Sonntag, 31. März 2013

Planet der Stürme

Planet der Stürme (Planeta Bur)



Sowjetunion, 1962
Genre: Sci-Fi, Abenteuer (Trash)
Regisseur: Pavel Klushantsev
Darsteller: Vladimir Yemelyanov, Georgi Zhzhyonov

Eine sechsköpfige Gruppe von Kosmonauten fliegt inklusive eines technisch sehr fortgeschrittenen Roboters auf den Planeten Venus, um dort Informationen über Leben und intelligente Wesen zu sammeln. Dort angekommen machen sie auf dem von Felsen und Gesteinsschichten umgebenen sandigen Terrain Erfahrung mit merkwürdigen Viechern, die ihre angriffslustige Natur vor den Besuchern nicht verstecken wollen.

Eine kurzer Aufenthalt auf der Venus, mit Abenteuer-Ambiente

Kommentar: Man wappnet sich und ist auf das Schlimmste gefasst, wenn ein in der Sowjetunion entstandener Film gleich am Anfang durch einen Sprecher aus dem Off verlautbaren lässt, dass der Glaube an die Heldenhaftigkeit sowjetischer Menschen, die sich auf die Reise zur Venus begeben haben, sehr groß ist. Den Ekel propagandistischer Lobeshymnen an die eigene Nation riecht man da schon förmlich bevor irgendetwas konkret wird. Umso mehr ist man schließlich überrascht, dass PLANET DER STÜRME nicht zu sehr ins Erziehende oder Pro-Sowjetische abrutscht. Es lässt sich überdies Philosophisches finden, was ihn mit den bekanntesten Sci-Fi-Streifen des russischen Kinos eint. Zwar weist er insgesamt nur wenige Schnittpunkte mit SOLARIS und KIN-DSA-DSA! auf, doch die Begeisterung für philosophische Fragen kann man auch bei ihm herauslesen, sofern man nicht die Hoffnung auf die Tiefe richtet, da er es nicht gerade darauf abgesehen hat, den Filmverbraucher zu überfordern.

 Pavel Klushantsev war ein Filmemacher mehrerer Science-Fiction-Abenteuer und bekannt für seine Spezialeffekte, die heute natürlich keinen von den Socken hauen, früher jedoch durchaus die Menschen zum Staunen brachten. Diese Erfahrung lässt sich auch in diesem Film machen, denn neben einem damals komplex funktionierenden Roboterkostüm verblüfft Klushantsev mit seiner fundierten Kompetenz in Sachen Effekttechnik, wenn er eine kleine Gruppe von Kosmonauten in eine Art schwebendes Kleinauto setzt, das nur knapp über dem Boden gleiten kann. In diesen Bildern vom Roboter und dem futuristischen Fahrzeug wird aber der Unterschied zwischen anderen beweglichen Extras dann auch leider sehr deutlich gemacht. Ist die reingesteckte Mühe der angesprochenen handwerklich sauber gemachten Körper unübersehbar, lassen die feindlichen Kreaturen, die die abenteuerlustigen Menschen angreifen, dagegen den Beweis von guter Arbeit vermissen. So wie die billig umherspazierenden und springenden Mini-Dinosaurier enttäuschend schlecht sind, so drückt auch das fliegende Pterodactyl-ähnlichen Wesen das Niveau stark nach unten. Mit dem Vorwurf einer beabsichtigen Inkonsistenz zur Unterstreichung der Siegesserie des technischen Fortschritts des Menschen und seiner Gerissenheit gegenüber der stumpfen Wildheit der Instinktbestien ist wenig anzufangen, da es mit der Darstellung einer nach Frischfleisch hungernden Pflanze sogar ein exzellentes Exemplar der Kategorie Gegner gibt. Es war also wohl doch nur ein Budgetproblem.

Das Thema des Films ist eindeutig die Exploration eines fremden Planeten, die Auskundschaftung einer fremden Welt. Drei sowjetische Raumschiffe machen sich auf den Weg zur Venus, werden bei ihrer Mission jedoch von einem Meteoriten gestört, der ein Raumschiff zerstört. Da die Erkundung der Venus drei Raumschiffe vorsieht, werden die sechs Übriggebliebenen der zwei heilen Schiffe dazu veranlasst, mehrere Monate auf ein neues Raumschiff zu warten. Die Astronauten wollen aber die Zeit bis zur Ankunft einer dritten Maschine nicht sinnlos abwarten und starten deshalb ihre Expedition, in dem sie ein Schiff vorausschicken. Weil es erforderlich ist, dass irgendjemand den Kontakt mit der Erde halten muss, bleibt Mascha, die einzige Frau unter den Raumfahrern, allein in der Umlaufbahn zurück. Als das erste Schiff mit zwei Astronauten und einem technisch weit fortgeschrittenen Roboter zur Landung auf der Venus ansetzt, bricht der Kontakt ab. Daraufhin versucht das zweite Schiff, das in der Nähe des ersten landet, die verloren gegangenen Raumfahrer aufzufinden, was sich als ein schwieriges Unterfangen herausstellt, da feindlich gesinnte Kreaturen den Planeten besiedeln.

Klushantsevs Film bietet in seiner Darstellung von bösen Viechern und Dinosauriern, einer Unterwasserumgebung sowie den Interieurs der Raumschiffe fraglos eher Charme denn wahrhaft pittoreske Szenen, was wiederum den Rezipienten dazu verleitet, ihn nicht für voll zu nehmen. Ebenso ist der geradlinige Plot mit seiner Tendenz zu eher störenden Twists eine sehr unsaubere Angelegenheit, vom Spannungsbogen ganz zu schweigen. PLANETA BUR ist dann doch vielmehr für eine enzyklopädische Bildung zu gebrauchen, in die man gerne Zeit und manchmal auch Nerven investiert, weil sie hochinteressante Ergebnisse liefern kann. Ist es unnütz zu wissen, oder besser: zu glauben, dass dieser fast vergessene Film für Stanley Kubrick eine Inspiration für seinen 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM war? Es mag sich weit hergeholt lesen, doch zwei Merkmale sind unbestreitbar ähnlich. Einmal ist es der Roboter, der sich in PLANET DER STÜRME ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr kontrollieren lässt, genau wie HAL 9000, und die Menschen deshalb in Gefahr bringt; die zweite Sache ist eine bestimmte Klangkulisse, die den Planeten Venus immer wieder umgibt. Dabei zeigt das Material der Tonspur eine enge Verwandtschaft mit den Klängen in Kubricks Klassiker auf, sobald dort der Monolith in den Mittelpunkt gerückt wird. Der große Unterschied ist nur, dass PLANET DER STÜRME eine Art Light-Version des bekannten Leitmotivs anbietet.

Cineasten mit Herz fürs Ungewöhnliche und Ramschig-Veraltete dürften mit diesem Film dann auch keine allzu schlechte Zeit haben, wenngleich die Bemerkung gestattet sein darf, dass man PLANET DER STÜRME nicht zu viel Ehre antun sollte, da er eben doch nur ein durchschnittliches B-Movie-Produkt seiner Zeit ist. Überdies ist seine enthaltene geschlechtsspezifische Aufteilung in eine Truppe von Männern, die draußen kämpft, und eine einzige Frau, die das Schiff hüten muss, schon sehr seltsam und wäre heute in dieser Form sicherlich nicht mehr möglich. An dieses Urteil folgend, bietet genauso die Rolle eines in die Technik verliebten Wissenschaftlers viel Strangeness, da dieser in seinem Ärger über einen vermeintlichen Fehler von Mascha, der einzigen Frau, einen chauvinistischen Ausruf par excellence kredenzt: "A robot can grasp a situation, but not a woman." Das ist insofern kopfschüttelnd, als dass weder einer der anderen Herren eine Korrektur vornimmt noch der Technikliebhaber irgendeine andere Form der Abrechnung verpasst bekommt.

Kurios war die Verbreitung der klushantsev'schen Filmideen in den Staaten. Denn erst erfuhr PLANETA BUR im Jahr 1965 durch Curtis Harrington ein mehr als dubioses Remake, für welches viele Szenen aus dem Original hinzuaddiert wurden; und 1968 konnte sogar Peter Bogdanovich nicht die Finger vom Stoff lassen, musste stattdessen unbedingt VOYAGE OF THE PREHISTORIC WOMEN machen, welcher anscheinend viele attraktive Frauen auf den Bildschirm bringen, sich jedoch wenig an das Ursprungsszenario halten soll.

5/10

As Tears Go By

As Tears Go By (Wong gok ka moon)



Hongkong, 1988
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Wong Kar-Wai  
Darsteller: Andy Lau, Maggie Cheung

Wah ist ein Krimineller, der sich in Hongkong als Gangster versucht. Leider ist er jedoch auch damit beschäftigt, seinem naiven und schnell aufbrausenden Freund Fly aus selbst verursachten Schwierigkeiten zu helfen. Als die Liebe zu seiner Cousine Ngor konkreter wird, wird die Beziehung zwischen ihm und Fly auf die Probe gestellt.

Der Vorbote

Kommentar: Obwohl der in Hongkong aufgewachsene Regisseur in seinem Debütfilm noch nicht das Vergnügen hatte, Christopher Doyle als Kameramann an seiner Seite schätzen zu lernen, zeugen viele Passagen von einem selbstbewussten und individuellen Stilbild. Das Spiel mit Effekten, die Experimentierlust mit visuellen Aufrüstungen, die allesamt wenig mit der Beiläufigkeit mäßig talentierter Auftragsarbeiter haben, sitzen hier schon tief in den Bildern und stiften die Handschrift, die sich durch Wongs Karriere als Filmemacher durchzieht. Eigenartige Slow-Motion-Perioden, entzückender Einsatz von Farbfiltern und das Herausgreifen einzelner Töne mit gleichzeitiger Verstummung störender Geräuschquellen, diese Mittel nutzt er in AS TEARS GO BY als Unterstützung zur Charakterisierung von Zuständen, in denen sich seine Entwürfe von Figuren befinden. In seinen besten Phasen verkürzt Wongs Kino den Abstand des Zuschauers zu handelnden Personen, indem er Stationen der Handlungen oder Sequenzen mit kluger Bildgestaltung aufwürzt, sodass die Spannungen und Zustände seriöse Wichtigkeit bekommen - deshalb die Aufmerksamkeit eine passgenaue Lenkung erfährt. Eben weil es in Wongs Bildgestaltung darum geht, Umstände kraftvoll auszudrücken, anstatt nur etwas für das Auge zu bieten, entsteht ein Draht zum Rezipienten. Die Illusion wird ein Stück greifbarer, und damit anregender.

 Der Film setzt in der Wohnung des Schutzgelderpressers und Ganoven Wah ein, der noch zugedeckt im Bett liegt, als das Telefon zu bimmeln beginnt. Die Anruferin ist seine Tante, die ihm die Frage stellt, ob seine Cousine ein paar Tage bei ihm wohnen könnte. Verdutzt guckend, weil von der Existenz einer Cousine überrascht, gibt er sein Okay und wird flugs von einem Klingeln an der Tür überrascht. Da Wah weiter schlafen möchte, gibt er seiner Cousine Ngor den Auftrag, Telefonanrufern zu sagen, dass er sie zurückrufen werde. Als Ngor einen Anruf entgegennimmt, macht sie mit Fly Bekanntschaft, der ein sehr guter Freund von Wah ist und sie für eine der Vergnügungsmatratzen seines Buddys hält. Erst zu später Stunde wacht Wah auf, kann jedoch nicht lange mit Ngor sprechen, da wieder der ungeduldige Fly anruft und ihm sagt, dass er sich immer noch in einer Verhandlung befinde und sein Geschäftspartner nicht dazu bereit sei, die angeforderte Kohle herauszugeben. Die Location wechselt, die miefige Wohnung wird durch ein kleines Restaurant ausgetauscht, wo wir Möchtegernmacker Fly in Aktion erleben dürfen. Scheinbar erfolglos, doch mit großem Eifer, versucht er auf einen gewieft schauenden Typen einzusprechen, der sich von den Überzeugungsversuchen seines Gegenübers völlig unbeeindruckt zeigt. Nach seinem Eintritt in das Lokal macht Wah jedoch keine Mätzchen, schlägt stattdessen mit einer robusten Bierflasche auf den
Kopf des verhandlungsresistenten Zahlungsverweigerers und zückt unerbittlich seinen Revolver, den er schussbereit positioniert. Weil das auf den zuvor noch gewieft guckenden Typen starken Eindruck macht und jener sowieso keine Entscheidungsoptionen hat, willigt er natürlich zwecks der Verhandlungen ein. Geld zählend läuft Wah mit seinem Kumpel aus dem Restaurant, lässt sich von diesem für die Aktion abfeiern und als Bruder bezeichnen.

Wenngleich die ersten fünfzehn Minuten nach einem Arrangement einer Dreiecksbeziehung aussehen, kristallisiert sich im weiteren Verlauf eine bedauernswerte und eindringliche Qual-der-Wahl-Story heraus. AS TEARS GO BY bietet eine elegische Erzählung über das Sehnen und Erwarten, das Wünschen und Hoffen seiner Figuren, die sich zwar vom Verhalten und von der Veranlagung grundsätzlich unterscheiden, in ihrem Seelenleben jedoch Grundzüge aufweisen, die sie durch unsichtbare Linien einen. Nichtsdestotrotz legt Wong Kar-Wai den Fokus auf die Unterschiedlichkeit zweier Moral- und Ordnungsuniversen, welche er zur Trennung der behandelten Figuren benutzt. Besonders schwierig macht er seine Konstellation aber nicht, weil er die Übertretung der Grenzen nur einer von drei Personen überlässt, während die beiden anderen sich niemals face to face begegnen. Dennoch ist die Gegenüberstellung einer wenig Sicherheit bietenden Unterwelt mit dem Sittlichkeit und Neubeginn versprechenden normalbürgerlichen Leben mehr als passend formuliert, begrenzt sich das Drehbuch doch auf die Teilnahme eines einzigen Individuums an den schwierigen und letztendlich glücklosen Versuchen der Grenzüberschreitung, die an der Vergangenheit, am Charakter und an Verhaltenscodes des Antihelden scheitern. Weil Protagonist Wah nämlich dazu verdammt ist, gleichzeitig den persönlichen Bodyguard für seinen besten und leider Ärger machenden Freund zu spielen und seine Liebesbeziehung mit seiner Cousine Ngor aufrechtzuerhalten, kann er dem Gangstermilieau nicht ohne Weiteres abtrünnig werden. Mit dem unweigerlich ins Unglück stürzenden Wah zeigt Wong Kar-Wai am Ende des Films schließlich Respekt vor seiner Hauptfigur, statt sie an romantisch-idealistische Vorstellungen zu verraten.

Was AS TEARS GO BY im Grunde leistet, ist die Überprüfung von Beziehungen. Wenn Hauptfigur Wah in den letzten Minuten seinem Freund Fly zur Seite steht, anstatt mit seiner Liebe Ngor abzuhauen, ist das genauso ein Akt der Solidarität wie ein Nachweis darüber, welche Verpflichtungen er in der Beziehung zu seinem Gangsterkumpel als zwingend ansieht. Da Behalten der Ehre und Wahren des Gesichts sowie die Stilisierung einer männlicher Freundschaft zur ewigen Brüderlichkeit als Verhaltensformen zum Standardrepertoire eines Kriminellen gehören, wirken diese Kategorien infolgedessen auf ihn ein. Das Problem seines schnell in Rage geratenden Partners wird so zu seinem Problem. Da hilft es auch nicht, dass seine Wünsche dem von Fly diametral entgegenstehen. Wo dieser sich Anerkennung und wenigstens ein Stückchen Ruhm durch Aktivitäten in der Unterwelt verschaffen möchte, hat Wah mit diesem Kapitel des seiner Ansicht nach nichts bringenden Kampfes schon abgeschlossen, da er um die schnell verblassten Träume von Aufstieg und Geldzuwachs bestens Bescheid weiß.

AS TEARS GO BY ist ein alles in allem mehr als genießbarer und schmucker Film über Liebe und Freundschaft, die Schwierigkeiten des Ausstiegs sowie der Suche nach persönlichem Glück. Die Unausgereiftheit des Skripts, welche insbesondere bezüglich der Liebesgeschichte zwischen Wah und Ngor auffällt, lässt sich ertragen, namentlich weil ein gewisser Mangel an erzählerischer Reife sich sowieso in so gut wie jedem Debüt als Krankheit (oder Segen) aufspüren lässt. In der Tradition der heroic bloodshed movies stehend, vergisst der zeitweise im Milieu der zwielichtig agierenden Hongkonger spielende Streifen auch nicht eine komödiantische Ebene einzubauen, die sich jedoch zum Schlussspurt hin mehr und mehr verflüchtigt. Die Bilder sind hinreißend bis köstlich, auch wenn der hier präsentierte visuelle Duktus nicht mehr als ein Vorbote auf das ist, was den Zuschauer in Wong Kar-Wais späteren Werken erwartet.


6/10

Donnerstag, 21. März 2013

The Pornographers

The Pornographers (Erogotoshi-tachi yori: Jinruigaku nyûmon)



Japan, 1966
Genre: Drama
Regisseur: Shohei Imamura
Darsteller: Shoichi Ozawa, Sumiko Sakamoto

Ogata ist Pornoregisseur und lebt mit seiner Freundin Haru und ihren beiden Kindern aus geschiedener Ehe zusammen. Er liebt Haru zwar sehr, schafft es jedoch nicht, die Augen von seiner Stieftochter Keiko zu lassen, die sich in der Adoleszenz befindet. Nachdem seine Freundin schwer erkrankt und ins Krankenhaus gebracht wird, versucht er sich noch offensiver an Keiko heranzumachen.

Sex makes the world go round

Kommentar: Wenn man THE PORNOGRAPHERS einfach mal so nebenbei laufen lassen will, wird man dem Film wohl krummnehmen, dass er dafür keine großartige Eignung vorzuweisen hat. Obwohl Ereignisse nicht unbedingt verschachtelt werden, ist der Fortgang der Handlung aufgrund von Sprüngen und bizarren Szenen nicht immer einfach mitzubekommen oder zu verarbeiten. In den Genuss kommt man dann wirklich nur, wenn man seine Konzentration über die gesamte Länge aufrechterhält und natürlich Spaß an schwarzem Humor findet. Diesem Film, der so intelligent wie lustig, abgefahren wie ruhevoll ist, mangelt es vielleicht an Zuschauergeschenken à la Vorhersehbarkeit, aber niemals an Konsequenz oder der Bereitschaft, Tabuzonen auszusparen. Als Satire auf eine japanische Gesellschaft im Wirtschaftshoch im Allgemeinen und Kritik an der Männerwelt im Speziellen gedacht, oder zumindest Spuren aufzeigend, die solche Interpretationen zulassen, greift THE PORNOGRAPHERS mit seinem Plot um einen nicht gerade erfolgreichen Schmuddelfilm-Regisseur auch Themen wie Inzest und Pädophilie auf. Mittendrin in der Schilderung des sittlichen Verfalls zeigt Shohei Imamura Anflüge von Sympathie für seinen Protagonisten und lässt diesen Philosophisches über die Rolle von Pornografie in der Gesellschaft oder die Notwendigkeit der Verschiebung moralischer Maßstäbe aufsagen und zum Apologeten der sexuellen Freiheit mutieren. Sein satirisches Werk ist komplex und stark hermetisch, enthält Surreales und stellt Personen vor, mit denen man sich selten identifizieren kann. Die pornografische Illusion, die der Protagonist produziert, bekommt man übrigens nicht zu sehen.

7/10

Sonntag, 17. März 2013

Ich wurde geboren, aber...

Ich wurde geboren, aber... (Umarete wa mita keredo)



Japan, 1932
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Yasujiro Ozu
Darsteller: Tatsuo Saito, Tomio Aoki

Die Familie Yoshi ist in einen Vorort von Tokio gezogen, weil Familienoberhaupt Kennosukes näher beim Chef seiner Firma sein wollte, um einen regelmäßigen Kontakt mit ihm pflegen zu können. Neben seiner Frau brachte Kennosuke auch seine zwei Söhne mit, die von Anfang an Probleme mit den Nachbarschaftskindern bekommen. Weil einige davon die beiden in der Schule verprügeln wollen, entscheiden sich die Brüder dazu, die Schule zu schwänzen. Da ihr Vater erfährt, dass sie nicht in der Schule waren, begleitet er seine Söhne am nächsten Tag zur Schule. Obwohl die Schlägertypen versuchen, ihnen Denkzettel auszuteilen, haben die Brüder das Glück, dass der Lehrer auf sie aufpasst. Nach Schulende kümmert sich dann schließlich ein größerer Junge um die Prügeltruppe. Fortan haben die beiden Brüder in der Gruppe der Nachbarschaftskinder das Sagen.

Ozus ungewohnte Leichtigkeit

Kommentar: Banal und verflucht allgemein möchte man das nennen, was Ozu da auf die Leinwand warf; 1932, als es in vielen Teilen der Welt immer noch üblich war, Stummfilme zu drehen. So wie auch in Japan. Er schaut sich Mitglieder einer Familie an, ihre Beziehungen zueinander und wie sie in der Außenwelt integriert sind. Dabei fällt auf, dass Ozu sich deutlich auf die Bubenwelt konzentriert, das Erwachsensein in Kindern erforscht. Ganz ohne analytische Schärfe und Anspannung zeigt er die Kinder in einem Vorraum zur Erwachsenenwelt. Als Mittelpunkt für seine Erzählung nimmt Ozu zwei Brüder im Alter von acht beziehungsweise zehn Jahren, die mit Machtfindungsprozessen und Schwanzvergleichen (im übertragenen Sinne) konfrontiert werden und die lernen müssen, mit Autoritäten umzugehen. Ebenso nimmt der Regisseur den beiden Kindern Idealbilder weg und drängt ihnen die Realität auf. Die Vorstellung ihres Vaters nämlich, nach welcher er ein wichtiger und gefragter Mann sei, zerbricht, weil sie erfahren, dass er nur Untergebener, aber kein Chef ist. Die Herangehensweise an Themen wie soziale Ungleichheit und Hierarchieordnungen ist dabei so ungewöhnlich wie auch etwas ärgerlich. Inszenatorische Strenge und für den Bilderrahmen sitzende Kompositionen, wie sie der japanische Regisseur in seinen bekannteren und späteren Filmen perfektionierte, finden nur am Rande Anwendung. Es herrscht dagegen ein lockerer Ton von einer seltsam unangepassten Jugendlichkeit, die angesichts einiger ernster und konfliktreicher Auseinandersetzungen verdammt erstaunlich ist. Das Ärgerliche ist hingegen im Komischen enthalten. Anstatt in der Lage, wirklich für Lacher zu sorgen, ist der Humor häufig zu comichaft und albern. Nur hier und da findet sich mal eine charmante Stelle, über die man schmunzeln kann.

5/10

Samstag, 16. März 2013

Paranoid Park

Paranoid Park



USA, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Gus Van Sant
Darsteller: Gabe Nevins, Taylor Momsen

Der 16-jährige Alex geht mit seinem besten Freund Jared  in den sogenannten Paranoid Park. Obwohl Jared absagt, entschließt sich Alex, dort allein hinzugehen. In dem berüchtigten Skatepark, der bei Jugendlichen beliebt ist, lernt er einen etwas älteren Fremden kennen, der ihn überredet, mit ihm zum Bahnhof zu mitzugehen, um Bier zu holen. Als die beiden auf einen fahrenden Güterzug aufspringen, werden sie von einem Sicherheitsbediensteten beobachtet, der ihnen sofort hinterherrennt. Nachdem der Mann des Sicherheitsdienstes sie einholt und versucht, sie runterzuholen, schlägt Alex ihn mit seinem Skateboard, sodass der Mann auf die Gleise nebenan fällt und von einem entgegenkommenden Zug überfahren wird.

Von der Last, ein Unglück nicht mehr rückgängig machen zu können

Kommentar: Verstörender Trip in die Welt des Erwachsenwerdens, in welche durch die Kamera von Christopher Doyle hineingeschaut wird, an dessen Apparatur alle Unehrlichkeiten der Laiendarsteller abperlen. So haucht der Formgeber von einigen genialen Werken wie 2046 und INVISIBLE WAVES den Szenerien Plastizität ein, gibt der absichtlich zerfahrenen Erzählabfolge einen Anschein von strukturiertem Aufbau. PARANOID PARK, eine nicht alltäglich daherkommende Coming-of-Age-Variation, untersucht das Verhalten eines Teenagers, nachdem dieser sich unabsichtlich - und im Eifer des Gefechts - für den Tod eines Menschen verantwortlich macht. In nicht chronologisch angelegten Rückblenden erfolgt die Schilderung seiner Tatbewältigung vor dem Hintergrund der Lebensphase Adoleszenz. Statt unnötig die Moralkeule zu schleudern, findet Van Sant dann auch passende Szenen und Storypunkte, um die Unerfahrenheit und die Planlosigkeit seines Protagonisten auszuleuchten. Ein furchtbar leises Drama ist entstanden, welches an Reiz zunimmt, wenn es sich nicht bloß konzentriert, was die Hauptfigur tut, sondern welche Reaktionen diese in Interaktionen offenbart und wie sie sich verhält, vor allen Dingen aber, welche Optionen gewählt werden. Stilistisch erreicht PARANOID PARK bisweilen eine kontemplative Musikclip-Atmosphäre, da öfters mit Zeitlupen und DV-Aufnahmen gearbeitet wurde. Selbstredend wurden solche Effekte nicht zum Spaß an sich und zur Freude am Schmuggeln von Überflüssigem gebraucht, vielmehr sind sie motivisch begründet und helfen dem Sichter, die Last der Hauptfigur besser zu begreifen.

6/10

Freaks

Freaks



USA, 1932
Genre: Drama, Horror
Regisseur: Tod Browning
Darsteller: Wallace Ford, Leila Hyams

Der kleinwüchsige Hans ist mit der ebenfalls kleinwüchsigen Frieda verlobt. Beide gehören einer Zirkusgruppe an, bei der sie mit einigen weiteren körperlich Deformierten und Behinderten zu den sogenannten Freaks gehören. Da Hans ein Auge auf die durchschnittlich gebaute Trapezkünstlerin Cleopatra hat und dieser Geschenke macht, fängt Frieda damit an, sich Sorgen um ihn zu machen. Sie durchschaut, dass Hans' Nettigkeit durch Cleopatra nur ausgenutzt wird. 

Wer wird bloßgestellt?

Kommentar: Weil die beinahe 30 Minuten längere Originalfassung fehlt, deshalb der Film abrupt zu seinem Ende kommt, hat "Freaks" hinsichtlich seines ungelenken Tempos augenscheinlich Staub angesetzt. Der aus heutiger Sicht wichtigste Streifen von Tod Browning kann sich zwar dramaturgisch wie atmosphärisch nicht mit der First-Class-Abteilung des Bewegtbild-Horrors messen, bedarf jedoch auch keiner Annäherung mit den Erwartungen an einen Schocker, da er seine Stärken für meine Begriffe woanders hat. Er taugt sowohl zur Untersuchung des Zeitgeists wie auch als Plädoyer für physische Andersartigkeit. Da Filmemacher Browning in diesem Film die sogenannten Freaks eines Zirkus von echten Missgestalten darstellen ließ, spielte er gegen die Moralauffassungen seiner Zeit. Viele Teile des Publikums verstanden die Intention hinter dem Film nicht und argwöhnten entweder fälschlicherweise eine Bloßstellung der körperlich Deformierten oder hatten ihre Probleme, den Anblick der Zirkusfreaks zu ertragen. Zum Ärger von Browning war der Film ein finanzielles Desaster, welches besonders durch einige Aufführverbote in manchen Bundesstaaten auch noch unterstützt wurde. Der Frage, ob Tod Browning aufgrund seines Wunsches nach ungemütlicher Authentizität übertrieben und deshalb die körperlich Behinderten für die Erfüllung voyeuristischer Bedürfnisse missbraucht hätte, kann nur ein müdes, schwaches Lächeln entgegengebracht werden. Die heutigen Moralcodes erlauben glücklicherweise eine differenzierte Sichtweise auf das Thema, mit dem man sich 1932 noch mithilfe des Blickes durch den Tunnel auseinandersetzte. "Freaks" lässt nämlich den Zuschauer mit den Menschen vom Kuriositätenkabinett sympathisieren und verrät sie nicht als Monstrositäten, sondern verteidigt sie als humane Wesen. Die Einzigen, die unrühmlich verkauft werden, also die wahren Schreckenskreaturen sind, finden man in der Form von zwei durchschnittlich gebauten Menschen vor. Gut vorstellbar, dass der ein oder andere Zuschauer auch in Anlehnung an diese Aussage den Film seiner Zeit verteufelte. Einfach deshalb, weil er sich auf den Schlips getreten fühlte.

5/10

Donnerstag, 14. März 2013

Picco

Picco



Deutschland, 2010
Genre: Drama
Regisseur: Philip Koch
Darsteller: Constantin von Jascheroff, Joel Basman

In einem bayerischen Jugendgefängnis ist Kevin ein Neuer, weshalb ihn alle Picco nennen. Sein Gefängniszimmer teilt er mit drei anderen Jugendlichen, die ihm erst einmal zu verstehen geben, dass er als frischer Häftling nichts zu melden hat und sich unterordnen muss. Nach einem verübten Selbstmord eines psychisch am Boden liegenden Strafgefangenen, mit dem Kevin in den ersten Tagen im Gefängnis freundschaftlichen Kontakt hatte, denkt er darüber nach, ob er keine Mitschuld an dem Suizid trägt. Sein Zimmerkollege Tommy gibt ihm jedoch zu verstehen, dass in der JVA jeder für sich selbst verantwortlich ist. Diese Logik wird von ihm später übernommen; er entwickelt sich von einem introvertierten, systemkritischen Jugendlichen zu einem Mitläufer, der selbst austeilt.

Die Suche nach dem Schlusslicht der Nahrungskette

Kommentar: Das Verstörendste an PICCO ist in meinen Augen weit weniger die unmenschliche Brutalität, die man in den letzten knapp 40 Minuten zu sehen bekommt. Es ist hingegen das Wissen um die Realitätsnähe des Filmprojekts, welche den Zuschauer deutlich mehr zermürbt. Nach unterschiedlichen wahren Missbrauchsfällen und einem nur schwer vorstellbaren Fall in der JVA Siegburg, bei dem ein Jugendlicher vergewaltigt und ermordet wurde, legte Nachwuchs-Regisseur Philip Koch eine spannende Geschichte über die Mechanismen der Gewaltausübung in Jugendgefängnissen an. Auch wenn die Bedingungen und hierarchischen Systeme in solchen Anstalten für jeden Unwissenden erahnbar sind, dürfte der Film niemanden kalt lassen - selbst dann nicht, wenn man ihn um die unerträgliche finale Peinigung kürzen würde. Geradewegs vermittelt der Film, was alles zum guten Ton in solchen Minisystemen gehört, nämlich Aggressivität, Anpassung und Anti-Homo-Rhetorik. PICCO spielt zwar jede Sekunde im Knast, ist aber nichtsdestotrotz mehr als nur ein intensives Porträt über die Sittenmerkmale in deutschen Jugendstrafvollzugsanstalten. Es geht im weiteren Sinne um die Problematik und die Absurdität männlich konnotierter Ausdrucksweisen, die in der Freiheit erlernt und in einem geschlossenen Raum wie dem Gefängnis bis zur perversen Übertreibung praktiziert werden können. In einem System wie dem Gezeigten geht derjenige unter, der sich als Schlusslicht der Nahrungskette herausbildet. Dabei werden unter Berücksichtigung geregelter Codes die Karten immer wieder neu gemischt, sodass praktisch jeder zum Opfer werden kann. In dieser Tatsache, die Philip Koch fast beiläufig und irgendwie überraschend bespricht, steckt ein unglaublich hässliches Grauen.

7/10

Der blaue Engel

Der blaue Engel
 


Deutschland, 1930
Genre: Drama
Regisseur: Josef von Sternberg
Darsteller: Emil Jannings, Marlene Dietrich

Der Gymnasialprofessor Immanuel Rath bekommt eines Tages zufällig mit, dass einige Schüler aus seiner Klasse sich abends im Club "Der Blaue Engel" treffen, obwohl dieser ein Nachtlokal für Erwachsene ist. Als seine erzieherische Tätigkeit sieht er es deshalb an, der Sache auf den Grund zu gehen. Im Nachtklub entdeckt er dann auch die Schüler, bekommt sie jedoch nicht zu fassen. Bei seiner Suche nach den Rotzbengeln begegnet er schicksalhaft der Tänzerin Lola Lola, deren Anblick ihn zuerst verwirrt, dann aber fasziniert.

Amour fou eines Akademikers

Kommentar: Unter der Regie von Josef von Sternberg entstanden, behandelt DER BLAUE ENGEL die Entstehung und die daraus folgenden Auswirkungen einer verhängnisvollen Bindung zwischen zwei Existenzen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Der Film zeigt, wie der anerkannte Professor Immanuel Rath sich in eine Varieté-Künstlerin verliebt und ihr einen Heiratsantrag macht. Bedauerlicherweise wird er aufgrund seiner sich bis zum Schuldirektor herumgesprochenen Bekanntschaft mit der Nachtklub-Tänzerin aus dem Schuldienst entlassen und muss, als sein Geld aufgebraucht ist, im Nachtklub als Zettelverteiler arbeiten, um die Shows seiner Ehefrau zu unterstützen. Nach mehreren Jahren in der Ehe reißen die wirtschaftlichen Umstände den Professor sogar so weit nach unten, dass er sich als Clown verkleiden muss, um auf der Bühne einen stumpfsinnigen Gehilfen zu spielen. Ferner lässt er sich vom zuständigen Direktor überreden, bei einer Aufführung in seiner Heimatstadt mitzumachen. Obwohl er sich vor Ort wehrt, eine Show vor den Augen der Person aufzuführen, die ihn als angesehenen Professor kannten, wird er auf die Bühne geschubst und muss sich widerwillig dem Gelächter des Publikums aussetzen.

Ein tragisches Schicksal wurde da auf Zelluloid gebannt, welches mit der ursprünglichen Buchvorlage von Heinrich Mann nicht mehr viel zu tun hat. Während in Manns Roman PROFESSOR UNRAT die Gesellschaftskritik an etablierten bürgerlichen Werten deutlich im Vordergrund steht, nutzt von Sternberg die Amour fou eines Akademikers dazu, ein einzelnes Schicksal zu porträtieren. Wo Heinrich Mann Satire auftischt, da bringt der in Wien geborene Regisseur greifbare Tragik ins Spiel; eine menschliche Quälerei, eine grausame Notiz des Abgrundes. Da die filmische Adaption das Hauptaugenmerk auf andere Dinge legt, hat sie auch ihre Daseinsberechtigung.

Das authentische wirkende Variété-Milieu ist nur eines der zahlreichen Qualitätssiegel des packenden Dramas um einen Professor, der sich in eine verhängnisvolle Liebe stürzt, und von welcher er zuletzt flüchtet. Allein, dass Emil Jannings den verwirrt Verliebten und später in Ungnade gefallenen Ehemann mindestens so gut spielt wie Marlene Dietrich ihre Rolle als Tänzerin und Sängerin in einem Nachtlokal, verleiht DER BLAUE ENGEL natürlich eine enorm hohe Dichte an schauspielerischen Glanzleistungen. Von entscheidender und zentraler Bedeutung ist hierbei das makellose Zusammenspiel, welches das Konzentrat des Scheiterns enthält. Jannings und Dietrich als perfektes Paar für ein unperfektes Paar, welches trotz aller ihnen zugrunde liegenden Widersprüchen kein Theater spielt, sich hingegen in gelaunter Stimmung verheiratet, ist grandios. Obschon der gewiefte, auf routiniertes Schauen programmierte Zuschauer die schlaumeierische Nase besitzt, jederzeit die Entwicklung der Handlung zu erriechen, besitzt die Geschichte ihren eigentümlich traurigen Charakter, weil sie das Aufeinanderprallen wie das Auseinandergehen als unlöschbare Akte darstellt. Die Handlungen und Entscheidungen des Professors Immanuel Rath sind und bleiben in diesem Film stets tragische Ereignisse, die sich in seine Lebensgeschichte einbrennen.

Der Fall des Professors erreicht sowohl wegen der Vorhersehbarkeit ein enormes Maß an Traurigkeit als auch infolge einer sofort wirkenden Scham, die sich im Gesicht des Professors verrät, als ihm mit aller Endgültigkeit klar wird, dass er mit der Heirat die Missgestaltung seines Lebens vornahm. Seine Ehefrau, von der er sich nicht lösen kann, nimmt er anschließend als ultimative Personifikation des Reinfalls wahr. Für diese subjektive Umpositionierung des Verhältnisses zu seiner Frau sorgt nicht weniger eine aufmerksame Beobachtung, bei der er mitbekommt, wie Lola Lola sich in einen heftigen Flirt mit einem fremden Mann verwickelt. Sternberg montierte an einer Stelle zwei Szenen, die es mehr als deutlich machen, dass seine Lola Lola nicht nur alle Kredite bei ihm verspielt hat, sondern dass er sich vor ihr wie vor einem gefährlichen Raubtier ängstigt. An besagter Stelle steht Rath im Flur und hört seine Ehefrau einen romantisch anmutenden Hit auf der Bühne trällern, in welchem sie ihre Fixierung auf Liebe thematisiert, sodass er anfängt, am ganzen Körper zu zittern und die Hände vor das Gesicht zu halten. Der Schrecken setzt sich dabei so tief, dass er sich kaum vom Fleck rühren kann. Dabei ließ Sternberg die Szenen effektvoll wechseln, was neben der Emotionalisierung auch zu einer gelungenen Verbildlichung des Machtgefälles zwischen beiden Parteien führt. Emil Jannings als naives Opfer einer Frau und Marlene Dietrich als Femme fatale.

Das in seiner Aussage entschärfte Ende, welches in der Adaption konservativer ausfällt, trübt auf alle Fälle den Gesamtgeschmack, hinterlässt jedoch keine allzu großen Beulen, wenn man mich fragt. Für die später zum Hollywoodsternchen mutierte Marlene Dietrich war es ein sehr wichtiger Film, da er sowohl ihren Durchbruch wie auch den Startschuss für die enge Zusammenarbeit mit Josef von Sternberg bedeutete, mit dem sie zwischen 1930 und 1935 stolze sieben Filme drehte. Überraschenderweise sagte Frau Dietrich später aus, dass der zum Drehzeitpunkt deutlich erfahrenere und bekanntere Emil Jannings sie bei den Arbeiten wenig ernst genommen hätte, was sich mit der nach außen wirkenden harmonischen Kooperation kaum in Verbindung bringen lässt. Anscheinend war doch mehr Schein als Sein im Spiel. Typisch Kino, diese olle Illusionsmaschine.

8/10

Samstag, 9. März 2013

Der Kongress tanzt

Der Kongress tanzt



Deutschland, 1931
Genre: Drama, Musikfilm
Regisseur: Erik Charell
Darsteller: Lilian Harvey, Willy Fritsch

Die Geschichte spielt in der österreichischen Hauptstadt während des Wiener Kongresses im Jahr 1815: Weil der Zar von Russland erwartet wird, möchte Fürst Metternich alle möglichen Unannehmlichkeiten verhindern. Da es immer wieder Schwierigkeiten mit der Handschuhmacherin Christel Weinzinger gibt, die ungefragt Blumensträuße in fremde Kutschen schmeißt, um ihren Laden zu bewerben, gibt er seinem Sekretär Pepi die Aufgabe, dieses Benehmen zu verhindern. Doch trotz seiner guten Beziehung zu
Christel gelingt es Pepe nicht, die junge Frau von ihrem närrischen Plan abzuhalten. Nachdem sie für ihre Tat wegen Majestätsbeleidigung eine Strafe von 25 Stockschlägen kassieren soll, lässt der russische Zar die Strafe persönlich fallen und führt Christel stattdessen aus.


Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder

Kommentar: Als positives Beispiel des frühen deutschen Tonfilms taugt die herrliche Musikkomödie DER KONGRESS TANZT nicht zuletzt aufgrund ihrer Zelebrierung der zur damaligen Zeit neuen technischen Möglichkeiten. Deutlich wird das in den Augenblicken, in denen die Schauspieler und Sänger ihre Befindlichkeiten mit Gesangseinlagen auszudrücken versuchen. Die Performances der Lieder beschwören dabei im Zusammenspiel mit der Kameraführung von Carl Hoffmann (DR. MABUSE, DER SPIELER) eine ausgesprochen genuine Ausstrahlung herauf, die mal vor Wahnwitz trieft, mal Anflüge von Sarkasmus enthält. In jedem Fall scheint das große Thema aber Exklusivität zu sein - die Herausstellung von Besonderheiten als Herausarbeitung der Qualität. Der bekannte Refrain des Songs "Das gibt's nur einmal" erzählt dann auch von der Vergänglichkeit eines schönen Moments, welche der Hauptfigur Christel freilich wehtut, dennoch ihr keine Fehler zuschreibt. Dem Motiv der unglücklich Verliebten und Verlassenen wird nämlich nicht mit dem Entschluss nachgeifert, dieses zur Abstrafung der Protagonistin zu verwenden. Hingegen ist es das schauende Publikum, welches die emotionalen Erwartungen von Christel als schrullige und weltfremde Haltung deklariert, das hier am Ende bedeppert dreinschaut. Schließlich entlässt das unhappy Happy End Christel mit Bildern zurück, die das Zauberhafteste aus den zauberhaftesten Augenblicken noch einmal herausfiltern, um die plötzliche Kenntnis von einer niederdrückenden Stickigkeit zu egalisieren. Ein aufregendes Stück Filmgeschichte mit einer umwerfenden Lilian Harvey, der die Liebe zu einem Zaren weder aus dem Kopf noch aus dem Herzen geht.

6/10

Samstag, 2. März 2013

Cargo 200

Cargo 200 (Gruz 200)



Russland, 2007
Genre: Drama, Thriller
Regisseur: Aleksei Balabanov
Darsteller: Agniya Kuznetsova, Leonid Bichevin

Die Handlung spielt in der Sowjetunion des Jahres 1984, während der Zeit des sowjetischen Militäreinsatzes in Afganistan: Ein hochrangiger Polizeibeamter entführt die Tochter eines Funktionärs der Kommunistischen Partei. Die junge Frau bringt der Polizist zu sich nach Hause und stellt sie seiner Mutter als seine Frau vor. Währenddessen läuft die Suche nach der Entführten auf Hochtouren.

Fuck you, UdSSR

Kommentar: Das Hollywood-Kino beobachtend, fiel mir schon seit geraumer Zeit auf, dass es den meisten Werken aus der sogenannten Traumfabrik an Pathos und Geradlinigkeit besonders dann nicht mangelt, wenn deren Inhalt sich an einer wahren Begebenheit orientiert. Anders nimmt sich dagegen auf jeden Fall CARGO 200 aus, der im Prinzip das genaue Gegenteil zu der öden Mimosenhaftigkeit der BOTE-Schmierenkomödien darstellt. Wo sonst immer an irgendeiner Stelle ein Heilungsprozess einsetzt, da existieren in diesem Film noch nicht einmal Korrektive. Balabanov verweigert dem Zuschauer wie den Charakteren jede Form der wirklichen Erlösung, was selbst bei den mit subtilem Humor gespickten Szenen Geltung findet, da das Lachen entweder komplett falsch ist oder sich als eine billige, temporäre Auflockerung entpuppt. GRUZ 2000 ist schockierend gemein und zeichnet rücksichtslos das Porträt eines zu der Zeit längst vergifteten Konzeptes, welches den Namen UdSSR trägt. Verfallen und marode zeigen sich im Film nicht nur die Wände in Treppenhäusern, sondern auch die Beziehungen zum Menschen an sich. Integrität und Anstand sind maximal noch als leere Theorien in den Köpfen vorhanden, praktisch herrscht aber eine Enthumanisierungswelle, bei der Halbzombies alles dafür geben, Regungen der Mitmenschlichkeit zu ignorieren. Gerade im zweiten Teil treibt der russische Regisseur die Verhältnisse auf die Spitze, sperrt die Türen für System abwertende Metaphern weit auf, weshalb der Realismus als Gradmesser spätestens dort keine Tauglichkeit mehr besitzt. Dem Sensationalismus nahe lassen die Macher die dichte Stimmung der ersten Hälfte fallen, um in der Folgezeit brutale Sequenzen zu etablieren, was einer knüppelharten Abrechnung mit der Sowjetunion mehr als würdig zu sein scheint. Der Zynismus Balabanovs kennt weder Limitierung noch Relativierung. Wenn draufhauen, dann gleich auch richtig.

8/10