Freitag, 27. September 2013

Titanic

Titanic



Deutschland, 1943
Genre: Drama
Regisseur: Werner Klingler, Herbert Selpin
Darsteller: Sybille Schmitz, Hans Nielsen

Damit die Aktienkurse der White Star Line nicht noch weiter sinken, befiehlt der Präsident der Linie, Sir Ismay, dem Kapitän der "Titanic", Vollgas zu geben, um den Atlantik in Rekordzeit zu überqueren. Der Ruhm soll das Unternehmen finanziell sichern. Nur der deutsche Offizier Petersen sieht eine Gefahr in diesem Vorhaben und versucht mit Überzeugungskraft und guten Argumenten, Sir Ismay von seinem Plan abzubringen.

Der deutsche Vernunftmensch gegen die englischen Barbaren

Kommentar: Der verlogene Film über die Luxusliner-Katastrophe aus dem Jahr 1912 zeigt beispielhaft, wie Propaganda mit den Mitteln der Tatsachenverfälschung und einer verdrehten Kontextbewertung funktioniert. Nicht Faktentreue und Wiedergabeauthentizität standen als Programmschwerpunkte fest, sondern schlichte Stimmungsmache und das Aufzeigen eines konkreten Feindbilds. Der anti-britische Film kümmert sich deshalb auch einen feuchten Kehricht um die wahren Ereignisse und Hintergründe. In ihm dreht sich stattdessen alles um die egozentrischen Engländer aus der Upperclass, und wie sie versuchen, sich in Sachen Moneten gegenseitig die Butter vom Brot zu nehmen. Nur ein deutscher Offizier behält stets einen klaren Kopf, lässt sich nie bestechen und ahnt das Unglück, welches das Schiff ereilt, als einziger voraus. Zwar besitzt TITANIC sehr viele Nebenplots und wagt den Versuch, die emotionale Kälte in der Oberschicht zum wichtigen Bestandteil der Drama-Handlung zu machen, doch nach einer ziemlich laschen 30-minütigen einführenden Bestandsaufnahme verlegt der Film den Blick ganz auf den Kampf des Deutschen, der sich als aufrechter Vernunftmensch gegen die moralische Degeneration der Kollegen und Passagiere auflehnt. Weil das Wesen der Charaktere jedoch stark determiniert ist, gibt es für überraschende und auffällige Wendungen keinen Platz, manchmal mutieren anfangs noch harmlose Passagen gar zu nervtötenden Dialogabschnitten, da die Personen nur nach ihrer stereotypen Bestimmung Handeln und Reden, somit praktisch nur die Funktion haben, das System der Propaganda aufrechtzuerhalten. Mehrdeutigkeit fürchtet dieses in Seifenoper-Elementen schwimmende Werk wie der Teufel das Weihwasser - wobei sich die Frage stellt, ob denn der Teufel wirklich mit der Pietätlosigkeit mithalten könnte, die sich hier die Nationalsozialisten leisteten, nämlich eine reale Schiffskatastrophe in eine "Anklage gegen Englands Gewinnsucht" umzudeuten.

Betty Blue

Betty Blue
Philippe Djian

(37˚2 le matin, 1985, Französisch)

Jean-Jacques Beineix verfilmte das Buch
Eine in fast schwindelerregendem Tempo ablaufende Handlung über einen Typen, der einfach nur grundanständig sein will und sich um wenige Sachverhalte Gedanken machen möchte. Ansonsten ist er aus Gewohnheit darauf fixiert, irgendwie den Tag zu meistern. Ihm zur Seite steht seine nicht weniger merkwürdige Freundin, die ihn immer wieder aus seinen lethargischen Phasen aufweckt. Sie heißt Betty und ist für ihn so etwas wie die Vollkommenheit des Glücks in einer Person. Diese verschrobene Liebesgeschichte steht auch im Zentrum des Romans von Philippe Djian. Allerdings sei darauf hingewiesen, dass romantische Momente nur als Randnotizen auffallen.

Erzählt wird die Handlung aus der Ich-Perspektive. Erzählen tut der von seiner Freundin Betty besessene 35-jährige Zorg, für den die Gegenwart entscheidend ist, während die Vergangenheit ruhig zum Teufel fahren kann, wodurch man auch als Leser über das frühere Dasein der Hauptfigur ein wenig im Dunkel gelassen wird. Das macht jedoch etwas Wichtiges umso gewaltiger und stürmischer, nämlich die Intensität der Gegenwart, oder wenn man den Gedanken auf dem Ausdrucksniveau eines Zorgs rauspressen möchte: die Fußtritte des Alltags. Denn bei Zorg läuft selten wirklich etwas glatt. So muss er eben versuchen, den absurd-komischen oder tragischen Situationen Herr zu werden und dabei alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel bestmöglich zu nutzen. Und falls es mal schwieriger wird, rafft sich der Gute nach Niederlagen immer wieder neu auf und glänzt mit halsbrecherischen Aktionen, die für seine Freundin zu den Selbstverständlichkeiten einer Liebesbeziehung gehören. Skurrilität pur.

"Wundern sollte man sich nie, wenn man zur Kasse gebeten wird, man sollte sich nie einbilden, man habe alles bezahlt."

Richtig begeisternd ist ohne Wenn und Aber der Schreibstil des Franzosen. Unglaublich pointierte Sätze, die im Gegensatz zu der Hauptfigur immer ins Schwarze treffen, beschwören die Atmosphäre eines traurig-komischen Liebesgedichts herauf, das von einem einsamen Liebesdichter verfasst wurde. Die Sprache ist immer klar, trocken, und ein Motor, der läuft, um eine Geschichte voranzubringen, nicht um sie mit Nebensächlichkeiten abzubremsen. So sind es schließlich das exzellente Schreibvermögen Djians sowie der zwischen euphorischer und depressiver Stimmung wandelnde, vielen Illusionen folgende Protagonist, die uns Lesern eine solch verrückte Reise ans Ufer des Allesmöglichen arrangieren.

Donnerstag, 26. September 2013

Ein himmlischer Sünder

Ein himmlischer Sünder (Heaven Can Wait)



USA, 1943
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Ernst Lubitsch
Darsteller: Gene Tierney, Don Ameche

Henry van Cleve soll in seinem Leben gesündigt haben und kommt dafür nach seinem Tod in der Hölle an. Der Teufel verlangt dort von ihm, dass er seine Lebensgeschichte erzählt. Also fasst er für ihn sein Leben zusammen und beginnt bei seiner Kindheit, in welcher er schon als Lausbub Mary kennenlernt, die er später heiraten wird.

Sich in bunter Optik zeigende Gesellschaftssatire

Kommentar: Das in prächtiger Technicolor-Optik vergnüglich strahlende Werk, das zu den letzten Arbeiten von Ernst Lubitsch gehört, macht uns wieder darauf aufmerksam, dass der Komödienexperte keine dicken oder gar verschlungenen Geschichten brauchte, um uns vor der Langeweile zu bewahren. Fühlt man sich in einfachen Erzählungen geborgen, so lassen sich auch in EIN HIMMLISCHER SÜNDER keine Hinweise dafür finden, dass etwas fehle. Stattdessen nimmt man Lubitschs ökonomische Figurenausstattung als einen Sieg gegen andere Drehbuchvarianten wahr, in denen es beispielsweise zum guten Ton gehört, alles vollzukleistern und Figur an Figur zu kleben, um die Konstellation zwischen den Charakteren allein durch die gezeigten Widersprüche und Interessenunterschiede spannend zu machen. Der minimalistischen Handlung stellt sich interessanterweise die Bilderpracht entgegen, die mithilfe des bunten Dekors und all den verschwenderisch ausgestatteten, luxuriösen Räumlichkeiten die Blicke des Betrachters auf sich zieht, der diese Bilder als einen satirischen Schlag gegen den Perfektionswahn der oberen Gesellschaft um die Jahrhundertwende registriert, während ansonsten auch die Moralauffassung oft als Zielscheibe verwendet wird, um sich ein wenig über die Gepflogenheiten früherer Zeiten zu amüsieren. Für den Zuschauer bleibt der Mittelpunkt jedoch stets Henry van Cleve, ein Lebemann, der sich nach seinem Tod schon mit einem Bein in der Hölle befindet, weil er gesündigt haben soll. Doch weil der Teufel sich sicher sein muss, bevor er jemanden an den Ort der ewigen Verdammnis schickt, hört er sich die Lebensgeschichte von Henry an. Da Lubitschs Film es damals wagte, einen Mann für vergleichsweise triviale, aber damals als frivol angesehenen Aktivitäten von der Hölle freizusprechen, ärgerten sich die Kirchenvertreter gewaltig, was dem Erfolg des Hollywoodstreifens allerdings nicht schaden konnte.

Serenade zu dritt

Serenade zu dritt (Design for Living)



USA. 1933
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Ernst Lubitsch
Sprecher: Gary Cooper, Miriam Hopkins

Drehbuchschreiber Tom Chambers und der sich als Maler versuchende George Curtis sind nicht gerade mit Erfolg überschüttete Künstler und treffen auf einer Zugfahrt auf die sympathische Zeichnerin Gilda, die in der Werbebranche tätig ist. Später stellen sie fest, dass sie beide in Gilda verliebt sind, die sich jedoch nicht für einen von ihnen entscheiden kann. Deshalb erklärt sie, eine Dreiecksbeziehung führen zu wollen und ermuntert die Herren zu einem Gentlemans Agreement, der eine rivalisierende Haltung ausschließen soll und bestimmt, dass Sex aus dem Spiel gelassen wird.

Warum sich mit einem Kerl zufriedengeben, wenn man zwei haben kann

Kommentar: DESIGN FOR LIVING, wie sich der Film im Original nennt, besitzt den bei Bewegtbild-Freunden beliebten urtypischen Lubitsch Touch, der sexuellen Anspielungen und Doppeldeutigkeiten im Rahmen der damaligen Konventionen maßvolle Umschreibungen gab. Ob die ständigen Anzüglichkeiten, die sich hier durch den ganzen Film ziehen, mit der Zensurmaßnahme namens Hays Code möglich gewesen wären? Ab 1934 wurden nämlich Richtlinien bezüglich sittlicher Standards für die Produktionsfirmen verbindlich, sodass sich diese nicht mehr leisten konnten, auffällige obszöne Darstellungen, Blasphemie und detaillierte Beschreibungen von Kriminalität in ihre Filme aufzunehmen. Über den in SERENADE ZU DRITT behandelten Plot um eine Frau, die sich die Freiheit herausnimmt, mit zwei Kerlen eine Dreiecksbeziehung zu führen, wären die Moralwächter sicherlich nicht froh gewesen, zumal die Dialoge sich immer wieder um Sexualität und alternative Beziehungsformen drehen. Gerade letztgenannte Erscheinung ist deshalb interessant, weil sie nicht nur eine Subversion der in jener Zeit vorherrschenden bürgerlichen Werte- und Lebensordnung praktiziert, sondern selbst im Vergleich zum heutigen Komödienprogramm sehr weitsichtig und verdammt verrucht erscheint. Der süffige Geschmack der Dialogwitze und der zauberhafte Situationshumor machen aus dem manchmal nicht ganz rund gewordenen Film, ein schwer zu unterschätzendes Kompott aus erotischem Kampfgeist und beschwingten Emanzipationsversuchen.

Montag, 16. September 2013

Katzenmenschen

Katzenmenschen (Cat People)



USA, 1942
Genre: Drama, Horror
Regisseur: Jacques Tourneur
Darsteller: Simone Simon, Kent Smith

Die aus Serbien stammende Irena Dubrovna lernt eines Tages den Ingenieur Oliver Reed kennen, mit dem sie eine Beziehung eingeht, die schließlich zur Heirat führt. Allerdings verweigert sie ihrem Ehemann jegliche sexuelle Annäherungen, da sie davon überzeugt ist, dass sie sich sonst in eine gefährliche Raubkatze verwandeln wird, wie es eine Legende aus ihrem Heimatland erzählt.

Weil Tamtam nicht erforderlich ist

Kommentar: Was vielen Horrorfilm-Machern abgeht, ist der Wagemut oder auch einfach das künstlerische Profil, das Spiel mit Suggestionen konkret und konsequent zu veranstalten, sich also in verbindlicher Weise zu den kompositorischen Unheimlichkeitsbeschreibungen zu bekennen. Stattdessen greifen viele Regisseure auf die deutliche Darstellung zurück, wohl wissend, dass Deutlichkeit in der Abbildung traditionell schon immer etwas war, was die Kassen zum Klingeln bringen ließ. Jacques Tourneur, der sich mit KATZENMENSCHEN als Regisseur profilieren konnte, setzte dennoch auf Andeutungen und spärliche Anmerkungen, rätselhafte Ereignisse und knappe Gruselszenen. Dass viele Zuschauer den Low-Budget-Streifen damals sehen wollten, obwohl er auf Sensationalistisches verzichtete, hat vielleicht auch etwas mit der Veröffentlichungszeit und damit der fortschreitenden Herausbildung der Schwarzen Serie zu tun, deren Filme für ihre teils sehr cleveren Licht- und Schattenmomente berühmt wurden. Denn diesen Hang zur kreativen Präsentation von Schatten und Umrissen, die wir meist an Wänden abgebildet wahrnehmen, gibt es auch diesem Film zu sehen, wobei damit nicht nur rein ästhetische Glanzpunkte gesetzt werden. In diesem Film um eine Frau, die Angst davor hat, sich in eine Raubkatze zu verwandeln, sobald sie sich sexuellen Annäherungen aussetzt, wird von den Schattenabbildungen nämlich nicht selbstzweckhaft aus der Lust an der Optik Gebrauch gemacht, sondern in erster Linie zur Gewinnung von Schrecken, der sich in den Zuschauer langsam hineinfressen soll. Neben dieser formalen Ebene sorgt auch der niemals dick auftragende Spannungsverlauf für eine sehr authentische Wiedergabe der Ereignisse.

Sullivans Reisen

Sullivans Reisen (Sullivan's Travels)



USA, 1941
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Preston Sturges
Darsteller: Joel McCrea, Veronica Lake

John L. Sullivan ist ein erfolgreicher Hollywood-Regisseur von Komödien. Er möchte jedoch mit seinem nächsten Projekt in eine andere Richtung gehen und einen sozialkritischen Film mit dem Titel "O Brother, where art thou?" machen. Doch zuerst möchte er wissen, wie der Alltag und die soziale Realität der ärmsten Menschen des Landes wirklich aussehen bzw. wie es sich anfühlt, nichts zu besitzen. Dafür schlüpft er in alte Klamotten, nimmt noch zehn Cent mit und zieht los, um am Leben der Habenichtse teilzunehmen.

Verneigung vor der Komödie

Kommentar: SULLIVANS REISEN, das ist vollumfängliche Verpflegung für die Lachmuskeln und den Intellekt. Es ist eine scharfe, aber genauso auch spaßige Satire, die sich das Hollywoodgewerbe, die sozialen Unterschiede als auch die Relevanz der Komödie vornimmt. Mit ihrem O BROTHER, WHERE ART THOU? bezogen sich die Coen-Brüder 2000 übrigens auf diesen Film und dessen MacGuffin: so heißt auch der Arbeitstitel des Streifens, den Protagonist John Sullivan, ein bekannter Regisseur für Komödien, zu drehen gedenkt. Worüber sich jedoch seine Studiobosse wundern, ist die thematische Ausrichtung seines neuen Projekts, denn anstatt bei den Zuschauern weiter mit fröhlichem Humor punkten zu wollen, möchte er das Elend der Ärmsten auf die Leinwand projizieren. Da er keine Ahnung hat, wie die Habenichtse leben, möchte er sich ein unverfälschtes Bild davon machen. Deshalb zieht er, ungeachtet der Bedenken seiner Chefs im Studio, einfach mit zehn Cent in der Tasche los, in der Hoffnung, sich wertvolle Inspirationen für seinen Film zu holen. Wer die vorherigen drei Werke von Sturges gesehen hat, der wird wissen, dass die Naivität der Hauptfigur natürlich irgendwann im Verlauf der Geschichte bestraft wird. Hier ist es so, dass die vertikale Reise nach unten ihren Erkundungsgeist sowie ihr Safari-Tour-Ambiente verliert und eine dramatische und heikle Entwicklung nimmt, sodass die Hauptfigur tatsächlich noch entdeckt, was Elend als Erfahrung denn überhaupt bedeutet.

Überaus erquicklich zeigt sich im gesamten Film die Mischung aus Slapstick- und Dialoghumor, die an dem eigentlich ernsten Ideenbau von Sullivan zerrt und seinen Trip auch merklich unterwandert, wenngleich natürlich nur wir dies als Außenstehende mitbekommen, weil wir uns totlachen. Screwball-artige Gefechte, konfuse Erlebnisse und satirisch-komische Entblößungen des Selbstverständnisses des Hollywoodapparats und seiner Regeln führen die Aberwitzigkeit des sozialen Experiments vor, das nach und nach ohnehin aus dem Fokus verschwindet. Das Sahnehäubchen dieses klugen Films stellt aber wohl die Verneigung vor der Komödie dar, die zur wichtigen Unterhaltungsform für die Gesellschaft erklärt wird und hiermit ein sehr ehrliches wie auch höchst adäquates Plädoyer bekommt, welches noch obendrein - als wäre das nicht schon genug - von einem der besten der Zunft formuliert wurde. Damit hat sich Preston Sturges ein Denkmal gesetzt.

Sonntag, 1. September 2013

Bad Boys II

Bad Boys II



USA, 2003
Genre: Thriller, Action
Regisseur: Michael Bay
Darsteller: Will Smith, Martin Lawrence

Die beiden Detectives Marcus Burnett und Mike Lowrey arbeiten in einer Sondereinheit, die eine große Lieferung von Ecstasy nach Miami verhindern soll. Parallel zu diesem Auftrag arbeitet Lowreys Schwester Sydney als Undercoveragentin ebenfalls daran, dem mächtigen Drogenboss Tapia das Handwerk zu legen. Doch neben der Schwierigkeit, darauf aufzupassen, dass die Verbindung zwischen ihnen und Sydney nicht aufgedeckt wird, muss das chaotische Duo auch noch ihre eigenen kleinen Zwistigkeiten beiseitelegen - und das mitten in der Jagd nach brutalen Verbrechern.

Jenseits von jenseits von Gut und Böse

Kommentar: Es gibt Filme, die gibt's nicht. Man will das jedenfalls manchmal als Cineast glauben, wenn man sich Erzeugnisse von dümmlichster Art anschaut und sich darüber wundert, warum es sie überhaupt gibt. In meinen Augen ist BAD BOYS II solch ein Beitrag, der für unmöglich gehaltene Grenzüberschreitungen doch wahr werden lässt, zumindest für die Zeit, die er dauert. Denn danach will man am liebsten nichts mehr von ihm wissen, man möchte ihn am liebsten vollständig aus dem Kopf raus haben. (Hiermit sei verraten, dass so etwas in den wenigsten Fällen gelingen kann, zumal ich von speziellen Therapiebehandlungen für passionierte Kinomenschen noch nichts mitbekommen hab.) Michael Bays einfältig geratene Stunt-Operette leidet eben an allem, an was ein Film nur leiden kann. Dies schafft in der Theorie durchaus die Voraussetzung dafür, dass man die Möglichkeit der Trash-Rezeption dazu nutzt, die miese Qualität des Streifens zu bemitleiden, und sich irgendwie darüber zu freuen - doch funktioniert das im Falle von BAD BOYS II aus verschiedenen Gründen überhaupt nicht, oder nur bis zu einem gewissen Grad.

Ein Argument, das dagegen spricht, ist die kalte und leidenschaftslose Aufstellung aller Elemente, die doch nur dazu da ist, die Masse ins Kino zu ziehen. Das sind, optimistisch gesehen, doch nur Reißbrett-Visionen von kühlen Technikern, die alles streng um die beiden Detectives Burnett und Lowrey herum formierten, womit alles außer den zwei Haudrauf-Kollegen keine Rolle spielt, ja unnütz wird. Schließlich sollte die männliche Zielgruppe erreicht werden, die Ego-Fantasien braucht. Bedauerlicherweise hatte man den Figuren erlaubt, dieses Verhältnis - wir der Mittelpunkt, ihr nichts - konsequent zu missbrauchen. Die Folge ist, dass ihre Umwelt als vernachlässigbarer, würdeloser Plunder gilt, mit dem man machen kann, was man möchte. Und das gilt nicht nur für leblose Objekte.

Dabei hat BAD BOYS II sowohl Zutaten, die einem einen schönen Unterhaltungsabend bescheren könnten, als auch eine inhaltlich einfache Geschichte, mit der man sich sehr gut anfreunden kann. Wir haben ein eingespieltes Buddy-Duo, das Jagd auf Drogenbosse macht und ihnen versucht, das Handwerk zu legen. Wir haben skrupellose Verbrecher, die miese Geschäftspartner schon mal in Stücke schneiden und gerne ihren Stoff in Leichen verstecken. Hinzu gesellen sich nach und nach mehrere Verwicklungen, die gelöst werden müssen, wie etwa die Zwistigkeiten zwischen den beiden Detectives, welche in einer Krise zu stecken scheinen. Auf dem Bild geht auch stetig die Post ab, immerzu ist es höchste Eisenbahn und irgendjemand scheint hier ständig irgendwo auf der Pirsch nach irgendwas zu sein. Vom theoretischen Standpunkt finden wir in BAD BOYS II im Grunde Popkorn-Charisma wie aus dem Lehrbuch vor: Effektinszenierungen, massenhaft verbeulte Boliden, Schießereien und teilweise sehr lange Verfolgungssequenzen vermitteln die Erfüllung der Erwartung, dass man bei diesem Film sein Gehirn ruhig auf den energiesparenden Arbeitsmodus stellen darf. Doch diese Ereignisse und Spektakel, jedes Mal kurz unterbrochen von den Tempo lähmenden Dialogen, sind dummerweise keine schlichten Variationen der Bumm-Bumm- oder Peng-Peng-Ausuferungen, welche der idealistischen Haltung der Hirnarbeit verweigernden Filmguckgemeinschaft in die Hände spielen würden. Vielmehr wird durch diesen Film mehr als deutlich, warum Unterhaltung nicht einfach Unterhaltung ist.

Neben dem grausam schlechten Editing und einem dramaturgischen Konzept, das man als regelmäßiger Filmkonsument mehr oder weniger schon auswendig gelernt hat, gibt es in BAD BOYS II auch ein ziemlich fragwürdiges Menschenbild. Selten vergehen zehn Minuten am Stück, in denen wir es nicht mit unheimlichen, dümmlichen oder widerlichen Geschmacklosigkeiten zu tun kriegen. So werden etwa Pistolenkugeln in dumpfer Zeitlupen-Ästhetik gezeigt, und wie diese sich durch Körperteile und Köpfe fressen, damit der Zuschauer den Tod von Menschen auch prima auskosten darf; wir sehen aber auch zum Beispiel, wie die Detectives einem Kleintransporter hinterherjagen, aus welchem Leichen herausfallen, die unsere zwei Recht und Ordnung durchsetzenden Knallköpfe aber nicht kümmern und über die auch drübergefahren werden kann, bevor man sich danach einer auf der Windschutzscheibe gelandeten Leiche mittels pfiffiger Fahrskills entledigt - oder, wenn wir es weniger brutal wollen, können wir einige Minuten später dabei zuschauen, wie sie sich in der Leichenkammer über die großen Brüste einer toten Frau amüsieren.

Doch bekommen wir diese Aufnahmen nicht kontextlos zu sehen, sondern ganz im Zeichen der Coolness - und zu dieser Coolness, wie es uns der Film suggeriert, gehört anscheinend dazu, dass man seine Umwelt nicht ernst nimmt. Die Achtung der Würde bzw. die Aufrechterhaltung des Anstands ist halt eine Schererei und stört, gerade dann, wenn man sich im Kampf gegen Drogenbosse befindet. So könnte man den Film begreifen, der heimlich einen Kreuzzug gegen menschliche Werte zu führen scheint, denn der Mensch wird hier mehrmals eindeutig degradiert und zu einem Objekt gemacht. Es ist allerdings nicht so, dass einzelne Szenen sowie das Coolness-Gehabe an sich zu solch einer deutlichen Kritik führen. Es ist vielmehr die Summe der Teile, die einen hoch­schre­cken lässt. Es kommt allerdings noch erschwerend hinzu, dass hier ein Verhalten von Hütern der Gesetze dargestellt wird, das einfach nicht hinnehmbar ist; nicht, weil es nicht sein darf, sondern weil sie für ihre Verfehlungen nicht bestraft werden, um die Tatsachen noch geschönt auszudrücken.

Denn in Wahrheit wird man in dieser von Bay und seinen Drehbuchschreibern entworfenen Welt für große und kleine Jungs für all den bizarren Buddy-Spaß und für all die diffamierenden Entgleisungen sogar noch belohnt. Will Smith, der den playboyhaften und Sportwagen liebenden Detective Marcus Burnett spielt, darf noch obendrein seine Herzensdame retten und sie als Trophäe einsacken. Frauen, in Hollywood-Produktionen mit klarem Männerüberschuss nicht selten bloß ein schmückendes Beiwerk, haben in BAD BOYS II ohnehin kaum etwas zu sagen und können scheinbar auf nicht auf sich selbst aufpassen. Martin Lawrence als Detective Mike Lowrey kriegt aus diesem Grund auch eines Tages Panik und Bauchweh, schließlich hat seine adoleszente Tochter ein Date. Und weil er nicht dabei sein kann, um aufzupassen, dass alles artig abläuft, knöpft er sich mit seinem Buddy den jungen Mann vor, der sich mit seiner Tochter verabredet hat. Was dann folgt, ist ein Fall für die Anstalt, und wer es nicht gesehen hat, der wird es kaum glauben. Es reichte den Machern scheinbar nicht, die Stelle so zu schreiben, dass dem Jungen nur zivilisiert eingetrichtert wird, dass er beim Treffen seine Hände von dem Mädchen lassen soll. Was wir stattdessen zu sehen bekommen, ist ein Pubertierender, der von zwei erwachsenen Vollidioten fertiggemacht, bedroht und mit Anspielungen verschiedenster Art zum Gehorsam gebracht wird. Auch in dieser Sequenz spiegelt sich das ekelhafte Menschenbild wider, und wie viele andere Sequenzen in diesem Film, erfüllt auch sie keine nennenswerte Funktion - sie ist einfach nur da. Damit wir sehen, was cool sein soll.

Michael Bay hatte ein dickes Budget zur Verfügung und so darf man nicht verwundert sein, dass er es hier ordentlich krachen lässt. Standen für den ersten Teil noch geschätzte 19 Millionen zur Verfügung, durfte die Herstellung von BAD BOYS II etwa 130 Millionen Dollar kosten, was Bay viele Freiheiten gab, die er selbstverständlich nicht ungenutzt sein lassen wollte. Dennoch muss man zugestehen, dass die Macher ihren Film nicht mit Schlachten vollstopften und damit auf Nonstop-Actionkino setzten. Es wird sogar die Anstrengung gemacht, die Beziehung zwischen den Buddy-Cops unglatter sowie realistischer zu machen und sie mit einigen Komplikationen zu konfrontieren, die ihren freund- und partnerschaftlichen Bund auf die Probe stellen. Allerdings bleibt es nur bei einer Anstrengung, denn von markanten Auswirkungen dieser Konfrontationen bleiben Zuschauer und Charaktere natürlich immer verschont. Gar nicht davon zu sprechen, dass sich die Konflikte zum Ende in Luft auflösen und die bewährte "We ride together, wie die together"-Logik fortgeführt wird. Die Schattenseiten dieses misslungenen Verkomplizierungs-Ansatzes bekommt der Zuschauer dann auch ordentlich in der Laufzeit zu spüren, schließlich dauert der Film satte 141 Minuten (147 Minuten in der Originalversion!). So leisten die teils sinnlosen bzw. keinen wirklichen Mehrwert schaffenden Gespräche zwischen den lauten Effektshows also auch ihren üppigen Beitrag zur Folterqualität.

In der fünften Konsolen-Generation (PlayStation, Nintendo 64, Sega Saturn) hat sich in vielen Spielegenres ein bewährtes Muster durchgesetzt, wie ein Game grob gesehen abläuft: wir erledigen eine Mission oder kommen an einem bestimmten Punkt an und schauen uns dann als Belohnung einen Videoclip an, der uns sagt, wie es weitergeht - im besten Fall spinnt er sogar eine Geschichte fort, führt Charaktere ein und wird damit als narratives Element gebraucht. Genauso muss man sich BAD BOYS II vorstellen, wo unseren Augen eine Mission nach der anderen gezeigt und jede einzelne dieser Missionen durch eine Ruhepause abgetrennt wird. In bester Videospiel-Manier schreibt man also in diesen kurzen Unterbrechungen die Handlung fort und aktualisiert oder justiert ihre Elemente, bevor dann eine neue Zielmarkierung gesetzt wird und wir wieder massig Action zu sehen bekommen. Mag sein, dass Bays Film nicht der einzige ist, der nach diesem Prinzip arbeitet, aber so knallhart umgesetzt und völlig auf die Spitze getrieben, wie es hier der Fall ist, habe ich selten oder wahrscheinlich auch noch gar nicht gesehen. Mit diesem Krawallwerk ist wahrlich ein grenzüberschreitender Film gelungen, der jenseits von jenseits von Gut und Böse ist, womit er das Spektrum des Unterhaltungskinos auf eine seltsame Art und Weise dann doch bereichert. Die Entscheidung, ob man diese Bereicherung jedoch gut findet, liegt selbstredend bei jedem selbst.

Auf Abendwegen

Auf Abendwegen
Mario Lacruz

(La tarde, 1955, Spanisch)

Wurde in drei Sprachen übersetzt




In Erinnerungen schwelgen, an die Liebe denken und sich darüber Gedanken machen, wann man denn nun ins familiäre Nest zurückkehrt, weil die Situation das verlangt. David lebt in Barcelona und arbeitet in einem Verlag, scheint darüber hinaus jedoch nicht viel zu tun zu haben. Als ihn der Brief seiner Schwester erreicht, die ihn bittet, nach Figueras, seinem Heimatort, zurückzukommen, um den Familienbetrieb vor dem Ruin zu retten, sieht er sich gezwungen, seinen Alltagstrott aufzugeben. Die Geschichte spielt sich 1935 ab und findet vor dem Hintergrund politischer Unruhen statt, die später zum Spanischen Bürgerkrieg führen sollten. Über die gesellschaftlichen Vorgänge bekommen wir jedoch wenig Informationen, auch deshalb, weil sich der gut betuchte Protagonist David damit kaum auseinandersetzt, da er genug andere Sorgen hat, wie etwa die Entscheidung darüber zu treffen, ob er seiner Familie in der wirtschaftlichen Not unter die Arme greifen soll oder nicht - was für ihn bedeutet, zurück an den Platz seiner Kindheit zurückzukehren und damit Clementina, seine Jugendliebe, wiederzusehen.

Lacruz' Roman wurde nach seinem Erscheinen von spanischen Literaturexperten gelobt und machte den Mann, der vorher vor allen Dingen als Verleger bekannt war, auch als Schriftsteller zu einer wichtigen Marke. Mit der Kraft poetischer Töne ist AUF ABENDWEGEN eine melancholische Erzählung über Stolz und Niedergang, Begehren und Nachlassen, Versammeln und Auseinandergehen geworden, durch die man sich niemals durchkämpfen muss, weil es keine langatmigen Passagen gibt, die der Lesefreude einen Strich durch die Rechnung machen. Mit zwei unterschiedlichen Erzählinstanzen spielend, einer Innen- und einer Außensicht, steht die Figur des David René überdies niemals unter Verdacht, eindimensional geraten zu sein. Allerdings könnte es hierbei die Krux geben, dass man sich als Leser nicht sofort damit anfreunden kann, weil man von anderen Büchern einen unkomplizierteren Stil gewohnt ist. Hat man diese kleine Hürde jedoch genommen, stehen einem die Gedankenreiche des Protagonisten sowie der Blick des auktorialen Erzählers aber vollständig offen, und man kann jeder Enthüllung und Erinnerung perfekt folgen.

"Früher oder später kommt ein Moment, in dem wir zuverlässig wissen, dass die Möglichkeit des Unvorhergesehenen nicht mehr in unserem Leben wirken kann, und von diesem Moment an werden wir alt."

Über Erinnerungen bewegt der Roman das Nichterzählte, das manchmal Verdrängte oder Unausgesprochene an die Oberfläche. Erst nach und nach erfahren wir, was mit einigen der im Roman beschriebenen Personen geschehen ist, von denen wir die meisten erst im letzten Drittel in der Jetztzeit des Buches erleben, da sie für uns vorher vornehmlich nur als Skizzen aus der retrospektiven Sicht Davids vorgestellt wurden. Dennoch nehmen wir von diesen Nebenfiguren selten mal mehr als einen Umriss wahr. Selbst Clementina, die heimliche zweite Hauptfigur des Buches, bleibt hinter den Erwartungen zurück, die man an sie vor dem ersten, nach langer Zeit erfolgten Zusammentreffen zwischen David und ihr gestellt hat. Doch möglicherweise unterwandert gerade David die Erwartungen, weil er die Beziehung anders anpackt, als man es erwartet hat. Er geht am Ende einige Schritte zurück, seine Situation wirkt psychologisch verzwickt, er ist ganz und gar nicht glücklich und trotzdem artet das Buch auf den letzten Seiten nicht in Selbstmitleids-Geflenne aus.

Die Zeitmaschine

Die Zeitmaschine
H. G. Wells

(The Time Machine, 1895, Englisch)

Die erste Zeitmaschine in der Literatur
Ganz schön weit lässt Herr Wells seinen Protagonisten am Ende in der Zeit reisen. Nachdem der Held ohne Namen im Jahr 802.701 landet und dort auf eine sehr unbequeme und pessimistisch stimmende Lebens- sowie Wertekultur trifft, stellt er fest, dass die Maschine, mit welcher er durch die Zeit gereist ist, entwendet wurde und sich nicht mehr dort befindet, wo er sie hingestellt hat, als er ankam. In der neuen Welt stößt er auf ein Miteinander-System zweier Klassen, die sich allerdings nur in der Theorie gegenüberstehen, ansonsten aber nur als Herrscher oder ihrem Schicksal ergebene Sklaven funktionieren. Ohne Sinn für Moralität, aber wie programmiert läuft das Dasein unter den oberirdischen Eloi und den unter der Erde lebenden Morlocks ab. Während die Letztgenannten nach der Erzählung des Protagonisten schwerlich als Menschen zu bezeichnen sind, sind die Eloi eine Klassengesellschaft, der jede intellektuelle Neigung ausgetrieben worden ist oder die überhaupt nie bei ihnen existiert hat.

Wie diese zwei Klassen letztendlich entstanden sind, wird natürlich nie geklärt. Allerdings stellt der Zeitreisende immer wieder Vermutungen über die Umstände an, die dazu geführt haben könnten, dass die Welt in ferner Zukunft so ausschaut, wie er sie sieht. Nach seiner Meinung haben sich die Verhältnisse von Arm und Reich umgedreht, sodass aus der oberen Gesellschaftsschicht eine Gemeinschaft aus Knechten wurde. Einerseits gibt es bei dieser Schlussfolgerung einen nicht zu kleinen Schuss Naivität, da sein Vergleich auf den Zuständen in England kurz vor dem Beginn des 20. Jahrhunderts basiert, welche sich in der Zeit, die bis zum Jahr 802.701 bleibt, natürlich erheblich weiter entwickeln würden. Doch andererseits verlässt schon die gigantomanische Jahreszahl den rationalen Bereich der Wirklichkeitsmessung, weshalb es keinen Grund gibt, Wells Werk des Logikmangels zu bezichtigen. Viel mehr wird durch die Kontinuität einer Gesellschaft, die sich auf ein scheinbar stabiles Zwei-Klassen-Schema verlässt, das zeitgenössische England verdüstert und durch die Umstellung von wohlhabend und nichts habend, von überlegen und unterlegen bitter ironisiert.

"There is no intelligence where there is no change and no need of change." *

H.G. Wells gehört sicherlich zu den geistreichsten und inspirierendsten Schreibern von fantastischen Büchern. Zugleich ist der in DIE ZEITMASCHINE enthaltene Bericht eines intelligenten Erfinders, der seine unglaubliche Geschichte aus dem Jahr 802.701 seinen Freunden und Kollegen erzählt, einer der ersten Versuche in der Literatur, ein dystopisches Klima und die Bedingungen, die man in einer nicht wünschenswerten Welt vorfindet, zu beschreiben. Gegenüber den beiden bekannten Verfilmungen von George Pal bzw. Simon Wells fällt Wells originale Version überdies sowohl reichhaltiger an philosophischen Diskursen als auch an Düsternis aus. Absolut wegweisendes und unverzichtbares Material, nicht nur was das Science-Fiction-Genre betrifft.

(* "Es existiert keine Intelligenz, wo es keine Veränderung und keine Notwendigkeit zur Veränderung gibt.") [freie Übersetzung]