Montag, 31. März 2014

Änderungen ab April 2014

Nicht mehr lange, dann wird dieses Blog schon drei Jahre alt. Da wäre es irgendwie langweilig, wenn alles beim Alten bleiben würde. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, den Stil der Standardeinträge über Filme zu verändern. Grundsätzlich werden mehr Bilder zu sehen sein und die Texte mehr Details enthalten (Ausnahmen werden die Regel bestätigen). Der Name des Blogeintrags wird bei "ausländischen" Produktionen nicht mehr den deutschen Titel enthalten, sondern den Originaltitel (plus das Produktions- bzw. Veröffentlichungsjahr), wenn notwendig in transliterierter Form. Die für dieses Blog typischen kurzen Tagebucheinträge wird es in dieser Form nicht mehr geben. Kurze Texte erscheinen nur noch in Sammelbeiträgen, wie zum Beispiel bei "Drei Filme von Jesús Franco: Eugenie De Sade / Vampyros Lesbos/ Frauen für Zellenblock 9" oder in der Reihe "Sind Filme nicht schön?". Jetzt könnte man verdutzt schauen und sich fragen, ob das schon alles ist. Nein, denn das wäre wirklich ein bisschen zu billig. In den nächsten Wochen wird sogar noch das obere Bild ausgetauscht und gegen ein neues ersetzt! Vielleicht irgendetwas mit mehr Farben?

Ich bedanke mich bei allen Lesern und Herumschleichern. In drei Jahren wird es hier ganz sicher wieder ähnlich gewaltige und revolutionäre Veränderungen geben. :)

Eule.

Schastye (1935)

Im Jahr 1935 gab es immer noch Regionen auf der Welt, in denen die Produktion von Stummfilmen einfach noch kein Ende nehmen wollte - in der Sowjetunion beispielsweise. Dort brach unter der Einwirkung des Stalinismus die kreative Filmkunstszene zwar nicht zusammen, wurde jedoch ab 1932 durch die Forderung nach einem sozialistischen Realismus, der auch andere Kunstgattungen betraf, massiv eingeschränkt. Stark formalistische Werke wie die von Eisenstein oder Wertow waren fortan nicht mehr möglich, weil sie nicht den Anforderungen des Massengeschmacks genügten und deshalb abgewürgt werden mussten. So erklärt sich auch, warum die Sowjetunion für die Filmgeschichtsschreibung, nach den vitalen und Innovationen hervorbringenden goldenen Zwanzigern, erst nach dem Tod Stalins einigermaßen wieder relevant wurde. Dass aber die ideologisch motivierte Beschneidung der Filmemacher die Herstellung qualitativer Werke von vornherein verhinderte, ist natürlich grundlegend falsch, wie man am Beispiel von SCHASTYE sehen kann.


In diesem wunderbar ideenreichen Film porträtiert Regisseur Aleksandr Medvedkin den glücklosen und vom Schicksal gebeutelten Bauer Khmyr, der verschiedene Versuche unternimmt, um bisschen Glück und inneren Frieden im Leben zu finden. Medvedkins Humor kommt dabei eher absurd denn ulkig daher, enthält hier und da Keaton- wie Chaplin-Anleihen und vermittelt gelegentlich das Gefühl, satirische Überzeichnungen zu enthalten. Vor allen Dingen bleibt aber das Komödiantische durch kreative Einfälle stets lebendig, sei es durch massive Übertreibungen oder ungewöhnliche Umkehrungen. Zu dieser Stärke des Skripts gesellt sich ebenfalls die visuelle Qualität, die gewiss nur selten die assoziativen und herausfordernden Schnittfolgen der sowjetischen Altmeister hervorbringt, dafür aber sich ins Gehirn fressende Bilder von Bauernfeldern produziert, auf welchen der Kampf um das Mindestmaß an Wohlstand stattfindet. Es scheint dem Regisseur überdies gelungen zu sein, die profunde visuelle Sprache der prä-stalinistischen Ära bis zu einem gewissen Grad zu bewahren und sie mit den Trivialisierungswünschen der Kommunistischen Partei zu vermischen, denn ansonsten hätte dieser fantastische, kluge Film wohl nie das Licht der Welt erblicken können.


SCHASTYE (Deutscher Titel: DAS GLÜCK)
Regisseur: Alexander Medvedkin
Sowjetunion 1935

Die Brüder Karamasow

Die Brüder Karamasow
Fjodor Dostojewski

(Brat’ja Karamazovy, 1880, Russisch)

Inhalt: 12 große Kapitel und 1 Epilog
Es gibt keinen Zweifel, DIE BRÜDER KARAMASOW ist Weltliteratur. Ein Schatz für alle Zeit, für Literaturgeschichte und Literaturgegenwart. In dem Buch geht es um die Familie Karamasow - den genusssüchtigen und lüsternen Vater Fjodor Pawlowitsch und seine Söhne: den leidenschaftlichen Soldaten Dmitrij, den Intellektuellen Iwan und den Gläubigen, dem Kloster beigetretenen Aljoscha. Das Hauptmotiv der Handlung bildet der Mord an Fjodor Pawlowitsch, ein Vatermord, den der älteste Sohn Dmitrij verrichtet haben soll.

DIE BRÜDER KARAMASOW ist ein so umfassendes, solch vor inhaltlicher Gewalt platzendes Werk, dass berichtende Worte, die dieses Buch als Gegenstand haben, eigentlich nur scheitern können. Wie detailliert und präzise Dostojewskij Menschen und ihre gesamte Umgebung beschreibt, wie er die Verhaltensweisen verschiedener russischer Personengruppen in eine dramatische Familiengeschichte eingliedert, zwischen unterschiedlichen Handlungssträngen hin und her springt, mit realistischer Schärfe die politischen und sozialen Schwierigkeiten eines reformbedürftigen Staates anspricht, ist meisterhaft und breitet sich auf 1000 Seiten in solch einer Art und Weise aus, als basierten diese nicht auf den faszinierenden Gedanken eines Schreibers, sondern der waschechten Realität. Es ist ein Buch über die russische Seele und über Dostojewskij selbst. Vielleicht erfährt auch deshalb die Psyche und Moral der drei Söhne eine so überaus perfekte und spürbare Tiefe im Roman. Dostojewskij projizierte seine verschiedenen Einstellungen und Lebensstationen auf die Figuren, sodass jede der Söhne einen wichtigen Kern des Schriftstellers in sich trägt.

"Sogar, wenn nur eine einzige gute Erinnerung in unseren Herzen bleibt, kann sie irgendwann einmal unsere Rettung sein."

Der in Moskau geborene Schriftsteller schob in eine aus verschiedenen kleinen Handlungen gewobene Geschichte ebenfalls noch eine sensationelle kurze Erzählung mit ein. In dieser kritisiert er mittels der Figur Iwan die Kirche und stellt sie als eine seit Jahren existierende Art Sklaveninstitution dar, die im Namen des Herrn agiert. Außerdem vermerkt er, dass der Mensch kein sauberes und reines Wesen ist, ihm vor allen Dingen die Nächstenliebe einen Ausweg aus der menschlichen Dreckigkeit bieten kann. Vermittelt werden diese Gedanken durch den vom Alter her mittleren Sohn Iwan, der Aljoscha eine selbst geschriebene, in Spanien des Jahres 1555 spielende Legende vom Großinquisitor erzählt. Dass der gesamte Roman oft mit dem Siegel Kriminalroman ausgezeichnet wird, ist auch aufgrund solcher Einschübe ein doch seltsamer Akt der Schubladenaufmacherei. Doch was haben meine krummen und schlecht geölten Sätze schon für einen Wert?

Drei Filme von Jesús Franco: Eugenie De Sade / Vampyros Lesbos/ Frauen für Zellenblock 9


 EUGENIE DE SADE (OT: EUGÉNIE)

Eugenie fängt an, sexuelle Gefühle für ihren Stiefvater zu empfinden, der Autor mehrerer erotischer Bücher ist. Der Stiefvater merkt dies und nutzt die Situation aus, um seine Tochter für seine perversen Verbrechen als Partnerin zu gewinnen. Die beiden reisen durch Europa und ermorden mehrere junge Frauen. Als Eugenie sich jedoch mit einem Mann trifft, den sie zunächst verführen und danach töten soll, verliebt sie sich in ihn und entdeckt, dass ihr Stiefvater sie nur instrumentalisiert hat und sie unfrei ist. Das Projekt glänzt mit den für den Regisseur oftmals typischen hypnoseartigen Aufnahmen und geizt nicht mit nackter Haut. Dennoch ist die letzte halbe Stunde etwas zäh geworden, was sicherlich daran liegt, dass der Inhalt dort an Charme einbüßt und der Prozess der Geschichte insgesamt stagniert.


 VAMPYROS LESBOS

Eine sexuell eingeschränkte und unbefriedigte Anwältin träumt von homoerotischen Spielen mit einer anderen Frau. Als sie sich zwecks eines beruflichen Auftrages mit einer Gräfin trifft, merkt sie, dass diese Frau dieselbe ist, mit der sie auch in ihren Schlaffantasien verkehrt. Ein malerischer Ort in der Türkei als Hintergrund, knapp verhüllte oder gar offen zur Schau gestellte körperliche Reize und eine der Popkultur entnommene Horrorgestalt, die hier jedoch zugunsten der starken Fokussierung auf die weibliche Erotik verformt wird, legen die Werte des Exploitationkinos frei, heben den Blick auf die seriösen Merkmale aber keineswegs auf. Denn in diesem weniger gruseligen, sondern strikt erotischen Thriller, kann man mehr Sein als Schein vorfinden, mehr Bedeutung als nur Behauptung herauslesen. Der spekulative Charakter des Films nimmt deshalb nur eine Außenseiterstellung ein, während den schwelgerischen, surrealen Bildern, die Phantasmen und Realitäten zeichnen, die Kraft innewohnt, den Zuschauer an duften Plätzen abzusetzen. Titten sowie Blut sprechen zwar auch die Sprache des Films und können uns deswegen ansprechen, anstatt negativ aufzufallen, aber die Aufmerksamkeit bekommt vor allem das Verträumte und manchmalt Weltentrückte. Der Ton des Verlorenen und Weggenommenen senkt sich wie eine riesige Wolke über die Figuren und verharrt in ihrer Position, von wo sie sich bis zum Ende auch nicht mehr entfernt. Zwischen Kunst und Schund pendelnd, erzählt der Film, der mit seinem Titel schon überdeutlich auf den Inhalt weist, von der Sehnsucht nach sexueller Erfüllung und den Kosten, die man dafür in Kauf nehmen muss, wenn diese Sehnsucht mit der emotionalen und körperlichen Bindung zu einem Vampirwesen befriedigt wird.

FRAUEN FÜR ZELLENBLOCK 9

Aufgrund des Verdachts, mit einer unerwünschten Untergrundbewegung zusammenzuarbeiten, werden mehrere Frauen an einem Kontrollpunkt verhaftet und in den berüchtigten Zellenblock 9 gebracht, wo sie von einem sadistischen Doktor gefoltert werden. Ein sehr düsterer Film, dessen Geschichte in einer Urwaldgegend spielt, die in mehreren Einstellungen auch sehr schön eingefangen wurde. Zuerst wie ein Standard-Frauengefängnisfilm wirkend, entfaltet sich aus der unkomplizierten Anordnung eine Ausbruchsstory, die es in den letzten Minuten in sich hat. Es gibt eine sehr schöne Szene in dem Film, die mich komplett umgehauen hat: Nachdem vier Frauen einen Wärter überlistet haben, flüchten sie über einen See, in welchem sie recht knapp einigen hungrig aussehenden Krokodilen entkommen können. Doch daraufhin entfernen sie sich nicht blitzschnell vom Ufer, sondern ruhen sich auf dem sandigen Rand des Sees aus, wo sie zunächst die Sonne auf ihre makellosen Körper scheinen lassen. Die Struktur einer Koexistenz von Risiko und Seelenfrieden kommt hier zum Vorschein, aber vor allen Dingen gesteht Regisseur und Drehbuchautor Franco dadurch seinen Figuren eine Auszeit in einem furchtbar knallharten Umfeld zu. Welch eine wundervolle humane Geste.

Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe

Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (L'uccello dalle piume di cristallo)



Italien/Deutschland,1970
Genre: Thriller, Kriminalfilm
Regisseur: Dario Argento
Darsteller: Tony Musante, Suzy Kendall

Als der Amerikaner Sam Dalmas in Rom nachts auf den Straßen unterwegs ist, sieht er durch die Glasscheibe einer Kunstgalerie, wie dort eine Frau von einem im schwarzen Regenmantel gekleideten Mann angegriffen wird. Sam greift ein und verscheucht auf diese Weise den Angreifer.

Das Debüt

Kommentar: Ein Mann wird zufällig Zeuge eines versuchten Mordes in einer Kunstgalerie, wodurch er sich wertvoll für die Polizeiarbeit macht. Deshalb darf der amerikanische Schriftsteller, der eigentlich in Kürze Italien wieder verlassen wollte, nicht aus dem Land raus. Da das Nichtstun dem Amerikaner wenig nutzen würde, stellt er aus eigener Initiative Ermittlungen an und muss daraufhin feststellen, dass er selbst in Gefahr ist. Argentos Regiedebüt ist als solches für den ungeübten und unwissenden Zuschauer wahrscheinlich wenig zu erkennen, denn die Inszenierung ist alles andere als arm an noblen Einfällen, sodass man den Eindruck bekommt, einem Veteranen bei seinem Hanswerk zuzuschauen. Das kommt eben daher, dass Bild und Ton eine enorme Ausdrucksstärke besitzen, welche bei Anfängern für gewöhnlich nur in geringem Maße auftritt. Doch wer die späteren Filme des Italieners gesehen hat, wird Bescheid wissen, dass L'UCCELO DALLE PIUME DI CRISTALLO inszenatorisch noch relativ plump ist, wenn man den Streifen mit SUSPIRIA oder PROFONDO vergleicht. Genau genommen sind es die Mordsequenzen, denen Spirit und Brillanz fehlen. Doch die stellen bekanntlich einen wichtigen Kern in den Kriminalfilmen dar, der schwarze Handschuhe als Erkennungsmerkmal des Bösen angibt. So ist das Spiel mit Mordwerkzeug und Opfern, die um Leib sowie Leben fürchten eine fast schon standardisierte Darbietung, die allzu viele Feinheiten vermissen lässt, was den ein oder anderen enttäuschen könnte. Weil DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE aber ansonsten inszenatorisch sicher daherkommt, eine sehr interessante Ausgangssituation mitbringt und einen Protagonisten aufführt, der einem Hitchcock-Film entnommen sein könnte, gibt es keine ernsthaften Entschuldigungen dafür, ihn sich nicht anzuschauen.

Samstag, 29. März 2014

Jumper

Jumper
Steven Gould

(Jumper, 1992, Englisch)

2004 erschien der Nachfolger
Als ihn sein Vater wieder einmal verhauen will, weil er den Rasen nicht gemäht hat, findet sich der junge David Rice plötzlich in einer Bibliothek wieder. Später, als ihn ein Trucker mitnimmt und ihn zu einem abgelegenen Ort bringt, an dem er ihn mit seinen Kollegen sexuell missbrauchen will, passiert es ein weiteres Mal, dass David aus einer unangenehmen Situation ohne Konsequenzen verschwinden kann. Er findet schnell heraus, dass er sich teleportieren kann und die Gabe hat, an jedem möglichen Ort, den er besucht hat und der in seinem Kopf abgespeichert ist, aufzutauchen. Von seinem alleinerziehenden und ständig betrunkenen Vater endgültig losgerissen, verbringt David die erste Zeit in einem Hotelzimmer in New York. Da er ohne Sozialversicherungsnummer keine Möglichkeit hat, eine Arbeit zu bekommen, plündert er mithilfe seiner neu entdeckten Fähigkeiten eine Bank aus. Im Verlauf des Buches entwickelt sich eine Beziehung zwischen ihm und einer etwas älteren Frau namens Millie, die er im Theater kennenlernt. Erst als David in Schwierigkeiten gerät, erzählt er seiner Freundin die ganze Wahrheit über sich und sein Talent, sich ohne Zeitverzögerung oder Hilfsgegenstände von einem Ort zum anderen teleportieren zu können.

JUMPER ist der erste Roman von Steven Gould, der noch weitere Bücher geschrieben hat, die dem Genre Science-Fiction zuzuordnen sind. Die Erwartungen, die die ersten 100 Seiten aktivieren, können im zweiten Drittel allerdings nicht erfüllt werden. So bleibt Gould über mehrere Kapitel an den gleichen Konflikten, Problemen und Prämissen hängen, baut einen Kreativität vermissenden Plot über Davids Suche nach einem weltbekannten Terroristen ein, der für den grausamen Tod seiner Mutter verantwortlich sein soll, und zieht die Geschichte am Ende merkbar in die Länge, anstatt sie entschieden abzuschließen. Das Motiv der Rache, welches im Verlauf als ein omnipräsentes Element auffällt, wird zwar auch vom moralischen Standpunkt hinterfragt und sorgt somit für eine kognitive Beschäftigung, anstatt nur aus dem emotionalen Blickwinkel betrachtet zu werden, allein das entschuldigt aber nicht die übermäßige Vertiefung des Hin-und-her-Kampfes der Hauptfigur gegen Terroristen einerseits und die NSA (National Security Agency) andererseits.

"I could grab him, jump to the top of the Empire State Building, and drop him over the edge." *

Letztlich scheint mir der politische Einschlag des Buches nicht gerade von Inspirationen getragen zu sein und macht das Buch nur noch formelhafter. Dabei hat der Anfang damit noch gar nichts gemein, denn hier wird David auf seine Fähigkeit aufmerksam, lernt, wie er mit ihr umgehen muss, und erlebt überhaupt eine aufregende Sache nach der nächsten. Wenn sich die generelle Unerfahrenheit des Protagonisten mit dessen trial-and-error-Phase vermischt, dann lässt sich über die Aktivitäten sogar leicht schmunzeln. In der Ich-Perspektive geschrieben, nehmen die Gedanken von David einen großen Platz des Buches, besonders der ersten Hälfte ein. So stellt er sich zum Beispiel die Frage, ob es noch weitere Menschen gibt, die die Raumgrenzen ohne physischen Aufwand bewältigen können, und ob diese für gewisse politische Vereinigungen als Spione tätig sind. Trotz des Reichtums an Handlungsoptionen bleibt der sich als Außenseiter fühlende Mann auf dem Boden und bekommt schon wegen Kleinigkeiten große Schuldgefühle, die ihn erbärmlich erscheinen ließen, wenn da nicht eine durchdacht zusammengefasste Psychologie dahinter stecken würde, die David zu einem Antihelden mit superheldentypischer Qualifikation macht.

(* "Ich könnte ihn packen, danach auf das Empire State Building springen und ihn von der Dachkante werfen.") [freie Übersetzung]   

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Robert Musil

(Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, 1906, Deutsch)

Wurde von Schlöndorff verfilmt
Über die Verwirrungen eines Pubertierenden handelt das 1906 erschienene Buch, welches auch die demütigenden Praktiken von Jugendlichen in einer militärischen Bildungsanstalt untersucht. Robert Musil bettet seine eigene Erfahrungen aus einem Erziehungsinstitut in die teils feinfühlige, teils brutale Handlung ein und schafft es in diesem Erstlingswerk den Leser mit einem beeindruckenden und hypnotischen Schreibstil zu fesseln sowie innere Vorgänge des Protagonisten auf eine sensible Art einzufangen.

Die düstere Coming-of-Age-Geschichte beginnt am Bahnhof. Törleß und seine Eltern warten auf einen Zug. Dieser soll den Sohn zurück zu einer Erziehungsanstalt bringen, einem Konvikt, wo Törleß sich schon seit vier Jahren aufhält, da die dort erhaltene Ausbildung eine tolle Zukunft verspricht. Dann spult Musil zurück und beleuchtet die Anfangszeit von Törleß und berichtet über das anfängliche Heimweh, welches eigentlich überhaupt keines ist. Denn Törleß leidet unter einer Leere, die er nicht ausfüllen kann. Der in sich gekehrte Knabe verschwindet in seinen konfusen Gedanken, sieht neben der realen Welt noch eine zweite, und merkt schnell, dass er solche ungewöhnlichen Emotionen exklusiv empfindet. Als aufgrund eines Diebstahls der schwächliche und sozial schlecht gestellte Basini von zwei Schülern körperlich und seelisch gedemütigt wird, trifft Törleß der feurige Gedanke, dass der Schüler Basini möglicherweise die Antwort auf all seine Fragen ist.

"Und zwischen dem Leben, dass man lebt, und dem Leben, dass man fühlt, ahnt, von ferne sieht, liegt wie ein enges Tor die unsichtbare Grenze, in dem sich die Bilder der Ereignisse zusammendrücken müssen, um in den Menschen einzugehen."

Diese subtile Pubertätsstudie spricht den Zusammenhang zwischen Individuum und der Gruppe an. Überordnung, Unterordnung - Macht, Schwäche. Es gilt, die Balance zu suchen, zwischen individuellem Freiraum und kollektivem Bewusstsein. Doch dieses "Suchen" wird für Törleß zu einer Aufladung mystischer Gedanken, die sehr weit über die angesprochene "Einzelner vs. Gesellschaft"-Problematik hinausgeht. Und je mehr er sich lebhaft in seinen Verwirrungen verheddert, teilweise scheint er sich sogar im Kreis zu drehen, je mehr er wiederholend die Unwissenheit über seine gedankliche Lage bestätigt, desto greifbarer ist sein Zustand. Zu diesem Zweck wählte Musil wahrscheinlich auch eine repetitive Art, der Leser sollte auf diese Weise von den schwierigen und höchst komplexen Empfindungen emotionalisiert werden. Viele Aktionen von dem jungen Mann, der auf der Suche nach sich selbst ist, verabscheut man zutiefst, doch die Person selbst zu verabscheuen, dürfte angesichts dieses klugen psychologischen Profils nicht einfach werden.

Samstag, 8. März 2014

Bates Motel - Staffel 1

Bates Motel
USA, 2013 - ????
Umfang: ? Staffeln (?? Episoden)
Genre: Drama, Thriller
Idee: Carlton Cuse, Kerry Ehrin, Anthony Cipriano


Nach dem Tod ihres Mannes zieht Norma Bates mit ihrem Sohn Norman nach White Pine Bay, einer kleinen Stadt in Oregon, um ihr altes Leben hinter sich zu lassen und einen Neustart zu wagen. Dort übernimmt sie ein Motel und muss zu ihrem Bedauern feststellen, dass das Städtchen gar nicht so unschuldig ist. Glücklicherweise hat sie Norman bei sich, zu dem sie ein besonderes Mutter-Sohn-Verhältnis entwickelt hat. Doch kann sie sich deshalb auch stets auf ihn verlassen?


BATES MOTEL erzählt die Vorgeschichte des Slasher-Meilensteins PSYCHO, der auf einem Roman von Robert Bloch basiert und von Alfred Hitchcock realisiert wurde. Die Motivation der Serienmacher speist sich allerdings nicht aus dem Interesse, dem Film zu huldigen, sondern einige seiner Elemente zu gebrauchen, um die ungewöhnliche Mutter-Sohn-Verbindung genauer unter die Lupe zu nehmen und eine Interpretation dafür zu liefern, warum aus dem jugendlichen Norman Bates später der Norman Bates wurde, wie man ihn im Film erlebt. Wer hier direkte Anklänge an Hitchcock erwartet, der bekommt tatsächlich eins übergebraten. Die Serie spielt übrigens auch nicht in den 30ern, 40ern oder 50ern, wie es zeitlich eigentlich korrekt wäre, wenn sich die Macher zu streng an der Vorlage orientiert hätten. Stattdessen verlagerte man die Handlung in die heutige Zeit und legte somit weitere Ketten ab. Aber funktioniert das auch alles? Will man eine Serie über die starke Beziehung des Sohnes zur Mutter und umgekehrt überhaupt sehen?

Nach der Sichtung der ersten zehn Folgen, die im Frühjahr 2013 auf dem privaten US-amerikanischen Sender A&E erstausgestrahlt wurden, lautet die Antwort darauf eindeutig 'ja', weil die Serie auf clevere Weise mit Erwartungen zu spielen weiß und eine Familie in den Blickpunkt rückt, die so zerbrechlich wie massiv ist. An leichten Mängeln, wie etwa den nicht immer schlüssigen Entscheidungen der Charaktere, die ansonsten sehr realistisch gezeichnet sind, oder einigen küchenpsychologischen Erklärungen, sollte man sich auch nicht zu heftig stoßen, wollen die Drehbücher doch DIE SOPRANOS oder THE WIRE keine Konkurrenz machen. Dass BATES MOTEL mehrere Identitäten aufzuweisen hat und keine von ihnen störend erscheint, spricht für das Konzept und den richtigen Weg der Beteiligten. So werden Menschen, die ein Faible für die Unheimlichkeit in Mysterythrillern haben, hier genauso gut bedient, wie diejenigen, die aufgrund ihrer Konsumleidenschaft auf Familiendramen abfahren. Und Spannungsjunkies, die kommen ebenfalls nicht zu kurz.

Alles beginnt damit, dass Norma Bates mit ihrem Sohn in einen neuen Wohnort zieht, eine Kleinstadt in Oregon, und dort ein Motel kauft, welches ihr das Einkommen sichern soll. Damit ist der ehemalige Besitzer aber gar nicht einverstanden. Er bricht eines Abends in das eingerichtete Haus ein, welches unweit von der Motelanlage liegt, und vergewaltigt Norma, bis Sohn Norman Bates wieder von einer Party nach Hause zurückkehrt und den Mann niederschlägt. Weil dieser im weiteren Verlauf Norma allerdings provoziert, tötet sie ihn, indem sie mit einem Küchenmesser mehrmals auf seinen Körper einsticht. Da Norma nicht will, dass in der Presse über ihr Motel und den Vorfall berichtet wird, weist sie Normans Idee, der Polizei alles zu erklären, zurück. Mit der Beseitigung der Leiche beginnen allerdings erst die großen Probleme für die Bates, zu denen später noch Dylan hinzukommt, der Halbbruder von Norman. Dieser macht sich Sorgen um die Bewegungsfreiheit seines Bruders und ist zunächst vor allem darauf aus, ihn aus den Klauen der Mutter zu holen und ihm einzureden, dass er selbstbestimmender agieren sollte, anstatt sich alles vorschreiben zu lassen. Norma scheint vor allen Dingen mit Männern schlechte Erfahrungen ihn ihrem Leben gesammelt zu haben, was sie mit der Rolle als Beschützerin wohl unbewusst auszugleichen versucht. Denn wenn sie dafür sorgt, dass es Norman gut geht, dann wird er sie wohl doch nicht enttäuschen? So zeigt sich auch schon sehr früh in der Serie, dass sie ihren jungen Sohn kontrollieren und einen großen Einfluss auf ihn ausüben möchte.

Dennoch darf man Norman nicht als billig konzipiertes Muttersöhnchen erwarten. Schon gar nicht handelt Norman aus der Sicht der Mutter ständig auf irgendeine Art und Weise perfekt, weshalb es "I'm sorry mother"-Abschnitte in verschiedenen Variationen in gefühlt jeder Folge gibt. Enttäuschung und Verzweiflung gegenüber ihrem Sohn und dessen Aktionen prägen die emotionale Beschaffenheit der Mutter mit, die im Laufe der Staffel mehr und mehr erkennen lässt, wie wichtig ihr Harmonie ist und wie schwer es für sie zu ertragen ist, dass dieser Wunsch nach Harmonie wieder einmal nicht erfüllt wird, weder durch Norman noch durch diverse andere Umstände, deren Parameter so unergründlich sind, wie es die Kleinstadt ist, die die neue Heimat dieser kleinen Familie sein soll. BATES MOTEL ist in den zehn Episoden der ersten Staffel von einer Seriensensation weit entfernt, aber sie macht unterm Strich deutlich mehr Spaß als Ärger, was sicherlich auch dem düsteren bis geheimnisumwobenen Setting geschuldet ist, welches jedoch nicht nur durch das simple Dasein affiziert, sondern vielmehr aufgrund der stimmungsbewussten Verarbeitung durch exzellente Kameraexperten zum Weitergucken verlockt.

Freitag, 7. März 2014

Die Sopranos - Staffel 2

The Sopranos
USA, 1999 - 2007
Umfang: 6 Staffeln (86 Episoden)
Genre: Drama
Idee: David Chase


Tony Soprano ist ein Mafioso aus New Jersey und entschließt sich, nachdem er von Panikattacken heimgesucht wurde, zu einer Psychiaterin zu gehen. Neben den persönlichen Sorgen treten auch immer wieder Schwierigkeiten mit Leuten auf, die seinen Mafiakollegen und ihm den Platz streitig machen wollen oder Gelder nicht pünktlich zahlen. Und dann hat Tony ja noch seine andere Familie, seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn. 


Tony ist wieder auf Achse und versucht, sich seine psychischen Schwächen nicht anmerken zu lassen, schließlich hat er es fertiggebracht, dass sein Umfeld seine Sitzungen bei einer Psychiaterin akzeptiert. Da will man die Jungs nicht mehr mit konfrontieren müssen - aber auch nicht sich selbst. Die Trennung von Dr. Melfi scheint Befreiungsschlag und Belastung zugleich zu sein, kann Tony damit doch demonstrieren, dass er alles unter Kontrolle hat, auch wenn dies in Wirklichkeit weder die äußeren noch die inneren beeinflussbaren Sektoren betrifft. Sein Sohn ist ihm auch keine Hilfe, der Bub hat anscheinend bisschen Nietzsche gelesen und fühlt sich dazu befähigt, viele in der Welt als selbstverständlich hingenommenen Werte und Vorstellungen zu hinterfragen und den Sinn oder Unsinn des Lebens aus der Höhe großer Philosophen zu betrachten. Auch der Haussegen hängt schief, weil es immer öfters Streit zwischen Tony und seiner Frau Carmela gibt, die sich in einer der späteren Folgen gar in einen Handwerker verguckt. Wird sie ihm fremdgehen, so wie er ihr seit geraumer Zeit mit einer jungen russischstämmigen Frau fremdgeht?

Wie schon in der ersten Staffel deutlich wurde, setzt die Serie massiv auf Entwicklungsverlangsamungen und zeigt sich nicht bereit, Handlungsstränge schnell abschließen zu müssen. Dadurch gewinnt sie an struktureller Komplexität, jede Folge weist somit einen auffällig bruchstückhaften Charakter auf, der die auf Ergebnisse lauernden Zuschauer verärgern dürfte. Mit dem Hang zur Ergebnislosigkeit bewiesen die Autoren der ersten Staffeln sehr viel Mut, da eine solche Herangehensweise an TV-Serien damals nicht üblich gewesen ist (außer bei Seifenopern), weil sie durch die Verknüpfung mit einer Vielzahl von ambivalenten Charakteren eher an einen vielschichtigen Roman denken ließ, als an eine den breiten Geschmack treffende Unterhaltungsvariante. Zu den Markenzeichen heutiger sogenannter Qualitätsserien, also denjenigen Formaten, die die Feuilletonschreiber und - schreiberinnen regelmäßig in Ekstase versetzen, zählt schon lange die Haltung, dass Erzähltes gedehnt gehört und es nicht schadet, sich an einzelnen Elementen über mehrere Episoden oder sogar Staffeln abzuarbeiten. Die Literarisierung der TV-Serie wurde sicherlich nicht von DIE SOPRANOS auf den Weg gebracht, doch ohne Zweifel kann man dem Format in diesem Fall einen großen Einfluss attestieren.

Was mir in der zweiten Staffel besonders gefallen hat, ist die Lockerung des Blicks auf die Männer, der in den ersten 13 Folgen noch relativ fest war. Zwar setzt sich Tony nicht mehr groß mit seiner Mutter auseinander und seine Schwester, eine der zwei neuen relevanten Nebenfiguren, die für eine kurze Zeit im Haus seiner Familie im Gästezimmer schläft, macht ihm auch nur anfänglich Probleme. Doch dann gibt es noch seine Psychiaterin Dr. Melfi und seine Frau Carmela, deren Privatleben und Gedanken relativ ausführlich beleuchtet werden. Lustigerweise besucht Dr. Melfi selbst einen Therapeuten, weil sie Schuldgefühle bekommt und meint, dass sie Tony nicht alleine lassen dürfe. Als sie dann allerdings mit ihrem im kriminellen Sumpf steckenden Patienten wieder zusammenkommt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie enttäuscht ist und die stattfindenden Treffen sie nicht glücklicher machen. Während man Dr. Melfi eine gewisse Abhängigkeit unterstellen kann, sieht man, wie Carmela über ihr Leben nachzudenken beginnt und es ständig Streit zwischen ihr und ihrem Mann gibt. Für sie hätte Tonys Schwester Janice vielleicht eine Inspiration sein können, da sie sich verächtlich über das Machotum der Mafiamänner äußert, doch dann geht genau diese Janice eine Liebesbeziehung mit Richie ein, dem frisch aus dem Knast entlassenen Haudrauf-Proleten, der ständig ein saures Gesicht macht, so als ob er Angst hätte, nicht mehr ernst genommen zu werden.

Was die inhaltliche oder narrativ-strukturelle Qualität betrifft, mach DIE SOPRANOS einen weiteren Schritt nach vorne. Die Hauptfigur Tony Soprano scheint mir in vielen Dingen souveräner geworden zu sein, was sie  aber nicht unsympathischer oder langweiliger macht. Auf die weitere Entwicklung der Beziehung zwischen ihm und seiner Psychiaterin Dr. Melfi bin ich schon besonders gespannt, da auch in der zweiten Staffel, trotz eindeutiger Widersprüche in dem Verhältnis der beiden, Anspielungen auf eine sexuelle Anziehung gemacht werden.

Veronica Mars - Staffel 1

Veronica Mars
USA, 2004 - 2007
Umfang: 3 Staffeln (64 Episoden)
Genre: Krimi, Drama, Komödie
Idee: Rob Thomas


Veronica Mars ist eine Schülerin und wohnt mit ihrem Vater in Neptune, einer Stadt, in der es ihrer Aussage nach nur Millionäre gibt oder Menschen, die für diese Millionäre arbeiten. Ihren Vater unterstützt sie bei dessen Arbeit als Privatdetektiv.


Nach dem Tod ihrer besten Freundin Lilly und der Spurensuche nach deren Mörder hat sich das Leben von Veronica Mars stark verändert. Ihr Vater, der er an dem Kriminalfall mitgearbeitet hat, hat das Amt des Sheriffs verloren, weil er Menschen ins Visier nahm, die aufgrund ihres Ansehens über dem Gesetz stehen, und ihre Mutter ist spurlos verschwunden. Ihren Freundeskreis hat Veronica verloren und in der Schule haben die anderen sie isoliert, weil sie zu ihrem Vater hielt. Alles in allem sieht es nach einem Abstieg aus, der gar nicht so einfach zu bewältigen sein dürfte, speziell an einem Ort, in dem es "keine Mittelschicht" gibt und nur ein Oben und Unten existiert. Doch die smarte Veronica gibt sich kämpferisch und steckt den Kopf weder im Fall ihrer Mutter noch in der Frage um den wahren Täter, der die Schuld für den Tod ihrer damaligen Freundin trägt, in den Sand. Den für diesen Mord verhafteten Mann erachtet sie als unschuldig und möchte dafür Beweise zusammentragen. Ihr Vater, der nach seiner Karriere bei der Polizei in die Selbstständigkeit gegangen ist und nun als Privatdetektiv arbeitet, ist von Veronicas Eifer gar nicht begeistert und bittet sie darum, in beiden Angelegenheiten nicht mehr tiefer zu graben. Aber welche 17-Jährige lässt schon etwas in Ruhe, vor dem die Erziehungsberechtigten auch noch extra warnen?

Auf vergangene Vorfälle im Leben von Veronica Mars wird in jeder Episode (Ausnahmen können die Regel bestätigen) nicht nur mithilfe von klassischen und kurzen Rückblenden Bezug genommen, die junge Frau kommentiert mittels Voice-over auch zurückliegende Ereignisse und fügt meistens noch paar eigene Gedanken dazu. In den ersten Episoden sind insbesondere die Gefühle für die Mutter sehr stark und der Glaube, sie zurückzuholen und wieder um sich herum zu haben, gibt den Weg frei für eine ambitionierte Suche nach Spuren. Trotz ihres Geists ist sie also auch ein emotionaler Mensch, welcher naiv auftreten und eine komplexe Beschaffenheit nicht immer als eine solche erkennen kann. Das macht sie weniger berechenbar und ihr Verhalten bekommt dadurch eine realistische Prägung, was unglaublich wichtig ist, will man die Zuschauer doch nicht mit einem öden Hauptcharakter langweilen. Alle anderen Personen sind sicherlich vergleichsweise sparsam gezeichnet, dafür erhält aber auch kaum einer von den Nebencharakteren solch eine Ansammlung von glatten Wesensmerkmalen, dass sie ihn oder sie zu einem Stereotypen funktionalisieren würden.

In den ersten zwei Folgen schließt die Protagonistin zwei Freundschaften, die ihr in späteren Episoden auch zugutekommen. Sie befreundet sich mit Wallace, der Probleme hat, als Neuling Anschluss in der Schule zu finden und mit Veronica eine sympathische Unterstützerin bekommt, die ihm aus der Patsche hilft, und mit Weevil, einem Anführer einer Motorradgang. Auch andere Kontakte, die sie im Verlauf der Staffel knüpft, helfen ihr dabei, verschiedene große und kleine Fälle zu lösen. Schließlich befasst sie sich nur inoffiziell mit dem Tod ihrer besten Freundin und dem Verschwinden der Mutter. Nach dem regulären Plan assistiert sie nämlich ihrem Vater bei der Abarbeitung seiner Privatdetektivgeschichten. In einigen Folgen fungiert sie jedoch auch als direkte Ansprechpartnerin für die Schüler, da sich ihre ausgezeichneten Leistungen als Schnüfflerin schnell herumsprechen. Die Struktur der ersten Staffel sieht also im Wesentlichen so aus, dass in jeder Episode ein individueller Fall bearbeitet wird und gleichzeitig Puzzlestücke hinzugetan werden, die zu einer großen Handlung gehören, in der es um den wahren Mörder von Lilly Kane geht. An der Struktur selbst lässt sich wenig bemängeln, doch der Umgang mit ihr scheint mir in den Anfangsepisoden nicht durchdacht zu sein, da die fortlaufenden und formbaren Stränge der Staffel dort oftmals nur nebenbei abgehandelt werden, nicht selten gar erst am Ende einer Folge zur Sprache kommen.

Damit hat es sich dann aber mit der großen Kritikkeule auch schon. Auch weil nach und nach eine gesunde Balance zwischen der case-of-the-week-Erzählung und der Weiterführung des Staffel-Plots gefunden wird, ist man stets gespannt auf den Teppich aus immer düster werdenden Lügen- und Verlustgeschichten, der sich vor einem langsam auszubreiten beginnt. Mit der Erwartung, bequeme Krimi-Unterhaltung zu bekommen, weil sich die Macher mit der Prämisse und vielen Darstellern auch an die Jugend wenden, sollte man an VERONICA MARS allerdings lieber nicht herantreten, denn sonst kann es Saures geben. Schauen sich die ersten der insgesamt 22 Episoden noch leicht an, fallen die Handlungsstränge mit dem Verlauf nicht nur etwas komplizierter aus, sie wachsen auch in ihrer Anzahl an, sodass es passieren kann, dass das Drehbuch fünf Erzählfäden in einer Folge verarbeitet.