Donnerstag, 23. Mai 2013

The Miracle Fighters

The Miracle Fighters (Qi men dun jia)



Hongkong, 1982
Genre: Action, Komödie (Trash)
Regisseur: Woo-ping Yuen
Darsteller: Tien Lung Chen, Eddy Ko

14 Jahre ist es her, als Kao, ein ehemals hochrangiger Mitarbeiter am Hofe des Kaisers, von seinen Vorgesetzten umgebracht werden sollte, weil er als Mandschu eine Frau des Han-Volkes heiratete. Auf seiner Flucht aus dem Palast nahm er damals den Prinzen als Geisel mit, der ihm jedoch unterwegs verstarb. Jetzt lebt er zurückgezogen, und immer noch als Gesuchter, mit dem Waisen Shu Geng zusammen, um den er sich kümmert. Weil er jedoch einen Fehler macht und sich den Dienern des Kaisers kenntlich zeigt, ist sein Leben fortan in Gefahr, auch deshalb, weil die Schergen des Kaisers glauben, Shu Geng sei der damals gestohlene Prinz.

Entzückend verpackte Abstumpfkost

Kommentar: THE MIRACLE FIGHTERS zeigt mit seiner übertrieben chaotischen Erzählung, dass man selbst dort noch auf freakige Sachen trifft, wo es ohnehin schon öfters mal sehr weird zugeht. Dieser Film hebelt nicht nur in bester Wuxia-Manier die physikalischen Gesetzmäßigkeiten aus, er versucht sich gleichzeitig auch an denen des Hongkonger Kung-Fu-Genres, was ihn zu einer überbordenden Kuriositätenshow macht. Den parodistischen Gestus bildet man sich vielleicht ohnehin nur ein, entsteht doch immer wieder das Gefühl, der Regisseur habe durch diesen Versuch nicht die Genremuster auf die Spitze getrieben, sondern bloß die Idee einer anspielungsreichen Übertreibung. Wenn er so etwas überhaupt im Kopf hatte. Das schafft freilich noch mehr Verwirrung in einer Soße, wo mal alles und mal gar nichts zu finden ist, höchstes Entertainment und peinlichste Kindergeburtstagsaufführung. Allerdings ist der Fortgang der Handlung teilweise so rasant und allen psychologisierenden Maßnahmen so entsagungsfreudig, dass diese seltsame Koexistenz aufgrund des erhöhten Stumpfheitsgrads ein ums andere Mal wirklich wunderliche Blüten treiben kann, weshalb THE MIRACLE FIGHTERS an und für sich ein vernünftiger Filmbeitrag ist.

 In der Erzählung um Kao, der vor den Schergen des herrschenden Kaisers bedroht wird, gibt es grundsätzlich wenig Pausen zum Durchatmen und Durchschütteln. Der Fortgang ist aber weniger wirr als schlicht logikarm, währenddessen die Spannung ihre Kraft fast durchgehend aus den Erwartungen an die nächste absonderlichen Situation bezieht. Diese sind nicht knapp, eher allgegenwärtig, die Sequenzen überproportional mit ihnen gefüllt. Seriöse Kampf-Action bleibt dagegen eine Randerscheinung, scheint unerwünscht zu sein. Der inflationäre Gebrauch von bizarren Seltsamkeiten macht den Film letztendlich auf eine besondere Art dann auch schon wieder musterhaft und gesetzestreu, wenngleich es sich hierbei natürlich um ein eigens aufgestelltes Regelwerk handelt. Der Regisseur Woo-ping Yuen war zur Entstehungszeit übrigens bereits ein alter, erfahrener Hase und hatte schon einige wertvolle Beiträge zum Kung-Fu-Katalog aus Ostasien beigetragen. So handelt es sich bei seinem Regiedebüt im Jahr 1978 um kein geringeres Werk als DIE SCHLANGE IM SCHATTEN DES ADLERS, dem ersten großen Film von Jackie Chan und eine viele ironische Schattierungen enthaltene Blaupause für die Verquickung von Martial-Arts-Elementen und komödiantischen Zutaten. Nicht weniger stark war auch der im gleichen Jahr erschienene DRUNKEN MASTER, bei welchem Woo-ping Yuen, wie für viele seiner Filme, auch die Rolle des Choreografen einnahm.

 Um zu seinem Markenkern zu kommen, nämlich kreativen Spinnereien und absurden Spielereien, braucht Yuens wahrscheinlich speziellster Kung-Fu-Film übrigens keineswegs lange. Damit soll jeder genug vorgewarnt sein, der meint, er könne nach einem Druck auf die Play-Taste kurz mal aufs Klo gehen. Denn anstatt den Anfangsteil mit einer minutenlangen und sorgsamen Einführung zu gestalten, bringt THE MIRACLE FIGHTERS die Konflikte im Rekordtempo an den Mann, in dem er die Menschen schon nach wenigen Sekunden aufeinanderhetzt. Kennt man diese Methode so oder ähnlich noch aus anderen Martial-Arts-Werken der Siebziger und Achtziger, folgt hier nach den schnell vorbeiziehenden Schwertkämpfen, bei denen der Held namens Kao ein paar ihm augenscheinlich nicht gewachsene Gegner vor den Augen des Kaisers plattmacht, dann das erste Kuriosum. Der Hauptfigur stellt sich die wichtigste Waffe des Kaisers in den Weg, ein Zaubermeister, der jedoch nur kurz auftritt, um dann wieder im Rauch zu verschwinden und eine putzige Bodenvase zu hinterlassen. Selbstverständlich ist der Gegenstand nicht so ungefährlich wie er scheint. Schon bald bewegt sich dieser und rollt auf Kao zu, der flugs ausweicht und mit ansehen muss, wie aus der Vase ein lustig wirkendes, geschminktes Gesicht und zwei Hände herausgucken. Ganz abenteuerlich wird es aber dann, wenn das Vasenwesen einen das Gesicht Kaos zierenden Steckbrief in den Mund nimmt, es kaut und wieder als Schwert herausholt. Aus Papier, versteht sich. Danach folgt ein Kampf zwischen gleichwertigen Duellanten, der, weil unser eigenschaftslose Held vorzeitig aus dem Palast des Kaisers abhauen will, ergebnislos beendet wird, nachdem Kao die gemeine Kämpfer-Vase in einen Teppich einrollt.

Um es aus den Gemächern zu schaffen, nimmt er den schaukelnden Prinzen als Geisel, damit die Truppen des Kaisers ihn vorbeiziehen lassen. Weil er allerdings die Kette am Hals des unschuldigen Kindes zu stark packt, geht dem Buben irgendwann die Luft aus. Erst draußen bemerkt er, dass der Junge tot ist. Die Trauer, die dann in schwermütiger Atmosphäre geschieht, wirkt wie das Ende, ist aber in Wahrheit nur der Anfang von allem. Melancholische Sounds über den Bildern der gen Untergang strebenden Sonne und des bis zum Horizont reichenden Meeres bringen nach rund sieben Minuten für kurze Zeit sogar so etwas wie eine kontemplative Ruhe rein, bevor es mit den Nachbarschaftsstreitereien zweier exzentrischer Menschen weitergeht und wir uns insgesamt ganze 14 Jahre nach vorne bewegen.

Doch nach diesem enormen Zeitsprung scheint sich nicht viel verändert zu haben, schließlich würde es um Kao weiterhin nicht gut stehen, falls der Kaiser herausfindet, wo er sich aufhält. Der Sprung dient hierbei auch nur zur Etablierung eines neuen Charakters, der, nachdem das kaiserliche Personal durch einen Zufall herausfindet, wo Kao sich aufhält, für den vor Jahren als Geisel genommenen Prinzen gehalten wird, weil der Kaiser natürlich annimmt, dass dieser noch am Leben ist. Der neue Charakter heißt übrigens Shu Geng, er wurde als Waise von Kao aufgenommen und von diesem in Sachen Kampftechnik gelehrt.

Schon bald muss sich unsere Hauptfigur also feindlichen Attacken entgegenstellen, bei welchen der oben erwähnte fiese Zaubermeister aus dem Haufen von Schergen des Kaisers heraussticht und sich als Mensch (?) offenbart, der sich durch eine erfolgreiche Rückholaktion vor allen Dingen Ruhm und Ansehen im herrschaftlichen Palast verschaffen möchte. Diese Träumereien von Aufstieg zerplatzen selbst dann nicht, als er herausfindet, dass Shu Geng in Wahrheit gar nicht der Prinz ist. Für Kao und seinen Zögling Shu Feng bildet aber gar nicht die widerwärtige Falschheit des Zauberers eine Gefahr, sondern seine überdurschnittlichen Kampfskills, die er, als ob das nicht schon genug sei, zusätzlich mit magischen und übermenschlichen Kräften verbindet. Doch wer glaubt, dass sich der Kampf Zwei gegen Eins über mehrere Sequenzen bis in den Schluss fortsetzt, unterschätzt die Schrägheit dieser Trashbombe gewaltig. Denn wie von Hitchcocks PSYCHO abgekupfert, bringt THE MIRACLE FIGHTERS mit dem frühen Ableben des Hauptcharakters seine Erzählung durcheinander, wobei dieser Streifen keine Filmhälfte dazu benötigt, um seinen ursprünglichen Protagonisten abzusägen.

An etlichen Klischees des Genres abarbeitend, setzt THE MIRACLE FIGHTERS seiner Übertreibungslust nur selten Grenzen, suhlt sich somit ein wenig an der eigenen Unzulänglichkeit, eine Balance zwischen allen Elementen einzurichten. Er ist wirklich ein Hybrid aus verschiedensten Versatzstücken und Motivmustern - er verbindet ganz beiläufig ostasiatische Schlag-und-Tritt-Action mit Fantasy- sowie Horroranleihen und driftet immer ein wenig in die psychedelische Ecke ab, ohne sich jedoch dort keck niederzulassen. Ebenso schwankt die Qualität des Humors, der zwar so oder so immer stumpf ist, in Passagen ohne die das erträgliche Maß übersteigenden infantilen Soundeffekte allerdings öfters mal echte Lacher erzeugen kann. Ansonsten lässt sich vornehmlich nur an der endlos erscheinenden Kette von kuriosen Ereignissen berauschen, die im letzten Drittel sogar einen typischen Parkour von Hindernissen aufbietet, wie man es aus Werken wie DIE 36 KAMMERN DER SHAOLIN oder DER TEMPEL DER SHAOLIN bestens kennt. Ein spezielles Bonbon für Kenner dürfte sicherlich die Ehrerweisung für Siu-tien Yuen sein, der im Frühjahr 1979 verstarb, in vielen bekannten Arbeiten seines Sohnes, eben des Regisseurs Woo-ping Yuen, mitspielte und dessen Gesicht jedem halbwegs erfahrenen Martial-Arts-Gucker bekannt ist. Hier ist er ein fiktiver toter Meister, den wir nur auf einer Porträtzeichnung eines kleinen Gebetsplatzes sehen, um das sich regelmäßig zwei Kung-Fu-Vollkönner versammeln, die ihm ihre magischen Fähigkeiten zu verdanken haben.

Dienstag, 21. Mai 2013

Lebenskünstler

Lebenskünstler (You Can't Take it with You)



USA, 1938
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Frank Capra
Darsteller: James Stewart, Jean Arthur

Tony Kirby ist Vizepräsident einer erfolgreichen Firma seines Vaters und möchte seine Stenografin Alice Sycamore heiraten, was von seinen beiden Elternteilen sehr skeptisch vernommen wird. Da dies auch Alice weiß, besteht sie darauf, dass Tony seine Eltern in ihr Haus bringt, damit sie ihre Familie kennenlernen können. Doch da Tony keine Lust darauf hat, dass sich die Familie von Alice zum Treffen nicht so zeigt, wie sie in Wirklichkeit ist, besucht er mit Mutter und Vater einen Tag früher als geplant das Haus der Sycamores. Das führt natürlich unweigerlich zu einer Serie von Pleiten, Pech und Pannen.

Und das Gute triumphiert

Kommentar: LEBENSKÜNSTLER weist natürlich auch wieder die Capra-typische Magie auf, die seine Filme ab Mitte der 1930er Jahre zeigten, in dem sie unter anderem darauf Wert legten, das Gute triumphieren zu lassen. YOU CAN'T TAKE IT WITH YOU, so der Originaltitel, wurde nach einem erfolgreichen Bühnenstück inszeniert und hält überraschenderweise relativ wenig Screentime für den eigentlichen Hauptdarsteller James Stewart bereit. Denn Capra stellte ihm, im Gegensatz zu MR. SMITH GEHT NACH WASHINGTON (1939), die Schauspielerin Jean Arthur ein Jahr zuvor noch als gleichwertige Partnerin an die Seite, was natürlich auch unweigerlich zu wohldosierten Screwball-Späßen führt. Als Endprodukt ist der Film schon ganz deutlich ein Werk des Ensembles, weil sich nicht nur mehre Personen in einer aktiven Rolle am Handlungsfortschritt beteiligen, sondern selbst Nebenfiguren zeitbegrenzte Hauptrollen einnehmen. Dass sich diese Komödie das leisten kann, liegt selbstverständlich an der Spielzeit von satten zwei Stunden, die es sowohl möglich macht, eine behutsame Einführung zu gestalten als auch vorhersehbare Momente hinauszuzögern. Das Darsteller-Kollektiv wächst am Ende auch nicht nur zusammen; es wächst dem Zuschauer regelrecht ans Herz. Und da es vom Inhalt her eine Geschichte ist, die verschiedene Welten zusammenbringt und für Bescheidenheit und Uneigennützigkeit argumentiert, hätte eine Vermessung eines einzigen Individuums der entscheidenden Magie sowieso abträglich werden können. LEBENSKÜNSTLER steht, wie es sich liest, den anderen Wunschwelt-Konzepten, die Capra in ähnlichen Filmen formulierte, wirklich in nichts nach und lässt in naivsten Tönen zwei Männercharaktere aufeinanderprallen, von denen der eine für das Leben lebt und der andere für den ökonomischen Erfolg. Wer sich auf moralische Bildung der Marke Capra einlassen kann und Humor mag, der sich aus exzentrisch, aber nicht dumm und blöd auftretenden Figuren speist, der macht mit YOU CAN'T TAKE IT WITH YOU garantiert nichts falsch.

Blinde Wut

Blinde Wut (Fury)



USA, 1936
Genre: Drama
Regisseur: Fritz Lang
Darsteller: Spencer Tracy, Sylvia Sidney

Als Joe sich auf den Weg zu seiner Freundin Katherine macht, wird er in der Stadt Strand festgenommen, weil er verdächtigt wird, einer Kidnapper-Gruppe anzugehören. Während er bis zur Klärung hinter Gittern sitzen muss, brodelt draußen die Gerüchteküche, die die Emotionen der Bürger von Strand hochkochen lassen. Obwohl keine genauen Beweise vorliegen, pushen sich die Männer so weit hoch, dass sie bereit sind, den Weg zum Gefängnis einzuschlagen, um als Mob den vermeintlichen Übeltäter selbst zu richten.

Der Kampf gegen Selbstjustiz

Kommentar: Langs erster Hollywoodfilm nach seiner Emigration in die USA ist eine spannende und lohnenswerte Studie über die menschliche Psyche und den Zustand der amerikanischen Gesellschaft - eine Studie, welche zwar den Kommunikationsregeln standardisierter Spielfilme gehorcht, aber die vordergründige Unterhaltung eben auch als Mittel zum Zweck benutzt. Wie schon in M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER formuliert Lang seine Aversion gegen Selbstjustiz vor allen Dingen mithilfe der Darstellung des inhuman bearbeiteten Opfers, welches einem wütenden Mob (oder eben einer bestimmten Gruppe) als Zielscheibe dient.

 BLINDE WUT fängt harmlos an, zeigt uns ein sympathisches Paar, das für mehrere Monate voneinander Abschied nimmt und sich im Laufe des Jahres Briefchen schreibt. Als Joe und Katherine sich dann endlich entschließen, in Kürze zu heiraten, macht das Pech ihre Pläne erst einmal zunichte. Weil Joe nämlich verdächtigt wird, einer Kidnapper-Gruppe anzugehören, wird er in der Stadt Strand (Illinois) festgenommen und bis zur Klärung hinter Gittern gebracht. Draußen beginnt jedoch, die Gerüchteküche zu brodeln. Anfangs erzählt man sich noch, dass ein möglicher Entführer gefasst sei, doch schon bald kochen die Emotionen so weit hoch, dass aus der Möglichkeit einer Schuld die Sicherheit einer Schuld zusammenkonstruiert wird. Und weil man der Justiz misstraut, begibt sich der wut- und hasserfüllte Lynchmob zum Gefängnis, um den vermeintlichen Übeltäter selbst zur Strecke zu bringen.

Mit seiner Erzählung über eine wild gewordene Masse, in der sich Individuen zusammenschließen, mit der Konsequenz, Identität zu verlieren und Anonymität hinzuzugewinnen, brilliert der deutsche Filmemacher schon allein der Aktualität wegen. Das ist gar nicht mal so sehr aufgrund der wirklich schaurigen, aber auch objektiven Schilderungen der Massenhysterie der Fall, die im Zusammenhang mit emotionalisierenden Nachrichten und medialen Angsteinimpfungen noch lange nicht zum Aussterben verdammt ist. Vielmehr findet man in BLINDE WUT deshalb Parallelen zum heutigen Zeitalter, weil der Zuschauer eine Erläuterung in Bild und Wort darüber erhält, wie sich Gerüchte und Meldungen verselbstständigen, bis Quelle und Ursprung keine Rolle mehr spielen. In unseren virtuellen Dimensionen der Raumüberwindung durch das Netz geht diese brutale Verselbstständigung natürlich sogar noch schneller als damals, was wahrscheinlich schon jedem aufmerksamen Beobachter ein (süßes oder bitteres) Lächeln auf die Lippen gezaubert hat. Denn Nachrichten über voreilige Entschlüsse so mancher Gruppen, die sich vornehmlich im Internet für das vermeintlich Gute organisieren, wollen einfach nicht abnehmen.

Langs Stärke hinsichtlich des Konzepts lässt sich jedoch nicht nur auf die Thematisierung der Gerüchteverbreitung und eine Abneigung gegen Selbst- und Lynchjustiz herunterbrechen. Der Regisseur spricht ferner auch Vertrauensverluste in das Justizsystem an und problematisiert das amerikanische Rechtswesen, während er gleichzeitig jedoch die wild gewordene Masse vor deren Opfer verteidigen muss, weil dieses auf unrechte Art Rache an dem Mob üben will, welcher ihn fast umgebracht hätte. Zwar kommt BLINDE WUT nicht mehr voller Graustufen daher wie noch Langs Krimiklassiker mit Peter Lorre in der Verkörperung eines echten Schuldigen, doch impliziert der Film ebenfalls genug Widersprüchlichkeiten, die sein Anschauen herausfordernd und Gedanken anregend gestalten. So entbehrt es übrigens nicht einer gewissen Ironie, dass es die sensationsgeilen Reporter sind, die mit ihren Kameras den Mob live dabei einfangen, wie dieser ein Gefängnis stürmt sowie in Brand setzt, und mit den Bildern später die glasklaren Beweise liefern, welche die Schuldigen stellen können. Was für eine herrlich gute Anspielung auf den Nachrichtenjournalismus als zweischneidiges Schwert!

BLINDE WUT war also mehr als ein würdiger Einstand Langs in der Traumfabrik. Lustigerweise verlief meine Sichtung im Jahr 2010, also ganze drei Jahre vor der zweiten Begegnung, längst nicht so erfreulich. So monierte ich beispielsweise die angeblich peinlichen Abläufe der Hysterie sowie das musterhafte Abspielen der Hollywoodstandards, die in mir Fremdschämemotionen auslösten. Allerdings vermag ich nicht zu sagen, ob mein aktueller Respekt für diesen Klassiker nur auf die kontinuierliche Erwartungsanpassung an die
frühen filmdarstellerischen Normen zurückzuführen ist oder ob mein früheres Urteil totaler Käse war. Wahrscheinlich haben beide Meinungen etwas Richtiges an sich, denn dass Fritz Lang - auf Druck des Studios - Mainstream-Gesetzen gehorcht und die Schauspieler sowie Statisten hier und da in Theatralik verfallen, ist schwer von der Hand zu weisen. Doch letztlich ist es die gesellschaftspolitische Dimension, die dem Film seine Schärfe gibt, weniger die Inszenierung.

Montag, 20. Mai 2013

Der Mieter

Der Mieter (The Lodger)



GB, 1927
Genre: Thriller, Drama (Stummfilm)
Regisseur: Alfred Hitchcock
Darsteller: Ivor Novello, Marie Ault

In der Wohnung eines älteren Ehepaares mietet ein seltsam wirkender Mann ein Zimmer. In London ist gerade der sogenannte Avenger-Fall in aller Munde, welcher jüngere Mordtaten an Frauen beschreibt. Als der geheimnisvolle neue Mieter mit der Tochter des Hauses in Kontakt kommt und dieser sogar ein Kleid kauft, verbietet das Paar seiner Tochter, den Umgang mit dem Fremden, weil sie den Mann der jüngsten Mordserie verdächtigen.

Erster echter Hitchcock

Kommentar: Auch wenn tatsächliche Spannungsmomente in DER MIETER sehr rar sind, führt der mit knappen Mitteln geschaffene Film dem Zuschauer einige Genialitäten auf Bildebene vor und dokumentiert Hitchcocks in späteren Filmen noch stärker im Vordergrund stehende Vorliebe, das Publikum zu verwirren und zu überraschen. Zwar fehlt in diesem stummen Streifen die unverwechselbare Handschrift, die spätestens seine Filme aus den Vierzigern aufzuweisen haben, trotzdem fühlt man die konzentrierte Leichtigkeit, mit der Hitchcock die Geschichte von Jack the Ripper erzählt. Der Meister selbst soll ihn übrigens als den ersten echten Hitchcock der Geschichte bezeichnet haben. Das ist jedoch in Anbetracht der Tatsache, dass er sich in DER MIETER an vielen verschiedenen Motiven abarbeitet, die später fest zu seinem Repertoire gehören sollten, auch nicht weiter verwunderlich. Selbstverständlich besitzt der Film um einen zu Unrecht als Serienmörder denunzierten Mann heute nicht mehr die Strahlkraft, ebenso lässt sich konstatieren, dass die Verwendung bildsprachlicher Techniken trotz einiger Ausreißer nach oben keineswegs das typische Niveau von Hitchcock erreicht. Geht man mit dieser Erwartungshaltung an den Film, dürfte es bei einer Sichtung zu keiner Tortur der Langeweile kommen.

Die Fliege

Die Fliege (The Fly)



Kanada/USA 1986
Genre: Thriller, Horror
Regisseur: David Cronenberg
Darsteller: Jeff Goldblum, Geena Davis

Wissenschaftler Seth Brundle hat eine Teleportationsstation gebaut, mit der er es schafft, Dinge von einem von einem Ort zum anderen zu teleportieren. Nachdem ihm ein Versuch mit einem Pavian glückt, beweist er, dass er mit der Station auch lebende Sachen transportieren kann. Als er sich jedoch selbst einem Versuch unterzieht und in die Teleportationsbox steigt, nimmt unbemerkt auch eine Fliege am Experiment teil, die zufällig in die Box hineinfliegt. Nach seiner erfolgreichen Teleportation bemerkt Seth an seiner Person zuerst nichts Außergewöhnliches, bis auf die Tatsache, dass er auf einmal reich an Energie ist. Doch schon bald beginnt seine DNS, sich mit der der Fliege zu vermischen ...

Horror auf höchstem Niveau

Kommentar: Der Urängste provozierende Film von Cronenberg ist ergreifendstes Kino, das mit den Mitteln des Ekels eine geradezu surreale Stimmung kreiert, die den Zuschauer mitsamt seiner Gedankenwelt affiziert und so teuflisch-boshaft in die konstruierte Spannungskurve des eigenen Ichs hineindriften lässt. Denn nichts ist grausamer, als sich die Frage zu stellen, wie man selbst auf die physischen und mentalen Veränderungen reagieren würde, während man jedoch gleichzeitig genauso an natürliche Alterungsprozesse denkt, welche mit den Bildern von schrumpeliger Haut oder dem Ausfallen der Zähne assoziiert werden. Weil dieser echte und tiefsinnige Horror auf Effekte-Overkill verzichten kann, bleibt die übermäßige Verwendung von einschlägigen F/X-Instrumenten aus. In dicken Lettern zeigt sich in der imaginären Schlagwortwolke stattdessen der Begriff Make-up, der zwar im Normalfall wenig über die Qualität eines Films aussagt, in diesem Fall jedoch mehr eine Kunst in einer Kunst beschreibt als nur einen ästhetischen Zusatz. Und dann wäre da noch die Dramaturgie dieser Cronenbergschen Körpertransformations-Fantasie, welche die verschiedenen Stufen des Verlustes auch auf der Spannungs- und Beziehungsebene analysiert. Schließlich bezieht der unumkehrbare Prozess nicht nur den Wissenschaftler mit ein, sondern auch dessen Freundin, mit der er vor seinem missglückten Experiment  noch mehr als glücklich zusammen war. 

Sonntag, 12. Mai 2013

Olympia

Olympia



Deutschland, 1938
Genre: Dokumentation (Experimental)
Regisseur: Leni Riefenstahl
Darsteller: -

Der Propagandafilm zeigt die sportlichen Ereignisse der Olympischen Spiele 1936, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Berlin ausgetragen wurden.

Verehrung des Körpers

Kommentar: Natürlich entdeckten auch die Nationalsozialisten nicht lange nach der Machtergreifung die Filmkunst als Apparatur zur Verbreitung ideologischer Botschaften, weswegen sie diese deshalb auch flugs mit in ihre Propagandamaschinerie aufnahmen. Leni Riefenstahl gehört zu den bekanntesten Namen der NS-Filmgeschichte und wird selbst heute noch in vielen Cineasten-Zirkeln für ihre bewundernswerte und wirkungsvolle Bildarbeit gerühmt. Ihre zweiteilige Experimental-Doku OLYMPIA zeigt aus teils sagenhaften Aufnahmewinkeln und mithilfe cleverer Filmmittel in verzerrter Form die sportlichen Ereignisse der Olympischen Spiele 1936, die in Berlin stattfanden. Dass die Internationalität der Veranstaltung den propagandistischen Missbrauch der deutschen Machthaber nicht dämpfen konnte, zeigten zwar schon die Spiele selbst, doch da Adolf & Co. bekanntlich nie satt wurden, musste sich das sicherlich nicht billige Sportfestival als Verteiler nationalsozialistischer Werte ebenfalls in der Verpackung einer Doku beweisen.

Riefenstahls mit suggestiven Aufnahmen von durchtrainierten Leibern und bestechenden physischen Fertigkeiten arbeitende Dokumentation ist jedoch vielmehr eine kultische Verehrung des athletischen und gesunden Körpers als ein Hohelied auf das Deutsche Reich oder die Diffamierung nicht arisch aussehender Sportler. Ob Großaufnahmen von einer gut ausgeprägten Beinmuskulatur, das absichtliche Wegschneiden des Kopfes zur Akzentuierung der Physis oder Zeitlupenszenen während des zur vollen Hochleistung getriebenen Körpers - die Überhöhung eines bestimmten physischen Ideals war unmissverständlich das Hauptanliegen der Macher. Leider sind inszenatorisch nur die in beiden Teilen vorhandenen, mit starker hypnotisierender Wirkung operierenden Prologe durchgängig wunderbar umgesetzt, während die Darstellung der verschiedenen Disziplinen und Wettkämpfe sich qualitativ schon stark voneinander unterscheidet. Denn gerade die Formelhaftigkeit im ersten Part der Doku, wenn sich das Muster Sportleraktion-Ergebnis-Zuschauerreaktion mehrere Minuten hartnäckig hält, mindert den Genuss erheblich.

Zeit der Liebe, Zeit des Abschieds

Zeit der Liebe, Zeit des Abschieds (Dodsworth)

 


USA, 1936
Genre: Drama
Regisseur: William Wyler
Darsteller: Walter Huston, Ruth Chatterton

Das Ehepaar Dodsworth - Fran und Sam - bricht zu einer längeren Reise nach Europa auf. Auf einem Luxusschiff, das den Atlantik überquert, beginnt Fran sich für andere Männer zu interessieren, während Sam die junge und attraktive Witwe Edith Cortright kennenlernt. Später verliebt sich Fran in einen europäischen Adeligen und klärt ihren Mann darüber auf, dass sie sich scheiden lassen will. Der verlässt seine Frau und setzt seine Tour durch Europa erst einmal alleine fort, bis er in Italien schließlich wieder auf Edith Cortright trifft, die sich in ihn verliebt.

Ein Film, mit dem man geduldig umgehen sollte

Kommentar: Es existieren diese Filme, hinter die man, nach dem man sie zur Hälfte angeschaut hat, am liebsten ein Häckchen setzen würde, weil sich nichts mehr bewegt - seien es die Charaktere oder die Handlung selbst, die man auch noch meint, vorausschauen zu können. ZEIT DER LIEBE, ZEIT DES ABSCHIEDS gehört zwar ebenfalls in diese unliebsame Kategorie, allerdings auch zu der dazugehörigen Minderheitengruppe, deren Filme sich alles in allem als gelungen ausweisen, da sie das Ruder noch mal herumreißen. Deswegen sollte man in jedem Fall die Tugend mitbringen, mit einem Kinostück geduldig umgehen zu können, falls man herausfinden möchte, was den zu seiner Zeit sehr erfolgreichen Spielfilm von William Wyler ausmacht. Denn ist ZEIT DER LIEBE, ZEIT DES ABSCHIEDS anfangs noch zäh und im Mittelteil öfters mal leblos, gelangen alle Elemente, die sorgsam angeordnet wurden, aber auf ihr Kommando warten mussten, erst im letzten Drittel schließlich zum Blühen. Wylers Melodram handelt an sich vom Zerbröckeln einer langjährigen Ehe und gibt über den Zustand der Beziehung eines Paares ein mehr analytisches denn ein mitfühlendes Bild ab, weshalb es gar nicht so viele empathische Höhepunkte anbietet, wie man von einem Streifen über Liebe ("im Alter") und der Suche nach Lebenssinn erwarten könnte. Zwar schieben sich auch hier für das alte Hollywoodkino typische, sentimentale Tonfetzen unter einige Dialoge, doch erfolgt ihr Einsatz kontrolliert und bleibt irgendwann sogar fast ganz aus. Des Weiteren wurde das nach Europa reisende ältere Ehepaar, das auseinandergeht und zusammenkommt, um doch wieder auseinanderzugehen, von Schauspielern verkörpert, die ihre besten Jahre in der Traumfabrik eigentlich schon hinter sich hatten. Davon merkt man aber ehrlich gesagt überhaupt nichts.

Die Schwestern von Gion

Die Schwestern von Gion (Gion no shimai)



Japan, 1936
Genre: Drama
Regisseur: Kenji Mizoguchi
Darsteller: Yamada Isuzu, Yoko Umemura

Die beiden Schwestern Omaha und Umekichi arbeiten als Geishas und haben verschiedene Einstellungen zur Ausübung des Berufs wie auch den Umgang mit Männern. Während Umekichi die traditionelle Position einnimmt und sich von der männlichen Unterstützung abhängig macht, verpflichtet sich Omaha nicht zur Demut und benutzt die Männer für ihre
eigenen Zwecke.

Why do there even have to be such things as geisha?

Kommentar: Dass Mizoguchis Werke schon immer mehr als nur mit formaler Strenge gezeichneten Melancholien im Filmformat waren, die anhand konzentrierter und statischer Kamera einen Realismus-Anstrich verpasst bekamen, zeigt sich insbesondere an Meisterstücken wie DIE SCHWESTERN VON GION. Nicht nur, dass die bedachte Inszenierung mit dem Fokus auf Innenaufnahmen und somit einer intimeren Ausleuchtung plotrelevanter Interaktionen den Konsumenten tief in die Erzählung von Ungerechtigkeit, Amoralität und Daseinskampf hineinblicken lässt; neben dem Ambiente bildet nämlich auch die Schilderung selbst eine Anziehungskraft, die nebst sozialen, ökonomischen und kulturellen Faktoren und Bezügen, die schwere Last der Geishas im Japan der Dreißigerjahre zu ordnen versucht.

Obwohl die Ausgangssituation mit zwei Schwestern, die beide Geishas sind, aber verschiedene Vorstellung von der Ausübung des Berufs wie auch dem Umgang mit Männern haben, mehr als Komfort für den Zuschauer bietet, spinnt sich die Handlung im Verlauf zu einem Netz aus Lügen, erfolgreichen und erfolglosen Emanzipationsversuchen sowie Intrigen zusammen. So spiegeln sich in den Handlungssträngen und den darin enthaltenen Ausnutzungsmustern seltsamerweise auch deutlich Motive des Film noir wieder, weshalb DIE SCHWESTERN VON GION mit seiner Thematisierung der problematischen Lage der Geishas zwar dem 17 Jahre später erschienenen, ähnlich angelegten DIE FESTMUSIK VON GION gleicht, doch sich durch seine Figurenzeichnung deutlich komplexer gestaltet. Außerordentlich fallen dahin gehend deshalb die konträren Positionen zwischen den als Geishas arbeitenden Schwestern aus. Denn während die eine die traditionelle Position einnimmt und sich von der männlichen Unterstützung abhängig macht, verpflichtet sich die andere nicht zur Demut und manipuliert die Männer lieber für ihre eigenen Zwecke. Als schlussendlich beide scheitern, lässt es sich Kenji Mizoguchi nicht nehmen, die Last der Geishas im Speziellen und die miserable Situation der Frauen in Japan im Allgemeinen mithilfe der an Normen rüttelnden Schwester dann doch noch zu kommentieren: Why do there even have to be such things as geisha? - DIE SCHWESTERN VON GION gilt heute als erstes Meisterwerk des japanischen Filmemachers Mizoguchi.

Mein Mann Godfrey

Mein Mann Godfrey (My Man Godfrey)



USA, 1936
Genre: Komödie
Regisseur: Gregory La Cava
Darsteller: William Powell, Carole Lombard

Auf einer Party nehmen die beiden Schwestern Cornelia und Irene Bullock an einer eigentümlichen Schnitzeljagd teil, bei der unter anderem auch nach einem forgotten man (Begriff aus der Zeit der Great Depression: ein Mensch, der sich aufgrund seiner finanziellen Situation am untersten Ende der sozialen Kette befindet) gesucht wird. Sie versuchen ihr Glück auf der Müllhalde, auf der Cornelia einen Obdachlosen anspricht und diesem ein Geldangebot macht, damit er ihre Trophäe spielt. Doch zu ihrem Pech sieht der Obdachlose keinen Grund, das Angebot anzunehmen, was sich in seinem deutlichen Widerwillen zeigt. Da Irene trotz ihrer verärgert weglaufenden Schwester zurückbleibt, kommt es zu einem Gespräch, bei dem der ungepflegt erscheinende forgotten man namens Godfrey Sympathien für die naivere Schwester empfindet und sich schließlich dazu bereit erklärt, als ihre Schnitzeljagd-Trophäe präsentiert zu werden. Als Godfrey nach seiner Präsentation auf der Party zurück auf die Müllkippe gehen will, bietet ihm Irene einen Job als Butler im Haus ihrer Familie an.

Die Geschichte im Zentrum

Kommentar: Obwohl der Film in Dialogpassagen wahrlich nicht so zappelig und unberechenbar wie die berühmtesten Werke der Screwball-Komödien ist, lebt auch er vom enormen kreativen Potenzial der Drehbuchverfasser, die ihren Schwerpunkt auf die Schöpfung memorabler Charaktere und bissiger Sprachwitze legen. So durchzieht MEIN MANN GODFREY vor allem der Geruch einer sorgfältig ausgearbeiteten, in Zentrum stehenden Story, um die sich die Gags drumherum versammeln, nicht andersrum. La Cava legte sichtlich Wert auf Inhalt, Message und Entwicklung der Handlung, was sich auch daran zeigt, dass alle Elemente ineinandergleiten und man zwischen sie ein Gleichheitszeichen setzen könnte. Beeindruckend vor allen Dingen, wie die Einführung in das Geschehen vonstattengeht, die als Lehrunterricht für jeden angehenden und (manchen bereits etablierten) Regisseur taugen dürfte. Denn hier wird, ohne viel Tamtam und Erzählung einer Vorgeschichte, schon in den ersten Minuten der Vorhang für die Charakterisierung der drei wichtigsten Personen geöffnet und der Ausgangspunkt für das Komische wie die Problemsituation für das Kritische präzise auf den Punkt gebracht. Sich zu einem wilden Mix aus Satire und Familienkomödie ballend, kommentiert MEIN MANN GODFREY die Kluft zwischen Arm und Reich, welche in der Periode der Great Depression natürlich nochmals fürchterlicher war und begeht dabei übrigens nicht den Fehler, nur nebenbei sozialkritische Posen in die Erzählung einfließen zu lassen. Er weist im Rahmen eines Unterhaltungsfilms vielmehr ehrlich auf massive gesellschaftliche Ungleichheiten hin, indem er frech die Geldausgeb-Gepflogenheiten der oberen sozialen Schicht karikiert und problematisiert.

Sabotage

Sabotage



GB, 1936
Genre: Thriller
Regisseur: Alfred Hitchcock
Darsteller: Sylvia Sidney, Oskar Homolka

Carl Verloc betreibt mit seiner Frau Sylvia und ihrem jüngerem Bruder ein kleines Kino in London. Nebenbei arbeitet Carl jedoch auch für eine geheime Organisation, welche verschiedene terroristische Angriffe und Sabotageakte in London organisiert. Allerdings weiß er nicht, dass er von einem als Gemüsehändler arbeitenden Mann beschattet wird, der für Scotland Yard arbeitet. 

Hitchcock-Momente, die zum Schwärmen einladen

Kommentar: Anders als der ein Jahr vorher erschienene humorvolle DIE 39 STUFEN, ist SABOTAGE als Agententhriller deutlich ernster angelegt. Auf einem Roman von Joseph Conrad basierend, dreht sich die Geschichte um einen als Saboteur operierenden Mann, der für seine Frau und deren jüngeren Bruder jedoch nur ein stinknormaler Kinobetreiber ist, dementsprechend auch keiner Fliege etwas Böses könnte. Die familiäre Harmonie bekommt jedoch Risse, als ein Mitarbeiter des Scotland Yards sein Näschen etwas tiefer in das Doppelleben des Saboteurs und vermeintlich braven Durchschnittsmannes reinzustecken beginnt. Doch so vielversprechend sich die Konstellation aus einer unwissenden Ehefrau, einem für eine geheime terroristische Zelle arbeitenden Kinobetreiber und dem Gesetzeshüter-Störenfried liest, so mechanisch und blutleer läuft anderseits dann auch die Handlung ab, welche sich mit dem Fortgang der Zeit als unglaublich flau herausstellt. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass Hitchcock selbst diesem Film keine große Bedeutung beimaß und in der Rückschau als unordentlich empfand. Allerdings existieren zwei höchst einprägsame Sequenzen und Augenblicke, über die es sich trotzdem ordentlich zu schwärmen lohnt: Zuerst führt der Meister des Thrillers den Sichter mit einer geringen Anzahl an Bildern und binnen weniger Sekunden in einer an Stummfilmen orientierenden Montage in die Lage der Geschichte ein; wohingegen er im letzten Drittel mehrere Minuten in Anspruch nimmt, um mithilfe eines Jungen und einer Zeitbombe im Gewand eines üblichen Paketes eine archetypische Suspense-Situation zu erschaffen. Mehr Hitchcock-Signatur geht nicht!