Mittwoch, 25. April 2012

Dogtooth

Dogtooth (Kynodontas)



Griechenland, 2009
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Giorgos Lanthimos
Darsteller: Christos Stergioglou, Michele Valley

Ein Elternpaar schottet ihre Kinder von der Außenwelt ab. Die zwei Töchter und der eine Sohn bekommen von ihren Eltern vermittelt, dass hinter dem riesigen Gartenzaun, der das Grundstück der Familie umgibt, eine gefährliche Welt auf sie wartet. Vater und Mutter lassen sie auch an viele andere absurde Dinge glauben. Beispielsweise, dass Katzen Menschen fressen oder das Wort Muschi ein Synonym für Lampe ist.

Kommentar: Eine sterile, kühle, emotionslose Atmosphäre umgibt die Welt der drei Kinder, deren Eltern nichts dem Zufall überlassen wollen und deshalb ihre fast im Erwachsenenalter befindenden Nachkommen unter Kontrolle und Verschluss halten. Die elterliche Sorge um das Wohl der Kinder nimmt in diesem Film jedoch solch idiotische und übertriebene Ausmaße an, dass man sich als Sichter ein ums andere Mal bei heftigen Lachanfällen erwischt. Doch auch wenn die Arbeit von Giorgos Lanthimos eine satirische Abrechnung mit erzieherisch überstrengen Elternhäusern darstellt, bleibt das Lachen sehr oft im Halse stecken. Wir sehen junge Menschen in einer kalkulierten Miniwelt, die nach eigenen Gesetzen funktioniert. Hier spielen sich inzestuöse Annäherungen und Geschichten ab; der durch einen Zaun abgeschottene Garten wird als Trainings- und Abrichtungsfläche eingesetzt; die Missachtung von Regeln zieht physische Strafen nach sich und elterlicherseits untersteht alles dem Zwang, die eigenen Kinder unter Kontrolle zu halten. "Dogtooth" ist eine unglaublich aufregende Tragikomödie, die durch ihre langsame Inszenierung, Charaktere und ihre Werte sehr nah bringt und zu keinem Zeitpunkt ein grauenvolles Spektakel sein möchte. Aber es ist auch nichts, was man ein zweites Mal sehen müsste.

5/10

Dienstag, 24. April 2012

Schwarz auf Weiß

Schwarz auf Weiß



Deutschland, 2009
Genre: Dokumentation
Regisseur: Pagonis Pagonakis, Susanne Jäger
Darsteller: Günter Wallraff

Der bekannte Journalist Günter Wallraff verkleidet sich mal wieder. Als Kwami Ogonno aus Somalia will er den offenen und latenten Rassismus in Deutschland enthüllen. Vermieter, Uhrenverkäufer oder Senioren, keiner ist vor der versteckten Kamera sicher. Quer durch Deutschland ist Günter Wallraff 14 Monate lang gereist, um mit den Kameraaufnahmen zu beweisen, dass Ressentiments existent sind und die Hautfarbe entscheidend dazu beiträgt.

Kommentar: Misst man das Aussage-Potenzial der Aufnahmen an der Dauer des Projekts (14 Monate!), sind die hier erbrachten Ergebnisse mehr als erbärmlich. Teilweise überfällt Wallraff eingeschwore Gemeinschaften, meist ältere Menschen, oder er provoziert bestimmte Reaktionen, nur damit die Kamera glücklich ist. Fürchterlich und scheinfromm ist jedoch seine Rede, bevor die Maskerade anläuft. Da sitzt er, wird geschminkt und brabbelt etwas davon, dass er froh wäre, wenn man sehen könnte, dass Deutschland eigentlich ein total tolerantes Land sei und man sich längst vom Rassismus verabschiedet hätte. Was soll das? Ich hasse Konjunktivschreiberei, aber glaubt eigentlich irgendjemand, dass wenn er keine Ressentiments vorgefunden hätte, es diese Dokumentation gäbe? Selbstverständlich gibt es auch Aufgenommenes, das Vollzeit-Rassismus vor die Augen führt, das auch wirklich schockiert, doch überwiegen (leider?) Szenen, in denen deutlich wird, wie mit provozierenden Taten gearbeitet wurde, damit man zu einem ordentlichen Ergebnis kommt. Diese Wie-es-wirklich-ist-Doku ist alles in allem zurechtfrisierter Aufdeckungsquatsch eines aufmerksamkeitsgeilen Journalisten.

2/10

Montag, 23. April 2012

Das Todesduell der Shaolin

Das Todesduell der Shaolin (Saang Sei Kyut)



Hongkong, 1983
Genre: Eastern, Action
Regisseur: Ching Siu-Tung
Darsteller: Norman Chu Siu-Keung, Damian Lau

Es geht um die Ehre: Der japanische Schwertkämpfer Hashimoto soll in einem Einzelkampf um Leben und Tod gegen den chinesischen Shaolinschüler antreten. Beide sind Repräsentanten ihrer Länder und ihrer Kultur. Ein fairer Wettbewerb soll den besseren Kampfstil festmachen. Doch der japanische Mönch Kenji hat einen Haufen Ninja um sich geschart und legt nun alles darauf an, den Ausgang des Fights zu manipulieren.

Kommentar: Durch eine furiose Inszenierung auffallender asiatischer Kampfkunst-Film, der sich dem Konflikt zwischen Japanern und Chinesen annimmt und als zentrales Motiv die Ehre aufweist. Dieses Motiv wird erwartungsgemäß leider kaum hinterfragt, stattdessen geht es hier ruppig zur Sache, gezeigt wird ein Schlagabtausch nach dem anderen. Kurzweilige Unterhaltung will der Film bieten, das schafft er. Ins Auge fällt nicht nur das Blut, welches rausspritzend eingefangen wird, sondern auch die gute Performance der Kämpfer. Klasse Action mit Schwertern, sehr viel Dynamik und erbitterte Konkurrenzduelle. Von gründlicher Überlegung zeugt das Script zwar nicht immer, doch ein Mangel an persönlich-psychologischen Knicken, Kursschwenkungen und Rollenwechsel gibt es in "Das Todesduell der Shaolin" wahrlich nicht. Für die magic moments sorgen jedoch weder abgetrennte Köpfe und Beine noch die wundervollen Shaolinkämpfe. Es sind die vielen Auftritte der Ninja, die das Cineastenherz höher schlagen lassen. Beispielsweise tut sich ein Haufen dieser Typen zu einem Sechsmeter-Ninja zusammen. Der damaligen Zeit geschuldet, nimmt es natürlich eine sonderbare Ausprägung an, wirkt aber übertrieben charmant und zeugt von Einfallsreichtum. Die erzählerischen Schwächen stufen dieses Action-Feuerwerk etwas runter, es gibt deutlich bessere Vertreter - aber als Fastfood ist es super bekömmlich.

4/10

Sonntag, 22. April 2012

Transfer

Transfer


Deutschland, 2010
Genre: Drama, Sci-Fi
Regisseur: Damir Lukacevic
Darsteller: B.J. Britt, Regine Nehy

In naher Zukunft bietet eine Firma Persönlichkeitstransfers an. Das heißt, dass alte Menschen mit viel Geld die Möglichkeit haben, sich in einen jungen und hübschen Körper transferieren zu lassen. Diesen Körper stellen Afrikaner bereit, die dafür Geld bekommen und damit ihren Familien in Afrika helfen. Das Ehepaar Goldbeck lässt sich auf dieses Experiment trotz moralischer Bedenken ein. Sie unterzeichnen einen Vertrag und finden sich später in fremden Körpern wieder. Ihr neues Leben beginnt.

Kommentar: Im Prinzip geht es in "Transfer" um einen verständlichen Wunsch der Menschen, Herrscher über die eigene Zeit zu sein und den Tod zu verhindern. Wie entscheidet man sich, wenn man die Wahl hat, zwischen weiter leben und nicht weiter leben? Der Film lebt natürlich von seinem Sujet, und auch wenn er zu wenig aus diesem macht, hält er den Sichter mit beständiger Tiefgründigkeit am Schirm. Er hebt deutlich die Verwandtschaft zwischen Körper und Geist hervor und zeigt, dass eine Trennung Komplikationen mit sich bringt. Leider mangelt es dem Werk von Damir Lukacevic an inhaltlicher Durchsetzung. Zu oft hat man das Gefühl einen Thriller zu sehen, doch sind es meist offensichtliche Spannungsmomente, die ihr Ziel ein wenig verfehlen und nur die Zeit stehlen. Die Abrechnung mit der Naivität des Ehepaares fällt zwar etwas unbefriedigend aus, weil deutlich an ein dramaturgisches Konzept angepasst, doch trifft die Frage nach der Identität die im neuen Körper Wohnenden umso härter. Des Weiteren kratzt der Film auch an das große Problem der Globalisierung: die Ausbeutung. Wie in der aktuellen Wirklichkeit, nutzen in dieser düsteren Vision wohlhabende Menschen in wohlhabenden Ländern die Not der Ärmsten aus. Und damit ist das Szenario vom organisierten Körperverkauf für medizinische Zwecke eigentlich gar kein so schreckliches. Dafür aber ein widerwärtiges und moralisch inakzeptables.

5/10

Samstag, 21. April 2012

Kaleldo

Kaleldo


Philippinen, 2006
Genre: Drama
Regisseur: Brillante Mendoza
Darsteller: Johnny Delgado, Cherry Pie Pcache

Der verwitwete Mang Rudy hat drei verschiedene Töchter: Grace, die gerade geheiratet hat und bei ihren Schwiegereltern haust, Lourdes, die ihren Ehemann betrügt und noch Jesusa, die älteste Tochter, auf die der kranke Mann angewiesen ist. Und die er zutiefst wegen ihrer sexuellen Neigung zu Frauen verachtet. Alle drei Frauen müssen mit dem Vater und seiner patriarchalischen Erziehung irgendwie auskommen.

Kommentar: Die zweite Regiearbeit von Brillante Mendoza erweist sich als eine episodenartige Familientragödie, die mich von ihrer Ästhetik an eine Telenovela erinnert. Am Anfang sehen wir eine Hochzeit und das anschließende Festessen. Hier werden klare und träumerische Bilder von Harfenklängen untermalt, ein Gefühl der Harmonie suggeriert. Die zentrale Rolle bei dieser Hochzeit spielt zwar die verheiratete Grace, und es scheint fast so, als wäre sie die Hauptfigur, aber im späteren Verlauf des Films nehmen auch ihre Schwestern eine wichtige Position ein. Aufgeteilt wird der Film in drei Episoden: Luft, Feuer und Wasser. Dabei stellt jede Episode eine der Schwestern vor. Sie unterstehen alle ihrem verwitweten patriarchalischen Vater, durch den sie sehr an ihr Zuhause gebunden sind, zumal dieser noch schwer krank ist. Bei den Porträts der Schwestern sind sicherlich die verschiedenen Lebensläufe interessant, diese spiegeln dann auch die recht heterogenen Wege junger Frauen in der heutigen Zeit wieder. Und genau hier liegt der Konflikt des Films vor - Emanzipation gegen patriarchalische Verhältnisse. Einen richtigen Sieger gibt in diesem langsamen und meist leisen Streifen natürlich nicht. Nachdem das Oberhaupt der Familie verstorben ist, sagt eine der Schwestern, im letzten Satz des Films, dass die Liebe des Vaters Narben hinterlässt - und diese gelten nun mal für das gesamte Leben.

4/10

Ivko's Feast

Ivko's Feast (Ivkova Slava)



Serbien und Montenegro, 2005
Genre: Komödie
Regisseur: Zdravko Sotra
Darsteller: Zoran Cvijanovic, Dragan Bjelogrlic

Ende des 19. Jahrhunderts, in der serbischen Stadt Nis: Der wohlhabende und in der Region sehr bekannte Mann namens Ivko veranstaltet ein traditionelles Familienfest, welches drei Tage lang dauert und zu dem jeder willkommen ist. Der Tradition nach darf Ivko keinen Gast wieder ausladen. Das bringt ihn in eine schwierige Situation. Denn vier seiner Gäste saufen und essen unentwegt, verjagen lokale Berühmtheiten und lassen sich nicht nach Hause schicken. Als dann auch noch einer der vier Männer mit einer Schrotflinte zu schießen anfängt, sieht sich Ivko gezwungen die Polizei zu holen und sich endgültig von seine gastfreundschaftlichen Gedanken zu trennen.

Kommentar: Weder eine biedere noch eine stumpfsinnige ist "Ivko's Feast", welche sich eher mit den zum Kontext der Handlung gehörenden Attributen beschreiben lässt. Schwungvoll, gute Laune verbreitend und kurios, wie man aus der Bahn geratenen Feste in Filmen halt so kennt. Das serbische Flair und die Darstellung des 19. Jahrhunderts machen den Streifen aber besonders. Diese überaus fröhlich feiernden Gestalten, die zur Musik von Zigeunern herzhafte Tänze vollführen oder Fleisch verspeisen, ihre Kultur offen zeigen und dieses sturre Festhalten an Traditionen, das alles wird meisterlich eingefangen, umhüllt von der politischen Wirklichkeit., denn das Szenario spielt sich kurz nach der Befreiung der von der Türkei besetzten serbischen Landteile ab. Nun lässt sich nicht abstreiten, dass es sich dabei um ein streng nach dem Konzept des Gewinnmachens strukturiertes Feel-Good-Movie handelt. Doch die vielfältige Komik und die schrulligen Charaktere kompensieren die narrativen Schwächen, die im letzten Drittel immer offensichtlicher werden.

4/10

Freitag, 20. April 2012

Bibliotheque Pascal

Bibliotheque Pascal



Ungarn/Deutschland/GB/Rumänien, 2010
Genre: Drama, Fantasy
Regisseur: Szabolcs Hajdu
Darsteller: Orsolya Török-Illyés, Shamgar Amram

Mona spricht beim Jugendamt vor. Sie will das Sorgerecht für ihre Tochter wiederbekommen. Dazu muss sie dem Mitarbeiter des Amtes erzählen, was sie in den letzten Jahren getrieben hat. Also erzählt Mona dem Mann ihre Erlebnisse. Sie schildert ihre komische Begegnung mit dem Vater der Tochter, den sie keine 24 Stunden kannte und ihr Leben als Edelprostituierte in einem englischen Intellektuellen-Puff.

Kommentar: Die Menschen wollen Märchen, das ist einfach so. Doch "Bibliotheque Pascal" ist frei von den Eckpfeilern standardisierter Werke. Einzig und allein die Magie macht die Arbeit von Hajdu märchenhaft schön. Paradoxerweise nimmt er sich schwierige und diskussionsanregende Themen zur Brust. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es um die Ausbeutung des Menschen durch Menschen geht. In wunderbaren Bildern gelingt es den Machern ein schaurig-schönes surreales Mini-Universum darzustellen, in dem Literaturfanatiker zwischen verschiedenen Figurenwelten sich ihre Lieblingsliteraturfigur aussuchen können, um sich mit dieser zu vergnügen. Ein absurdes Edelpuff-Szenario, dessen Opfer, die Hauptfigur Mona geworden ist. An dieser Stelle, der Phase ihres größten Unglücks, verschwimmen dann schließlich die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum. Alles ist nur noch absurd, genau wie die Welt, in der wir leben. Man könnte auch so weit gehen, den im Film abgebildeten Literatur-Puffbetrieb mit den Reizen des Kinos für den Zuschauer zu vergleichen. Genau wie dort bestimmte Themen und Figuren auswählbar sind und die Befriedigung versprechen, sucht sich jeder Einzelne von uns Filme aus, nach Genres und Darsteller, um sich dem Mief oder den Forderungen des realen Lebens für einige Zeit zu entziehen und sich mental stimulieren zu lassen.

8/10

Donnerstag, 19. April 2012

Fahrenheit 451

Fahrenheit 451



GB, 1966
Genre: Drama, Sci-Fi
Regisseur: Francois Truffaut
Darsteller: Oskar Werner, Julie Christie

Montag ist ein Feuerwehrmann. Doch in dieser Zeit, in der erlebt, löscht die Feuerwehr keine Brände, sondern vernichtet Bücher mit der Kraft des Feuers. Montag steht kurz vor seiner Beförderung, er lebt verheiratet und hat keine Kinder. Eines Tages trifft er die Lehrerin Clarisse, die ihm andeutet, dass sie Bücher liest. Obwohl das Lesen von Büchern vom Staat verboten wird, weckt die Begegnung mit Clarisse seine Neugier und er fängt an täglich Bücher zu lesen. Seine Frau begreift das nicht und denunziert ihn.

Kommentar: Der Titel des Films spielt auf die Temperatur an, bei der Bücher anfangen zu brennen. Diese Bücher sind in dem namenlosen totalitären Staat verboten, ironischerweise ist für ihre Vernichtung die Feuerwehr zuständig. Da Literatur emotionalisiert oder zum Nachdenken anregt, ist sie ein Feind des Staates, der die Menschen zu fantasielosen und leicht lenkbaren Wesen erzieht. Dieser Feind scheint komischerweise auch der einzige noch übrig gebliebene zu sein. Bücher sind in diesem Film also als Metapher für Freiheit zu verstehen. Indem ein Mensch ein Buch liest, fängt er an zu denken, zu analysieren, zu fühlen - alles Tätigkeiten, die der Staat einschränken möchte. Das wird mit großer inszenatorischer Sorgfalt von Truffaut abgehandelt; da ist hitchcockmäßige Musik, dort skurille, kaum in die Zukunft passenden Wohnausstattungen, hier optisch fein fotografierte Bücherverbrennungen. Es ist keine bedrohlich wirkende Dystopie, eher eine ernste Zukunftsvision mit Absurditäten. Ein okayes filmisches Plädoyer für Freiheit, welches auf der Handlungsebene jedoch ziemlich schwach ist.

4/10

Mittwoch, 18. April 2012

Charisma

Charisma (Karisuma)



Japan, 1999
Genre: Drama
Regisseur: Kiyoshi Kurosawa
Darsteller: Kôji Yakusho, Hiroyuki Ikeuchi

Polizist Goro wird zwangsbeurlaubt. Dieser Umstand treibt ihn zur Natur - in die Wälder. Dort entdeckt er den Kampf verschiedener Menschen, die sich für den Baum namens Charisma interessieren. Er lernt den jungen Mann Kirijama kennen, der sich um den Baum sorgt und ihn vor beauftragten Baumfällern schützt. Doch Goro kommt ebenfalls mit der Biologie-Expertin Jinbo in Kontakt, die glaubt, dass der Baum Charisma giftig ist und alle anderen Pflanzen des Waldes tötet. Er spürt den sich immer weiter zuspitzenden Konflikt der Gruppen, kann sich aber nicht für eine Seite entscheiden.

Kommentar: Es ist nicht besonders leicht über den Film zu schreiben, da er so uneindeutig ist. Ist das nun ein sehr gutes Drama, in dem im Mittelpunkt ein Polizist zwischen den Fronten steht und nach der richtigen Moral sucht? Oder eine Erzählung, die Eingriffe der Menschen in die Natur problematisiert? Vielleicht gar ein satirischer Hieb gegen Umweltbewahrer und Umweltzerstörer? Selbst eine Allegorie auf die Gesellschaft kommt in Frage. Ganz entscheidend ist nämlich die gar nicht so bequeme Frage, ob das Leben eines Einzelnen mehr wert sein darf, als das einer ganzen Gruppe? Was rettet man, wenn es nur ein "oder" gibt? In diesem Konflikt ist der Polizist Goro, der diese Frage schon einmal falsch beantwortete und als Quittung den Erholungsurlaub bekam, da er bei einer Geiselnahme eine sehr traurige Rolle spielte. Doch nicht nur auf der Ebene der Handlung respektive Deutung kann man sich auf etwas gefasst machen. Formal fesselt "Charisma" ebenfalls ungemein. Einerseits wegen seiner prägnanten Naturbildern, da die Kamera sehr oft einen ordentlichen Abstand von den Charakteren aufweist und damit aufgrund des Schauplatzes das Geschehen intensiviert. Andererseits wegen der musikalischen Klänge, die mal mysteriös, mal infantil ausfallen, aber auf jeden Fall die merkwürdige und absurde Stimmung zusätzlich verdichten. Es sei noch gesagt, dass die Integration von verrückten, kaum denkbaren Handlungabläufen nicht bloß eine marginale Erscheinung sind, sie sind vielmehr fester Bestandteil des hier immer wieder durchscheinenden subtilen Humors.

7/10

Montag, 16. April 2012

Code Blue

Code Blue



Niederlande, 2011
Genre: Drama
Regisseur: Urszula Antoniak
Darsteller: Bien de Moor, Lars Eidinger

Marian ist eine schon über 40 Jahre alte Krankenschwester und wohnt alleine in einer spartanisch möblierten Wohnung. Sie führt ein sehr einsames Leben und hat im Wesentlichen nur Kontakt mit ihrer Mutter. Als sie ihren Nachbarn namens Konrad im Bus sieht, beginnt sie sich für ihn zu interessieren.

Kommentar: Das Leben einer Soziopathin ist Gegenstand dieses Films und dementsprechend ist die Handlung auf eine Person fixiert. Empathievermögen verlangt der Film genauso ab wie Konzentration. Denn einer Person zu folgen, die Angst vor dem Leben hat, ist gar kein so leichtes Unterfangen, weil die Unterschiede zwischen den Höhen und Tiefen im Alltag eines gesellschaftsscheuen Individuums erst einmal bemerkt und dann psychologisch nachvollzogen werden müssen. Hier hilft die herausragende Mimik der Schauspielerin Bien de Moor, die der einsamen Krankenschwester Marian ein mit dem Zuschauer kommunizierendes Gesicht gibt. Und auch die Bilder erfüllen ihren korrespondierenden Zweck. Sie müssen es aber auch tun, schließlich spielen die Dialoge kaum eine Rolle in diesem psychodramatischen Stück und auditive Maßnahmen findet man nur in knapper Form. Selbst wenn man dem Werk der Polin Urszula Antoniak Zögerlichkeit in der Entwerfung eines Außenseiterporträts vorwerfen kann, gibt es kein Mangel an ostentativen Pornografieszenen. Das Ende läuft bewusst auf einen chaotischen wie verwirrenden Akt der Unanständigkeiten hinaus, und gibt sich mit keinem Kompromiss zufrieden, weil Blut und Schmerz, Hoffnungstrümmer und Zukunftsangst aufeinandertreffen.

5/10

Sonntag, 15. April 2012

Der Golem, wie er in die Welt kam

Der Golem, wie er in die Welt kam



Deutschland, 1920
Genre: Fantasy, Horror (Stummfilm)
Regisseur: Paul Wegener, Carl Boese
Darsteller: Paul Wegener, Albert Steinrück

Der Golem ist ein aus Lehm erschaffener, künstlicher Mensch. Für seine Existenz verantwortlich ist der Rabbi Löw, der eines Abends in den Sternen eine große Gefahr für das jüdische Ghetto erkennt und daraufhin den Golem in Zusammenarbeit mit seinem Gehilfen baut, da Legenden nach, ein solches Wesen Gefahren abwenden kann.

Kommentar: Wenn man von der Prämisse ausgeht, dass ein Horrorfilm aus der Stummzeit einen in den Bann ziehen muss und die Handlung ruhig die Nebensache sein darf, dann ist das Werk von und mit Paul Wegener ein sehenswertes Stück Geschichte. Die Auseinandersetzung mit einem von Menschen geschaffen Wesen, welches nur anfänglich kontrolliert und gesteuert werden kann, dürfte eine der frühesten in der Historie des Films sein. Eine Reduktion auf geschichtliche Werte von "Der Golem, wie er in die Welt kam" soll der Kommentar aber nicht werden. Das wäre auch nicht gerecht. Denn der langsame und sehr träge Handlungsaufbau garantiert große Übersichtlichkeit und eine stimmige Exposition. Wenngleich nicht viel passiert, ist die Atmosphäre zum Teil sehr gewaltig, was an den guten mimischen Fähigkeiten von Paul Wegener liegt, der den Golem spielt. Die Präsenz dieses Wesens im Bild bringt immer eine surreale, seltsame Note mit sich, auch wenn sich die Empfindung von Furcht nie einstellt. Und weil die expressionistischen Bilder ohne viele Pausen dahinfließen, denn glücklicherweise sind die Zwischentitel sehr rar, fühlt man sich seiner Zeit nicht beraubt. Weil: Film toll und schnell vorbei.

5/10

Freitag, 13. April 2012

A Serbian Film

A Serbian Film (Srpski Film)



Serbien, 2010
Genre: Thriller
Regisseur: Srdjan Spasojević
Darsteller: Srdjan Todorovic, Sergej Trifunovic

Milos war früher ein in der Szene gefeierter männlicher Pornostar, heute lebt er mit Frau und Sohn. Doch das Geld wird knapp und so lässt sich Milos auf einen Deal mit dem Kunstfilmproduzenten Vukmir ein, der ihm für sein Stehvermögen so viel Geld bietet, dass Milos gar nicht ablehnen kann, in einer neuen Produktion von Vukmir mitzuspielen. Es gibt nur einen Haken an der ganzen Geschichte: Milos weiß nicht, was genau gedreht werden soll.

Kommentar: Ist das Kunst oder nicht? Der Film gibt diese Frage vor allem durch seine Selbstrefenzialität weiter, er parodiert die eigene Masche, den Menschen etwas abgrundtief Hässliches unter dem Deckmantel der Kunst zu zeigen. Das funktioniert und ist sogar durchaus lustig. Ganz anders verhält es sich jedoch bei der Umsetzung der Metapher auf Gesellschaft und Politik, die die Menschen misshandelt und vergewaltigt. Diese hinterlässt ein sehr flaues Gefühl in der Magengegend und das nicht nur wegen verstörender und ekelerregender Szenen. Der Film ist deshalb so gut, weil er emotional sehr griffig ist. Denn verstörende Bilder gehen von ihrem Härtegrad Hand in Hand mit dem Gefühlsbarometer des Protagonisten Milos, einem benutzten Pornostar. Alles steigert sich, man leidet mit, man wird reingezogen in die Qualen. "A Serbian Film" hat Sinn, hat ein gesellschaftspolitisches Motiv und ist letztendlich ein minutenlanger Wutanfall. Dass er jedoch als Thriller respektive Horrorfilm glänzend seine Aufgaben erledigt, spannungsgeladen bis zum Schluss ist und des Zuschauers Herz erreicht, macht aus dem zugegeben sehr kontroversen Inhalt ein verdammt gutes Werk.

6/10

Donnerstag, 12. April 2012

Auschwitz

Auschwitz



Deutschland/Kanada/Kroatien, 2011
Genre: Dokumentation, Historienfilm
Regisseur: Uwe Boll
Darsteller: Arved Birnbaum, Maximilian Gärtner

Auschwitz: Die namenlosen SS-Männer empfangen die Neuankömmlinge, denen nach einer Sortierung befohlen wird, sich auszuziehen und die Duschräume aufzusuchen. Dort werden sie vergast, während ihre Kleidung auf Wertgegenstände durchsucht wird. Am Tisch tauschen sich zwei Uniformierte über Alltägliches aus und erklären sich, was sie im Falle eines Russeneinmarsches täten.

Kommentar: Mit der Absicht gedreht, das Vergessen des NS-Verbrechens zu bekämpfen, konzipierte man diesen peinlichen pseudo-pädagogischen Film. Es trägt die Marke Uwe Boll und diese steht in erster Linie für inkompetenten Brei erster Güte. Natürlich ist "Auschwitz" von der Idee her, ein aufklärischer Stoff über die Verbrechen in dem Vernichtungslager zu sein, sehr gut, weil tatsächlich viele Menschen, besonders junge, große Wissenslücken aufweisen. Aber es ist falsch, nur mit massiven Horrorbildern aufmerksam zu machen und die gesamte Idee in einem Scripted-Reality-Modus ablaufen zu lassen. Das ist keine Auseinandersetzung mit dem Verbrechen, sondern nur der Verkauf. Doch gerade Seriosität, und ich meine nicht ein Minimum an dieser, braucht es bei einer solchen Thematik, ansonsten verkommt das Treiben zu einer perversen Show.

1/10

Montag, 9. April 2012

Der Teufel mit der weißen Weste

Der Teufel mit der weißen Weste



Frankreich/Italien, 1962
Genre: Thriller, Krimi, Drama
Regisseur: Jean-Pierre Melville
Darsteller: Jean-Paul Belmondo, Serge Reggiani

Kurz nach seiner Entlassung ermordet Maurice Faugel seinen Freund Gilbert aus Rache und stiehlt aus seinem Haus Geld und Diamanten. Mit dem Gangster Remy plant Maurice einen Einbruch, für den sich sein Freund Silien behilflich zeigt, da er ihm spezielles Werkzeug leiht. Doch in der Nacht des Einbruchs läuft alles falsch, irgendjemand hat die Polizei informiert. Remy wird auf der Straße erschossen, Maurice kann den Polizisten entfliehen, wird aber später noch verhaftet.

Kommentar: Den großen Vorbildern des schwarzen Krimi aus den USA folgend treibt dieser Film seine Charaktere ständig in die Ungewissheit. Und den Zuschauer gleich mit. Das Drehbuch ist mit voller Absicht verwirrungsstiftend und clever, doch erst zum Ende ist das Chaos in seiner gesamten Form ersichtlich. "Der Teufel mit der weißen Weste" ist wirklich ein außergewöhnlicher Vertreter des früheren Spannungsfilms. Er lässt den Sichter Puzzleteile zusammenbauen, nur um sie zehn Minuten vor Schluss, dann wenn man glaubt das Bild klar vor sich zu haben, komplett zu zerstören. Ein Aha-Erlebnis wird garantiert. Zur kühlen Atmosphäre passen auch die ganzen Figuren. Typen, die wenig reden und wenig mit ihrem Gesicht machen. Als könnte jedes Wort eins zu viel sein und jede Bewegung im Gesicht, Minuspunkte einbringen. Dass im Gangstermilieu die Seiten schon mal schnell wechseln können, hat sich längst in das Bewusstsein der hier behandelten Personen integriert. Vertrauen, Misstrauen, Rache. Das sind die drei charakteristischen Stufen, die der Film durchläuft und mit denen der Entwicklungsprozess der Hauptfigur Maurice Faugel zusammenhängt. Bloß hat Maurice die Rechnung nicht ohne einen schweren Denkfehler gemacht.

5/10

Sonntag, 8. April 2012

Serbis

Serbis


Philippinen, 2008
Genre: Drama
Regisseur: Brillante Mendoza
Darsteller: Gina Pareno, Jacklyn Jose

Die Familie Pineda betreibt in der Innenstadt ein Sexkino. Wirtschaftlich steht es sehr schlecht um die Betreiber, zwei Kinos mussten sie schon schließen, jetzt bleibt ihnen nur noch eins übrig. Da passt es natürlich nicht, dass der jüngste Sohn der Familie seine Freundin geschwängert hat, wo doch schon auch ohne ein weiteres Kind das Geld vorne und hinten kaum ausreicht.

Kommentar: Der moralische Niedergang der philippinischen Gesellschaft spiegelt sich in der Familie Pineda, die einen ganzen Tag, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, mit den Augen der Kamera beobachtet wird. Beinahe ins Dokumentarische abdriftend erzählt "Serbis" von den Menschen in einer Umgebung, in der Perversionen an der Tagesordnung sind. Das Sexkino, Ort der Verführung, der Loslösung, des Zerfalls. Um die Umgebung stärker zu unterstreichen, hat man sich entschieden, wenig bis keiner (?) musikalischer Hilfsmittel zu bedienen. Die Hintergrundtöne dominiert die Geräuschkulisse. Ob es unten im Laden der Straßenlärm oder oben auf der Treppe das Gequatsche von Schwulen ist, man wird das Gefühl nicht los, Zeuge eines ungeheuerlichen Realismus zu sein. Spannungs- und Effektgeladen ist diese Arbeit von Mendoza natürlich nicht. Es geht meist sehr ruhig zur Sache und es dauert auch, bis man in den Film reinkommt, da die ersten Minuten sehr chaotisch ablaufen. Mit einem offenen Ende verabschiedet sich das Ganze und der philippinische Regisseur unterstreicht seinen Rang als raffinierter Macher ungeschönter Sozialdramen.
5/10

Samstag, 7. April 2012

Wenn der Wind weht

Wenn der Wind weht (When the Wind Blows)


UK, 1986
Genre: Drama (Zeichentrick)
Regisseur: Jimmy T. Murakami
Sprecher: Peggy Ashcroft, John Mills

Am Rande eines englischen Dorfes zur Zeit des Kalten Krieges wohnt ein Rentnerehepaar, Hilda und Jim. Während Hilda sich mit dem Haushalt beschäftigt, kümmert sich Jim um Besorgungen und das Aufschnappen der neuesten Nachrichten, die sich sich um das Weltgeschehen drehen. Als das Ehepaar eines Tages gemeinsam am Küchentisch sitzt und isst, meldet der Radiosprecher, dass in wenigen Tagen mit einem Atomangriff der Russen zu rechnen sei. Die Bedrohung ernstnehmend lesen sich Jim und Hilda durch eine amtliche Broschüre, in der steht, wie man sich auf einen nuklearen Angriff vorbereitet.

Kommentar: "Wenn der Wind weht" ist glücklicherweise kein Film über den Kalten Krieg, sondern über die einfachen Menschen dieser Episode in Großbritannien. Alles dreht sich um das bescheiden lebende, naive alte Ehepaar Bloggs, das sich vor einem nuklearen Angriff vorerst in Schutz bringen kann, später jedoch von Krankheitserscheinungen ergriffen wird, doch bis zum Ende noch an das Gute glaubt. Und damit an die britische Regierung, die in den Achtzigern das Informationsblatt "Protect And Survive" veröffentlichten, in dem die Bürger lesen konnten, welche Maßnahmen sie im Falle eines nuklearen Angriffs ergreifen müssten, um nicht zu Schaden zu kommen. Den naiven Optimismus des Ehepaares greift der Film ironisch auf und drückt Hilda und Jim behutsam den Opfer-Stempel auf. Unglaublich sympathisch sind die Figuren, ihr Schicksal kommt umso bedrückender. Dass man als Zuseher nichts gegen das Leid, das sich zum Ende im Haus abspielt und sehr vorhersehbar ist, tun kann, allein dieser Effekt des Wütendseins zeigt, wie Zeichentrickfiguren wirken können, wenn man menschliche Werte auf sie spiegelt. Das auf einem Comic von Raymond Briggs basierende Drehbuch ist deshalb so verdammt gut.

7/10

Mittwoch, 4. April 2012

Todeskommando Russland 2

Todeskommando Russland 2 (Zvezda)


Russland, 2002
Genre: Thriller, Krieg
Regisseur: Nikolay Lebedev
Darsteller: Igor Petrenko, Artyom Semakin

Sommer 1944: Unter der Führung des Leutnants Travkin begibt sich eine Pioniertruppe in das feindliche Gebiet. Die jungen russischen Männer haben den Auftrag bekommen hinter den feindlichen Linien Informationen über einen möglichen Angriff der Deutschen zu sammeln. Schon nach kurzer Zeit stellen sich erste Schwierigkeiten ein, doch wirklich gefährlich wird es für die Männer, als sie ohne das Funkgerät auskommen müssen.

Kommentar: In der Tradition alter sowjetischer Filme, die den Fokus auf das Leid der Menschen legten oder sich besonders für den Heldentum ihrer Figuren interessierten, steht "Todeskommando Russland 2" überhaupt nicht. Der temporeiche, teils hecktische Handlungsfortschritt ist eher mit US-amerikanischen Produktionen aus den 80ern zu vergleichen. Kriegsfilm-Allesseher erschüttert dies vielleicht wenig, aber wirklich authentisch gibt sich dieses russische Low-Budget Produkt kaum. Kulissen, Personen und Dialoge sind ein bedauernswert implausibles Etwas, kaum definierbar und mit dem Begriff Authenzität auch kaum vereinbar. Unterm Strich ist das ein plumper und patriotischer Streifen, der zu allem Ärger noch eine wenig nenneswerte und seelenlose Liebesgeschichte erzählen will; und dies bedeutet den endgültigen Genickbruch.

3/10