Freitag, 21. Februar 2014

Nachmittag

Nachmittag



Deutschland, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Angela Schanelec
Darsteller: Jirka Zett, Miriam Horwitz

Vater Alex und sein Sohn Konstantin bekommen Besuch in ihrem Haus am See. Irene, Ex-Frau von Alex und Mutter von Konstantin, schaut mit ihrem neuen Geliebten vorbei und Konstantins Freundin Agnes ist ebenfalls gekommen. Doch die Verhältnisse und die differenten Interessen zwischen den verschiedenen Mitgliedern geben es nicht her, dass die Tage in Ruhe und Harmonie verbracht werden können. Stattdessen gibt es Zoff und Meinungsverschiedenheiten.

Die Ruhe vor dem Sturm vor der Ruhe vor dem Sturm

Kommentar: Nur vorsichtig und bloß in wenigen Passagen setzt sich die Kamera in Bewegung, denn Ruhe wird hier als edle Charaktereigenschaft verstanden, weil eine Reglosigkeit die Bewegungen, die aufgenommen werden, spürbarer und authentischer machen kann. Die Regisseurin legt es zwar genau darauf an, geht aber noch einen Schritt weiter, indem sie auch die Bewegungen auf der inhaltlichen Ebene reduziert. Ketten elegischer Bilder ergeben sich daraus, es ist eine sich immer wiederholende Inszenierung der berühmten Ruhe vor dem Sturm. Solch ein relativ spröder Film über die Isolation des Einzelnen in einer Gemeinschaft, die sich zu zerstören beginnt, kreist natürlich immer wieder um die Teilnahmslosigkeit seiner Figuren. Es krankt an der Einstellung, sein Gegenüber nicht nur abzuhandeln, sondern auch tatsächlich innerlich zu berühren, wozu schon ordentliches Zuhören beitragen würde. Stattdessen reden die handelnden Personen oftmals in einer an das Theater angelehnten Sprache aneinander vorbei. So manches Mal fällt die Wortwahl so derart gekünstelt aus, dass man denkt, die betreffende Figur hätte gerade ein Gedicht vorgetragen. "Wenn sie erkannt wird, wird sie schöner", sagt jemand im Film. Diese Person meint damit die Seele, die erst aufblüht, wenn sie ernsthaft wahrgenommen wird. Kann man so stehen lassen.

Wolfsburg

Wolfsburg



Deutschland, 2003
Genre: Drama
Regisseur: Christian Petzold
Darsteller: Benno Fürmann, Nina Hoss

Auf einer Landstraße fährt der Autoverkäufer Philip Gerber ein Kind auf seinem Fahrrad um. Er begeht daraufhin Fahrerflucht. Als seine Frau ihn am nächsten Tag zur Arbeit fährt, nimmt er Polizisten und weitere Einsatzkräfte bei der Unfallstelle wahr. Die Schuldgefühle treiben ihn in das Krankenhaus, in welchem der Junge liegt. Dort trifft er ebenfalls auf die Mutter des Kindes, die er sich allerdings nicht traut anzusprechen. Als er ein paar Wochen später aus dem gemeinsamen Urlaub mit seiner Verlobten wieder zurückkehrt, erfährt er, dass das Kind gestorben ist.

Von dem Gefühl, Verantwortung übernehmen zu müssen

Kommentar: Eigentlich läuft für den Händler Philip, der in einem großen Autohaus sehr gutes Geld verdient, alles wunderbar, denn mit seiner Verlobten beendete er nervige Streitereien und fuhr mit ihr nach der Hochzeit sogar in den gemeinsamen Urlaub. Wäre er bloß nicht an dem Unfall Schuld gewesen, der, wie Philip nach dem Urlaub feststellt, nicht ohne schwere Folgen blieb. Er stellt sich weniger Fragen nach seiner eigenen Position in der Zeit, als der Unfall geschehen ist, sondern zeigt sich eher interessiert für die Möglichkeiten einer Begleichung seiner Schuld. Sein Verantwortungsgefühl meldet ihm Mängel an seiner geistig-seelischen Verfassung und er versucht, diesen Problembericht ernst zu nehmen. Als Zuschauer kann man ihn gar nicht mehr hassen, wenn er sich um die Mutter des Unfallopfers kümmert und sie mit seinen Zuwendungen bereichert. Doch seine Naivität zu glauben, dass das für eine Wiedergutmachung reiche und er narbenfrei davon kommen könnte, grenzt an die Evidenz einer nicht ordentlichen Vermessung der eigenen Zuständigkeit. Oder doch nicht? Wie hätte man selbst gehandelt? Die Bilder sind zwar potent und wirken sehr stark, aber das Drehbuch erzählt nur wenig, was durch den Verfasser zusätzlich konkretisiert wurde. Petzold ist ein Genie, wenn es um Erzählen und Nicht-Erzählen geht. So lässt er seinen Konsumenten in diesem Film die Entdeckungen selbst machen, weil er nur das Nötigste knapp wiedergibt. WOLFSBURG kommt gänzlich ohne vordergründige Wucht aus und lässt erst am Ende, wo es unter anderem zu einer Art Anti-Wiedergutmachung kommt, Musik auf der Tonspur zu.

Montag, 17. Februar 2014

Them

Them (Ils)



Frankreich/Rumänien, 2006
Genre: Horror, Thriller
Regisseur: David Moreau, Xavier Palud
Darsteller: Olivia Bonamy, Michaël Cohen

Die Französin Clémentine lebt und arbeitet als Lehrerin in Rumänien, wo sie mit dem Schriftsteller Lucas zusammenlebt. Eines Nachts steht Clémentine aus dem Bett auf, weil sie vor dem Haus seltsame Geräusche hört. Sie rüttelt Lucas wach, der sich danach das Gelände anschaut und feststellt, dass jemand in Clémentines Wagen ist. Vor seinen Augen fährt jemand den Wagen weg, und als die beiden wieder in das Haus zurückkehren, bemerken sie, dass sich dort Unbekannte befinden.

Ein schwacher letzter Akt

Kommentar: Lange Zeit weiß man nicht, was eigentlich passiert und wohin der Plot noch führen wird. Als ein Pärchen mitten in der Nacht ungebetenen Besuch von mehreren Menschen bekommt, die sich auf illegale Art und Weise Eintritt in die privaten Wohnräume verschaffen, geht eine Jagd los, die vom subjektiven Blick der Kamera zehrt. Wer nämlich die Täter sind, bleibt über weite Strecken unklar. Während manche konventionellen Einbruchsstreifen oftmals so lange wie nur möglich das Motiv der Übertretung ins Private zu verbergen versuchen, spannt THEM den Zuschauer damit auf die Folter, dass es ihn darüber rätseln lässt, wer für den Einbruch zur Rechenschaft gezogen gehört. Mit dem Vergehen der Minuten wächst auch die Furcht vor einer Riesenenttäuschung, schließlich könnte die Auflösung zu Frustrationen führen, falls die Gruppe der Angreifer sich als langweilig entpuppt. Die Täterzugehörigkeit in diesem in Rumänien spielenden Film ist aber noch platter, als der eine oder andere Sichter sie auch sicherlich schon erwartet hat. Das Megaproblem von THEM ist dies allerdings nicht. Schwerer belastet der nur zahme Terror die Story, weil er sich ein wenig wie eine komplette Gegenposition zur bekannten Horrorwelle aus Frankreich ausnimmt. Dem Lexikon des internationalen Films gefällt das natürlich alles, denn solange keine Beine oder Arme abgehackt werden, ist die Welt doch schön. Reizlos ist THEM natürlich nicht, da er auch mit einfachsten Mitteln eine permanente Drohkulisse erschafft. Angesichts des dritten Akts dürften am Ende jedoch trotzdem die meisten ungerührt bleiben.

Funny Games

FUNNY GAMES
Österreich, 1997
Genre: Thriller
Dauer: 104 Minuten

Regisseur: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Darsteller: Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Arno Frisch, Frank Giering, Stefan Clapszynski, Doris Kunstmann, Christoph Bantzer

Ich würde mich durchaus als Gewaltfan bezeichnen und versuche jeder brutalen Erscheinung, die auf den Bildschirmen oder Leinwänden auftaucht, zunächst offen gegenüberzustehen, also vorurteilsfrei. Leider merke ich, dass eine solche Einstellung nicht den gesellschaftlichen Konsens darstellt. Wenn von Mediengewalt gesprochen
wird, dann meint man üblicherweise nur die physische Zerstörung eines Individuums und nicht den Komplex der Gewalt in seiner Ganzheit. Da "Mediengewalt" und ähnliche Schlagwörter derart negativ konnotiert sind, fügen sie schon durch die wiederholte Sprachverwendung jenen Filmen Schaden zu, die Brutalität im körperlichen Sinne zeigen.
Irgendwelche brisant inszenierten Arthausfilmchen, welche psychische Qualen näher bringen und uns Verwüstungen einer Seele durch eine äußere Kraft illustrieren, werden nicht oder kaum als Problem empfunden. Diese sind nämlich schon deshalb durch den Mediendiskurs privilegiert, weil sie das Zeigen und Veranschaulichen offener und harter physischer Gewalt meistens vermeiden. Wenn sich dann ein solcher Film im art house-Stil aber non-konform tatsächlich traut, Verstümmelungen oder übetriebene Aggressionen in seinen Plot aufzunehmen, können ihn Schlagwort-Spezialisten mit Begriffen wie "provokativ" oder "kontrovers" gar nicht genug zuschmeißen, wodurch ihm nichts weiter als ein Anderssein zugeschrieben wird. Die Nachricht ist klar: hier hat einer der "gesellschaftlich wertvollen" Filme gegen eine Abmachung verstoßen. Handelt es sich um einen üblichen Splatterfilm braucht ihn im Diskurs niemand "anders" zu machen, weil er bereits durch kulturelle Prägungen als "anders" bzw. "für die Gesellschaft weniger wertvoll" wahrgenommen wird. Gute Voraussetzungen, um eine offene und neugierige Einstellung gegenüber Gewalt in fiktionaler Umgebung zu entwickeln, werden durch diese und ähnliche Platzzuweiser-Mentalitäten genauso wenig gestellt, wie durch hysterisch oder intellektuell ausformulierten Fragen nach der Schuld. Als ich kurz vor meiner dritten Sichtung von FUNNY GAMES stand - der ersten Sichtung in sieben Jahren! - gab es bei mir durchaus die Hoffnung, einen differenzierten Film über Gewaltgeilheit zu bekommen, der mich zum Nachdenken bringen könnte. Ich hätte gerne der Welt mitgeteilt, dass sich Kritiker von Haneke irren. Dies käme jedoch einer unkritischen Selbstentäußerung gleich, wie ich nach dem letzten Bild feststellen musste. Denn ich empfinde FUNNY GAMES als höchst diskriminierend - sowohl Menschen gegenüber, die bestimmte Darstellungen verputzen, wie auch gegenüber denjenigen, die sie herstellen bzw. anbieten. Ich mag fiktionale Gewalt und sie stellt für mich einen Teil meiner Unterhaltungsoptionen dar. Dafür schäme ich mich kein bisschen und kein erwachsener Mensch braucht seinen Wunsch, krasse Praktiken in der Fiktion erleben zu wollen,  generell zu hinterfragen. FUNNY GAMES lehne ich konsequent ab, weil ich ihn als weiteren Baustein einer kunst- und rezeptionsfeindlichen Agenda sehe, die uns nicht von der (Selbst-)Zensur weg-, sondern zu ihr hinführen will.

In Hanekes Film wird der häusliche, Sicherheit versprechende Rahmen an sich sehr zügig dekonstruiert, wenngleich die Sichtbarkeit der vollständigen Verschiebung von Autoritäten einige Zeit benötigt: Nachdem ein Paar und ihr Sohn bei ihrem Ferienhaus ankommen, welches am See liegt, gibt es einen Konflikt mit zwei jungen Männern, die vermeintlich von den Nachbarn geschickt wurden, um Eier zu holen. Die Männer benehmen sich immer unhöflicher und schlagen, als der Familienvater ihnen die Übergabe der Eier ablehnt, mit einem Golfschläger derart hart auf das Bein, dass er nicht mehr laufen kann. Die Täter gefallen sich darin, die Familie in deren eigenem Haus unter Kontrolle zu halten und mit ihr Spiele zu spielen, die zunächst noch von harmloserer Natur sind, jedoch schnell an Ernsthaftigkeit zunehmen.

Die böse und bisweilen brutale Satire des viel gepriesenen österreichischen Regisseurs stellt im Kern eine Reflexion über die Mediengewalt dar, auch wenn der Film ohne das Verständnis für das Vorhandensein einer selbstreflexiven Ebene ebenfalls funktioniert und seine Zuschauergruppen findet, besonders da er viele Merkmale sowie Motive eines gewöhnlichen Psychothrillers enthält und zudem kompetent inszeniert ist. Er kann aufgrund der sehr brutalen Eroberung des privaten Raums einer kleinen Familie einerseits
verstörend wirken, weil sich die Peiniger und Mörder höchst zynisch verhalten und Empathie ihnen vollkommen fremd ist. Allerdings kann FUNNY GAMES durch seine humoristische Seite, die dem Zuschauer die Stereotypen des gewalttätigen Films aufzuzeigen versucht, auch spontane Lacher ernten. Bekannt ist der experimentelle Psychothriller für seine raumauflösende Strategie, bei der er einen der Killer mehrmals zum Publikum sprechen lässt und dieses somit zu direkten Zeugen oder sogar Mittäter macht. Eine oberflächliche Cleverness kann diesem Werk also kaum abgesprochen werden, und ich respektiere den Regisseur und Autor zumindest für das Wagnis.

Doch was sich hinter dieser im Schlaumeier-Anzug auftretenden Medien- und Konsumkritik verbirgt, ist aus meiner Perspektive so dämlich wie ärgerlich. Herr Haneke befeuert durch FUNNY GAMES nämlich einfach gestrickte und vulgärsoziologische Thesen über die negativen Auswirkungen der Mediengewalt auf die Gesellschaft und möchte auch Begeisterte von fiktionaler Gewalt grundsätzlich kritisieren, indem er sie mit typischen Filmschemata konfrontiert, die er aus irgendeinem Grund als fragwürdig diskreditiert. Das eigene Vergnügen an inszenierter physischer Zerstörung und inszeniertem Leid soll hinterfragt werden, womit die Faszination für die fiktionale Darstellung von brutalen Vorgängen in die Schubladen "schädlich" und "falsch" gepresst wird. Mittels der Durchdringung der vierten Wand soll der Zuschauer zudem noch ein schlechtes Gewissen bekommen, weil er mit diesem Trick als inaktive Figur in einer Handlung implementiert wird, wodurch ihm unterschwellig mitgeteilt wird, sich moralisch minderwertig fühlen zu müssen, da er auf der illusionären Ebene bei den ausgeführten Verbrechen vor Ort ist. Es ist eine Schweinerei, wie der Regisseur mit den Konsumenten umgeht. Die Frage, warum körperliche Gewalt in der Fiktion etwas Schlechtes sein soll, beantwortet er natürlich nicht - muss er auch gar nicht machen. Das erledigen viele Rezipienten des Films, die sich als Steigbügelhalter eines reaktionären Indoktrinationsschmus hergeben, bei dem kulturpessimistische Bildungsbürger gar nicht mehr aufhören können, Freudensprünge zu machen. Danke auch.

Donnerstag, 13. Februar 2014

The Ecstasies of Women

The Ecstasies of Women



USA, 1969
Genre: Komödie, Drama (Softcore, Trash)
Regisseur: Hershell Gordon Lewis (als Mark Hansen)
Darsteller: Walter Camp, Bonnie Clark

Am Abend vor seiner Hochzeit veranstaltet Harry eine Junggesellenfeier in einer Tanzbar. Die fröhlichen Gespräche mit seinen drei Freunden am Tisch und der Anblick der Bühne, auf der zwei Damen halb nackt tanzen, inspirieren ihn dazu, sich an einige seiner vergangenen Abenteuer mit Frauen zu erinnern.

Brüste, die nur ablenken wollen

Kommentar: Nach seiner berüchtigten Gore-Phase kehrte Hershell Gordon Lewis Ende der 60er in das Metier zurück, das ihm seine ersten wirtschaftlichen Erfolge lieferte: die Darstellung nackter weiblicher Brüste. Es gibt in dem 1969 erschienenen Film nur wenige Szenen, die ohne die Präsenz von Frauen auskommen. Diese warten natürlich auch alle körperlich mit gängigen Katalogmaßen auf, was vom dünnen Inhalt, den der Film mitbringt, insbesondere die heterosexuellen Männer ablenken soll. Wie so oft, wenn etwas substanziell als minderwertig verschrien ist, können Teile des Komplexes aber die These, dass es sich hierbei um vollständig anti-intellektuelle Unterhaltung handelt, nicht aufrechterhalten. Allein das Ende des Films offenbart eine Zugehörigkeit zu einer progressiven moralischen und sozialen Auseinandersetzung darüber, wie das Liebes- und Lustleben zu organisieren ist. Protagonist Harry, der sich an vergangene Frauenbekanntschaften zu erinnern beginnt, ist das, was man mittels unschöner Sprachverwendung einen Fotzenmagneten nennen könnte, denn die Frauen steigen bei ihm auch während einer langsamen Fahrt ohne nennenswerte Gründe einfach in sein Auto ein und lassen sich obendrein sogar mit paar lahmen Sprüchen aus der stinkenden Sexistenkiste zum Geschlechtsverkehr in einem gewöhnlich erscheinenden Bett überreden. In den letzten Augenblicken von THE ECSTASIES OF WOMEN erreicht ihn, inspiriert von einer Frauenbekanntschaft, mit der er es gerade getrieben hat, der Gedanke, dass er am nächsten Tag doch nicht heiraten möchte (mit einer Frau, über die wir im ganzen Film nichts erfahren). Wir sehen ihn kurz danach, wie er aus einer Wohnung abhaut und das Filmbild verlässt. Eine Heirat würde zu einer erheblichen Veränderung seines Lebensstils führen und ihn, davon ist er überzeugt, sehr unglücklich machen. Seine Gefühle ließen sich am besten wohl mit einem Spruch aus einem Schiller-Drama paraphrasieren: Mein Geist dürstet nach Kopulationen, mein Atem nach Freiheit. Ob man ihn danach sympathisch findet oder ihn dafür verurteilt, das bleibt dann glücklicherweise jedem selbst überlassen. Aber dass dieser Schlusspunkt nicht Gedanken anregend wäre, können doch nur die meinen, die sich von Brüsten haben ablenken lassen.

Die Männer, die auf des Tigers Schwanz traten

Die Männer, die auf des Tigers Schwanz traten (Tora no O o Fumu Otoko-tachi)



Japan, 1945
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Akira Kurosawa
Darsteller: Denjirō Ōkōchi, Susumu Fujita

Yoshitsune möchte mit sechs Samurai die Grenze nach Kyoto überqueren, da er von seinem Bruder verfolgt wird. Doch an der Grenze stehen Wachen bereit, da die gesuchten Männer dort erwartet werden. Da die Samurai schon als Mönche verkleidet sind, fassen sie den Plan, sich als eine Mönchsgruppe auszugeben, die auf dem Weg zu einem Tempel sei. Yoshitsune übernimmt bei der Maskerade die Rolle des Gepäckträgers.

Es fehlt nicht an Schwung

Kommentar: Zur etwa gleichen Zeit, als auch die Besatzungszeit in Japan im September 1945 ihren Anfang nahm, wurde dieser Film fertiggestellt, welcher auf einem Kabuki-Stück basiert und welchem man seine Theaterherkunft auch ansieht. Zuerst von japanischen Was-man-machen-darf-Spezialisten als viel zu demokratisch diffamiert, konnte das Werk bis 1952 nicht veröffentlicht werden, da die amerikanischen Zensoren lustigerweise befanden, dass der Film Feudalismus verteidige. Die Wahrheit liegt wohl mal wieder irgendwo dazwischen und hätte aufgrund der damaligen Konflikte schwer in das jeweilige Weltbild integriert werden können. In jedem Fall handelt es sich bei DIE MÄNNER, DIE AUF DES TIGERS SCHWANZ TRATEN um einen genialen kleinen Streich, der erst Kurosawas vierter Film war. Das historische Drama, welches im 12. Jahrhundert spielt, handelt von einer gesuchten Männergruppe, die sich im Wald versteckt und eine Grenze passieren will. Um das als heilig erscheinende Land hinter der Grenze betreten zu können, ist es allerdings nötig, die Kontrolleure zu täuschen. Wie Akira Kurosawa mit dieser Bierdeckelgeschichte umgeht, zeugt wahrlich von hoher Finesse im Umgang mit der Filmsprache, sodass aus der Austauschbarkeit der erzählerischen Beschaffung trotzdem noch etwas Originäres erwächst. Neben der positiven Message, dass eine Auflösung sozialer Hierarchien zu einem gemeinschaftlichen Erfolg führen kann, hat mich noch der komödiantische Aspekt beeindruckt, der, obwohl nur durch den Schauspieler Ken'ichi Enomoto personifiziert, entscheidend dazu beiträgt, dass es der Story zu keiner Zeit an Schwung mangelt.

Kidnapped

Kidnapped



Spanien/Frankreich, 2010
Genre: Thriller
Regisseur: Miguel Ángel Vivas
Darsteller: Fernando Cayo, Manuela Vellés

In Madrid zieht eine dreiköpfige Familie neu in ein Haus ein. Den Einzug will man eigentlich am Abend mit einem gemeinsamen Essen feiern, doch eine Bande von drei Männern durchkreuzt diese Pläne, in dem sie in das Haus einbricht und den Familienmitgliedern mit Gewalt droht, falls sie sich gegen die Anordnungen wehren.

Ambitionierter Psychothriller

Kommentar: Wuchtiger Psychothriller, bei dem eine dreiköpfige und sehr wohlhabende Familie um ihr Leben fürchten muss, weil maskierte Einbrecher ins Haus stürzen und ihnen Geld abknöpfen wollen. Der Film bedient die Terrorfilmschiene und traut sich ziemlich oft, Gewalt offen zu zeigen. Zwar verzichtet er am Anfang noch auf das Eindeutigmachen und erinnert deshalb kurioserweise an FUNNY GAMES, doch nach und nach fallen die Beschränkungen bei der Darstellung, was zumindest den dramaturgischen Kurs sehr unterstützt. Von fehlenden Ambitionen lässt sich außerdem schwer sprechen, wenn man sich die Fülle an filmischen Mitteln anschaut, mit denen die Macher den Horror und die Schockzustände zu vermitteln versuchen. Ausschlaggebend für eine etwas unkonventionelle Seherfahrung ist der simultane Ablauf zweier räumlich getrennter Handlungslinien, die in einem Bild dargestellt werden. Dazu gebraucht der Film an zwei Stellen einen Split-Screen-Modus, der über mehrere Minuten lang aufrechterhalten wird und zum Schluss in einem Zusammentreffen beider Stränge endet. Die clevere Nutzung dieses Verfahrens lässt das Intensitätsbarometer teilweise deutlich verrückt spielen und fordert den Zuschauer insofern heraus, als sich dieser zeitgleich mit zwei Bildschirmen auseinandersetzen muss. Trotz solcher formaler Stärken muss sich der Film den Vorwurf gefallen lassen, ein sehr uninspiriertes Ende zu besitzen, wenngleich dieses vom moralischen Standpunkt aus nicht wirklich als doof zu bezeichnen ist.

Montag, 10. Februar 2014

Lady in a Cage

Lady in a Cage



USA, 1964
Genre: Thriller
Regisseur: Walter Grauman
Darsteller: Olivia de Havilland, James Caan

Nachdem ihr Sohn weggefahren ist, benutzt Mrs. Hilyard ihren käfigartigen Fahrstuhl, um nicht mühsam die Treppen hochlaufen zu müssen, da sie körperliche Beschwerden hat. Doch dann, mitten auf dem Aufstieg in die obere Etage, bleibt der Fahrstuhl plötzlich stehen. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als unermüdlich den Alarmknopf zu betätigen, und zu hoffen, dass es jemandem vor ihrem Haus beim Vorbeigehen auffällt. Lange Zeit passiert nichts - doch schließlich fällt ihr auf, dass im Haus herumgeschlichen wird. Unglücklicherweise ist diese Person aber kein bisschen daran interessiert, der älteren Dame zu helfen. Stattdessen richtet der arm und betrunken erscheinende Mann seine Aufmerksamkeit auf die wertvoll erscheinenden Dinge aus dem Haus, die sich später irgendwo verkaufen lassen.

Das gesellschaftliche Desinteresse

Kommentar: Der von Kritikern eher verschmähte LADY IN A CAGE ist ein frühes Beispiel für die Verarbeitung des Motivs home invasion und lässt es an exploitativen Augenblicken nicht mangeln. Es lässt sich nur erahnen, wie sehr die Zuschauer ihn kurz nach seiner Veröffentlichung als verstörend empfanden. Ihm fehlt natürlich die brisant inszenierte Terrorisierung, die den Schrecken in den eigenen vier Wänden eine solch unangenehme Konkretheit gibt, wie man sie eigentlich schon fast gar nicht sehen möchte. Trotzdem kann sich LADY IN A CAGE bis zu einem gewissen Grad auch mit den heutigen Standards ähnlich angelegter Narrationen messen, deren Inhalt wir abstoßend finden. Der Grund dafür ist in erster Linie, dass es sich bei der dargestellten Gewalt in diesem Thriller tatsächlich um rein sinnlose Aktionen handelt, die nur den Showfaktor erhöhen sollen. Er stimmt in den Tenor der filmischen Werke ein, die in den Fünfzigern und Sechzigern eine degenerierte Generation ausmachten und bei ihr ein fehlendes Gefühl für Verantwortung sowie eine nicht der Mehrheitsgesellschaft schmeckende Egal-Haltung diagnostizierten. Obwohl es scheinbar darum geht, die Gleichgültigkeit und die sadistischen Fantasien von drei jungen Menschen zu zeigen, die nichts Spannendes mit ihrem Leben anzufangen wissen, dreht sich eigentlich das gesamte Werk um ein Desinteresse der Gesellschaft, das die Menschen achtlos vor der Interessenlage anderer macht. Auf diese Weise entwickelt sich in LADY IN A CAGE ein unerwartet moralisch mehrdeutiger Verlauf, der sich von der Nummer, dass bloß eine bestimmte Generation sich falsch benimmt und mit Defiziten ausgestattet ist, ein wenig entfremdet. Olivia de Havilland, die im selben Jahr auch in Aldrichs Psychothriller HUSH... HUSH, SWEET CHARLOTTE zu sehen war, wirkt in der Hauptrolle auf engstem Raum sehr souverän, wenngleich das ihre Stimme wiedergebende Voice-over - welches jedoch relativ selten zu hören ist -, zum Schlimmsten gehört, was man von dieser Art der nicht-visuellen Information kriegen kann. Für James Caan war es die erste große Prüfung im Kinogeschäft und er meisterte diese ohne Schwierigkeiten, da man ihm die Figur des lakonischen bad boys jederzeit abkauft.

Cherry Tree Lane

Cherry Tree Lane



UK, 2010
Genre: Thriller
Regisseur: Paul Andrew Williams
Darsteller: Rachael Blake, Tom Butcher

Ein Ehepaar wird eines Abends beim Essen von einem Klingeln an der Tür gestört. Sie werden von drei Jugendlichen überwältigt und geknebelt, die aufgrund der Streitigkeiten mit dem Sohn der Familie eingebrochen sind.

Wie in einer ellenlangen Warteschleife

Kommentar: Eine relativ positive Konstante des Films ist die immer wieder neu konstruierte Unsicherheit über den Verlauf. CHERRY TREE LANE will nicht vorhersehbar oder gefangen in Erzählstrukturen sein und verzichtet deshalb auf sich übertrieben äußernde Spannungen zwischen den Gruppen. Zudem spult der Thriller nicht vor, sondern passt die Dauer der gezeigten Handlung an die reale Zeit an, womit er die Möglichkeit bekommt, einem knallhart psychologischen Realismus zu frönen. Die Chronologie der Handlungen und Diskussionen, die scheinbar bodenständig erzählt wird, erscheint zwar durch den nicht-deterministischen Charakter der Figurenbewegungen realistischer, als man es von herkömmlichen Produkten der härteren Kost kennt, besser ist sie jedoch nicht. Denn man befindet sich durch die zwanghafte und drehbuchtechnisch unausgereifte Realitätsnachbildung als Zuschauer in einer ellenlangen Warteschleife, die sicherlich keinen umbringt, aber bei der der Mehrwert eben auch gegen Null tendiert. Wenn Junggangster aus der Kapuzenpulli-Generation auf eine durchschnittliche Wohlstandsfamilie treffen, dann kann man auch erwarten, dass die sozialkritischen Absichten tatsächlich eine halbwegs durchdachte Bedeutungsebene bekommen und nicht einfach dazu da sind, um zu zeigen, wie abgefuckt es bei einigen gesellschaftlich abgehängten Personen um die Moral steht. Sich eindeutig ins Aus schießt sich der Film aber ohnehin am Ende, wenn er Rachefantasien legitimiert und keine Scheu davor hat, in der letzten Einstellung ein Noch-bin-ich-nicht-fertig anzudeuten.

Samstag, 8. Februar 2014

Das Jahr 2013 aus der Perspektive einer Eule

Nachdem mittlerweile die Welle an Postings, die das Jahr 2013 zusammenfassen, abgeklungen ist, weil sich sowieso niemand mehr dafür interessiert, stelle ich hier nun auch meine Lieblinge vor. Wahrscheinlich hätte ich meine Liste auch früher gepostet, aber weil ich einiges aus dem thematisierten DVD- und Kinojahr nachholen musste, hielt ich mich zurück. Man will sich schließlich nicht blamieren. Das ist eben das Schöne daran, wenn Listen schon sehr früh fertiggestellt werden - dann können nämlich solche Dauerzuspätkommer und Versager wie ich davon profitieren!

Die TOP 10 der besten Filme, die auf irgendeine Art und Weise im Jahr 2013 zum ersten Mal erschienen sind (der deutsche Kinostart ist das wichtigste Kriterium und hat am meisten Gewicht, wobei auch - wie im Fall von LE PASSÉ - der amerikanische gelten kann, einfach deshalb, weil ich den Film so super fand; andere Kriterien: DVD-Termin in Deutschland, Festival- oder Kinopremieren bei Filmen, die in Deutschland weder für den DVD/Bluray-Markt noch für das Kino angekündigt wurden (unabhänig vom Ort der Premiere))

1. Le passé – Das Vergangene (F/I 2013, Asghar Farhadi)


Ein Drama, das sich wie ein Kriminalfilm anfühlt. Typisch bei Farhadi. Schon unglaublich, was dieser Mann für unfassbar geniale Drehbücher schreibt und verfilmt. Absolute Chefetage.

2. Kindsköpfe 2 (US 2013, Dennis Dugan)


Auf dem ersten Platz zu landen, hätte es dieses fast dadaistische und ziemlich schräge Gag-Feuerwerk ja irgendwie schon verdient. Die allgemeine Wertschätzung für diesen Film tendiert, wen überrascht es, ohnehin gegen Null. Aber das Ding von Farhadi war halt knapp besser.

3. Der Fremde am See (F 2013, Alain Guiraudie)


Über die Suche nach Liebe und ihre Abgründe. Wenn nackte Körper und Sex im Film auf eine interessante Geschichte treffen, dann kann ich mich dafür grundsätzlich begeistern. Guiraudies erotisches Krimi-Drama  erzeugt aber auch eine sehr unheimliche Stimmung.

4. A Story of Yonosuke (J 2013, Shûichi Okita)


Zwischen Wohlfühlfilm und ernster Coming-of-Age-Erzählung angelegtes Stück, das durch seine sympathischen und oftmals drolligen Figuren die Zuschauer schnell herumkriegt. Die fragmentarische Struktur und einige Zeitsprünge sorgen in dem 160 Minuten langen Streifen dafür, dass man hin und wieder mal auch verblüfft wirkt.

5. You're Next (US 2011, Adam Wingard)


Home-Invasion-Splatter trifft auf Familiendrama. Toll gefilmter Horror, der mit subtilem Humor aufwartet und dessen Titel schon die gnadenlose Einer-nach-dem-anderen-Ordnung vorwegnimmt. Und wenn ich gnadenlos schreibe, dann meine ich das selbstverständlich auch so.

6. Oslo, 31. August (N 2011, Joachim Trier)


Ein Beobachtungsfilm, der niemals kühl inszeniert wirkt, sondern sich sogar manchmal als sehr gestaltungsreich erweist. Ein bisschen das Porträt einer Generation, ein bisschen das Werk über die Freiheit, die Hoffnung verlieren zu dürfen.

7. Tokyo Family (J 2013, Yôji Yamada)


Die Neuverfilmung des Ozu-Klassikers DIE REISE NACH TOKIO ist meisterhaft geworden, auch weil Regisseur Yôji Yamada inszenatorisch lockerer an die Sache herangeht und der Geschichte, die sich nur in wenigen Punkten vom Originalablauf unterscheidet, einen neuen Charme verleiht. Das nenne ich ein gutes Remake, denn davon haben nicht nur Menschen mit einem ausgeprägten Schwarz-Weiß-Hass etwas.

8. Spring Breakers (US 2012, Harmony Korine)


Die Abrechnung mit der Spaß- und Konsumkultur ist höchst gelungen und bildet Korines bis dato wichtigstes Werk. 

9. Nobody’s Daughter Haewon (KOR 2013, Sang-soo Hong)


Ein Film, der geradezu an einem vorbeirauscht, so unwirklich fühlt sich die Spielzeit an. Allerdings gibt er nicht viele Erklärungen zu der Hauptfigur preis und ist deshalb auch in erster Linie für Zuschauer zu empfehlen, die nichts gegen Storys mit starkem Puzzlecharakter haben.

10. Caught in the Web (VRC 2012, Kaige Chen)


Den Einfluss der modernen Medien auf das alltägliche Leben in China thematisiert Kaige Chen klug, weil er ihren Einfluss nicht verdammt, sondern die Gesellschaft an sich kritisiert. 

Weitere fünf empfehlenswerte Filme:

- World War Z (US 2013, Marc Foster)
- Paradies: Glaube (A/D/F 2012, Ulrich Seidl)
- Texas Chainsaw 3D (US 2013, John Luessenhop)
- The Act of Killing (DK/N/UK 2012, Joshua Oppenheimer)
- Watchtower (TR/F/D 2012, Pelin Esmer)

Trockenste Statistik:

Filme insgesamt gesehen: ca. 350
davon zum ersten Mal gesichtet: 304 (Rekord 2012: 361)

Filmreichster Sichtungsmonat: Juli (42 Filme)
Filmärmster Sichtungsmonat: September (7 Filme)

Die fünf besten erstmals geliebten Regisseure/Regiesseurinnen:

- Boris Barnet
- Frank Capra
- Robert Aldrich
- Nagisa Ōshima
- Yeşim Ustaoğlu

Die TOP 5 der erfreulichsten Neusichtungen:

1. Land of the Dead (US/F/CDN 2005, George A. Romero)
2. Fight Club (US/D 1999, David Fincher)
3. Blinde Wut (US 1936, Fritz Lang)
4. Pontypool (CDN 2008, Bruce McDonald)
5. Der Pate (US 1972, Francis Ford Coppola)

Die TOP 10 der Filme, die ich 2013 zum ersten Mal gesehen habe:

1. Aufstieg (SU 1976, Larisa Shepitko)
2. Hayat Var (TR 2008, Reha Erdem)
3. Peeping Tom (GB 1960, Michael Powell)
4. Reise zur Sonne(TR/NL/D 1999, Yeşim Ustaoğlu)
5. Die große Illusion (FR 1937, Jean Renoir)
6. Gorod Zero (SU 1989, Karen Shakhnazarov)
7. By the Bluest of Seas (SU 1936, Boris Barnet)
8. Sanjuro (J 1962, Akira Kurosawa)
9. Meshes of the Afternoon (US 1943, Maya Deren)
10. Cosmopolis (US 2012, David Cronenberg)