Donnerstag, 28. Februar 2013

Erde

Erde (Semlja)



Sowjetunion, 1930
Genre: Drama (Stummfilm)
Regisseur: Alexander Dowschenko
Darsteller: Semjon Swaschenko, Nikolai Nademski

Ein ukrainisches Dorf wartet auf einen Traktor, welcher von einem Komitee versprochen wurde. Als die Maschine endlich ankommt, warnen die Großgrundbesitzer die ärmeren Bauern vor den Grenzsteinen, welche ihre Felder von denen des restlichen Dorfes trennen. Dass die Grenzsteine umgepflügt werden, passiert jedoch eines Tages tatsächlich. Vor lauter Wut wird der zuständige Traktorfahrer schließlich erschossen.

Die kinematografische Erschließung der ruralen Realität in der frühen Sowjetunion

Kommentar: Seine Handlung und seine Intention vermögen heute keine Jubelrufe mehr auszulösen, auch weil der ideologische Kern den heutigen Generationen sicher nicht verschlossen bleibt, sondern sich in einem mehr als hellen Lichte zeigt. Doch das revolutionäre Kino der Sowjetunion ist eins, welches wegen seiner Form einen Platz in der Vitrine der Filmgeschichte hat, kaum wegen der thematischen Ausrichtung. Der Schnitt als originäres Mittel zur Manipulation des Zuschauers, als Instrument zur Steuerung der Gefühle findet natürlich auch in ERDE eine breite Verwendung, wobei der Einsatz sowie die Art und Weise gegen die bekannten Werke von Eisenstein oder Vertow eigentlich sehr harmlos sind. Eher zeigt Dowschenko sein Genie dann, wenn es um konkrete Einzelbilder geht, die dem Film einen starken Anstrich von wohlmeinender Poesie geben, weil ihre raffinierte Gestaltung Schönheit und Tiefgründigkeit in gleichen Mengen versammelt. In ERDE geht es kurzgefasst um ökonomische und generationsbedingte Schwierigkeiten auf dem Land in der Ukraine während der wirtschaftlichen Reformzeit; Schwierigkeiten, die die armen Bauern und ihre Frauen wie Kinder dazu zwingen, sich als Kollektiv zusammenzuschließen. Des Weiteren befasst sich Filmemacher Dowschenko mit universellen Stücken wie Geburt und Tod, weshalb eine große Reichhaltigkeit an Motiven vorhanden ist, wozu das Hohelied auf ein dörfliches Lebensglück ebenfalls dazugehört, vielleicht sogar das Zentrum des Werkes bildet. Letzten Endes ergeben alle Teile das Bild eines visuell beeindruckenden, poetischen Heimatfilms, der Naturverbundenheit und sozialen Zusammenhalt propagiert.

7/10

Sonntag, 24. Februar 2013

Der Teufel in Miss Jonas

Der Teufel in Miss Jonas
 


Schweiz, 1974
Genre: Mystery, Erotik
Regisseur: Erwin C. Dietrich
Darsteller: Marianne Dupont, Christa Free

Die Nymphomanin Miss Jonas wird vor einem erbarmungslosen Gericht hingerichtet und landet nach ihrem Tod in der Hölle, wo man schon auf sie wartet. Bei der Überprüfung der Daten stellt sich jedoch heraus, dass Miss Jonas drei Tage zu früh in der feurigen Unterwelt gelandet ist. Prompt wird sie daraufhin auf die Erde zurückgeschickt. Nach der Kalkulation, dass sie sowieso in paar Tagen in die Hölle umziehen muss, entschließt sich Frau Jonas dazu, den Sex noch eine Stufe intensiver auszuleben und es ordentlich krachen zu lassen.

Die Hölle auf Erden

Kommentar: Unfassbar, wie viele Aufnahmen verlorene Gesichter, in der Geilheit versunkene Personen zeigen, selbst wenn eine Tätigkeit keinen direkten Bezug zur Präsentation von Sexualität besitzt. Sexualisierte Bilder ziehen nach und nach über den Bildschirm vorbei, während die benannte Hauptfigur aus dem Titel einen Fick nach dem anderen erlebt. Vor dem Hintergrund ihrer Einigung mit einem Manager aus der Hölle, der sie fälschlicherweise drei Tage zu früh in das Land des Teufels brachte und deshalb seine Nettigkeit walten ließ, in dem er sie für die Restzeit bis zum korrekten Todesdatum in die Welt der Lebenden zurückbeförderte, ergeben die gezeigten Situationen reichlich Sinn. Die Auswüchse sexueller Prägung decken sich somit C-Movie-untypisch mit der Emotionalität einer Figur, werden also nicht nur zu Zwecken der Fleischbeschau gezeigt. Miss Jonas Wunsch, in ihren für sie letzten geschlagenen Stunden so viel Geschlechtsverkehr wie möglich zu haben, ist mehr als nachvollziehbar, weshalb ihre ständige Geilheit mehr die authentische Form einer Bündelung animalischer Gelüste denn bloßer Schauwert-Mumpitz ist. Ihr innerer Zustand mag im Film verkürzt dargestellt sein, billig ist er aber deshalb trotzdem nicht. Eher im Gegenteil, mehr aufregend und spürbar, was für Softcore-Verhältnisse gar nicht mal so wenig ist. Erwartungsgemäß besser ist aber die Form, die eine ständige Konfusion fördert. Vieles wirkt traumartig, manchmal enervierend geheimnisvoll. Nur die Belustigung über das ständig hämische Grinsen der satanischen Fratze als transparentes Bild schwappt dann irgendwann einmal in bösen Zorn über die Ideenpolitik des Regisseurs Erwin C. Dietrich um.

5/10

8 Frauen

8 Frauen (8 femmes)



Frankreich, 2002
Genre: Komödie, Kriminalfilm
Regisseur: François Ozon
Darsteller: Danielle Darrieux, Catherine Deneuve

Frankreich in den Fünfzigern: Zu Weihnachten kehrt die junge Studentin Suzon nach Hause zurück und wird von der gesamten Familie sowie den Hausangestellten empfangen. Nur ihr Vater lässt sich nicht blicken. Als das Hausmädchen Louise nach oben geht und für den einzigen Mann im Haus das Essen bringt, stößt sie einen lauten Schrei aus und berichtet den anderen Familienmitgliedern, dass der Vater mit einem Messer im Rücken tot im Bett liegt.

Wilder Ensemblefilm

Kommentar: Durchwegs vor Charme eines Oldschool-Krimis strotzend, gelingt es der komödiantischen Starparade von Catherine Deneuve und Co. nur selten Bewegendes herauszuheben, was an der starken Fokussierung auf den Stil wie auch auf das nicht immer überzeugende Drehbuch zurückzuführen ist. Die Entwicklung des Plots um acht Frauen, die in einem großen Haus von der Außenwelt isoliert sind und sich gegenseitig eines Mordes verdächtigen, ist natürlich insofern schwer zu kritisieren, als dass er zahlreiche Anspielungen auf Genrewiederholungen bereithält und damit doch eigentlich bewusst auf die Banalitätsschiene gebracht wird. Trotzdem hätte dieser von Frauen dominierende Film auf einige klischeehafte Ausbrüche weibliche Regungen verzichten dürfen, da diese der ansonsten so wunderbaren Komik und vor allem den fast schon humoristischen Ausdrücken des Dekors die Aufmerksamkeit nimmt. Uneingeschränkt empfehlen lässt sich dieses chaotische und nicht alltägliche Whodunit-Musical insbesondere den Cineasten, weil der mit Absicht nicht im Realismus wälzende Film Schauspielerkino der erhabendsten Form bietet und sich hingebungsvoll zu Klassikern der Filmgeschichte bekennt.

5/10

Mittwoch, 20. Februar 2013

Slashers

Slashers



Japan, 2001
Genre: Horror, Komödie
Regisseur: Maurice Deveraux
Darsteller: Sarah Joslyn Crowder, Kieran Keller

"Slashers" ist eine japanische Fernsehserie, die besonders bei Amerikanern beliebt ist. Deshalb haben sich die Produzenten der Sendung dazu entschlossen, eine Specialausgabe mit US-amerikanischen Staatsbürgern zu drehen. Der Jackpot liegt bei 12 Millionen Dollar. Alles, was die sechs Teilnehmer tun müssen, ist zu vermeiden, dass einer der drei herumlaufenden Killer sie ins Jenseits befördert. Regeln existieren in diesem Spiel nicht. Sobald die Teilnehmer die Gefahrenzone betreten, sind sie Freiwild. Sie können sich jedoch entscheiden, ob sie als Gruppe zusammenbleiben, das Geld am Ende unter sich aufteilen, oder, ob sie sich den gefährlichen TV-Mördern im Einzelkampf-Modus entgegenstellen und sich vielleicht sogar mit den Gruppenmitgliedern bekriegen.

Legalisiertes Serienmorden

Kommentar: Wie eine echte TV-Show aufgezogen, mit einem fetzigen Pop-Song als Einleitung und einer, in solchen Formaten rituellen Kandidatenvorstellung, ist es das Anliegen des Films, den Zuschauern den Spiegel vorzuhalten und Kritik an den Fernsehmachern zu üben, denen der Mensch, aber nicht das Geld egal ist. Nun sollte man nicht den Fehler machen, den satirisch-kritischen Wert von SLASHERS zu sehr ernst zu nehmen, denn sonst kann das Konzept eigentlich nur in sich zusammenfallen. Warum das so ist, ist nicht schwer zu erklären. In Filmform nimmt eine Nachahmung und Überspitzung des Reality-TVs zwar durchaus experimentelle Züge an, doch ist diese Methode der übertriebenen Authentizität ebenso ziemlich unkreativ. Ebenfalls einfallslos und dazu noch fragwürdig ist die Verwendung reißerischer Mittel, die reißerische Mittel kritisieren bzw. parodieren sollen. Doch SLASHERS steht eben drüber. Er ist eine heitere Horrorkomödie mit makabrem Humor und vielen Blutspritzern, fiesen TV-Serienmördern und einem zu realistischen sowie nicht immer vorhersehbaren Handlungen dirigierenden Drehbuch. Er bietet ein rundum besonderes Showfeeling, welches atmosphärisch durch die Eine-einzige-Kamera-im-ganzen-Film-Variante entsteht und aufgrund der wirklich tollen Sets und Spielfelder potenziert wird.

5/10

Es geschah am hellichten Tag

Es geschah am hellichten Tag



Deutschland/Schweiz, 1958
Genre: Kriminalfilm
Regisseur: Ladislao Vajda
Darsteller: Heinz Rühmann, Sigfrit Steiner

An einem kleinen Ort in der Nähe von Zürich findet der Hausierer Jacquier die Leiche eines kleinen Mädchens, woraufhin er die Polizei verständigt. Nach der Beweissammlung nimmt sich die Polizei im späteren Verlauf jedoch keinen Geringeren als Jacquier vor, den man zu einem Geständnis drängen will, da alle Indizien auf ihn als Mörder verweisen. Oberleutnant Dr. Matthäi, der seine letzten Tage bei der Zürcher Polizei verbringt, da er bald einen Dienst als Ausbilder in Jordanien beginnen soll, glaubt an die Unschuld des Hausierers.

Dürrenmatts berechtigter Ärger

Kommentar: Keine Verwunderung tut sich auf, wenn man liest, dass Dürrenmatt, der am Drehbuch beteiligt gewesen war, die Fassung des Films als zu bürgerlich und zu spießig empfand. In der ersten Hälfte noch, da ist ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAG ein teufelsguter Kriminalfilm mit sicherlich bekannten, trotzdem sehr willkommen Ingredienzen. Wir haben den unter Verdacht stehenden Mann, der trotz seiner kräftigen Statur keinen allzu diabolischen Eindruck macht, und einen sehr humorvollen Polizisten, den eine große Skepsis überkommt, wenn er an die Schuld des einzig Verdächtigen denkt, weshalb er eigenständige Untersuchungen betreibt. Erst in der zweiten Hälfte, nach dem Selbstmord des Verdächtigen und ab der Zusammenkunft mit dem Psychologen, wird die davor noch rätselhaft wirkende Kriminalgeschichte unnötig psychologisiert, somit das Verbrechen zum Teil erklärt und sogar schon im Voraus geklärt. Denn wie in vielen Serienmörder-Suchspielen gehen der Auflösung banale Erklärungsmuster voraus, die vor einem Einmaleins der Tätermotive keinesfalls zurückschrecken. Schaut man sich Anfang und Ende im Vergleich an, wird die Kluft zwischen ihnen deutlich. Da ist die "aufgeregte" Exposition als Rätsel und Schrecken, dort ein Heile-Welt-Finale nach allen Regeln der Zuschauerfreundlichkeit. So ist selbst das moralische Dilemma des von Heinz Rühmann verkörperten Allein-Aufklärers, der für die Überführung des Kindermörders eine junge Frau samt der Tochter instrumentalisiert, natürlich schnell wieder vergessen und vom Tisch. Zurück bleibt ein zufriedenes Lächeln.

3/10

Mittwoch, 13. Februar 2013

Heidi und Peter

Heidi und Peter
 


Schweiz, 1954
Genre: Heimatfilm
Regisseur: Franz Schnyder
Darsteller: Elsbeth Sigmund, Heinrich Gretler

Heidi lebt mit dem Alpöhi bei Peter und dessen Mutter. Seit zwei Jahren hat Heidi ihre beste Freundin Klara nicht mehr gesehen, weil Klaras Eltern die Reise in die Schweiz immer wieder verschieben mussten. Doch in den Sommerferien klappt die Reise schließlich, was Peter verärgert, da Heidi sich um ihren Gast kümmert und ihn deshalb nicht mehr auf die Alp begleiten kann

Heidis heile Welt

Kommentar: Unklar bleibt, welchen dramaturgischen Strategien dieser Film gehorcht und warum er echte Konflikte gänzlich vermeidet. Natürlich müssen die Erwartungen bei einem Heimatfilm andere sein als beispielsweise bei einem Thriller, doch ein ständiges Unschuldsgetue und eine beinah faschistoide Ausdrucksweise über das dörfliche Gemeinschaftsleben nehmen in HEIDI UND PETER den Figuren so sehr jede wirkliche Reibung, dass die Handlung keinen Stellenwert besitzen darf. Der in gediegener Farbfilm-Optik seiner Zeit strahlende Spielfilm kriegt es zwar hin, einige Male Positionen und Gegenpositionen herzustellen, doch taugen diese Produktionen meist bloß dazu, den propagandistischen Zug zu unterstreichen, also das ländliche Leben über das städtische zu stellen. Ansonsten halten sich Konflikte stark in Grenzen. Bloß der Geißenpeter, der Lausbub und bad boy der Gemeinschaft, zieht es ein klein wenig immer auf die Troublemaker-Seite. Der von iPad-Generationen noch weit entfernte Peter schwänzt nicht nur regelmäßig die Schule und bekommt deshalb Beef mit dem Weihnachtsmann, er erlaubt es sich sogar, den Rollstuhl von Klara, einer Freundin von Heidi, den Hang hinunterzuschubsen. Doch die amüsante Standpauke von Heidis Großvater erreicht dann leider wieder das flache Niveau des restlichen Spielfilms, da aus der Standpauke ein Dank wird und zur weiteren Werbung fürs Ländle verkommt (im Sinne von: Landluft macht gesund, man braucht hier keine Rollstühle).

2/10

Mad Max

Mad Max



Australien, 1979
Genre: Action
Regisseur: George Miller
Darsteller: Mel Gibson, Joanne Samuel

Australien in naher Zukunft: Es herrscht ein großer Kampf zwischen Hütern des Gesetzes und Gangsterbanden. Max ist ein Polizist, der nach dem Tod eines guten Arbeitskollegen das Handtuch schmeißen will. Sein Chef Fifi Macaffee versucht ihn zwar zum Bleiben zu überreden, doch Max lehnt dies ab und verlässt stattdessen mit Frau und Kind die Stadt. Wie es der Zufall so will, trifft die Familie auf jene Bande, die Max' Polizeikollegen getötet hat.

Eine Zeit, in welcher die Zerstörung über allem steht

Kommentar: Es ist nicht so sehr das Endzeit-Ambiente als mehr der untröstliche Held der Geschichte, wenn es um eine Antwort auf die Frage geht, was dem Film eine besondere Qualität verleiht. Ganz sicher ist die unsichere Ahnung des Zuschauers über die nahe Zukunft, in der der Film spielt, kein kleiner Grund dafür, dass es einen Sog gibt, der Freunde endzeitlicher Fantasien regelrecht in das von Anarchisten regierte australische Hinterland hineinzieht. Die Bilder, auf denen man wunderbare Aufnahmen von Landstraßen-Rasereien unter klarem Himmel sieht, saugen die Wildheit der handelnden Personen, die es auf Zerstörung abgesehen haben, auf, und übergeben sie an uns weiter. Die Atmosphäre der Zerstörung wird später jedoch von etwas weitaus Wichtigerem überschattet. Nachdem die Ärger provozierende Motorradbande auch in Max' Privatsphäre angreift und einen unwiderruflichen, eindeutig unentschuldbaren Zustand hinterlässt, reiht sich die Atmosphäre der Zerstörung in die zweite Reihe ein, an deren Stelle die Notwendigkeit und positive Beurteilung des gesetzlosen Kaputtmachens tritt. Max muss, um seine Familie zu rächen, mit brutaler Gewalt zurückschlagen. Eine Ahnung schien er von seinem Schicksal gehabt zu haben, denn als er bei der Polizei kündigte, gab er seinem Chef in einem Nebensatz zu verstehen, dass die Verfolgung der Banden keinen Sinn mehr mache und er kein Problem damit hätte, auf der bösen Seite zu stehen. Über die Selbstjustiz der Hauptfigur kann man sich streiten, jedoch auch die angespannte und unkontrollierte Situation begreifen, in welcher das Verlangen nach zivilisiertem Umgang erst wieder Fuß fassen muss.

6/10