenge zur Hölle fahren, verlässt sich stattdessen ganz auf die Darstellung übersexualisierter Männer, die ihren Frust oder ihre Freude an Frauen auslassen und sowieso immer wuschig sind. Eine Art "Mitten im Leben" für Erwachsene ist das, wenn hier in einer Sekunde noch Gossensprache benutzt, in der nächsten dann geschäkert und in der übernächsten das Bett zum Quietschen gebracht wird. Man kann sich schwer entscheiden, ob das Werk des Billigfilmers Marischka nun eine Notgeilheitsparabel oder gar eine überspitzte und hintersinnige Illustration des bundesdeutschen Machotums damaliger Zeit ist. Das Patriarchat scheint hier zumindest Lichtjahre von einer Überwindung entfernt zu sein, wenn Frauen wie selbstverständlich verhauen und vergewaltigt werden. Doch Männer werden auch zur Kasse gebeten und geschlagen, falls sie sich nicht an Regeln halten, die ein friedliches An-der-Leine-halten der Frau unterstützen. Durch die desillusionierten Bilder vom Hinterhof und den hässlichen Wandtapeten, die man in beinahe jeder abgebildeten Wohnung sieht, ergibt sich somit ein zwar nicht gerade konstruktiver, aber trotzdem nachdenklich machender Streifen über die Destruktionskraft männlicher Herrschaft.

In der Reihe "Best-of Erstsichtungen 2013" gehe ich auf Filme ein, die ich im Laufe dieses Jahres zum ersten Mal gesehen und für genial befunden habe.

Dienstag, 3. Dezember 2013

Die Nase

Die Nase
Nikolai Gogol

(Nos, 1836, Russisch)

Gogol war Beamter im untersten Rang
Wenn man es nicht besser wüsste, würde man darüber spekulieren, ob Gogol sich nicht regelmäßig einen hinter die Binde kippte, als er die Erzählung schrieb. In dieser geht es um den Beamten Kowaljow, der eines Morgens aufwacht und feststellt, dass ihm die Nase fehlt. Aufgeregt bricht er auf und sieht den fehlenden Körperteil auf der Straße - dieser steigt in feiner Uniform aus einer Kutsche aus und geht daraufhin in eine Kirche. Kowaljow läuft dem Teil hinterher, und als er seine Nase alleine auf einer Bank sitzen sieht, also vor seiner Nase hat, nutzt er die Gelegenheit aus, um mit ihr zu sprechen und sie zu einer Rückkehr an ihren Platz zu überreden. Kowaljow kommt die Situation völlig absurd vor und als er sein Riechorgan kurz unbeobachtet lässt, verschwindet es wieder spurlos. Daraufhin setzt er seinen Einfall, eine Vermisstenanzeige aufgeben zu wollen, in die Tat um und geht zu einem Zeitungsbüro. Der dort zuständige Mitarbeiter weigert sich allerdings, dem Wunsch entgegenzukommen. Völlig niedergeschlagen geht der Beamte wieder nach Hause, wo ihn etwas später ein Polizist besucht, der ihm die fehlende Nase überbringt. Angeblich sei diese mit gefälschten Dokumenten erwischt worden.

Gogol spielt in seiner kleinen Erzählung mit den Formen der Groteske und des Realismus. Psychologie und Sprache der verschiedenen Menschen sind zwar oft genug satirisch entstellt, orientieren sich aber an den damaligen realen Lebensumständen, in denen der Rang nicht selten mehr zählte, als der Mensch und sein Charakter. Hochmut und Unterwürfigkeit konnten nicht weit voneinander entfernt liegen, denn in welchem Ton man mit jemandem sprechen durfte, ohne es sich mit der Person zu verscherzen, richtete sich sowohl nach der eigenen Stellung wie auch der des anderen Kommunikationsteilnehmers. Der Beamte Kowaljow ist ein karrieregeiler Typ, zwar stolz darauf, was er erreicht hat, aber noch lange nicht am Ziel seiner Träume. Er ist Kollegienassessor und gehört damit zum achten Rang im zivilen Dienst, was ihn aber nicht davon abhält, sich Major zu nennen, um zu mehr Ansehen zu kommen. Der Verlust seiner Nase nimmt ihm ein Stück seines Selbstbewusstseins und verunsichert ihn schwer. Als er seine Nase in der Kirche anspricht, wirkt er eingeschüchtert und um nicht vorstellbare Längen geschrumpft. Platt gemacht, wie die Stelle, an der mal seine Nase war.

"Hätte ich einen Arm oder ein Bein verloren, das alles wäre noch nicht so schlimm; aber ein Mensch ohne Nase – der Teufel weiß, was das ist: Nicht Fisch und nicht Fleisch – man kann ihn einfach nehmen und zum Fenster hinauswerfen."

Die Nase, die durch die Straßen St. Petersburgs kutschiert wird, trägt die Uniform eines Staatsrates, befindet sich damit also drei Ränge höher als ihr Besitzer Kowaljow. Dieser bittet sein Körperteil unterwürfig um die Herstellung der alten Ordnung, denn schließlich, so meint er, solle sie ihren Platz doch kennen. Man bekommt fast Mitleid mit diesem Nach-oben-Gucker, der in erster Linie für seine Karriere zu leben scheint. Der gewaltige Surrealismus in der Geschichte beeindruckt ebenso wie die Sichtbarkeit der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, die miteinander auskommen müssen. Literaturwissenschaftler haben bereits viele Erklärungsversuche zu den Vorgängen zur Verfügung gestellt und die verrückte Handlung bietet sich auch sehr gut für unterschiedliche Deutungen an. Ich führe die Geschehnisse auf die Psychosexualität zurück. Wie ich im zweiten Absatz geschrieben habe, ist Kowaljow ein karrieregeiler Bock, der sein Beamtendasein liebt. Der Zivildienst ersetzt für ihn eine Frau (er ist ledig und möchte sich nur mit einer verheiraten, wenn er dafür auch ordentlich Asche bekommt), die er jedoch glaubt nicht mehr befriedigen zu können, weil ihm seine Nase abhandengekommen ist. Seine "Frau" sichert ihm aber ein ordentliches Ansehen und so wird er durch den (imaginären?) Verlust seines besten Stücks in einen Alptraum hineingezogen. Und wir aus dem deutschen Sprachraum kennen ohnehin alle den Spruch: Wie die Nase des Mannes, so auch sein Johannes. DIE NASE wäre nach dieser Erklärung also ein Stück über die Furcht vor dem Machtverlust bzw. dem Verlust der Männlichkeit.

Montag, 2. Dezember 2013

Der Mantel

Der Mantel
Nikolai Gogol

(Schinel, 1842, Russisch)

Groteske Darstellung des Wirklichen
Nicht nur, weil Dostojewskij Gogols Novelle als riesige Inspirationsquelle für Autoren des Russischen Realismus deklarierte, sollte man sich das Werk des aufregenden Autors besorgen und mit Interesse lesen, sondern weil die Erzählung nach mittlerweile 150 Jahren immer noch eine faszinierende Vitalität und Sogkraft ausstrahlt. Im Mittelpunkt steht der niedere Beamte Akakij Akakijewitsch, der in einer Ministerialabteilung arbeitet und dort Texte abschreibt. Obwohl seine Stellung nicht die beste ist und er im sozialen Leben ein absoluter Außenseiter ist, über den sich selbst die Arbeitskollegen immer mal wieder lustig machen, möchte er keine großen Sprünge machen und ist deshalb mit seinem Dasein vollends zufrieden. Als er jedoch für den Winter einen neuen Mantel benötigt, weil sein alter ziemlich abgenutzt ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich einen zu kaufen. Sein einziges Problem ist jedoch das Geld, welches es bei ihm ohnehin ständig nur in sehr knapper Menge gibt. Dennoch schafft er es, das Geld für die Stoffe zu beschaffen, die Schneider Petrowitsch zu einem guten und gut aussehenden Mantel verarbeitet. Nachdem ihm das Kleidungsstück jedoch eines Abends gestohlen wird, wendet er sich an einen hohen und bedeutenden Beamten, von dem er sich ernsthaft Hilfe erhofft.

Sehr wichtig für das Funktionieren als unheimliche und doch furchtbar komische Groteske stellt sich insbesondere der sogenannte Skas heraus, der durchaus charakteristisch für die realistischen Erzählungen der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts war. Dabei ist es ein stilistisches Mittel, bei dem ein Erzähler im Ton eines kommunikationsfreudigen Sprechers auftaucht und die innere und äußere Welt einer oder mehrerer handelnder Figuren beschreibt, wobei er oft ein begrenztes Wissen besitzt und nicht selten eine lockere Form hinsichtlich der Ausdrucksweise wählt, um die Distanz zwischen ihm und dem Leser zu verkürzen. In DER MANTEL ist besonders der ironische Ton des Erzählers ausschlaggebend dafür, dass die tragische Geschichte von Akakij Akakijewitsch niemals zum schwermütigen Porträt mutiert. Da die vielfach auftauchenden spaßigen Auswüchse in der Sprache das Rührende bis zu einem gewissen Grad torpedieren, ist eine Nebel produzierende Ambivalenz in der Luft, die Eindeutiges nur selten zulässt und deshalb dem Leser auf zarte und extrem subtile Weise viele Fragen stellt.

"Seit dieser Zeit schien seine ganze Existenz irgendwie erfüllter zu sein, als ob er geheiratet habe, als ob ein anderer Mensch bei ihm sei, als ob er nicht allein sei, sondern als ob eine angenehme Lebensgefährtin sich bereit erklärt habe, gemeinsam mit ihm den Lebensweg zu gehen, und diese Gefährtin war niemand anders als eben dieser Mantel mit dicker Watte und mit festem, nicht verschlissenem Futter."

Teilweise werden in DER MANTEL mit den Mitteln des Skas auch die Regeln und sprachlichen Formen epischer Texte auf die Probe gestellt, verhöhnt oder diskutiert. Eindrucksvoll und zugleich als Kritik an den Zensurentscheidungen im damaligen Russland zu verstehen, sind die ersten Sätze, in denen der Erzähler darüber philosophiert, warum er die Ministerialabteilung, in der seine Hauptfigur arbeitet, lieber nicht näher nennen möchte. An dieser Stelle zerstört Gogol gleich auch die Hoffnung auf einen wohligen Lesefluss, da der Erzähler sich erst einmal um den eigenen Kram kümmert, anstatt den Fokus auf die Geschichte zu legen und konventionell zu beginnen. Natürlich ist das genial eingesetzte Stilmittel Skas nicht die einzig herausragende Komponente. Daneben bietet das behandelte Treiben des Protagonisten eine aus sich selbst heraus entstehende und andauernde Grundspannung, die sich sowohl aus dem Charakter der Figur wie auch aus dessen Situation entfaltet. Das surreale Ende gibt der tragikomischen Story dann auch noch den letzten Schliff und bricht die Grenzen zwischen Realität und Fantasie auf.

Ed Wood

Ed Wood



USA, 1994
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Tim Burton
Darsteller: Johnny Depp, Martin Landau

Ed Wood ist ein aufstrebender Filmemacher, der von großen Taten träumt und sich für einen talentierten Regisseur sowie Drehbuchautor hält. Obwohl er für seine Projekte stets ein gutes Team um sich schart und genug Ideen hat, bleibt die Finanzierung für ihn ein großes Problem. Für ein geplantes Sci-Fi-Projekt lässt er sich deshalb sogar mit seinen Kollegen in einer Baptistengemeinde taufen, die den Film finanziert.

Biopic der schönen Momente

Kommentar: Durch die Hollywoodbrille betrachtete Karrierephase einer Figur, die zu den seltsamsten der gesamten Filmgeschichte zählt. Auf die makellose Rekonstruktion von historischen Fakten pfeift Burtons Hommage genau wie auf das Terrain im Schatten, das auf Ed Wood nach seinem letzten großen Film, NIGHT OF THE GHOULS, wartete. Was diese Tragikomödie stattdessen zeigt, ist die Leidenschaft, mit der die Hauptfigur seine Filme sowie Ideen anpries und realisierte. Die Person Edward D. Wood, Jr. wird für seine filmischen Abenteuer in den Jahren von 1953 bis 1957 zwei Stunden lang auf den Armen getragen und für seine Passion gefeiert. Wir sehen also den seinem Image treuen Wood, der bei den Drehs aufging und die ganze Zeit von sich überzeugt war. Vereinigt mit der Fünfziger-Ästhetik steht damit unter dem Strich eine liebevolle Demonstration des Respekts, die sich ebenso auf die kuriose Begleitung von Ed Wood bezieht, auf Bela Lugosi, Tor Johnson, Vampira und den skurrilen Hellseher Criswell. Der Film schließt mit der Premiere des kultigen Trash-Unikats PLAN 9 FROM OUTER SPACE, wo der Maestro den legendären Satz ausspricht, dass dies das Werk sei, für welches er den Menschen in Erinnerung bleiben werde. ED WOOD ist ein Biopic der schönen Momente.

Night of the Ghouls

Night of the Ghouls



USA, 1959
Genre: Thriller, Horror
Regisseur: Ed Wood
Darsteller: Kenne Duncan, Duke Moore

Die Polizei untersucht ein Haus, in dem es spucken soll und in dessen Nähe seltsame Dinge vor sich gehen. Bewohnt wird es von einem Mann, der sich als Medium ausgibt und behauptet, er könne mit Toten Kontakt aufnehmen. In Wahrheit sind er und seine Freundin nur scharf auf die Kohle, die sie von leichtgläubigen Menschen bekommen. Doch haben sie keine Ahnung davon, dass unter den Unwissenden dieses Mal auch ein Polizist dabei ist.

Der Stuhlgang

Kommentar: Die Fünfziger waren Ed Woods Jahrzehnt, hier setzte er mit seiner exzentrischen Dehollywoodisierung (Hater sprechen von einer Verdummung) von klassischen Hollywooderzählungen Akzente und zeigte, dass man mit extrem wenig Geld viel machen kann. NIGHT OF THE GHOULS gehört aber nicht zu den großartigen bis sagenhaften Produktionen dieser Episode, denn ihm fehlen experimentelle Merkmale, pfiffige Stellen in Dialogen wie auch eine interessante kinematografische Dimension, die Figuren und Orte zu einem ganzen Teil verschmilzt. Zwar stand William C. Thompson wieder als Mann für das Einfangen des nonkonformen Irrsinns hinter der Kamera, doch davon bekommt man so gut wie nie etwas mit. Das zeigt sich deutlich, wenn kurze Ausschnitte aus dem 1957 veröffentlichten Kurzfilm FINAL CURTAIN auftauchen, da sie sämtliche Aufnahmen, die speziell für NIGHT OF THE GHOULS gedreht wurden, deklassieren. Von einer Mogelpackung zu sprechen ist sicherlich keine angemessene Reaktion auf den Quasi-Nachfolger von DIE RACHE DES WÜRGERS, doch mit dem Blick darauf, dass dies der letzte klassische Wood-Film ist, fragt man sich, warum es so enden musste. Auch inhaltliche und metatextuelle Verbindungen zu den Vorgängen aus den vorherigen Spielfilmen können hier nichts retten, selbst wenn sie die interessanteste Musik erklingen lassen. Der Maestro hatte sein Orchester bei dieser Nummer einfach nicht im Griff, weshalb NIGHT OF THE GHOULS sich anschaut, als sei dieser Auftritt eine schlechte Zusammenfassung der bis dato fertig gewordenen Regietaten. Noch mehr denkt man aber an einen Karriere-Stuhlgang, bei dem der Urheber Teile seiner künstlerischen Arbeit verschlang und wieder ausschied, um zu sehen, ob sich daraus etwas Schönes machen lässt

Dienstag, 26. November 2013

Plan 9 aus dem Weltall

Plan 9 aus dem Weltall (Plan 9 From Outer Space)



USA, 1959
Genre: Sci-Fi, Thriller (Trash)
Regisseur: Ed Wood
Darsteller: Gregory Walcott, Dudley Manlove

In Kalifornien geschehen seltsame Dinge. Der Flugzeugpilot Jeff Trent entdeckt mit seinem Kollegen ein seltsames Flugobjekt am Himmel, das nicht ausschaut, als sei es auf der Erde hergestellt worden. Kurze Zeit später findet man auf einem Friedhof zwei Leichen. Bei der Suche nach Spuren wird jedoch auch der zuständige Inspektor Daniel Clay ermordet. Jeff Trent, der mit seiner Frau Paula in der Nähe des Friedhofs wohnt, auf dem kürzlich drei Menschen getötet wurden, ist besorgt, weil er wieder abfliegen muss. Er rät seiner Frau, für kurze Zeit zu ihrer Mutter zu fahren, was Paula jedoch ablehnt. Im Verteidigungsministerium erfahren wir durch eine Nachricht, die übersetzt werden konnte, dass Wesen von einem anderen Planeten die Menschen kontaktiert haben, um sie vor der eigenen Zerstörung zu bewahren.

Der Citizen Kane des Trashfilms

Kommentar: In der Trash-Gewichtsklasse, in der PLAN 9 FROM OUTER SPACE spielt, können nur wenige Filme mithalten. Schon bei dem Anblick der fliegenden Untertassen bleibt einem regelrecht die Spucke weg, weil man sich selbst Hochwertigeres unter einer miserablen Täuschung vorstellt, als nur einfaches Spielzeug an einer Schnur. Regisseur Ed Wood pochte in seiner goldenen Karrierephase auf die künstlerische Freiheit und setzte diese hier in nahezu jedem Bild um. Konnte der Konsument seine eigene Faszination für GLEN OR GLENDA, DIE RACHE DES WÜRGERS oder auch JAIL BAIT noch leicht argumentativ belegen und auf sinnreiche Ideen aufmerksam machen, ohne auf das T-Wort zurückgreifen zu müssen, gestaltet sich das bei diesem von einer Baptistengemeinde finanzierten Film schon schwieriger. Dennoch macht man es sich zu einfach, wenn man nur den "so bad it's good"-Charakter berücksichtigt und von oben schauend alles auslacht, was Wood und sein Team vermeintlich vergeigt haben. Aufgrund zahlreicher Kontinuitätsfehler, verschrobener Dialoge und kindisch bis ulkig anmutender Kulissen sowie dem Vorhandensein einer für uns ausgesprochen unlogischen Welt bietet der Streifen unzweifelhaft die Qualität eines Traums.

Nach der Traumillusion können sich allerdings nur wenige fest entscheiden, ob das Geträumte nun gut oder schlecht war. Wie die im Film verschwommenen Feind- und Freund-Kategorien, so uneinig und widersprüchlich sind auch die Bewertungen der Zuschauer bezüglich der Klasse. Sachen wie PLAN 9 AUS DEM WELTALL hinterfragen unser Bewerten rigoros, sodass viele Liebhaber dieser einzigartigen Perle keine befriedigende Antwort darauf finden, welche Maßstäbe sie eigentlich anlegen sollen, um diesem Werk gerecht zu werden, ohne die von Kritikern geprüften guten Filme abzustufen. Dieser bedeutende Monolith der Kinogeschichte erinnert uns auch daran, dass wir uns der Intention eines Filmemachers nicht hündisch-kriecherisch ergeben müssen, sondern uns sehr wohl einen eigenen Weg zu den Bildern suchen dürfen. Genießt die totale Weirdness, genießt Woods Chiropraktiker, der Lugosi doubelt, genießt den tollpatschigen Polizisten Kelton, genießt die Parodien auf Filme, die zur Zeit der Entstehung noch gar nicht gedreht wurden, genießt die totale Freiheit eines Filmemachers, der sein ganzes Herzblut in dieses Projekt gesteckt hat. Mit anderen Worten: Wenn euch dieses Werk gefällt, dann verkündet es stolz. Wenn dabei CITIZEN KANE und PLAN 9 AUS DEM WELTALL auf die gleiche Stufe gestellt werden, dann soll es eben so sein. So what?

Sonntag, 24. November 2013

Kurzfilm: Final Curtain

Final Curtain



USA, 1957
Genre: Drama, Horror (Kurzfilm)
Regisseur: Ed Wood
Darsteller: Duke Moore, Jenny Stevens

Dass extreme Reduzierung nicht zu übermäßig tollen Ergebnissen führen muss, zeigt sich in FINAL CURTAIN, einer knapp zwanzigminütigen Folge einer geplanten Serie, die Wood produzieren wollte. In diesem Pilot, dem meines Wissens nach keine weitere Episode mehr folgte, geht ein Mann nachts durch ein Theater und sieht sich dort mit merkwürdigen Lauten und gespenstischen Begebenheiten konfrontiert. Wie ein Eindringling, dem Bange davor ist, von den Hausherren, welcher Art sie auch immer sein mögen, bei seiner Überquerung erwischt zu werden, schreitet er durch die Räumlichkeiten, immer wieder anhaltend und panisch auf jedes ihm nicht passende Objekt schauend. Übertragen wird seine Furcht nicht nur mittels bravouröser Chiaroscuro-Bilder, die wieder einmal von Ed Woods Kameralogen William C. Thompson stammen; denn auch den Gedankenmonolog nutzt man als Werkzeug, um der expressiven Ebene mehr Druck zu verleihen. Möglicherweise ist das aber der schwache Punkt in der Konstruktion, weil die Emotionalität dadurch mehr erstickt, als dass sie intensiviert wird. Daran schuld ist nicht nur der Fakt, dass eine große Anzahl an Kommentaren nur noch einmal wiederholt, was sich schon im Bild ereignet, sondern auch der Umstand, dass die Zuschauer durch die beinahe pausenlose Aneinanderreihung von Gedanken mit Informationen übersättigt werden. Der Kurzfilm galt mehrere Jahrzehnte lang als verloren, bis er 2011 dann doch noch gefunden wurde. Er erinnert in seiner Machart an die Serie TWILIGHT ZONE, die 1959 erstmals startete. Doch was FINAL CURTAIN nicht mitbringt, ist eine funktionierende Pointe. Gleichzeitig vermisst man hier aber auch Woods anarchische Figurenkonzepte.

The Violent Years

The Violent Years



USA, 1956
Genre: Thriller
Regisseur: William Morgan
Darsteller: Jean Moorhead, Barbara Weeks

Paula Perkins kommt aus einer gut situierten Familie. Trotzdem landet sie in einer Gruppe, die mit Pistolen bewaffnet Menschen ausraubt oder Räume in Schulen demoliert. Als die Gang gerade dabei ist, ein Klassenzimmer zu verunstalten, hört dies ein zufällig vorbeilaufender Polizist und verständigt seine Kollegen. Daraufhin bricht eine Jagd auf die vier Frauen los, die dabei entweder getötet oder geschnappt werden.

C-Film-Desaster, trotz Frauen und Pistolen

Kommentar: THE VIOLENT YEARS ist ein stumpfer und stümperhafter Aufklärungsfilm über die zunehmende Gewaltbereitschaft und Thrill-Sucht der jungen Generation in den Fünfzigern, die den Glauben ablehnt und neue Moralvorstellungen zu etablieren versucht. Mit antikommunistischen und ideologisch reaktionären Zügen nähert man sich in den 65 Minuten dem Schicksal einer jungen Frau namens Paula Perkins, die sich in ihrem gutbürgerlichen und komfortablen Leben genug gelangweilt hat und sich deshalb einer Bande von Verbrecherinnen anschließt. Trotz Bemühungen ist der Film ein nicht komisch, sondern traurig vertrotteltes Exploitation-Drama, das den Nihilismus der Hauptfigur nur für seine moralistische Diskussion ausbeutet, um die These von der sukzessiven Verrohung jedem schmackhaft zu machen. Der Richter am Ende, wenn er die Bitte ausspricht, dass die Menschen wieder mehr auf Gott vertrauen sollten und den Eltern von Paula Perkins mitteilt, was sie falsch gemacht haben, nimmt dem Zuschauer vollständig das Denken ab und wirkt zudem noch übermäßig hyperkorrekt. So sehr mir einzelne Teile der Geschichte schmecken (eine Bande von Frauen, die mit Pistolen durch die Gegend läuft, geht eigentlich immer), hält der aufklärerische Duktus das ganze Projekt meiner Meinung nach auf einem viel zu idiotischen Level fest. Lange in Erinnerung wird aber wohl jene Sequenz bleiben, in der die kriminelle Frauengruppe ein Pärchen ausraubt, den weiblichen Teil knebelt und den männlichen in ein Waldstück mitnimmt, um ihn zu vergewaltigen (was allerdings nur sehr clever angedeutet, aber nicht im Geringsten gezeigt wird). Der große Ed Wood schrieb das Drehbuch zu diesem C-Film-Desaster. Nur schemenhaft und mit viel gutem Willen erkennt man hier seine Handschrift, doch behaupte ich mal, dass der Stoff selbst mit ihm in der Position eines Regisseurs nicht deutlich besser hätte werden können.

Samstag, 23. November 2013

World War Z

WORLD WAR Z
USA/Malta, 2013
Genre: Action, Horror
Dauer: 116 Minuten

Regisseur: Marc Foster
Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, Drew Goddard, Damon Lindelof, J. Michael Straczynski
Darsteller: Brad Pitt, Mireille Enos, Daniella Kertesz, James Badge Dale, Ludi Boeken, Matthew Fox, Fana Mokoena, David Morse

Auf der Erde ist die Hölle los. Weite Teile des Globus wurden von einer Pandemie erfasst, die nicht aufhaltbar zu sein scheint. Gerry Lane, früherer UN-Mitarbeiter, bekommt den Auftrag, den Ursprung der Seuche herauszufinden, die Menschen binnen weniger Sekunden zu aggressiven Bestien macht. Gerrys Frau und ihre gemeinsamen Töchter sollen in der Zeit, in der er seine Mission bestreitet, auf einem riesigen Kriegsschiff bleiben dürfen, das einen sicheren Zufluchtsort vor den attackierenden Zombies darstellt. In Israel, wo einige Tage vor dem Ausbruch eine Mauer um die Stadt Jerusalem aufgebaut wurde, konfrontiert Gerry die politischen Kräfte mit den Gerüchten, dass das Land vor allen anderen von der Seuche gewusst habe, ohne die anderen Staaten darüber zu informieren. Doch später interessiert dieser Sachverhalt niemanden mehr, denn die riesige Mauer, die die Wilden von den Nichtgebissenen trennt, wird bezwungen. Bei der Flucht vor den Monstern entdeckt Gerry einen Jungen, an dem die Zombies einfach vorbeirennen, ohne diesen zu registrieren. Er verlässt Jerusalem mit der Soldatin Segen, in dem die beiden in ein Flugzeug steigen, welches sie gerade noch einholen können.
Allerdings lässt auch dort der Ausbruch nicht lange auf sich warten.

Obwohl ich großer Fan von Romero und seinen düsteren Visionen bin, sollten die zahlreichen Nachfolgevarianten, die meist nur in schablonisierter Form angeboten werden, irgendwann doch auch mal abebben. Ohnehin hat die Katastrophe unter den Menschen niemand besser dargestellt, als der Urverfasser selbst. Das Zombie-Genre braucht neue Impulse und ich glaube, dass WORLD WAR Z in diesem Sachverhalt keine falschen Zeichen setzt. Eben deshalb, weil es sich so schön Anti-Romero gibt, schließlich haben wir Krisen zwischen den Menschen in diesem Subgenre schon genug gesehen. Das bedeutet nicht, dass sie nicht weiterhin auf Zelluloid gebannt werden sollten, aber es würde nicht schaden, wenn sich neue Versionen verbreiten würden, die das Chaos anders verarbeiten. Vielleicht mag es dem Blick der Produzenten und Drehbuchautoren auf das Massenpublikum geschuldet sein, dass die Menschen hier kooperativ bis zum Gehtnichtmehr sind und ein gutherziges Verhalten an den Tag legen, um sich gegen die Attacken der Wilden zu stellen, doch in dem traditionell düsteren Genre ist das nicht weniger als frech und nagt obendrein an den Grundfesten der Romero'schen Behauptungen, die insbesondere mit der berüchtigten Trilogie verbreitet wurden und danach - völlig zurecht übrigens - viel Zustimmung erhalten haben. WORLD WAR Z bewegt sich tatsächlich nicht auf dem Kurs des psychologischen Realismus, er mag sogar geistig armer sein, als viele mittelmäßige Vertreter, aber er ist zu einer besonderen Lieferung fähig, die sowohl inhaltliche Komponenten als auch visuelle Formen umfasst.

Der nicht knapp budgetierte, in vielen Augenblicken sehr auf seine Action gerichtete Film, der auf dem Roman OPERATION ZOMBIE: WER LÄNGER LEBT, IST SPÄTER TOT (2006) basiert, von diesem jedoch deutlich abweicht, nutzt die Möglichkeit des fetten Geldhaufens, um Scharen von Zombies so packend und erschreckend wie wahrscheinlich nie zuvor darzustellen. Nie habe ich rennende Zombies so beängstigend empfunden, nie war ihr Trieb, Menschen zu beißen, bildlich so intensiv dargestellt worden. Überhaupt, der Trieb. In diesem Film sind diese Wesen so eindeutig auf Beißen programmiert, das sich einem manchmal der Magen umdreht. Diese Gestalten flitzen nicht nur megaschnell, sie hechten auch nach ihrer Beute und werfen sich einfach ins Getümmel. Da ist beispielsweise eine Szene, in der die Hauptfigur und seine Familie auf das Dach eines Wolkenkratzers rennen und dort von einem Hubschrauber abgeholt werden. Die hier dargestellten Zombies, die die Flüchtenden bis zum Ende verfolgen sind aber derart degeneriert, dass sie nur den Hubschrauber sehen, nicht aufhören zu sprinten und aufgrund dessen in die Tiefe stürzen. Ein Moment, der an Körperhorror grenzt und für mich einen hohen Ekelfaktor bietet, ereignet sich in Israel, als die Zombies versuchen, die Mauer zu bezwingen. Man sieht ein wirres Aufeinandergestapel und eine Masse, die immer weiter nach oben rutscht, weil von den zehn Infizierten, die die Zombiekörper gleichzeitig hochrennen, fünf oben bleiben können und die anderen fünf unten aufklatschen. Eine schauderhafte Episode, die anschließend mit der Einnahme eines ganzen Stadtteils endet.

Man sollte sich von dem Begriff Weltkrieg, der im Titel enthalten ist, nicht blenden lassen. Es herrscht zwar ein globaler Kampf gegen die brutalen Infizierten, doch wir bekommen ihn bis auf kleine Ausnahmen ausschließlich aus der Sicht von Gerry Lane gezeigt. Dieser ist der einzige Charakter im Film, der es wert ist, als solcher bezeichnet zu werden, obwohl er ebenfalls nur ein Führer durch das Chaos ist, weil er prinzipiell ohne Eigenschaften bleibt und wir nicht erfahren, wo seine besonderen Stärken und seine speziellen Schwächen liegen. Warum er jedoch nicht einfach nur eine durchsichtige Figur ist, hängt möglicherweise mit Brad Pitts Schauspielleistung zusammen, der die Rolle des Einzelkämpfers perfekt ausfüllen kann. Er spielt keine typische Heldenfigur, der sich mit irgendwelchen Marotten Sympathiepunkte ergaunert, sondern einen, den wir rein an seinen Taten messen. Hätte diesen Gerry Lane ein schlechterer Schauspieler übernommen, wäre der Film wahrscheinlich nicht einmal halb so gut geworden. Was das Skript versäumt, holt Pitt also nach, auf den wir uns verlassen, dass er die Welt rettet. Doch dazu kommt es dann gar nicht erst, weil der Film ein sehr offenes Ende nimmt, bei dem gar der Showdown wegleibt. Gerüchte machen schon die Runde, dass der Film einen zweiten Teil bekommt bzw. dass das Szenario fortgesetzt wird. WORLD WAR Z konnte glücklicherweise viel Geld an den Kassen machen, was deshalb gut war, weil er Hunderte Millionen von Dollars verschlang (in der bekanntesten Datenbank findet sich die Zahl 190.000.000). Das lag insbesondere daran, dass eine kostspielige finale Schlacht gedreht, aber nach Sichtung des kompletten Materials wieder herausgeschnitten wurde. Man drehte daraufhin ein anderes Ende, das Damon Lindelof (PROMETHEUS) und Drew Goddard (THE CABIN IN THE WOODS) konzipiert hatten, welches mit einer Schlacht aber herzlich wenig zu tun hat. Eher begibt man sich dort zu den klassischen Abbildungen des Zombiegenres und unterläuft somit die Unterhaltungskonventionen radikal. Dies wird von den meisten Kritikern aber bemängelt, zumeist mit dem Argument, dass durch das letzte Drittel, das hinzugefügt wurde, WORLD WAR Z an Stringenz einbüßt. Ohnehin sei eine Kriegsschlacht gegen die Infizierten bei der gegebenen Thematik radikaler, meinen sie. Das ist natürlich gut möglich, doch mochte ich die Abwechslung bei der Sichtung und ich schätze sie auch in der kritischen Auseinandersetzung. Des Weiteren denke ich, dass sich für diesen Umstand in 30 Jahren sowieso niemand interessieren wird.