Sonntag, 30. Juni 2013

Macabre

Macabre (Rumah Dara)



Indonesien/Singapur, 2009
Genre: Horror
Regisseur: Kimo Stamboel, Timo Tjahjanto
Darsteller: Ario Bayu, Shareefa Daanish

Eine kleine Gruppe von Freunden nimmt auf ihrer Autofahrt eine Frau mit, die erzählt, dass sie überfallen wurde. Sie fahren die Frau nach Hause und werden von der Familie zum Abendessen eingeladen, welches sie aus Höflichkeit nicht abschlagen. Allerdings ist das Essen nur dazu da, die Freunde verteidigungslos zu machen. Bei der Familie handelt es sich nämlich um einen Klan von Kannibalen.

Pseudoterror

Kommentar: Ein auf die Gewaltgier des Publikums zielender Film, der es schafft, über seine ganze Länge nichts zu erzählen, was nicht schon etliche Male da war. Ideenarmut ist Hauptbestandteil dieses horriblen Projekts, das ohne Schamesröte alle erprobten Standards der aktuellen Terror- und Folterfilmerscheinungen durchkaut. Blutspritzer gibt es natürlich en masse, es regiert ein sehr feindlicher Ton und die Bösewichte haben den ein oder anderen makabren Sinn für ihre verstörenden Taten. Dass die Kamera das Wegschauen in den ganz harten Momenten meistert, kann noch nicht einmal als erfreulich angesehen werden. Weil die extremen Szenen kaum imstande sind, irgendwelche unangenehmen Gefühle auszulösen, schießt eine mögliche Kopfkino-Argumentation voll ins Leere. Und so lässt sich zusammenfassen, dass MACABRE in zweifacher Hinsicht keine Courage besitzt. Zum einen ist es der Verzicht origineller Elemente in der Narration, zum anderen die Mutlosigkeit der Kamera draufzuhalten. MACABRE ist folgerichtig Pseudoterror.

Me Too

Me Too (Ya tozhe khochu)



Russland, 2012
Genre: Drama
Regisseur: Aleksei Balabanov
Darsteller: Oleg Garkusha, Yuri Matveyev

Vier Menschen entscheiden sich dazu, zu einem geheimen Ort zu fahren, wo sie den sogenannten Glockenturm der Glücksseligkeit finden können. Auf der Fahrt nehmen sie noch eine Prostituierte in ihren Jeep auf, die, nachdem sie von den anderen über die Hoffnung auf unendliches Glück hört, klar macht, dass sie den gleichen Zielort hat. So passieren sie später einen abgesperrten Bereich, derweil jeder Autoinsasse hofft, dass er vom Turm aufgenommen wird und zu den Auserwählten zählt, weil dieser angeblich nicht jeden aufnimmt.

Das mysteriöse Glücksversprechen

Kommentar: In Balabanovs letztem Film ernten nicht die individuellen Figuren - welche gar nicht so individuell sind - die Sympathien des Zuschauers, sondern deren Idee und Zuversicht für ein Glücksversprechen, das irgendwo in einem von atomarer Verseuchung heimgesuchten Ort auf sie wartet. Sie fassen nämlich den Plan, zu einem mysteriösen Glockenturm zu fahren, der Menschen mit vollkommener Glücklichkeit bereichern soll. Ob das so überhaupt stimmt, kann aber niemand genau sagen. Denn die Menschen, die sich zu diesem geheimen Ort begeben, sterben entweder oder werden vom Turm einfach verschluckt und kommen nicht mehr zurück. Unsere wagemutigen Glücksritter sprechen natürlich nie davon,
wie Glück zu definieren ist, wahrscheinlich deshalb, weil schnell klar wäre, dass eine Aufnahme im Glockenturm nicht einfach alle Probleme lösen würde. Stattdessen wiederholen sie mechanisch das Wort Schastye, der russische Begriff für Glück, wie Kinder, die ständig von einer Sache sprechen, die sie sich schon seit langem wünschen und deren Aneignung sie kaum noch erwarten können. Balabanov erzählt sehr ruhig, bricht die lineare Narration niemals auf und verspricht nie etwas, was er nicht einlösen kann. Ironie gibt es zwischen den Zeilen genug, meist genau in jenen Momenten, in denen andere Filmemacher die Situationen auf eine emotionale Bahn verlagern würden, statt sie auf eine scherzhaft-komische Ebene zu überführen. ME TOO stellt insgesamt einen mehr als gelungenen Karriereabschluss dar, der zu viele Fragen aufwirft, als dass er nach einer einzigen Sichtung im vollkommen klaren Lichte stehen kann.

Freitag, 28. Juni 2013

The Spider Labyrinth

The Spider Labyrinth (Il nido del ragno)



Italien, 1988
Genre: Thriller, Horror
Regisseur: Gianfranco Giagni
Darsteller: Roland Wybenga, Paola Rinaldi

Professor Alan Whitmore, der an einem Projekt mitarbeitet, bei dem alte Schrifttafeln aus vorchristlicher Zeit untersucht werden, bekommt den Auftrag, nach Budapest zu reisen. Dort soll er einen Arbeitskollegen aufsuchen, der an den Übersetzungen der Tafeln arbeitet, die auf eine sehr alte Religion hinweisen. Beim Gespräch in Budapest übergibt ihm der geplagt ausschauende Kollege einige Unterlagen. Als Alan am nächsten Tag zu einem erneuten Treffen erscheint, findet er den Übersetzer an einem Strick aufgehängt vor.

B-Movie-Stolz, der einen aus den Pantoffeln schleudert

Kommentar: Wenn ein Film trotz seiner Erfüllung von normierten Publikumsanforderungen es doch nicht auf das Radar des durchschnittlichen Vollblut-Cineasten schafft, dann kann das beim unterrichteten und eingeweihten Filmzuschauer manchmal Frustrationen auslösen. Wer sich mal den wenig beachteten SPIDER LABYRINTH zu Gemüte führt, und dabei wenigstens eine kleine Portion Liebe für italienische Genrekunst besitzt, wird mit Fug und Recht behaupten können, dass die Unbekanntheit des Streifens ein ziemliches Unding ist. Bei aller Richtigkeit dieser Einschätzung lässt sich jedoch genauso feststellen, dass der Film auffällig auf den künstlerischen Früchten anderer aufbaut und dem Releasezeitpunkt nach dafür leider etwas zu spät kommt, zumal sich das Kino im Stil von Bava und Argento Ende der Achtziger schon deutlich im Abwärtstrend befand. So ist es zumindest nicht unverständlich, warum es veröffentlichungstechnisch noch viel zu tun gibt und der Film von allen Seiten insgesamt ziemlich stiefmütterlich behandelt wird. Schmerzvoll ist es trotzdem natürlich besonders dann, wenn man feststellen muss, dass selbst Fans SPIDER LABYRINTH übergehen, einfach nicht auf dem Schirm haben oder keine Möglichkeit finden, ihn sich anzusehen.

IL NIDO DEL RANGO fängt mit einem Traum oder einer Erinnerung an, die von einem Jungen handelt, der bei einem Versteckspiel zum Spaß eines anderen Buben in einem Schrank eingeschlossen wird und dort auf eine fette Spinne stößt, die über seinem Kopf an einem Netz hängt, was dem Dreikäsehoch natürlich einen großen Schrecken einjagt. Danach sehen wir einen Mann und seine Fahrt im roten Cabriolet. Er ist Professor und trifft sich in einem spartanischen, für Meetings eingerichteten Zimmer mit drei Männern, die ihn zwecks eines geheimen Projekts nach Budapest schicken. Sie klären ihn darüber auf, dass ein Übersetzer alter Schrifttafeln, die aus vorchristlicher Zeit stammen und auf eine uralte Religion hinweisen, seit längerer Zeit den Kontakt mit seinen Arbeitgebern abgebrochen hat und nichts mehr von sich hören lässt. In Budapest bekommt er eine attraktive Kollegin an seine Seite, die ihn nach der Ankunft vor das Haus des verschwundenen Übersetzers fährt. Dort bekommt er einige Unterlagen mit wichtigen Informationen und macht mit dem paranoid auftretenden Übersetzer aus, dass er am nächsten Tag wiederkommt. Bevor er ihn noch einmal besucht und aufgehängt auffindet, warnt ihn ein hysterischer Mann davor, sich weiter in der Stadt aufzuhalten, da er in großer Gefahr sei. Selbstverständlich schenkt er den Worten des seltsamen Alten keine relevante Aufmerksamkeit und hält ihn für einen Spinner, der ihn bloß in Ruhe lassen soll.

Der Thriller von Giagni schließt an die Filme der Sechziger und Siebziger an und feiert unstillbar die Schauerwerte des Okkulten. Er windet sich zwar mit seinem Protagonisten durch alle Abteilungen eines Aufdeckungsstreifens und reproduziert dessen altbekannte Muster wieder, macht dies alles jedoch mit einer großen Zuneigung für die Bildgestaltung und einem B-Movie-Stolz, der einen vom Sofa hüpfen lässt. Auf herzerfrischende Art mobilisiert Giagni die Tugenden seiner Vorbilder und führt sie sanft in sein Reich des Schauderhaften über, allerdings ohne sie zu generalisieren und damit zu vertuschen. Er zitiert die großen und die kleinen Filme seines Landes, kopiert das schon Vorhandene und baut aus den verschiedenen Teilstücken ein vollständiges Puzzlebild zusammen, das ein bisschen wie eine Zusammenfassung der italienischen Genregarde ausschaut. Gleichwohl steckt hier nicht nur Erfahrung mit dem unheimlichen, brutalen und ästhetisch hochwertigen Kino drin. Denn genauso wie er in seiner Nacheiferei und Honorierung lebendig erscheint, ist er im Stadium der Konfliktzuspitzung unbrembsbar konsequent und in der Phase des Ausklangs betont roh wie auch pessimistisch, sodass trotz vieler Parallelen mit anderen Werken niemals das negative Gefühl entsteht, dass man es hier mit einem unoriginellen Fließbandprodukt zu tun hat. Gerade weil der Held des Films durch den Verlust seiner Persönlichkeit und Individualität zerstört wird, nur der Körper als erinnerndes Merkmal übrig bleibt, während ein typischer Vertreter damit endet, dass alles wieder ins Lot kommt, lenkt ein größerer und markanterer Nachdruck unsere Aufmerksamkeit darauf, dass Giagni die über viele Minuten mühsam aufgebaute und im letzten Akt zum Riesen gewordene Creepiness nicht vollkommen am Hintern vorbeigeht und deshalb auseinandergebrochen werden sollte. Er hätte es sich schließlich einfach machen und alles zum Guten führen können.

Der marktschreierische deutsche Nebentitel "In den Fängen der Todestarantel" ist aufgrund des verarbeiteten Inhalts leider ziemlich blöder Käse und suggeriert einen Tierhorrorfilm, was SPIDER LABYRINTH aber nicht ist und nicht sein will. Der Film führt in eine dunkle und geheimnisumwitterte Ecke in Europa, wo ein Professor auf die Spur eines religiös-okkulten Verschwörungssystems kommt. Während der Streifen am Anfang noch Erinnerungen an THE HOUSE WITH LAUGHING WINDOWS von Pupi Avati weckt, deckt sich das Geschehen später beispielsweise ganz gut mit den Vorgängen in SUSPIRIA. Taranteln tauchen hier zwar schon auf, aber als Zeichen und Emblem der bösen Vereinigung. Die dargestellten Spinnentiere wurden übrigens mit einem Stop-Motion-Verfahren ins Bild gebracht und strahlen sehr viel Charme aus, obgleich sie auf der Schönheitsskala irgendwo unten rangieren dürften. Das Budget war aber mit Sicherheit ziemlich niedrig, weshalb die actionhaften Sequenzen und Tötungsszenen wenig überzeugend daherkommen und mit den Eleganz beschwörenden Morden bekannter Giallo-Vertreter wenig Gemeinsamkeiten aufweisen. Jedoch werden die Tötungen auch in IL NIDO DEL RANGO nach einem mehr als genug erprobten Schema legitimiert: Alle Person, die Wissen über ein Geheimnis besitzen und dieses weitergeben wollen, werden abgemurkst. Der ruhige Hauptcharakter hat es deshalb schwer, gegen die religiöse Sektenclique anzukommen, die ihren Ring vor Schnüfflern und Geheimnisaufdeckern schützen will. Man muss dem Drehbuch allerdings verzeihen, dass der Protagonist ein ziemlich komischer Naivling ist und für seine Recherche nach einer Verschwörungsgemeinde ziemlich einfältig agiert, ja geradezu blass wirkt gegen die sinistren Kräfte seiner Gegnerschaft.

Hinsichtlich der Gestaltung fallen an vielen Stellen aufregende Farbkombinationen auf, die SPIDER LABYRINTH mit seinen Vorbildern einen, wobei er in düsteren Räumlichkeiten nicht weniger gut ausschaut. Dezente Lichtsetzungen und knapp beleuchtete Ecken sind natürlich ebenfalls üppig vorhanden und verleihen dem gespenstischen Klima eine leicht artifizielle Anziehung. Das Motiv des Labyrinths wird mehrmals in der Erzählung verarbeitet, so natürlich als undurchdringliches Netz, aus dem man nicht mehr herauskommt. Aber auch bei der Jagdsequenz im Hotel, wo eine Angestellte sich durch aufgehängte Bettlaken durchkämpfen muss, damit sie nicht abgeschlachtet wird, oder die fabelhafte Stelle, als der Protagonist einen Ort mit einem Auto erreichen möchte, sich dabei jedoch immer wieder verfährt und am Ende der Strecke stets am selben Punkt ankommt. Angesichts der durchdachten narrativen und gestalterischen Schöpfungen ist es schon bitter zu wissen, dass Gianfranco Giagni nur ein Werk in dieser Richtung abgedreht hat, denn ansonsten hat er bisher nur Dokumentarfilme, Serien und im Jahr 2000 noch ein Drama mit Ben Gazzara (DIE ERMORDUNG EINES CHINESISCHEN BUCHMACHERS, ANATOMIE EINES MORDES) gemacht.

Donnerstag, 27. Juni 2013

Beim Jodeln juckt die Lederhose

Beim Jodeln juckt die Lederhose



Deutschland, 1974
Genre: Komödie (Softcore)
Regisseur: Alois Brummer
Darsteller: Dorothea Rau, Franz Muxeneder

Ein Bus mit Touristinnen und einem Direktor aus Berlin hält vor einem Hotel in Bayern an. Die Winterurlauber sind jedoch wenig an der schönen bayrischen Landschaft und den Bergen interessiert. Stattdessen sind sie hier, um erotische Abenteuer zu erleben und die bayrische Bettenqualität zu testen. Allerdings möchte der Wirt des Hotels nicht, dass es in seinen Zimmern heiß her geht und bittet die Gäste, sich anständig zu verhalten.

Jux, Tollerei und geiles Fleisch

Kommentar: Brummer schickt den Zuschauer bzw. Voyeur in eine Zone zahmer Ferkeleien, die, gestützt durch eine klamaukhafte Handlung, eine Unerotik darbieten, wie es für Lederhosenfilme irgendwie charakteristisch ist. Allerdings enthält Brummers Mix aus doppeldeutigen Dialogen, dem Heimatfilm entnommener Optik und einem parodieartigen Grundton hier und dort Phasen, in denen es wirklich Feuer und Flammen im Spiel der gezeigten Personen gibt, weil ihr Tun im Zusammenhang mit der Handlung auf Spontanität aufbaut und im selben Moment ein großes Risiko bereithält. So beschwört man eine knisternde Atmosphäre beispielsweise dadurch, dass man ein in der A-Tergo-Stellung fickende Pärchen einfach mal die Skipiste auf einem Schlitten runter düsen lässt oder auch mit einer Glory-Hole-Variante überrascht, bei der der Begriff Erotik schon wieder zu abgegriffen scheint und nach einer Steigerung verlangt. Dem sexuellen Utopia innerhalb des Hotels, wo Urlauber aus dem Norden einchecken, um zur Abwechslung auch mal bayrisches Material zu kosten, kann natürlich nichts entgegen gebracht werden und das puritanische Gehabe des Wirtes gegenüber den Ausprobierern und neugierigen Vergnügungssüchtigen treibt die Gäste eher dazu, noch mehr Spaß zu haben, denn schließlich bekommen sie dadurch Jux, Tollerei und geiles Fleisch zum Preis von einem, all inclusive. Daneben überzeugt auch der Strang mit der Tochter des Wirtes, die sich endlich von der Fremdbestimmung des Papas lossagen möchte.

Enthüllung um Mitternacht

Enthüllung um Mitternacht (Midnight)



USA, 1939
Genre: Komödie
Regisseur: Mitchell Leisen
Darsteller: Claudette Colbert, Don Ameche

Der Zufall führt die Amerikanerin Eve Peabody, die gerade nach Paris gekommen ist, um in der Stadt einen Job als Barsängerin zu finden, mit dem Taxifahrer Tibor Czerny zusammen. Der fährt sich von Nachtklub zu Nachtklub und verliebt sich schließlich in seine Kundin, die ihm allerdings wieder wegläuft und in einer feierlichen Veranstaltung einer upper class-Gemeinschaft landet. Dort gibt ihr der Millionär Georges Flammarion die Identität einer reichen Baronin, weil sie seiner untreuen Frau Helene ihren Geliebten ausspannen soll.

Billy Wilder ärgerte sich, wir freuen uns

Kommentar: Zusammen mit MEIN LEBEN IN LUXUS ist ENTHÜLLUNG UM MITTERNACHT der erste Film, an den man denkt, wenn von Leisens romantischen Komödien die Rede ist. Der für den Chefsessel zuerst nicht vorgesehene Regisseur machte aus dem raffinierten Skript von Billy Wilder und Charles Brackett, das er besonders zum Ärger des Erstgenannten ständig etwas veränderte, einen mit Lust, Leidenschaft und Reife vorgetragenen frivolen Film, der ohne viel Achtung für Punkte und Kommas voranschreitet und erzählerisch einen auf mehreren Zufällen basierenden Eintritt einer aus gewöhnlichsten Kreisen stammenden Frau in die Welt der upper class-Gesellschaft behandelt. Leisens Hochstapler-Farce greift selbstredend auf die Implikation von Elementen aus der screwball comedy zurück und entzückt stellenweise mit absurdem Verkleidungstheater, dessen Rasanz unter anderem deshalb so viel Potenz besitzt, weil dominante Zeitsprünge ausbleiben. Das Leitmotiv des "positiven Identitätsschwundes" ist hier aber nicht Trumpf allein, denn noch mehr Wirkung zeigt sich durch die Umsetzung der Spielchen mit dem Publikum, welches sich auf eine Genre inhärente Wiederherstellung der vorherigen Situation, also das Ende der Maskerade mitsamt Erklärungen und Beichten, verlässt. Um diesen Punkt wussten die Macher offensichtlich sehr gut Bescheid, weshalb sie es sich nicht nehmen ließen, ihre eigenen Erwartungen an die Zuschauererwartungen in kreativer Weise auszukosten. Daher gibt es statt moralisierender Auflösungslogik einfach ein Auseinandergleiten zweier unterschiedlicher Lebenswelten. Ganz ohne Erklärungen oder Beichten.

Montag, 17. Juni 2013

Erbschaft um Mitternacht

Erbschaft um Mitternacht (The Cat and the Canary)



USA, 1939
Genre: Thriller, Komödie
Regisseur: Elliott Nugent
Darsteller: Bob Hope, Paulette Goddard

Im Haus des Millionärs Cyrus Norman versammelt sich zehn Jahre nach seinem Tod dessen Verwandtschaft, um seinen letzten Willen verlesen zu bekommen. Es stellt sich heraus, dass Joyce die alleinige Erbin des Vermögens ist. Doch da es in der Familiengeschichte der Normans sehr viele Wahnsinnige gegeben hat, wurde noch ein zweites Testament verfasst, welches dann in Kraft tritt, wenn sich herausstellen sollte, dass Joyce verrückt ist.

Übergangene Mystery-Komödie

Kommentar: In ERBSCHAFT UM MITTERNACHT trifft sich eine bunt zusammengesetzte Gesellschaft von Verwandten eines verstorbenen Angehörigen, die daran interessiert ist, zu erfahren, wer welche Summe vom Vermögen des Toten abbekommen soll. Überraschenderweise stellt sich die junge Joyce dabei als Alleinerbin heraus, wobei allerdings aufgrund der in der Familie häufig auftretenden Geisteskrankheit die Einschränkung existiert, dass Joyce das Erbe entzogen wird, falls sie wahnsinnig werden sollte. Wie man das aus ähnlichen Filmen kennt, gibt es für die Gruppe nach der Verlesung des Testaments erst einmal keine Möglichkeit, wieder abzureisen oder Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen, womit das Szenario auf wenige Räumlichkeiten und einen kleinen Personenkreis beschränkt wird. Da ein zweites Testament in Kraft treten würde, wenn Joyce Anzeichen von psychischen Störungen zeige, wäre es nach den Regeln des Genrefilms schon sehr verwunderlich, wenn irgendein Mitglied der Gesellschaft nicht versuchen würde, die Dame boshaft zu erschrecken, um eine Geistesstörung zu provozieren. So ereignet sich dies dann auch, wenngleich anders als man es vielleicht zuerst annimmt. Besonders interessant ist bei diesem Film, dass eben nicht vom Zehn-kleine-Opfer-System Gebrauch gemacht wird, man sich stattdessen allein auf den mysteriösen Charakter eines großen Anwesens, die obskure Existenz eines entlaufenen geisteskranken Mörders und natürlich die Wer-hat-es-getan-Suche verlässt. Neben dem Rätseln über die Identität des Ärger verursachenden Halunken (bzw. der Halunkin) stiften ebenso die große Qualität besitzenden Humor-Einsprengsel einen nicht zu knappen Beitrag zum Unterhaltungsfaktor. Nicht nötig also näher darauf einzugehen, wie schade es ist, dass ERBSCHAFT UM MITTERNACHT nur ein Dasein als Unbekanntheit der Late-30s führt.

Rebecca

Rebecca



USA, 1940
Genre: Drama, Thriller
Regisseur: Alfred Hitchcock
Sprecher: Laurence Olivier, Joan Fontaine

In Monte Carlo lernt eine junge Gesellschafterin den reichen Maxim de Winter kennen, der vor einem Jahr seine Ehefrau verlor. Beide verlieben sich ineinander, heiraten und ziehen in das riesige Anwesen Manderley. Dort muss die neue Frau de Winter jedoch erst einmal zurechtkommen, weil das Haus nicht nur ziemlich riesig ist, sondern eine große Menge von Bediensteten hat - eine Situation, die sie aus ihrem bisherigen Leben nicht kennt. Außerdem ist da noch die Chefhaushälterin Miss Danvers, die sich von Anfang an misstrauisch gegenüber der neuen Ehefrau von Maxim verhält.

Zwischen Romantik und Beklemmung

Kommentar: Über eine junge Frau, die sich mit einem reichen Witwer verheiratet und in dessen riesiges und düsteres Anwesen einzieht, erzählt REBECCA anfangs noch mit romantischen Posen, ehe es um die Aufdeckung von Lügen und Geheimnissen geht, welche erst langsam und Stück für Stück, beginnend mit Unstimmigkeiten, sichtbar gemacht werden. Bewegen sich die Charaktere hier also anfangs noch auf sicherem und festem Terrain, stehen sie schon bald auf einem morastigen Untergrund. Die Hauptfigur des Films, die nach der Verheiratung nur noch Mrs. de Winter genannt wird, durchläuft dabei einen ganz eigenen Entwicklungsprozess, weil sie sich mit den Gegebenheiten im Hause ihres Mannes, der vor einem Jahr seine Frau verlor, arrangieren muss. Überdies kommt sie nicht darum herum, ihre Furcht, nicht so viel wie die Vestorbene bieten zu können, abzulegen. Doch hilft ihr dabei weder Haushälterin Miss Danvers, für die die verstorbene Ehefrau offensichtlich ein perfekter Mensch war, noch das mysteriöse Ambiente des Anwesens, das einen unsicheren Typus von Individuum, so wie die junge Frau einer ist, schnell mal in einen Zustand des Wahnsinns treiben kann. Trotz dieser beschriebenen unbekömmlichen Lage, in der sich die nicht mit einem Vornamen versehene Hauptfigur befindet, darf man nicht denken, dass REBECCA noch viel weiter in die Kiste der Bausteine für Geistergeschichten greift. Das ist auch besser so, weil der Thriller allerhöchstens auf mentaler Ebene eine Spukstory erzählt.

Wie durch die Bildkomposition und Kameraperspektiven das ohnehin schon ziemlich große Haus noch größer wird, zeigt sich an mehreren schönen Szenen, die sich kurz nach dem Einzug der neuen Ehefrau ereignen. Neben einer Vielzahl an totalen und halbtotalen Einstellungen fallen einem zwei Aufnahmen ins Auge, die das luxuriös eingerichtete Haus zu einem überdimensionierten Ort machen. Während die längere Szene eines Abendessens einen gar nicht kleinen Tisch und das an ihm sitzende frisch verheiratete Paar winzig wirken lässt, weil die Kamera aus erhöhter Position sehr weit zurückfährt, spiegelt sich in der kurzen Szene, bei der die Hauptfigur vor einer ungeheuer in die Höhe schießenden Tür steht, deutlich der Konflikt zwischen Person und Raum wieder, der das Eheglück sowie die seelische Verfassung der Protagonistin gefährdet. Einen weiteren Punktgewinn für die Unheimlichkeit fährt die schon erwähnte Miss Danvers ein, mit der die zweite Mrs. de Winter im Verlauf noch einige psychologische Auseinandersetzungen haben wird, weil Denvers Manipulationsmethoden von vorsätzlichen Schwindeleien bis hin zu Anstiftung zum Suizid reichen. Doch schon am Anfang führt Chefhaushälterin Danvers ein gemeines Spiel mit der Unsicherheit der Neuen, als sie diese zur Tür des Zimmers der Verstorbenen begleitet und dieses als eine Art Heiligtum überhöht.

Des Weiteren fühlt sich die neue Ehefrau im aristokratisch-häuslichen Umfeld fremd, reagiert auf die Bediensteten deshalb mit spürbarer Aufregung und auf die Verteilung der Räume mit Überforderung, was die Orientierung betrifft. Zusätzlich fühlt sich selbst ihr Ehemann nicht gerade pudelwohl in dem Anwesen, weil er meint, der Geist seiner ersten Gattin beherrsche den Wohnraum. Obwohl es kleinere Streitereien gibt und später Unstimmigkeiten hinzukommen, welche die Beziehung auf die Probe stellen, hängt man sich zuerst recht beruhigt an den Gedanken, dass das Dickicht des Mysteriösen, welches beide irgendwie umschlingt, dafür verantwortlich sein wird, dass sie an sich festhalten werden. Zusammen gegen die Illusionen, Erzählungen, Rätsel und Lügen der Vergangenheit. Kritisch wird es erst, als der reiche Aristokrat seiner Partnerin eine andere Geschichte über den Tod seiner ersten Ehefrau berichtet - eine Geschichte, die ihm ein langes Absitzen hinter Gittern bescheren könnte.

Das schwierige psychische Klima ist aber natürlich nur so aufregend, wie es ins Bild übersetzt und visuell geformt wird. Hier wurde dann auch bereits mit der Wahl der Schwarz-Weiß-Optik ein wichtiger Grundstein gelegt. Ferner präsentiert Hitchcock durch die Melange von melodramatischer Spannung und Gothic-Elementen eine Stimmung, die nicht selten zwischen Romantik und Beklemmung pendelt. Hitchcock macht es größtenteils so gekonnt, dass er auf allzu viele Dialoge verzichten kann, da die Aussagen selbst im Bild enthalten sind und keiner weiteren Kommentierung bedürfen. Insofern verfehlt der häufige Einsatz von Musik, die zu vielen dramatischen Orchesterklängen neigt, manchmal nicht bloß seine Kraft, vielmehr entreißt er durch seinen deplatzierten Charme den Bildern auch das Recht, allein und für sich zu stehen.

REBECCA war Hitchcocks erste Regie-Erfahrung in Hollywood und seinem System. Weil er aus England andere Arbeitsmethoden gewohnt war, musste er sich umstellen und sich nach den Wünschen des Produzenten David O. Selznick (VOM WINDE VERWEHT, EIN STERN GEHT AUF) ausrichten, der ihm seinen Start in den USA nicht gerade leicht machte. Beispielsweise wollte Hitchcock die auf einem Bestseller von Daphne du Maurier basierende Geschichte inhaltlich und figurentechnisch umgestalten, wie er es schon mit einer Vorlage für DIE 39 STUFEN tat, doch ließ Selznick es nicht zu, dass ein Erfolgsroman einer radikalen Abänderung zum Opfer fiel, womit Hitchcock dazu angehalten war, ein mit Selznicks Vorstellungen kompatibles Skript einzureichen. Mit dem Wissen über die einschneidende Einmischung des Produzenten ist der Film im Zusammenhang mit den vorangegangenen Werken des Regisseurs auch viel verständlicher, da man sich ansonsten darüber wundern könnte, warum die Spuren eines Hitchcock niemals wirklich klar werden und sich stets in Gefahr befinden, vollkommen aufgelöst zu werden. Doch auch wenn REBECCA aufgrund des angespannten Arbeitsverhältnisses mehr Auftragsarbeit denn künstlerische Vision ist, wäre es weder gerecht, den Film als minderwertig, noch Hitchcock als Marionette zu bezeichnen. Denn für solche klassifizierenden Einkreisungen ist der Film definitiv viel zu gut.

Weekend with my Mother

Weekend with my Mother (Weekend cu mama)



Rumänien, 2009
Genre: Drama
Regisseur: Stere Gulea
Darsteller: Medeea Marinescu, Adela Popescu

Vor 15 Jahren hatte sich Luzia dazu entschieden, in Spanien einen Neuanfang zu machen und deshalb ihr dreijährige Tochter Christina von den Verwandten aufziehen zu lassen. Im Hause der Familie ihrer Tochter angekommen, muss sie jedoch erst einmal entdecken, dass Christina von zu Hause abgehauen ist. Nach einer Recherche über mehrere Kontakte findet sie ihre Tochter schließlich, die jedoch nichts mehr von ihr wissen möchte. Durch glückliche Umstände kriegt Luzia es dennoch hin, Christina dazu zu überreden, mit ihr ein Wochenende auf dem Landstück ihres Großvaters zu verbringen.

Zügiger Rhythmus dank des unsauberen Drehbuchs

Kommentar: Mit vielen englischsprachigen Liedern, die dem Genre Alternative Rock zuzuordnen sind, begleitet der rumänische Filmbeitrag eine auf Gutmachung bedachte Mutter, die ihre vor vielen Jahren zurückgelassene Tochter besuchen möchte. Obwohl WEEKEND WITH MY MOTHER zu klar in seinen Konfliktbenennungen ist und manchmal auf stark oberflächliche Weise nicht für die Erzählung relevante Themenkomplexe mit hineinnimmt, leistet das Drehbuch wenigstens dadurch eine Entschädigung, dass man niemals das Gefühl bekommt, sich im Kreis zu drehen. Durch den zügigen Rhythmus entstehen zwar zig Leerstellen und Plotpunkte, die einfach mal übersprungen oder nur kurz angetippt werden, doch im Ganzen verträgt sich die Herangehensweise mit dem melancholischen Grundton des Filmes von Stere Gulea, der seit den Siebzigern als Regisseur arbeitet und mit WEEKEND CU MAMA seinen ersten Film in 13 Jahren gemacht hat. Ob die Unsauberkeiten im Skript geplant waren, um alles etwas unsicherer und unbestimmter wirken zu lassen, sei mal dahingestellt. Von essenzieller Bedeutung ist schließlich das Umgesetzte an sich, das Ergebnis aller Ereignisse. Dieses schaut sich wiederum wie eine berührende, aber nicht ohne Opfer ausbleibende Mutter-Tochter-Versöhnung an, deren Motiv der Suche sowohl am Anfang als auch am Ende mit detektivischen Abschnitten in der Geschichte semantisch auf eine exzellente Art und Weise hervorgehoben wird.

Mittwoch, 5. Juni 2013

Meine Filmvorlieben [Stöckchen-Time]

Der gute Weltraum-Affe von Intergalaktische Filmreisen hat mir ein Stöckchen zugeworfen. Ich habe die Fragen - trotz meiner Schüchternheit - nicht unbeantwortet gelassen, sondern nach bestem Wissen und Gewissen mit Antworten versehen, deren Findung mir mal mehr, mal weniger leicht gefallen ist. Ich hoffe, es ist ein guter Striptease geworden.

Was ist dein Lieblingsfilm?
Wahrscheinlich DIE STUNDE DES WOLFS von Ingmar Bergman. Vielleicht aber auch DIE SPIELREGEL von Jean Renoir.

Wieso ist das dein Lieblingsfilm?
Ich liebe surreale Filme, ich liebe Horrorfilme und ich liebe Figuren, die sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen müssen. Daher ist meine Wahl nur konsequent, zumal Bergmans Streifen die vielleicht unlöschbarsten Bilder in meinem Kopf festgesetzt hat. Außerdem liebe ich Strindbergs Werke, von denen sich Bergman auch für DIE STUNDE DES WOLFS inspirieren ließ.

Was war(en) deine Lieblingsfilm(e) als Kind?
Puh. Als Kind habe ich nur wenige Filme gesehen, da ich weder Kabelfernsehen hatte noch viele Videokassetten besaß noch mehr als einmal in zwei Jahren ins Kino ging. Großartige Erinnerungen habe ich aber an SINDBADS GEFÄHRLICHE ABENTEUER, der mir auch heute noch sehr zusagt. B-Movies wie C2 - KILLERINSEKT und MÖRDERSPINNEN legten dann wohl den Grundstein für meine bis heute anhaltende Leidenschaft für Horrorfilme.

Wer ist dein(e) Lieblingsregisseur(in)?
Ich kann mich zwischen Jean Renoir, Alfred Hitchcock, Wes Anderson, David Cronenberg und Ingmar Bergman nicht entscheiden.

Wieso ist das dein(e) Lieblingsregisseur(in)?
Weil sie alle Filme mach(t)en, die mich überwältigen. Alle fünf genannten Regisseure weisen in etwa die gleiche Anzahl an Werken auf, die ich herausragend bis meisterlich finde. Ehrlich gesagt kommt es mir bei einer persönlichen Bewertung eines Regisseurs auch nur darauf an. Deshalb ist für mich Konstanz in der Qualität kein Wert mit großer Bedeutung (es sei denn, der Regisseur hat erst zwei oder drei Filme gemacht). Wäre das so, hätte ich wohl Wes Anderson als meine klare Nummer Eins ausgegeben. Aber wäre das wirklich fair gegenüber Hitchcock und Bergman zum Beispiel, die viele unterschiedliche Karrierephasen hatten und über Jahrzehnte aktiv waren? Außerdem finde ich, dass ein guter Regisseur auch schlechte sowie überflüssige Filme machen und sich in Sachen ausprobieren darf, die mir nicht zusagen.

Hattest du schon vorher eine(n) Lieblingsregisseur(in)?
Puh. Ich habe früher große Stücke auf Steven Spielberg gehalten. Des Weiteren dachte ich mal, dass Stephen King ein Filmregisseur sei.

Warum ist das nicht mehr dein(e) Lieblingsregisseur(in)?
Ähm. Mir gefällt DER WEISSE HAI immer noch sehr, aber ansonsten kann ich mit seinen Abenteuer- und Kinderfantasie-Kreationen nicht viel anfangen. Wenn ich ehrlich bin, haben mich früher nur seine "erwachseneren" Filme wie DER SOLDAT JAMES RYAN und SCHINDLERS LISTE angesprochen, die ich sogar irgendwo als DVDs rumliegen habe, aber nicht einmal mit der Kneifzange anpacken würde. JURASSIC PARK und INDIANA JONES fand ich schon als Kind ziemlich lahm. Das hat sich bis heute kein Stück geändert. Ich bin darüber nicht traurig.

Wer ist dein(e) Lieblingsschauspieler(in)?
Ich schwanke zwischen Isabelle Huppert und Bela Lugosi.

Wer oder was ist deine liebste Filmfigur?
Ich mag allgemein sehr gerne Figuren, die sich mit ihrer eigenen Person auseinandersetzen müssen. Ansonsten ist meine Lieblingsfigur wohl Geschworener Nr. 8 aus Lumets DIE ZWÖLF GESCHWORENEN, weil dieser Charakter mich darauf aufmerksam machte, wie kritisches Denken funktioniert und wie notwendig eine Haltung ist, die scheinbar Gegebenes und Bestehendes hinterfragt, gleichzeitig jedoch an keiner Besserwisser-Position interessiert ist, sondern eine differenzierte Betrachtung mit einbezieht, welche wiederum auch Selbstreflexion ermöglicht.

Auf welche(n) kommende(n) Filme freust du dich am meisten?
Ich bin leider nicht wirklich fit, wenn es um Aktuelles geht. Allerdings freue ich mich ganz sicher auf die kommenden Projekte von Christian Petzold, Wes Anderson, Christoph Hochhäusler, Pen-Ek Ratanaruang, Rob Zombie, Wes Craven und Asghar Farhadi - auch wenn von einigen der Aufgezählten sicherlich noch gar nichts Genaueres geplant ist.

Wenn du das Geld und/oder die Möglichkeiten hättest über was würdest oder wen du einen Film drehen oder was möchtest du generell mal verfilmt sehen?
Die Biografie von Godfrey Ho.

Jetzt muss ich den Baumstamm das Stöckchen irgendjemandem an den Kopf schleudern, oder? Dann sind hiermit Schlombie von Schlombies Filmbesprechungen und Robin von Mise En Cinéma die Auserwählten.

Dienstag, 4. Juni 2013

The Raid

The Raid (serbuan maut)



Indonesien/USA, 2012
Genre: Action
Regisseur: Gareth Evans
Darsteller: Iko Uwais, Pierre Gruno

In den Slums von Jakarta hat ein Drogenboss Tama die volle Kontrolle über einen gesamten Häuserblock. Nachdem er mitbekommt, dass sich eine große Polizeieinheit im Gebäude befindet, ruft er kriminellen Bewohner er dazu auf, die feindliche Truppe mit allen Mitteln aufzuhalten. Die sind ihrem Chef gegenüber selbstverständlich loyal und gehen mit Fäusten, Macheten und Gewehren gegen die Einheit vor, die nach ihrem ersten Fehler schon sehr viele Männer verliert.

Faustschlag, Fußtritt, Faustschlag, Fußtritt, Faustschlag ...

Kommentar: Aufs Nötigste beschränkter Kampfkunst-Wahnsinn, der Dialoge so weit es geht zu vermeiden versucht und dabei eine merkwürdige Leere produziert, die er allein mit der Konsequenz seiner Action-Dramatik nicht auszugleichen weiß. Durch den Verzicht auf längere Dialogpassagen kommt es, dass der Häuserblock, den eine indonesische Polizeieinheit stürmt, schnell zu einem Ort der Bewegung wird, wo Rasanz keinen Gegenpol bekommt, sondern ungestört in jeden Winkel vordringt. Sicherlich mundet deshalb nicht jedem diese zu wenig Abwechslung neigende Schlag-und-Fußtritt-Mechanik, bei der die Essenz nur in der Ästhetik liegen kann. Das von Kriminellen okkupierte Haus, in welchem wohl ziemlich locker 98% des Films spielen, erscheint zwar auch deutlich als Präsentierfläche für die perfekte Beherrschung des Körpers, gleichzeitig zeigen die engen und dreckigen Korridore ein Minenfeld auf, auf dem man sich keine Konzentrationsschwächen erlauben darf. Obwohl seine Unkonventionalität THE RAID gut tut, ist auch hier vieles beim Alten, wenn nicht gar Uralten. Da kann der Film noch so sehr in die Pedalen treten und den Bodycountzähler zum Erschüttern bringen wie er will - seine dünnen narrativen Elemente sind so dermaßen platt, dass es die bravouröse Härte und die leider nicht jeden Tag zu sehende Schnelligkeit für eine insgesamt sinnlose Im-Kreis-Dreh-Parade von Actionsequenzen verbraucht. Dennoch: Was die Intensität betrifft, rangiert THE RAID irgendwo auf den vorderen Actionfilm-Plätzen. Dies darf nicht unterschätzt werden.

Das Verbrechen des Herrn Lange

Das Verbrechen des Herrn Lange (Le Crime de Monsieur Lange)



Frankreich, 1936
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Jean Renoir
Darsteller: René Lefèvre, Jules Berry

Amédée ist ein Angestellter in einem kleinen Verlag für minderwertige Literatur und arbeitet unermüdlich an seinen fiktiven Westerngeschichten über den Helden Arizona Jim. Sein Chef Batala ist jedoch ein wahrer Kotzbrocken, der Geldgeber und seine Mitarbeiter schamlos ausbeutet. Als dieser großen finanziellen Ärger riecht, haut er sogleich ab. Weil man aus den Nachrichten entnimmt, dass Batala wohl bei einem Zugunglück umgekommen wäre, wird das Unternehmen neu ausgerichtet und endlich auch vernünftig geführt, sodass die
Firma schon bald große Erfolge verzeichnen kann.

Der böse Bösewicht

Kommentar: Was die Ansammlung mehrerer sich untereinander verständigender Menschengruppen in einem einzigen Bild, die Kamerafahrten- und schwenks auf engsten Räumen sowie die clevere Verwendung der Tiefenschärfe angeht, ist dieser Film Renoirs Meisterwerk DIE SPIELREGEL nicht unähnlich, weswegen man ihn ruhig als einen Vorboten kennzeichnen darf. Obgleich er natürlich nicht dessen handwerkliche Klasse erreicht, ist die Agenda der dynamischen Kamera in DAS VERBRECHEN DES HERRN LANGE eine schon an sich lobenswerte Veranstaltung, die in vielen Phasen sogar einen wahrhaftigen Schmaus für die Augen des Zuschauers zaubert. Im kleinbürgerlichen Milieu angesiedelt, folgt der Film der Geschichte um einen Mord an einem skrupellosen Verleger, der Kreditgeber, seine Mitarbeiter sowie andere Menschen in seiner Nähe für seine Zwecke benutzt. Allerdings geschieht dies in einer Nacherzählung innerhalb einer Rahmenstory, die von der Flucht des Mörders und seiner Freundin handelt: Nachdem die beiden in einer Gaststätte nahe der belgischen Grenze haltmachen, haut sich der Mörder selbst erst einmal prächtig in die Federn, während seine Begleiterin den in der Bar sitzenden Männern die Umstände erklärt, die ihren Gefährten zum Mord trieben, und ihnen die Möglichkeit gibt, das Verbrechen ihres Freundes zu beurteilen.

Die interessanteste Figur in diesem zumeist witzigen Streifen ist übrigens zweifellos der zur Tötung vorgesehene Bösewicht, welcher einen unglaublichen Sinn für alles Verdorbene und Geschmacklose hat. Jules Berry als rücksichtsloses Arschloch, als ekelhafter Ausbeuter, als so etwas wie die Karikatur eines Kapitalisten, setzt das Feindbild der hart schuftenden Bevölkerung und der Linken dann auch phänomenal um, sodass DAS VERBRECHEN DES HERRN LANGE sicherlich auch als Lied auf die Seele des Kleinbürgers, seiner Nöte und seinen Kampf gegen ökonomische Ungerechtigkeit zu interpretieren ist.