Freitag, 26. April 2013

Herbststürme

Herbststürme (Autumn Leaves)



USA, 1956
Genre: Drama
Regisseur: Robert Aldrich
Darsteller: Joan Crawford, Cliff Robertson

Millicent Wetherby ist eine vereinsamte Sekretärin, die eines Abends einen deutlich jüngeren Mann kennenlernt, der sie nach Hause begleitet und sich mit ihr zu einem gemeinsamen Treffen verabredet. Zwischen beiden entwickelt sich schnell eine freundschaftliche Beziehung, die langsam in Liebe übergeht. Schließlich heiraten sie und verbringen eine glückliche Zeit. Als Millicent rausfindet, dass ihr Ehemann viele Informationen über sich verschweigt und sie sogar anlügt, beginnt sie, ihn damit zu konfrontieren.

Die Überwindung der Einsamkeit

Kommentar: Nachdem Protagonistin Millicent Aufwind in ihrem Leben zu spüren kriegt, weil sie dank einer Verheiratung mit einem ihr altersmäßig stark unterlegenen Mann der Einsamkeit entflieht, mit der sie sich eigentlich schon arrangiert hat, schlägt das Schicksal bitter zu. Es verwandelt nämlich ihr Glück in Unglück; während Filmemacher Aldrich es sich auch nicht nehmen lässt, das Atmosphärische umzustrukturieren und das sanfte Melodram in ein psychologisches Beziehungsdrama übergehen zu lassen. Joan Crawfords überragendes Spiel, das eine Frau zeigt, die für ihren an neurotischen Zwängen schwer leidenden Mann an die Grenzen der eigenen mentalen Befindlichkeit geht, ist mindestens so berauschend wie die bestens eingefangenen Szenen in den zarten S/W-Bildern. Obwohl Aldrich zu der Entstehungszeit von AUTUMN LEAVES bekanntlich in anderen Gefilden wie dem Kriegsfilm und dem Western war, gebricht es seiner Abarbeitung sensibler Themen nicht der Faszination eines Mitfühlenden. Das Ende mit seiner entschlackenden Wirkung dürfte aufgrund seines im Vergleich zum Rest des Streifens weitaus hypothetischeren Grundtons allerdings nicht viele Fans gewinnen, leidet doch durch die simple Konfliktlösung - eingeleitet durch die Ehefrau, vervollständigt durch die psychiatrische Klinik - der Faktor Glaubwürdigkeit. Trotzdem gesteht man der Hauptfigur die Überwindung der Einsamkeit und das dadurch erworbene Glück natürlich zu.

5/10

Fellinis Casanova

Fellinis Casanova (Il Casanova di Federico Fellini)



Italien, 1976
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Federico Fellini
Darsteller: Donald Sutherland, Sandra Elaine Allen

Wenn es eins gibt, was Giacomo Casanova gut kann, dann Frauen verführen und sie beglücken. Das beweist er an verschiedenen Höfen in Europa, bis er schließlich so alt wird, dass sich keiner mehr für ihn interessiert. In Böhmen, seiner letzten Station, arbeitet er als Bibliothekar bei einem Grafen und muss sich von Bediensteten provozieren lassen und schließlich seine Bedeutungslosigkeit eingestehen.

Der Niedergang eines Stechers

Kommentar: Fröhlich-bunte Tragikomödie, die durch die mit barocker Ausstattung ausstaffierten Palast- und Residenzbauten den europäischen Dekadenzerscheinungen eine fassbare und faszinierende Form der gesellschaftlich-kulturellen Verflachung gibt, welche gleichzeitig die perfekten Bedingungen für den in FELLINIS CASANOVA porträtierten Frauenverzauberer stellt. Dabei gestaltet sich die Abfolge der Ereignisse wie eine Treppe nach unten, bei der es Stufe für Stufe abwärtsgeht, bis man schließlich auf dem Boden der Tatsachen angelangt. So ist der mit einer Laufzeit von über zwei Stunden gesegnete Streifen ein meisterhaftes Stück einer frechen, aber würdevollen Demontage seiner kultigen Hauptfigur, die im Glauben ist, dass ihre besonderen Gaben hinsichtlich der vielfach erprobten Matratzensport-Aktivitäten auf geistige und kulturelle Bildung zurückzuführen seien. Nicht weniger denkwürdig gestaltet sich für den Sichter ebenso der mechanische Vogel, der in Phasen des Geschlechtsverkehrs für kurze Zeit auftaucht und den spaßigen wie schrulligen Hymnus der Geilheit anstimmt. Zum Ende hin verdichtet sich jedoch die trübe Stimmung und erreicht mit einer eindeutigen Demütigung von Casanovas Person während seines Auftritts vor der eingeladenen Gesellschaft seines Arbeitgebers ihren gemeinen Höhepunkt. Seine neorealistischen Wurzeln hinter sich lassend, spricht Federico Fellini in FELLINIS CASANOVA, wie in anderen Werken der selben Schaffensperiode, mehr mit den Worten seiner Fantasie statt der Realität und kreiert auf dieser Grundlage anziehende Bilder, deren Pracht und innewohnender Wahnsinn keine Bezüge mehr zu seinen ersten Arbeiten zu enthalten scheinen.

7/10

Samstag, 20. April 2013

Straße ohne Ende

Straße ohne Ende (Kagirinaki hodo)



Japan, 1934
Genre: Drama (Stummfilm)
Regisseur: Mikio Naruse
Darsteller: Setsuko Shinobu, Akio Isono

Sugiko arbeitet als Kellnerin in einem kleinen Café und führt wie ihre Kolleginnen ein ziemlich bescheidenes Leben. Als sie auf dem Weg zu einer Verabredung unachtsam über die Straße läuft, wird sie von einem Auto gerammt, dessen Fahrer sie gleich danach ins Krankenhaus bringt. Doch der Mann zeigt nicht nur große Schuldgefühle, sondern beginnt schon bald, ehrliche Liebe für sie zu empfinden, die Sugiko auch erwidert. Schließlich heiraten die beiden, womit ihre Beziehung auf die Probe gestellt wird, weil Mutter und Schwester des Mannes der neuen Ehefrau mit Vorurteilen, Missgunst und Antipathie begegnen. Der Grund für diese Haltung ist die Sorge um den guten eigenen Familiennamen und die Tatsache, dass Sugiko nicht aus einem wohlhabenden Hause stammt.

Kraftvoll und analytisch

Kommentar: 1934 drehte Mikio Naruse, zwischen einem Haufen an Arbeiten in den zurückliegenden und nachfolgenden Jahren, nur einen einzigen Film, der auch das Ende seiner persönlichen Stummfilm-Ära einläutete. Da ich noch kein anderes Werk des anerkannten japanischen Regisseurs bewundern durfte, versuche ich es gar nicht erst, "Straße ohne Ende" in einen breiteren Kontext zu setzen. Es bleibt mir stattdessen die Position des leidenschaftlichen Schwärmers, der allein über die hier dargebotenen Errungenschaften sprechen kann. Kurz zusammengefasst wimmelt es in "Straße ohne Ende" nur so vor Attraktionen und Wirkungen, in welchen man irgendwann ganz von allein zu suhlen anfängt. Die Auslösung dieses Verhaltens ergibt sich mumaßlich aus der gescheiten Rücksichtnahme der Macher auf Form und Inhalt, die zwar grandios anzusehen und anzufühlen sind, aber niemals über die Gebühr strapaziert werden. So ist Naruses Film übertrieben lebendig und kraftvoll, doch ebenfalls analytisch und unselbstsüchtig.

Inhaltlich wird die japanische Gesellschaft der 30er Jahre beim Miteinander beobachtet und psychosoziale Faktoren in den Vordergrund gerückt, da sie die tief in der Gesellschaft verwurzelten feudalistischen Vorstellungen über die Familie sichtbar machen. Naruses Geschichte dreht sich, bis auf einige kleinere Nebenplots, ganz um die als Kellnerin arbeitende Sugiko, die plötzlich einen wohlhabenden Mann kennenlernt und diesen sogar heiratet. Natürlich ist die Familie ihres Ehemannes gar nicht darüber erfreut, dass die Frau ehemals zur Arbeiterklasse gehörte. Deshalb begegnen Mutter und Schwester des Mannes der neuen Ehefrau mit Vorurteilen, Missgunst und Antipathie, bis diese beginnt, den Sinn ihrer augenscheinlich unerwünschten Beziehung zu hinterfragen. Während die Bilder in "Straße ohne Ende" zumeist eine tugendhafte Bescheidenheit ausdrücken, weil sie nur so aussehen, als würden sie das Geschehen recht effektlos zeigen wollen, gibt es immer wieder Momente, die aufgeregt und fiebrig ablaufen - und die man als experimentelle Montage sowjetischer Prägung bezeichnen könnte. Das leichte Melodram endet teilweise drastisch und konsequent, obwohl die finalen Einstellungen wiederum sehr viel Versöhnliches enthalten

7/10

Stille Sehnsucht

Stille Sehnsucht (Warchild)



Deutschland/Slowenien, 2006
Genre: Drama
Regisseur: Christian Wagner
Darsteller: Labina Mitevska, Senad Basic

Vor zehn Jahren verlor Senada in den Wirren des Bosnienkrieges ihr Kind. Als sie in den Besitz einer Spur kommt, hängen ihre Gedanken nur noch an ihrer Tochter und der Möglichkeit, sie zu finden. Obwohl ihr Ex-Mann noch versucht, sie zu überreden, tritt sie die Reise nach Europa an, wo sie nach fünf Monaten erfolgloser Suche in Österreich nach Ulm kommt und dort schließlich ihre Tochter findet, die fester Bestandteil einer gutbürgerlichen Familie ist.

Kein Sturm, keine Verwüstung

Kommentar: Ein sich ständig zwischen der Dürftigkeit des bloßen Kitschs und den Spannungsreizen eines Mutter-Dramas bewegender Film, der zuerst den Anschein macht, als würde er in seinem Ablauf ganz genau die Wege einnehmen, die jeder halbwegs erprobte Zuschauer auch von einem auf Emotionen zurechtgebürsteten Frau-sucht-ihr-Kind-Sujet erwartet. Doch STILLE SEHNSUCHT lässt einige Dinge ausfallen, deren wiederholter Einsatz in ähnlichen Filmen sie als wesentlich und besonders wichtig herausstellt. Am augenscheinlichsten pfeift Christian Wagner in seinem Werk auf die Überpräsentation des Kindes, um die sich die gesamte Handlung dreht. Mit Besonnenheit richtet er stattdessen seinen Blick auf die Erwachsenen, denen man schon fast vorwerfen kann, sie veranstalteten eine kleine Schlacht um das Wohl des Kindes und des eigenen Selbstwertgefühls. Leider verpasst es Wagner, mehr Sturm und Verwüstung ins Spiel zu bringen, womit nicht Krach und hektische Drehbuch-Spielchen gemeint sind, sondern hungrige Respektlosigkeiten wie die Verwischung gesetzter Schwarz-Weiß-Muster. So lässt sich resümieren, dass der Regisseur die Odyssee einer jungen Osteuropäerin und ihre Suche nach dem in den Kriegsjahren verloren gegangen Kind zwar ernst nimmt und dieses Terrain mit all seinen Schwierigkeiten in einen politischen Kontext einzubringen versucht, doch STILLE SEHNSUCHT mit seinem stark limitierten Interesse für Ambivalenzen keinen bleibenden Eindruck hinterlassen kann.

4/10

Atalante

Atalante (L’Atalante)



Frankreich, 1934
Genre: Drama
Regisseur: Jean Vigo
Darsteller: Dita Parlo, Jean Dasté

Nach der Hochzeit geht es für Juliette direkt auf den Frachter ihres Mannes Jean, den sie nun fortan auf seinen Fahrten durch die Seine begleiten will. Doch mit der harmonischen Beziehung zwischen dem frisch vermählten Paar sieht es schon bald schlecht aus, da ein geplanter Rundgang durch Paris ausfallen muss, auf den sich Juliette sehr gefreut hat. Erst in einem Vorort von Paris kann das Paar einen Ausflug machen. Juliette und Jean besuchen ein Tanz- und Spiellokal, in dem sie auch auf einen jungen Mann treffen, der den Gästen ein paar Kartentricks vorführt. Nachdem dieser in einen Flirt mit Juliette gerät, und er ihr schönmalerisch die Stadt Paris beschreibt, wird Jean eifersüchtig und fängt mit dem vermeintlichen Nebenbuhler eine Schlägerei an. Juliette ärgert sich darüber so sehr, dass sie sich nachts vom Schiff schleicht und mit dem Zug nach Paris fährt.

Wilde, wilde Poesie

Kommentar: ATALANTE ist so ein typisches Beispiel für die Sorte von Film, die man sich immer und immer und immer und immer wieder anschauen kann. Das ist wohl damit zu erklären, dass die hervorragende filmische Darstellung einer unverblümt simplen Geschichte, die ihre Spannungen und Reibungen ganz allein aus der Inszenierung saugt, wie ein Monolith in der Gegend herumsteht und eine faszinierende Berauschung anbietet, welche man nur schwer abschlagen kann. Möglicherweise ist ATALANTE deshalb in erster Linie für Cineasten und leidenschaftliche Filmfreaks von Belang, während dem Ottonormal-Sichter die kraftvolle Dynamik dieses Werks von Vigo wenig ersichtlich sein könnte. Denn trotz der erzählerischen Simplizität ist dieser nur an Originalschauplätzen gedrehte Film eben keine Wohlfühl-Angelegenheit wie sie ständig in aktuellen Kino-Erscheinungen auftritt, wenngleich ATALANTE in der Tat einen feel-good effect besitzt. Doch Vigos Kunst kennt Nuancen und vor allen Dingen Spaß an nüchterner Präsentation zufällig erscheinender Vorgänge, weshalb auch die Klassifizierung Poetischer Realismus wie die gern zitierte Faust auf das gern zitierte Auge passt. Was das Kamerabild einfängt, ist sowieso wilde Poesie und Lust - Elemente, die im Laufe der Story ineinander überlaufen.

Der Inhalt handelt von einem Paar nach der Hochzeit, von Juliette und ihrem Ehemann Jean, die nach ihrer Verheiratung auf einen Frachter steigen, der die Seine befährt. Das Fahrzeug steht schon länger im Mittelpunkt von Jeans Broterwerb, doch nach der Vermählung kann endlich auch die im Dorf aufgewachsene und reiseunerfahrene Juliette ihn bei seiner Arbeitstätigkeit begleiten. Auf der Fahrt kommt es zu Zank, weil Juliette einmal Paris besuchen möchte, doch nicht kann, da sich keine Möglichkeit bietet. Verärgert über ihren Ehemann schleicht sie sich eines Nachts vom Schiff und fährt mit dem Zug nach Paris, wo sie feststellen muss, dass dort doch nicht alles so schön wie in den Erzählungen ist. Derweil Juliette also alleine die Stadt besichtigt, entwickelt sich ihr Ehemann aus Liebeskummer mehr und mehr zu einem antriebslosen Kapitän, sodass seine zwei Mitarbeiter sich dazu entschließen, ihrem Chef zu helfen, indem sie Juliette wieder zurückbringen.

Der zu seiner Zeit stark gekürzt gezeigte Film fiel beim Kinopublikum durch und wurde erst spät wiederentdeckt, womit er das Schicksal vieler heute angesehener Meisterwerke teilen muss. Den Löwenanteil seiner Zeit spielt ATALANTE auf dem titelgebenden Frachter, auf dem sich neben dem genannten frisch vermählten Paar noch zwei weitere Menschen befinden. Dem Schiffsjungen, der meines Wissens nach keinen Namen hat, muss man zwar keine besondere Aufmerksamkeit schenken, doch seinem Partner muss es einfach anders ergehen, denn dieser Typ ist eine Sensation und alleine das Schauen des Streifens wert. Die Rede ist vom schrulligen Père Jules, der in seiner Kabine Souvenirgegenständen und altem Zeug einen Platz gibt und in einer Sequenz seinen Stolz über die gesammelten Objekte offenbaren darf. Er sorgt überhaupt für die spontansten Stellen im ohnehin schon sehr auf Spontanität getrimmten Filmwerk und bringt den ein oder anderen kultigen Spruch über die Lippen. Doch es ist nicht so sehr dem Typus zu verdanken, dass dieser Charakter so sehr heraussticht. Vielmehr ist es Michel Simons (ein unnachahmlicher Darsteller) Interpretation, bei der er zeigt, welch ein genialer Improvisationskünstler in ihm steckt. Obschon man beim Gucken nicht genau weiß, wie viel schauspielerischen Deutungsfreiraum Michel Simon beim Dreh gehabt hatte, ist seine freche "Ich spiel es jetzt einfach mal so"-Attitüde für jeden erkennbar. Aus seinem Spiel leiten sich deshalb viele Überraschungen und verblüffende Aktionen ab, deren Schönheit einfach so stark ist, dass man sich danach sehnt, selbst an Bord zu sein und alle Aufregung sowie jedes Hochgefühl direkt miterleben zu dürfen.

Wie angedeutet, ist ATALANTE ein feel-good movie der intelligenteren Art. Seine dramaturgische Vorhersehbarkeit kompensiert er mit unerwarteten und spontanen Momenten, die zum Schmunzeln oder Nachdenken einladen. Über Abenteuerlust, Trennung und Wiedervereinigung wird ganz ohne Thrill berichtet, dafür aber mit außerordentlicher Hingabe zur Poetisierung. Das passt alles irgendwie ganz und gar nicht zum Entstehungsprozess, den nur wenig mit dem sinnlichen Gepräge des Films verbindet. Ungünstige Wetterbedingungen erschwerten die Außenaufnahmen nämlich erheblich, wodurch der Dreh natürlich langsamer als geplant voranging. Zusätzlich machten kalte Temperaturen besonders Regisseur Jean Vigo zu schaffen, der zu allem Unglück noch krank wurde. Um ATALANTE fertigzudrehen, pfiff er jedoch auf seine Bettlägerigkeit und arbeitete fast die gesamten noch übrig gebliebenen Schritte bis zur Fertigstellung des Films ab. Kurz nach der Premiere starb er an einer Blutvergiftung. Vigos künstlerischer Nachlass erlebt in Fachkreisen eine große Beachtung, obwohl dieser sich auf insgesamt nur zwei Spielfilme und zwei Dokumentarfilme beläuft. Man muss nicht viel machen, um viel zu machen. Diese Weisheit bewahrheitet sich auch im Fall Jean Vigo.

7/10

Frankensteins Braut

Frankensteins Braut (Bride of Frankenstein)



USA, 1935
Genre: Horror, Drama
Regisseur: James Whale
Darsteller: Boris Karloff, Colin Clive

Das aus Leichenteilen kreierte Geschöpf aus dem ersten FRANKENSTEIN-Film von James Whale scheint zwar in einer brennenden Mühle umgekommen zu sein, doch nachdem die Menschenmenge den Platz des Geschehens verlässt, kommt die immer noch lebende Kreatur aus ihrem Versteck heraus. Da sie wieder einmal beginnt, Menschen zu verletzten und zu töten, spricht sich ihre Auferstehung schnell im Dorf herum und erreicht auch Schöpfer Dr. Frankenstein, der kurz nach den Vorfällen Besuch von einem gewissen Dr. Prätorius bekommt. Auch ihn befall der Gedanke, Kreaturen zu erschaffen und so legt er Frankenstein seine verrückte Idee vor, die die Erschaffung einer Braut für das Monster vorsieht.

Alone: bad. Friend: good!

Kommentar: "Frankensteins Braut" beginnt dort, wo der Vorgänger von 1931 endete, nämlich zum Zeitpunkt des vermeintlichen Todes von Frankensteins Monster. Dass das Monster in der in Brand gesetzten und eingestürzten Mühle jedoch überlebt hat, sehen wir, als uns die angespannte Kreatur in einem Versteck gezeigt wird und sich erst heraustraut, als die aufgeregte Menschenmenge den Platz vorangegangener Action verlässt. Zwar tauchen bereits hier unlogische Zusammenwirkungen auf, die exemplarisch für die restlichen Drehbuch-Ungenauigkeiten stehen, doch begründen die ersten Szenen gleichzeitig genauso eine gesunde Art der Comichaftigkeit, die der Szenerie etwas absichtlich Unrealistisches und beinahe Groteskes verleiht.

War der erste Teil gerade in seiner Figuration des mad scientists sehr verbesserungswürdig geraten, leidet der Nachfolger nicht mehr an dem Manko des geläuterten Wissenschaftlers, der sich in Zeiten höchster Bedrohung ganz unter Kontrolle hat. Stattdessen arbeitet James Whale dieses Mal mit dem Typus des konsequenten und selbstsüchtigen Wannabe-Herrschers, der eine ganz eigene Form von Gefahr bringender Zerstörung demonstriert. In einer wunderbaren Sequenz beispielsweise, die zur damaligen Zeit nur mittels dufter Tricktechnik umgesetzt werden konnte, darf der angesprochene Typ des verrückten Gelehrten winzige menschlich wirkende Geschöpfe in mehreren Glasbehältern präsentieren und von sich wie von einem Gottwesen sprechen. Praktischerweise taucht diese Stelle recht früh im Film auf, sodass ein gigantisches Gefühl des Unwohlseins schon im ersten Akt etabliert wird. Dem schauderhaften Gebaren des Wissenschaftlers entgegengesetzt steht die unumständliche Vermenschlichung des Monsters, die sehr wohl schon der Vorgänger meisterte, gewiss aber nicht mit einer solchen Wärme und Präzision wie es "Frankensteins Braut" tut, der die einsame wie einzelgängerische Kreatur zum Protagonisten macht und ihm gar eine kurz anhaltende freundschaftliche Beziehung mit einem Blinden zugesteht. Obwohl Filmemacher James Whale eigentlich kein Sequel zu seinem Kassenschlager von 1931 drehen wollte, gab er den Wünschen der Universal Studios später doch noch nach, als sie ihm versprachen, dass er die volle künstlerische Herrschaft über das Projekt haben dürfe. Schaut man sich Karloffs kongeniale Performance des sich nach Liebe und Zuneigung sehnenden, nicht gewollten Geschöpfes oder die an Expressionismus erinnernden Bilder der Kamera an, war Whales Entscheidung, den Stoff fortzusetzen, goldrichtig. Trotz schauriger Episoden, die meistens auf die Kappe des beschriebenen mad scientist gehen, erfüllt das Werk im Übrigen eher die Bedingungen einer gesellschaftskritischen Satire als eines Horrorfilms.

6/10

Frankenstein

Frankenstein



USA, 1931
Genre: Horror, Drama
Regisseur: James Whale
Darsteller: Colin Clive, Mae Clarke

Der junge Wissenschaftler Dr. Henry Frankenstein experimentiert an einem entlegenen Ort mit Leichenteilen und ist von der Idee überzeugt, aus menschlichen Überresten eine Kreatur bauen zu können. Als ihm das tatsächlich gelingt, erfährt er durch seinen ehemaligen Professor, dass er das Gehirn eines Mörders eingesetzt hat. Nachdem Frankensteins Gehilfe Fritz tot aufgefunden wird und man feststellt, dass die erschaffene Kreatur weggelaufen ist, ist es für eine rechtzeitige Verhinderung größerer Schäden erst einmal jedoch zu spät. Der junge Wissenschaftler bereut sein Experiment und ist deshalb entschlossen, das Monster zu schnappen, um weitere Tragödien abzuwenden.

Urbild zahlreicher moderner Gruselstreifen

Kommentar: Etliche Male persifliert und adaptiert, ist die Geschichte über das zum Leben erschaffene Monster eine feste Marke der Popkultur. Obwohl die Verfilmung von James Whale keinen mehr zum Gruseln bringen dürfte, enthält sie zahlreiche Elemente und Motive, die später für das Horrorfilmgenre stilprägend sein sollten. Der starke Einfluss von FRANKENSTEIN wurzelt jedoch nicht im Umstand, dass er etwas vollständig Unbesprochenes und Unangefasstes behandelte. Denn wenngleich der fantastische Film im Jahr 1931 immer noch in den Kinderschuhen steckte, versammelte FRANKENSTEIN auch seinerzeit keine unbekannten Themen und Gestaltungsstrategien. Viel eher beschränkte Whale sich auf erprobte Rezepturen, welche er miteinander verwob und zu einem Konzentrat bilden ließ. Glück für ihn und Moster-Darsteller Boris Karloff, denn ihr erste gemeinsame Zusammenarbeit avancierte zum Archetyp des Horrorfilms, zum Urbild zahlreicher moderner Gruselstreifen. Die verbreitete Feststellung, Frankensteins Kreatur errege Mitleid und ziehe die Sympathien auf sich, gibt zwar vielen Cineasten die Gelegenheit, den Film aufgrund seiner empathischen Zuneigung zum vermeintlich Bösartigen zu mögen, da er das traditionelle Gut-Böse-Schema zum Wackeln bringt. Allerdings kann das Argument für mich noch lange nicht der ansonsten banal gehaltenen Charakterzeichnung entgegenwirken, worunter vor allen Dingen die Figur des mad scientists fällt, deren Verarbeitung in späteren Werken des Genres ein vollkommen anderes Level erreichte. An den Kinokassen wurde FRANKENSTEIN jedenfalls ein Hit, weshalb die zuständige Studiofirma Universal James Whale weitere Horrorfilme drehen ließ, unter anderem "Der Unsichtbare" und "Frankensteins Braut".

4/10

Gorod Zero

Gorod Zero



Sowjetunion, 1989
Genre: Komödie
Regisseur: Karen Shakhnazarov
Darsteller: Leonid Filatov, Oleg Basilashvili

Der Moskauer Techniker Aleksei Varakin wurde von seiner Firma in eine Kleinstadt geschickt, um dort dem Hersteller für Klimaanlagen einen Besuch abzustatten. Allerdings läuft sein Besuch nicht zufriedenstellend ab, da er erfährt, dass der Chef des Herstellerunternehmens schon seit mehreren Monaten tot ist und niemand ohne ihn etwas beschließen könne. Als er sich schließlich zur Überbrückung der Zeit bis zu seiner Abreise in ein Restaurant geht, bedient ihn ein aufdringlicher Kellner, der trotz des Widerwillens Varakins einen Kuchen aufs Haus serviert und unverschämt droht, dass der zuständige Koch sich umbringen würde, wenn Varakin den Kuchen nicht esse. Dieser wünscht sich schon bald, dass er diesen Ort nie betreten hätte.

Gefangen im Nirgendwo

Kommentar: Vielleicht als ein böser Traum eines in der späten Sowjetunion lebenden Menschen intendiert, pflegt der dystopische GOROD ZERO seine kafkaesken Züge in jedem Fall im Rahmen eines einfachen Plots, der von einer geheimnisvollen und für uns wie für den Hauptcharakter beängstigenden kleinen Stadt handelt. Bei allen Sympathien für den Protagonisten Varakin, der von einem Schnauzbart tragenden Leonid Filatov gespielt wird, ist sie mit all ihren unergründlichen Mysterien deshalb auch der eigentliche Mittelpunkt, der wahre Hauptdarsteller. Sobald wir das in Blautönen gehaltene Anfangsbild vom Bahnhof und einem haltenden Zug, aus welchem ein einziger Reisender aussteigt, in uns aufnehmen, spüren wir schon die gallige Atmosphäre der Umgebung, die zwielichtige Natur dieses Städtchens. Das Geräuschergebnis des abfahrenden Zuges und ein mehrminütiger Kamera-Stilstand, durch welchen wir noch einen über die Gleise laufende Person sehen dürfen, die in die gleiche Richtung wie der zuvor als einziger aus dem Zug ausgestiegene Mensch läuft, komplettieren schließlich die schreckliche Verheißung, die sich anders, aber vor allem schneller als man denkt, erfüllt. Es ist an dieser Stelle faszinierend zu sehen, wie in der Realität nichtssagende Augenblicke filmisch umgedeutet werden können. Darüber hinaus passiert in den ersten Minuten das, was Filmemacher Shakhnazarov sehr oft und dazu sogar gekonnt Film aufbietet, nämlich Komprimierung, die wie ein krasser Gegensatz zu der Erzähl- und Fabulierlust mancher Stadteinwohner steht.

GOROD ZERO kann man einerseits sehr schön erklären andererseits will sich der in der Perestroika produzierte Streifen dem involvierten Zuschauer nicht preisgeben. Dieser Widerspruch ist wohl so zu deuten, dass man einzig und allein das Gefangensein des Protagonisten Varakin begreifen kann, die Vorgänge in der Stadt jedoch kaum. Es ist nicht einmal wirklich ersichtlich, ob der Film eine Dystopie darstellen soll. Fakt ist nur, dass er einen stark dystopischen Geist besitzt, weil er in einem unerwünschten Nirgendwo spielt, in welchem sich die Suche nach logischen Zusammenhängen genauso schwierig gestaltet wie eine Flucht. GOROD ZERO, der übersetzt "Stadt Null" heißen müsste, ist eine von Kafkas Erzählungen und gesellschaftspessimistischen Sci-Fi-Filmen inspirierte Albtraumcollage, in welcher ein aus Moskau angereister Techniker versucht, sich in einer namenlosen kleinen Stadt zurechtzufinden, was sich jedoch für ihn mit dem Fortschreiten der Zeit als ein immer schwieriger zu bewältigendes Unterfangen herausstellt. Mehr und mehr verkommt der Ort aus seiner Perspektive zu einem Labyrinth ohne Ausweg, weil ein geplanter Kurzaufenthalt zwecks eines geschäftlichen Termins sich in einen Irrgarten von undurchsichtigen und kurios ablaufenden Situationen verwandelt.

Wieso diese bittere Komödie in gutem Sinne so absurd ist sowie einer extrem fiesen Schlaffantasie gleicht und warum sich Protagonist Varakin keine Fluchtmöglichkeit bietet, will ich natürlich nicht geheim halten, zumal diese Faktoren die wichtigsten Elemente der Spannung und Dramatik beinhalten. Nachdem Varakin also in der Stadt ankommt und im Auftrag seiner Firma das Büro eines Klimaanlagenherstellers besucht, muss er im Vorzimmer eine ungewöhnliche Entdeckung machen. Dort sitzt nämlich eine splitternackte Sekretärin, die fleißig auf ihrer Schreibmaschine herumtippt, als wäre es das Normalste auf der Welt. Diese für ihn so schockierenden Beobachtung teilt er dann auch im Gespräch mit einem Mitarbeiter der Herstellerfirma mit, der sich überrascht zeigt und erst selbst versichern muss, um das zu glauben. Überhaupt scheint dieser Mensch gar nichts über die Abläufe in der Firma zu wissen. Dass der zuständige Chef für die Technik vor acht Monaten ertrunken ist, erfährt er erst in einem Gespräch mit seiner Sekretärin. Da er allein nichts entscheiden kann oder will, bietet er Varakin an, in zwei Wochen wiederzukommen. In Ermangelung an alternativen Lösungen muss sich der verwirrte Besucher damit zufriedengeben, nicht ahnend, dass die Strangeness der Menschen noch weitaus derber ausfallen kann.

Als er sich schließlich zur Überbrückung der Zeit bis zu seiner Abreise in ein Restaurant geht, bedient ihn ein aufdringlicher Kellner, der  trotz des Widerwillens Varakins einen Kuchen aufs Haus serviert und unverschämt droht, dass der zuständige Koch sich umbringen würde, wenn Varakin den Kuchen nicht esse. Das Besondere an der Backware ist, dass sie eine Nachahmung des Kopfes und Gesichts Varakins darstellt, der sich von dieser Idee natürlich gar nicht begeistert zeigt und die Drohungen für einen schlechten Scherz hält. Aus diesem Grund weigert er sich schließlich den Kuchen zu probieren, was dazu führt, dass sich der Koch tatsächlich erschießt. Ein Beamter erzählt Varakin später, er dürfe die Stadt bis auf Weiteres nicht verlassen, weil er im Selbstmordfall ein Augenzeuge gewesen sei.

 Man könnte die Handlung weiter ausführen, um noch zahlreiche andere Schrulligkeiten und verrückte Szenen hervorzuheben, aber das würde zu weit führen. Es reicht die Bemerkung, dass die Verstrickungen, in die unser Antiheld Aleksei Varakin gerät, und die Konfrontationen mit den Einwohnern später noch absurder werden, deshalb die zwei hier dargestellten Sequenzen noch weit von der Klimax der Geschichte entfernt sind, falls es eine solche bestimmte überhaupt gibt. GOROD ZERO behandelt im weiteren Verlauf noch das beliebte Thema Identitätsverlust und kriegt es hin, eine der seltsamsten Durchwanderungen einer Galerie zu präsentieren. Fast zwölf Minuten müssen wir und Varakin uns von einem Museumsführer die essenziellsten Punkte der Historie des nicht namentlich gekennzeichneten Städtchens anschauen und anhören. Mit unglaublicher Freude erzählt dieser von bekannten Persönlichkeiten und relevanten Vorkommnissen, derweil durch exquisite Kameraarbeit und Beleuchtungsstrategie allerlei Gegenstände und Wachsfiguren
den Bildraum füllen. Obwohl hier ebenfalls Komik und Schrecken Händchen halten, gleicht die Ausstellung mehr einem Gruselkabinett, welches man am liebsten nie hätte betreten sollen. Vermutlich spielt diese wirklich lange Beinah-Monolognummer des stolzen Museumsführers auf die Behandlung der Geschichte an, die doch ständig aufpoliert, verschönert, verschleiert, verkürzt und überhöht wird, in der unliebsame Teilstücke einfach mal ausgelassen oder umgedichtet werden. Es lässt sich hier zwar ein universeller Kern finden, doch ist es wohl Shakhnazarovs Anspielung auf den Umgang der sowjetischen Medien, Politiker und Bevölkerung mit der eigenen Vergangenheit. GOROD ZERO hält noch weitere Bezugspunkte zur sozialen Lage in der UdSSR bereit, die speziell auf die Zeit der Umstrukturierung zielen. Manch russischer Kritiker bezeichnet den Film gar als Allegorie auf die Perestroika, wobei ich es mir allerdings nicht anmaße, in diesen Tenor einzustimmen.

Diese Komödie ist eine kleine Kostbarkeit, prallvoll mit abstrusen Verstrickungen und genialen Einfällen. Reich an sonderbarem Unsinn und Subtext, außerdem fordernd wie Angst machend. Des Weiteren ist sie keinesfalls mit Godards ALPHAVILLE zu vergleichen, der zwar mit einer nicht unähnlichen Prämisse arbeitet, jedoch einen anderen Weg einschlägt. Letzten Endes aber, als unvermeidliches Abschlussfazit muss das gesagt werden, ist der Film reich an Zu- und Eingängen, denn wie viel hier von einer surrealen Komödie, einem existenziellen Drama, einem subtilen Kriminalthriller, einer Dystopie, einem Traum, oder einer Allegorie steckt, liegt bei jedem Sichter selbst, weil GOROD ZERO ausgeklügelt erscheint und seinem Publikum sowie deren Urteilskraft vertraut.


9/10

Donnerstag, 4. April 2013

Die Festmusik von Gion

Die Festmusik von Gion (Gion Bayashi)



Japan, 1953
Genre: Drama
Regisseur: Kenji Mizoguchi
Darsteller: Ayako Wakao, Michiyo Kogure

Die verwaiste Eiko fühlt sich im Haus ihres Onkels unwohl und beschließt deshalb, die Geisha Miyoharu, eine langjährige Arbeitskollegin ihrer verstorbenen Mutter, zu besuchen, um Unterstützung bei der Ausbildung zur Geisha zu bekommen. Miyoharu, die sich anfangs gegen den Berufswunsch ausspricht, willigt ein und macht dadurch viele Schulden. Nach einem Jahr intensiver Schulung ist Eiko schließlich reif für ihr Debüt als Geisha.

Die Dekonstruktion des Geisha-Kults

Kommentar: Stört der Quasi-Dokumentarismus der ersten halben Stunde noch den Geist der Fiktion, arbeitet sich das japanische Drama nach und nach in die Sphären emotionaler Spannung vor, bis auch der Letzte die Abgründe des Geisha-Kults sieht, die sich hinter dem Vorhang verstecken können. Mizoguchi wagt die Dekonstruktion einer traditionellen Unterhaltungskunst und legt hierdurch den Finger auf die Wunde, indem er seine Hauptcharaktere in missliche Lagen stürzt, die zur Offenbarung von Abhängigkeitsverhältnissen führen. DIE FESTMUSIK VON GION ist Mizoguchi-typisch zur Gänze sachlich inszeniert und durchwegs mit sehr guten Schauspielern besetzt, die sich scheinbar sehr wohl in ihren Rollen fühlten, was natürlich auf das weibliche Darstellerduo Ayako Wakao und Michiyo Kogure in besonderem Maße zutreffen sollte. Wenngleich Mizoguchi sich ein weiteres Mal routiniert japanischen Frauenschicksalen hingibt und sein Film erneut ein grandioses Schnitt-Timing aufweist, werfen die Hauptdarsteller das System hinter dem Film mehrmals in die Unsichtbarkeit. Selbstverständlich ist dies auch der bedrückt-ironiefreien Stimmung zu verdanken, von der unsere Realismusvermessung beeinflusst wird, doch kann sie nicht allein dafür verantwortlich gemacht werden, dass man hie und da nicht mehr das Gefühl hat, sich einen Film anzusehen. Es ist folgerichtig die Genialität von Ayako Wakao und Michiyo Kogure, denen es gelingt, die seelischen Versehrtheiten zweier Frauen kongenial für die Leinwand festzuhalten.

7/10

Es geschah in einer Nacht

Es geschah in einer Nacht (It Happened One Night)



USA, 1934
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Frank Capra
Darsteller: Clark Gable, Claudette Colbert

Ellie Andrews stammt aus reichem Hause und befindet sich auf der Flucht vor ihrem Vater, der ihre Ehe mit Whistley auflösen will. Auf dem Weg nach New York lernt sie Zeitungsschreiber Peter kennen, der sie später auf dem Titelblatt einer Zeitung erkennt, in der von ihrer Flucht die Rede ist. Abgebrüht wie er ist, versucht er ihre Bekanntschaft für seinen Job zu nutzen, indem er Ellie bei der Reise unterstützt, wofür sie ihm gestattet, einen laufenden Bericht über ihre Flucht zu geben. Nach und nach entwickeln sich aus dem geschäftlichen Abkommen jedoch echte Gefühle.

Intelligenter Humor und Geschlechterkampf-Präsentation

Kommentar: Wer sich bei den aktuellen Komödien unterfordert oder veräppelt vorkommt, der könnte mit der richtigen Wahl eines Films älteren Jahrgangs Abhilfe finden. Viele Produktionen der dreißiger und vierziger Jahre glänzen nämlich gerade in Bezug auf die Handlung, während heutige massenkompatible Werke darauf geeicht sind, den Plot doch eher zweckmäßig einzusetzen. Allerdings will ich hiermit schon das giftige Bashing gegen Stumpfsinn sein lassen, um geradewegs zum Kern meines Filmkommentars zu "Es geschah in einer Nacht" zu kommen. In Capras Film wartet auf den Sichter neben der geballten Ladung intelligenten Humors, der sich für eine Menge irrwitziger Passagen und ironisch gemeinter Szenen verantwortlich zeichnet, auch ein genial gezeichnetes Mann-Frau-Paar in einer spritzigen und an Hindernissen reichen Roadmovie-Story. Konkret geht es um die aus dem guten Hause stammende Ellie, die vor ihrem Vater flüchtet. Auf dem Weg nach New York, wo ihr Ehemann lebt, lernt sie im Bus den Journalisten Peter kennen, der in den Zeitungen von ihrer Flucht erfährt. Weil Ellie bei einer Busfahrpause das Geld gestohlen wird, bietet er ihr seine Hilfe an. Doch nur unter der Bedingung, dass er einen Bericht über ihre Flucht schreiben darf. Mit der Besetzung dieser beiden Hauptrollen durch die bezaubernde Claudette Colbert bzw. den ausgebufft wirkenden Clark Gable hatte man dann auch die prototypische Harmonie zwischen den Charakteren erreicht, die insbesondere für Screwball-Komödien zum Kennzeichen wurde. Überhaupt gilt "Es geschah in einer Nacht" zu den ersten Exemplaren dieser bissigen Geschlechterkampf-Präsentation, mit derer Tendenz zum flotten Dialogwitz sowohl die immer noch neue Tonfilm-Technik zelebriert und bestens beansprucht wurde als auch das Komödiantische oftmals ins Absurde überglitt.

7/10