Dienstag, 27. Dezember 2011

Kinder des Olymp

Kinder des Olymp (Les enfants du paradis)

Frankreich, 1945
Genre: Drama
Regisseur: Marcel Carne
Darsteller: Arletty, Pierre Brasseur

Die Geschichte spielt im früheren 19. Jahrhundert: In Paris leben die vier Männer Baptiste, Frederic, Lacenaire und de Monteray. Sie sind Pantomime, Schauspieler, Verbrecher und Graf. Sie alle verbindet die Liebe zu der schönen Garance, die sich nach Außen zwischen den Männern nicht entscheiden kann, weil sie ihre Freiheit nicht aufgeben will. Im Herzen liebt sich jedoch den melancholischen Pantomimekünstler Baptiste. Als sie sich wegen einem nicht von ihr begangenen Verbrechen in Gefahr sieht hinter Gitter zu kommen, schließt sie sich mit dem reichen Grafen zusammen und geht mit ihm ins Ausland.

Kommentar: Welch ein Schaustück über die Gefühle des Lebens. In einem niemals holprigen, sondern einem weichen, entspannten Rhythmus erzählt "Kinder des Olymp" die Geschichte von fünf Menschen, die Gefangene ihrer eigenen Sehnsüchte sind. Der Film spielt in Paris, der Stadt der Liebe, wie man sagt. Hier zeigt die Kamera auf die großen Shows des 19. Jahrhunderts: Pantomime, Schausteller und andere Artisten buhlen um die Gunst des zahlenden Publikums. In dieses Künstlermileu gehören Baptiste, ein träumerischer Pantomime und Frederic, ein immer ausgelassener Schauspieler. Auf der Bühne ahmen sie die Gefühle nach, in der Realität leben sie diese. Doch obwohl das Produzieren von Emotionen für sie ein Kinderspiel ist, ist die Wirklichkeit dagegen viel chaotischer und kaum berechenbar. Unglücklich sind sie in die schöne Garance verliebt, die keinem der beiden eine eindeutige Zusage macht. Frederics und Baptists Auftritte vor Zuschauern, ihre Gefühle auf der Bühne erscheinen da geradezu eskapistisch. Eine weitere wichtige und sehr gut gezeichnete Figur ist der Verbrecher Lacenaire, der gerne Lustspiele schreibt. Seine Markenzeichen sind eine gepflegte Wortwahl und das Aussehen eines Dandys. Ab und zu knipst er Leuten aber auch gerne mal das Licht aus. Kühl gespielt von Marcel Herrand.

Überhaupt ist die Charakterzeichnung ein Argument für den Film, da sie fantastisch zwischen Klischeetyp und individuellem Charakter herumwandert. Den Sieg aber, das was den Film über 180 Minuten auszeichnet und ihn heute noch unsterblich macht, holen sich die brillanten Dialoge. Von schwülstigen Reden und turbulenten Wortgefechten bis hin zu lakonischen Erzählungen hält sich "Kinder des Olymp" nicht fern, sondern versammelt diese und spuckt alles auch noch so wohlgeformt aus, als gebe es einen bestimmten Takt, nach dem die Worte ihre Sender und Empfänger verlassen müssen. Alles zusammengenommen ist dieser 1945 erschienene Film Poetischer Realismus in Reinkultur zu Allerweltsthemen wie Liebe, Leidenschaft und Traum. Immer sehr offen gehalten, emotional, niemals verklausuliert.

9/10

Montag, 26. Dezember 2011

Durchbruch auf Befehl

Durchbruch auf Befehl (Merrill's Marauders)

USA, 1962
Genre: Drama, Krieg
Regisseur: Samuel Fuller
Darsteller: Jeff Chandler, Ty Hardin

Burma 1944: Um den Zusammenschluß von japanischen und deutschen Streitkräften zu verhindern, muss ein Infanterieregiment sich hunderte von Meilen durch den Dschungel kämpfen und nach der Stadt Myitkyina vorrücken. Der Leiter des Regiments ist der US-General Frank Merrill, der sich gegen die Mission ausspricht, weil sie praktisch unmöglich zu erfüllen ist. Doch er hat keine Wahl, den ihm gegebenen Befehl muss er ausführen. Da es aber schon hart genug ist, seinen Männern zu sagen, dass sie nach bereits schweren Kämpfen noch weitere Tage im Dschungel verbringen müssen, verschweigt er ihnen zunächst die sinnlose Marschroute und das eigentliche Ziel der Mission.

Kommentar: Die letzte Szene des Films ist sicherlich eine streitbare. Da feiert die US-Armee sich selbst, ein Sprecher verkündet die frohe Botschaft über den Erfolg. Das ist einfach ein zu sanftes, zu pathetisches Happy End. Nichtsdestotrotz sind aufgrund der Handlung Tendenzen zu einem kriegskritischen Bewusstsein auszumachen. So wird ein sinnloser Befehl gegeben und ausgeführt. Nur durch Glück gelingt den Männern noch der Erfolg, zurück bleiben zahlreiche Leichen. Regisseur Samuel Fuller zeigte die Operation einer Spezialeinheit schonungslos. Ob sie an Malaria erkranken, vor Erschöpfung zusammenbrechen oder sich für bisschen Nahrung in Lebensgefahr begeben - ambitioniert erzählt "Durchbruch auf Befehl" glaubwürdig eine echte Begebenheit, die sich 1944 in Burma zugetragen hat. Die wenigen actionreichen Szenen sind sehr gut geworden und die Stimmung des unerbittlichen Dschungels kann man dank sehr sparsam eingesetzter Innenaufnahmen direkt aufsaugen. In jedem Fall gefällt Jeff Chandler in der Rolle des Generals Frank Merrill. Psychisch an der Grenze zum Wahnsinn und physisch am Klippenrand stehend, wissend um die Ausweglosigkeit der Situation, führt er seine Männer durch schwer passierbare Pfade, wissend, wohin sie alle führen: in den Abgrund.

5/10

Sonntag, 25. Dezember 2011

Die sieben Schläge des gelben Drachen

Die sieben Schläge des gelben Drachen (Shui Hu Zhuan)

Hongkong, 1972
Genre: Eastern, Abenteuer, Historie
Regisseur: Chang Cheh
Darsteller: David Chiang, Ti Lung

Das Regime von Liang Chun-Shu terrorisiert die Menschen in einer chinesischen Berglandschaft der Region Liang Shan. Nur die Aufständischen machen ihnen Sorgen. Als Männer vom Regime einen gewissen Chao Kai töten, schwören die Aufständischen Rache. Doch sie wissen, dass sie nicht Hals über Kopf die Herrschenden angreifen können und so schmieden sie zuerst Pläne. In der Stadt finden sie schließlich ihre Verbündeten, darunter auch einen meisterhaften Ringer.

Kommentar: Große Fans von Prügel-Action, oder allgemeiner Action, spricht der Film wirklich nicht gerade als erstes an. "Die sieben Schläge des gelben Drachen" basiert auf einer alten Legende, die im 15. Jahrhundert niedergeschrieben wurde. In dem Abschnitt, der von Eastern-Spezialist Chang Cheh verfilmt wurde, geht es um mutige 108 Kämpfer, die sich einem herrschenden Machtapparat entgegenstellen. Vielleicht muss man die Vorlage kennen, vielleicht muss man ein Historienfilm-Faible haben - mich hat dieser Film nicht vom Stuhl gehauen, auch wenn er nicht durch permanente Spannungslosigkeit auffällt und eigentlich total uneitel ist. Viele Dialoge und zahlreiche Wendungen vereinen sich mit gekonnten Außenaufnahmen und dezent einsetzenden Musikklängen. Hier und da schmeckt man eine kleine Prise Humor, die Kämpfe sind sauber choreografiert und am Ende kommt es zum finalen, für Filme dieser Art kennzeichnenden Schlagabtausch. Schön und gut, mir hätte es besser gefallen, wenn die Macher die historischen Begebenheiten in die Jetzt-Zeit transferiert hätten. Mit entsprechenden Modifikationen, versteht sich.

4/10

Samstag, 24. Dezember 2011

Die Stimme des Adlers

Die Stimme des Adlers (Eagle Hunter's Son)


Schweden/Deutschland, 2009
Genre: Abenteuer, Drama
Regisseur: Rene Bo Hansen
Darsteller: Bazarbai Matei, Mardan Matei

Bazarbai ist ein 12-jähriger Junge und soll in einigen Jahren Adlerjäger werden. So will es zumindest sein Vater, denn dadurch würde die Familientradition erhalten bleiben. Dagegen darf Bazarbai's älterer Bruder Khan in die Stadt Ulan Bator fahren und sich dort eine Arbeit suchen, um für die Nomadenfamilie Geld zu verdienen. Bazarbai ist jedoch erbost über die Entscheidung des Vaters, der ihn hingegen zur Aufmunterung auf ein traditionelles Adlerjägerfest mitnimmt. Dort passiert dem 12-jährigen ein Unglück, welches den Anstoß für einen Selbstfindungstrip markiert.

Kommentar: Die Möglichkeit in fremde Länder und Kulturen einzutauchen, und seien sie nur auf einige wenige Aspekte beschränkt, ist bekanntlich eine große Stärke des Kinos. Dieses Potenzial sah wohl auch der Regisseur Bo Hansen, der mit "Die Stimme des Alders" einen kulturellen Beitrag zu wichtigen Themen leistete, die die mongolische Lebensweise in der Steppe betreffen. Er arbeitete mit Laiendarstellern und erschuff ein nicht ganz gewöhnliches, beinahe dokumentarisches Werk über das Erwachsenwerden. Auch wenn es dramaturgisch an überzeugender Arbeit mangelt, begeht der Film nie den Fehler, die Richtung zu verlieren oder zu verändern, sondern immer das zu sein, was er wirklich hervorheben will: Abenteuer. Das Abenteuer zwischen Mensch und Natur. Das Abenteuer zwischen Stadt und Land. Und schließlich natürlich das Abenteuer eines Selbstfindungsprozesses.

5/10

Dienstag, 20. Dezember 2011

Calvaire

Calvaire


Belgien/Frankreich/Luxemburg, 2004
Genre: Thriller, Horror
Regisseur: Fabrice Du Welz
Darsteller: Laurent Lucas, Jackie Berroyer

Auf dem Weg zu einer Weihnachtsshow passiert dem Unterhaltungskünstler Marc Stevens in einem Waldstück eine Autopanne. Er trifft auf den verwirrten Mann Boris, der ihn zu einer Pension begleitet, wo der verwitwete Bartel wohnt. Herr Bartel schlägt Marc noch am gleichen Tag vor, sich um den Wagen zu kümmern. Dankend nimmt der Künstler das Angebot an und übernachtet in der Pension. Doch zwei Tage später ist der Wagen immer noch nicht bereit gefahren zu werden. Als Marc sich seinen von Boris behandelten Kleinbus näher anschaut, entdeckt er, dass irgendetwas nicht stimmt.

Kommentar: In "Calvaire" endet ein ruhiger Trip in einem höllischen Strudel aus Freakshow und Alptraum. Dirigiert wird der Horror in erster Linie von einer düsteren und makabren Atmosphäre und einem auffällig gleichbleibenden Tempo, das sich weder sehr be- noch sehr entschleunigt. Gerade die Atmosphäre hebt "Calvaire" von den meisten anderen Genrevertretern ab, denn wo sonst ein mühsam aufgebautes Flair spätestens im Schlußteil purzelt, verbleibt die Stimmung hier bis zum Ende. Dafür sorgt das über psychische Kanäle verbreitete Grauen, das nicht nur allzeit präsent ist, nicht nur in der Luft schwebt, sondern real erscheint, den Zuschauer mitnimmt und ihm die unmenschlichsten Dinge andeutet. Körperliche Gewalt passiert in dem Film von Du Welz nicht aus Gründen von Muskelspielen, sondern wenn, dann nur aufgrund von Notwendigkeiten stilistischer Art. So gelingt dieser Backwood-Groteske mit oftmals sehr gut durchkomponierten Bildern und exzellenter Kameraarbeit ein beispielloser Spagat zwischen Kunstfilm und zeitgenössischem europäischem Horrorkino.

7/10

Montag, 19. Dezember 2011

Tränen der Erinnerung – Only Yesterday

Tränen der Erinnerung – Only Yesterday (Omohide Poro Poro)


Japan, 1991
Genre: Drama (Zeichentrick)
Regisseur: Isao Takahata
Sprecher: Miki Imai, Toshiro Yanagiba

Die 27-jährige alleinstehende Taeko reist in ihren Urlaubstagen mit dem Zug zu einer Bauernfamilie ans Land, um endlich einmal aus der Stadt rauszukommen. Auf der Zugfahrt beginnt sie sich an ihre Kindheit zu erinnern. Sie konzentriert sich auf die Zeit, als sie die fünfte Klasse der Grundschule besuchte. Als Taeko am Zielbahnhof ankommt, wird sie vom Farmer Toshio empfangen, der sie sogleich in seinem Auto zum Erntefeld fährt. Die nächsten Tagen hilft die Städterin der Familie bei der Ernte, was jedoch keine Zurückhaltung für die Kindheitserinnerungen bedeutet.

Kommentar: Man kann wirklich vielen Zeichentrickfilmen Sinn für Realismus absprechen, in diesem Fall fällt das jedoch ziemlich schwer. Angefangen bei der Geschichte, die keine großen Sensationen, keine laute Action, keine unerwarteten Wendungen beinhaltet; bis hin zu den Figuren, die weder stilisiert noch in ihren Aktionen unecht wirken und sogar eine wirklichkeitsgetreue Gesichtszeichnung bekamen, wodurch kleine, wahrscheinlich ansonsten nicht zu entdeckenden Emotionen sehr gut sichtbar gemacht werden. Zumindest trifft das auf den Gegenwartsplot zu. Bei den Erinnerungen der Hauptfigur Taeko hat man sich auch kitschiger Noten bedient. Hier wird sich zu schrillen Farben an die erste Liebe erinnert und eine simple Fingerberührung mit einem Jungen zu einem Kontakt mit einer extraterrestrischen Lebensform hochgepusht. Dafür sympathisiert man stark mit Taeko und findet sich problemlos zurecht in einer nicht selten von unerfüllten Wünschen geplagten Kindheitswelt. Zum Schluß mündet der Film in einer Gefühlsoffenbarung an das Landleben und einem Happy End, das kaum nachvollziehbarer sein könnte.

6/10

Tatort… Hauptbahnhof Kairo

Tatort… Hauptbahnhof Kairo (Bab el hadid)


Ägypten, 1958
Genre: Drama, Krimi
Regisseur: Youssef Chahine
Darsteller: Farid Shawq, Hind Rostom

Auf dem Hauptbahnhof Kairo ist immer was los, es ist ein Treffplatz aller ägyptischen Schichten und ein Ort, wo sich Menschen entweder wiedersehen oder Abschied nehmen. Aber es ist genauso ein Standort für viele Arbeiter. Abu Seri verdient hier sein Geld als Transportarbeiter, Hanuma ist eine fliegende Limonadenverkäuferin und der geistig zurückgebliebene Kenawi, ein mobiler Zeitungshändler. Abu Seri und Hanuma wollen heiraten und bereiten alles für ihre Hochzeit vor. Das treibt Kenawi zur Eifersucht, denn er liebt Hanuma ebenfalls. In einem Gespräch berichtet er ihr über seine Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft und versucht ihr mit einem teuren Geschenk zu imponieren. Doch sie macht ihm klar, dass seine Visionen nur leere Träume sind und er sich nicht mit ihrem Verlobten Abu Seri messen kann. Als Kenawi eines Tages von einem ungeklärten Mord hört, bei dem eine Frau mit einem Messer erstochen wurde, plant er selbiges mit Hanuma anzustellen.

Kommentar: Ein deutlich von amerikanischen Spielfilmen geprägte Werk, das sich jedoch nie in Gefahr begibt, bloß eine Ramschkopie der großen Studioproduktionen zu sein. Mit einer eindringlichen Schilderung einiger sozial gescheiterter Individuen vermag "Tatort… Hauptbahnhof Kairo" Trauer und Leid zu zeigen, gleichzeitig jedoch Lebensdurst, Hoffnung und Glück aufflammen zu lassen. Das Verhältnis zwischen diesen zwei Extremen scheint immer proportioniert zu sein. Damit entgeht man einerseits dem Vorwurf einer viel zu pessimistischen Einstellung gegenüber dem sich immer weiter modernisierenden Ägypten, andererseits vermeidet man mit dieser Strategie Bilder zu wählen, die Kritikern nicht schmecken, weil sie eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen vermeiden. Da der Kompromiss hier blendend aufgeht, weil man bestehende formale Ideen aus Nordamerika und Europa problemlos mit einer arabischen Liebestragödie verflocht, ist dieser Film nicht bloß wegen seiner Kriminalstory inklusive eines geisteskranken Mörders interessant. Durch präzis gesetzte Schnitte verstanden es die Macher, das Treiben des Verbrechers Kenawi stilvoll einzufangen und seine emotionalen Besonderheiten nach dem Mord zu intensivieren.

5/10

Freitag, 16. Dezember 2011

Schlacht um Algier

Schlacht um Algier (La Battaglia di Algeri)


Italien/Algerien, 1966
Genre: Drama
Regisseur: Gillo Pontecorvo
Darsteller: Brahim Hadjadi, Jean Martin

Die Kasbah von Algier ist in den Händen der algerisch-nationalistischen Organisation FLN, die gegen sittliche Verwahrlosung, Korruption, aber vor allem für die Unabhängigkeit Algieriens kämpft. Wir schreiben das Jahr 1957: Colonel Mathieu möchte den Widerstand der Organisation zerschlagen. Für die Suche nach dem Kopf der revolutionären Bewegung wendet er Foltermethoden an. Gleichzeitig legt die FLN, was die Gewaltmaßnahmen angeht, ebenfalls deutlich zu. Ein Schlacht um Algier beginnt. Die Franzosen kämpfen für ihre letzte Kolonie, die Algerier für ihre Freiheit.

Kommentar: Obwohl nur wenig Geld zur Verfügung stand, ist den Verantwortlichen eine beispielhafte Abbildung einer Revolution gelungen. Der neorealistische Regisseur Pontecorvo macht aus der Geldnot eine Tugend. Statt Paul Newman mitspielen zu lassen, wie es eigentlich geplant war, drehte er überwiegend mit Laiendarstellern. Das macht den Konflikt sehr authentisch. Außerdem verkneift sich der Film eine konsequente Opfer-Täter-Darstellung, sondern zeigt die Gräueltaten beider Seiten. Die Foltermethoden der Franzosen werden genauso wenig weggelassen wie die Bombenanschläge der Widerstandskämpfer, die für die Unabhängigkeit in europäische Viertel eindringen und vollkommen unschuldige Menschen sterben lassen. Spannend ist dies dramaturgisch sicherlich nie, aber unglaublich intensiv. Durch das Vorhaben Pontecorvos nichts weiter als die Wahrheit abzubilden, trägt der Film stark dokumentarische Züge mit sich, außerdem erfährt der 1957 asymmetrisch geführte Krieg ebenfalls durch die zur Stimmung der Revolution beitragenden fabelhaften Musik von Ennio Morricone eine unglaubliche Lebendigkeit. Das ist wohl die berauschendste filmische Dosis an Geschichtsunterricht, die ich jemals geschluckt hab.

8/10

Whisky mit Wodka

Whisky mit Wodka


Deutschland, 2009
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Andreas Dresen
Darsteller: Henry Hübchen, Corinna Harfouch

Otto Kullberg ist ein in der Bundesrepublik bekannter Schauspieler, der sich beim Dreh des Films "Tango für Drei" unnötig betrinkt und das Filmteam in Besorgnis bringt. Daraufhin reagieren die Filmschaffenden entsprechend und engagieren den jüngeren Schauspieler Arno Runge. Dessen Aufgabe ist es, die Szenen, in denen Otto Kullberg mitspielt, ebenfalls darzustellen. Das heißt, dass fast alles doppelt gedreht wird. Die Produktion will dadurch größtmögliche Sicherheit erreichen, nicht in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten, falls Otto wiederholt zur Flasche greift und damit die Fertigstellung des Film gefährdet.

Kommentar: Mit sympathischen Figuren herumwandernder Film, der sich manchmal selbst nicht ernstzunehmen scheint. "Whisky mit Wodka" ist eine melancholische Irrfahrt durch Mimiken und Gestiken zu Charakteren, die nie fremd oder unwirklich erscheinen. Unlogik bleibt ein Fremdwort in diesem Film. Tiefe Sehnsüchte und unerwiderte Begierden umgeben die Gestalten, die zwar einen Boden unter den Füßen haben, und dennoch immer kurz davor stehen irgendwohin runterzufallen. Amüsant und zugleich kritisch begutachtet das Werk von Andreas Dresen außerdem die Arbeit der Filmschaffenden. Den Vorwurf Ottos, dass die Branche keine Geduld mehr mit Menschen habe und die Tätigkeit nur noch nach dem Diktat des Geldes gelenkt wird, hört man hier nicht das erste Mal.

4/10

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Die Brücke

Die Brücke


Deutschland, 1959
Genre: Drama
Regisseur: Bernhard Wicki
Darsteller: Folker Bohnet, Fritz Wepper

In einer deutschen Kleinstadt im Jahr 1945: die Wehrmacht muss nochmal alle Kräfte gegen die anrückenden Amerikaner mobilisieren. Selbst Männer unter 18 Jahren müssen unter Umständen in die Schlacht. Und so werden die Jugendlichen Hans, Sigi, Albert, Walter, Jürgen, Karl und Klaus, die privat und schulisch Freunde sind, einberufen. Die gerade mal Sechzehnjährigen freuen sich darauf, endlich ihrem Land zu dienen und es zu verteidigen. Doch schon einen Ausbildungstag später kommt die Ernüchterung. Sie kehren in ihre Heimatstadt zurück und müssen unter dem Kommando von Unteroffizier Heilmann eine ihnen bekannte Brücke sichern, die sowieso in den nächsten Tagen gesprengt werden soll. Das Motiv für diesen Einsatz ist ein einfaches: die unerfahrenen Kinder sollen bloß nicht der Gefahr augesetzt werden.

Kommentar: In den Kindergesichtern spiegelt sich die Sinnlosigkeit des Krieges wohl am besten wieder. In den Gesichtern der sieben Jugendlichen, die eine vermeintlich unwichtige Rolle ausfüllen sollen, sieht man aber noch viel mehr. Zum Beispiel die ideologische Beeinflussung durch Erziehung. Die Kriegsgeilheit und die übertriebene Vaterlandsliebe dirigieren das Handeln, die Vernunft ist längst entlegitimiert. Nicht zufällig versucht der Lehrer der Schulklasse den für die Jungen verantwortlichen Hauptmann bei seinen Plänen umzustimmen, damit "seine Jungen" nicht an die Front müssen. Doch manchmal ist der Zug für Gewissensfragen schon abgefahren. Und als die junge Truppe die Momente des Krieges miterlebt, ist es ebenfalls schon zu spät oder gar unmöglich, die ideologische Richtung zu überdenken. Vieles lässt sich nicht mehr wettmachen. So will der Film schließlich nicht nur den Schrecken eines sinnlosen Auftrages zeigen, sondern auch den Hinweis geben, dass es leicht ist, aus Kindern Marionetten zu machen. Und dass man genau dies nicht tun sollte.

5/10

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Ayla

Ayla


Deutschland, 2009
Genre: Drama
Regisseur: Su Turhan
Darsteller: Pegah Ferydoni, Mehdi Moinzadeh

Die Türkin Ayla orientiert sich in ihrer Lebensweise entgegen den Wünschen ihres Vaters eher nach der westlich orientierten Kultur. Deshalb lehnt er sie als Tochter ab. Doch mit ihrer nach islamischen Traditionen lebenden Schwester versteht sie sich gut. Eines Tages trifft Ayla den Fotografen Ayhan und verliebt sich in ihn. Dumm nur, dass Ayhan von seiner Familie unter Druck gesetzt wird, weil er seine Schwester Hatice, die sich von ihrem Mann getrennt hat, umbringen soll. Was Ayhan nicht weiß, ist, dass Hatice unter dem Schutz seiner neuen Partnerin Ayla steht.

Kommentar: Durch Thriller-Elemente aufgepepptes Drama, aufgebaut wie ein Kartenhaus, immer kurz vor dem totalen Zusammenbruch. In den Dialogen lässt sich häufig das Thema Vorurteile erkennen, die die Meinung vieler Deutscher beherrschen, wenn es um türkische Mitbürger geht. Darauf mehrmals anzuspielen ist zwar in Ordnung, aber muss das so plakativ sein? Da kann ich ja gleich Kaya Yanar schauen. Besser ist sicherlich die Thematik. Alles dreht sich um die 25-jährige Türkin Ayla, die sich von den Fesseln ihres Zuhauses und somit von ihrem konservativen Vater löst. Genaue Milieuschilderungen verkneift sich der Film leider, doch setzt er durch die Figur von Ayla ein Zeichen. Sie steht mit ihren Taten für nichts weiter als Vernunft. Su Turhan schaffte trotz einiger positiver Aspekte mit "Ayla" leider nur ein auf überdurchschnittlichem Fernsehfilmniveau positionierte Werk. Dennoch ist dieses Sozialdrama ein durch und durch notwendiges filmisches Plädoyer gegen Ehrenmorde.

3/10

Sonntag, 11. Dezember 2011

Die Fälscher

Die Fälscher


Österreich/Deutschland, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Stefan Ruzowitzky
Darsteller: Karl Markovics, August Diehl

Salomon Sorowitsch verdient sein Geld mit dem Fälschen von Ausweisen und Banknoten. Nachdem er vom Kriminalbeamten Friedrich Herzog erwischt und verhaftet wird, verbringt er fünf Jahre im KZ Mauthausen, wo er für Funktionäre Porträts malt. Danach führt sein Schicksal ihn ins KZ Sachsenhausen. Hier trifft er auf Herzog wieder, der nun Sturmbannführer in der SS und zuständig für das Geldfälschungsprojekt "Aktion Bernhard" ist. Innerhalb einer bestimmten Zeit müssen Salomon und seine Kollegen den britischen Pfund fälschen, ansonsten können sie mit dem Tod rechnen.

Kommentar: Glücklicherweise handelt es sich bei dieser österreichisch-deutschen Koproduktion nicht um das durch dramaturgische Tricks modellierte Betroffenheitskino, welches ich eigentlich erwartet habe. Nach einem zähen Beginn, das mithilfe einer Rückblende die Zeit zurückdreht und den Zuschauer ins Jahr 1936 katapultiert, startet "Die Fälscher" im Mittelteil ordentlich durch und reflektiert die Tätigkeiten der Insassen im KZ Sachsenhausen und ihre Rolle während der größten Geldwäscheaktion der Historie. Die Fälscher haben zwar gemütliche Betten und werden relativ gut behandelt, doch moralische Konflikte bestimmen den Alltag. Unterstrichen durch die Hauptfigur Salomon, der ein gerissener Fuchs ist und um sein Leben fälscht, wird vor allem eins, nämlich dass die Privilegien der Häftlinge von Sachsenhausen auf einer opportunistischen Einstellung basieren. Devid Striesow überzeugt dagegen in der Rolle des Friedrich Herzog, des Gegenspielers von Salomon. Auch er möchte nichts weiter als das Beste aus der Geldwäscheaktion herausholen. Mit vielen interessanten Charakteren ist Stefan Ruzowitzky ein ehrlicher und authentischer Film über ein von Nazis angetriebenes Projekt und außerdem über die verschiedenen Schicksale der KZ-Häftlinge gelungen.

7/10

Sonntag, 4. Dezember 2011

It's a Free World

It's a Free World


UK/Italien/Deutschland/Spanien, 2007
Genre: Drama
Regisseur: Ken Loach
Darsteller: Kierston Wareing, Juliet Ellis

Angie arbeitet bei einer Arbeitsvermittlung und ist zuständig für die Rekrutierung von ausländischen Arbeitskräften. Eines Tages wird sie jedoch gekündigt. Durch ihre Erfahrung als Arbeitsvermittlerin beschließt sie eine eigene Zeitarbeitsagentur zu gründen. Ihre beste Freundin Rose ist zuerst gar nicht begeistert und versucht sie mit einigen Gegenargumenten umzustimmen. Doch Angie hält an ihrer Idee fest. Vermittelt werden vor allem osteuropäische Arbeiter, die für magere Löhne als Hilfskräfte schuften sollen. Die ersten Wochen verlaufen bis auf einige Kleinigkeiten ziemlich glatt, doch als nach zwei Monaten die billigen Arbeitskräfte immer noch keinen Lohn sehen, gerät Angie in Schwierigkeiten.

Kommentar: Ein sehr sachlicher Film, der die Methoden der Ausbeutung in England unter die Lupe nimmt. Er blickt dorthin, wo die Menschen nur noch Ware sind und zerschlägt gleichzeitig die Illusion von einem sozialen Europa. Die Hauptfigur ist eine skrupellose junge Frau, die das System verstanden hat und es sich für ihre eigenen Vorteile nutzt. "It's a Free World" ist gerade deshalb einigermassen gelungen, weil er keinen Zeigefinger auf irgendwelche Personen richtet. Weder macht Regisseur Ken Loach die bei ihrer Tätigkeit emotionslosen Arbeitsvermittler noch die zugewanderten Billigkräfte für die teilweise menschenverachtenden Strukturen auf dem Arbeitsmarkt verantwortlich. Es sind eben die Umstände, die den Antrieb für das Handeln geben. Dramaturgisch ist das Ganze aber etwas zu halbherzig umgesetzt.

4/10