Montag, 28. Oktober 2013

Der Rabe

Der Rabe (Le Corbeau)



Frankreich, 1943
Genre: Krminalfilm, Thriller
Regisseur: Henri-Georges Clouzot
Darsteller: Pierre Fresnay, Ginette Leclerc

In einer kleinen Stadt in Frankreich verschickt jemand, der sich "Der Rabe" nennt, Briefe an die Bewohner, die sich unterschiedlichen Sachen schuldig gemacht haben sollen. Dem Arzt Rémy Germain wirft der anonyme Briefschreiber beispielsweise vor, verbotene Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Schon bald ist die gesamte Stadt in Aufruhr, doch die Polizei zeigt sich machtlos.

Ein Vogel bringt Dynamit unter die Bürger

Kommentar: Wie schon in dem ein Jahr vorher realisierten DER MÖRDER WOHNT IN NR. 21, greift man bei DER RABE auf Whodunit-Erzählmuster zurück und stattet das versteckspielende Subjekt mit einem festen Markenzeichen aus. Waren das dort kleine Karten mit einem Pseudonym drauf, die am Tatort hinterlassen wurden, sind es hier Briefchen, die anonym an unterschiedliche Menschen einer Provinzstadt verschickt und mit "Le Corbeau" unterzeichnet werden. In diesen Briefen beschuldigt man einzelne Bewohner, bestimmte Sachen getan zu haben; jemand deckt also vermeintliche Geheimnisse auf, die eigentlich nicht in die Öffentlichkeit gehören und die die Bürger scheinbar gegeneinander aufbringen lassen sollen. Schon bald herrscht Panik im französischen Kaff, man gerät in Denunziationslust und kommt sogar irgendwann darauf, verdächtige Personen an die Schreibtische zu setzen und sie solange schreiben zu lassen, bis sie völlig erschöpft sind, damit dann niemand mehr von ihnen seine wahre Handschrift verbergen kann. Der ein beachtliches Tempo fahrende, intensive Dialogszenen beinhaltende Film von Clouzot ist so etwas wie ein verkappter Film noir, weil er markante Elemente und die Bildsprache eines Noir zwar aufweist, aber sie nicht in ein klassisches Handlungsformat bringt, wo Mord und zwielichtige Detektive den Plot beherrschen. Außerdem fehlt es ihm ebenso an Urbanität, stattdessen gibt es ein gepfeffertes Kleinstadtfeeling, das von erdrückend bis verstörend reicht. Das könnte auch der Grund dafür sein, warum der Film anfangs abgelehnt, dann verboten und erst paar Jahre nach der französischen Befreiung wieder aufgeführt und mehrheitlich gelobt wurde. So negativ wollten sich die Franzosen damals wohl nicht dargestellt sehen.

Don't Torture a Duckling

Don't Torture a Duckling (Non si sevizia un paperin)



Italien, 1972
Genre: Thriller, Horror
Regisseur: Lucio Fulci
Darsteller: Tomas Milian, Florinda Bolkan

In einem italienischen Dorf werden Jungen entführt und später tot aufgefunden. Die Polizei zeigt sich ratlos und muss dabei zusehen, wie das Vertrauen der Bewohner in die Macht der Gesetzesbewahrer zusehends schwindet. Der junge Journalist Martelli beginnt ebenfalls Nachforschungen zu stellen und entdeckt am Ende ein böses Geheimnis.

Knabenmorde in einem rückständigen Dorf

Kommentar: Mehrere Knabenmorde lösen in einem italienischen Dorf Panik aus, sodass auch die nationale Presse sich auf die Ereignisse stürzt und dem kleinen Ort unrühmliche Bedeutung in der Tagesaktualität verschafft. Die Polizei ist machtlos und sieht sich ebenso mit Streitigkeiten unter den Bewohnern konfrontiert, die sich gegenseitig beschuldigen oder sogar töten. Unter der eigentlichen Geschichte, die mit herkömmlichen Kriminalfilm-Motiven bestückt wurde, erwartet den Zuschauer das entsetzliche Bild eines zerrissenen, rückständigen Dorfes. Regisseur Fulci kombinierte die Thriller-Prozedur mit gesellschaftspessimistischen Tönen und schuf ein Werk, das schon fast als Milieuschilderung durchgehen kann. Davon sprechen auch die Aufnahmen, in denen der Stoff uns Gewalttätigkeiten zeigt. Denn man verzichtete größtenteils auf selbstzweckhafte Brutalo-Bilder, fügte dafür Szenen ein, die uns neue Interpretationsmöglichkeiten zu dem teilweise sehr düsteren Provinz-Panoptikum vermitteln. Letztendlich zeigt Fulci die Jagd nach dem Mörder als einen bizarren Kampf, der die niederen Triebe der Menschen weckt. Die Bewohner, die das fiktive Dorf bevölkern, können hier ihre Verletzlichkeit nicht verstecken und ihren Durst nach Vergeltungsmaßnahmen aussetzen. Ihr provinzieller Unfrieden wird entblößt, ihre brutalisierte Seite nach außen gekehrt. DON'T TORTURE A DUCKLING markiert, was den Regisseur betrifft, eine Karrierewende, denn der Streifen gehörte zu den ersten in Fulcis umfangreicher Filmografie, in denen er mit Gore-Effekten arbeitete.

Battlestar Galactica - Staffel 2

Battlestar Galactica
USA/Kanada, 2004 - 2009
Umfang: 4 Staffeln (75 Episoden)
Genre: Drama, Sci-Fi
Idee: Glen A. Larson, Ronald D. Moore, David Eick


Vor 40 Jahren haben die Menschen mit den von ihnen selbst erschaffenen Zylonen, hochtechnologischen- und intelligenten Maschinen, einen Waffenstillstand abgeschlossen, nachdem die Erfindungen gegen ihre Schöpfer rebelliert hatten. Doch nach Jahren der Ruhe schlagen die Zylonen auf einmal mit einem nuklearen Angriff zurück, der fast die gesamte Menschheit auslöscht. Nur Menschen, die sich zum Zeitpunkt der Vernichtung im Weltall befinden, können den Angriff überleben, darunter auch die Crew des militärischen Raumschiffs Galactica sowie einige Tausende von Zivilisten auf kleineren zivilen Schiffen. Da alle 12 Kolonien von Menschen ausgelöscht und von Zylonen besetzt sind, entschließt man sich, nach der legendären dreizehnten, der Erde, zu suchen, deren Existenz jedoch nicht bewiesen ist.


In der ersten Staffel gab es die Besonderheit, dass die Handlung den Stoff des dreistündigen Pilotfilms fortsetzte, in dem sehr konkret das Grundgerüst der Serie zum Vorschein kam, aber in dem auch viele unbeantwortete Fragen auftauchten. Die Arbeit am Gerüst und die Fortsetzung des Pilot-Plots schien die Macher allerdings ein wenig zu überfordern, denn sie beluden die ersten Folgen mit zu viel Material, das sie auch noch in knapper Zeit abgearbeitet haben wollten. Diese Situation wiederholt sich auch in der zweiten Staffel und wirkt sich eher negativ auf die Startepisoden aus. Vielleicht wollte man die Angespanntheit und Aufregung der Figuren besser verständlich machen, indem man probierte, alle Handlungsfäden aufzugreifen, um ein dramatisches Spektakel ins Wohnzimmer reinzutragen. Nur verkauft sich in diesen Momenten BATTLESTAR GALACTICA deutlich unter Wert, weil es alles reinzupressen versucht, was nicht bei Drei auf dem Baum ist. Als sich die Serie dann schnell wieder normalisiert, wird der Unterschied zwischen der Qualität und der Quantität der erzählerischen Stränge umso deutlicher.

Obwohl negative Worte über die ersten Episoden gefallen sind, will ich diese dennoch nicht als verkorkst ansehen. Dafür ist das, was passiert, dann auch einfach zu spannend: Nachdem Commander Adama nach schweren Verletzungen in Lebensgefahr schwebt und Präsidentin Roslin nach einer Uneinigkeit eingesperrt wird, muss der gerne mal zur Flasche greifende Colonel Tigh das Ruder auf dem Kampfschiff Galactica übernehmen, welches von Angriffen der Zylonen nicht verschont bleibt. Währenddessen ist ein kleiner Teil der Crew auf dem Planeten Kobol, dem ursprünglichen Heimatplaneten der Menschen, auf dem man nach Rohstoffen sucht. Außerdem soll sich dort auch das Grab der Athene befinden, wo man angeblich Auskunft über den Standort des dreizehnten, für viele nur im Reich der Fabeln existierenden Planeten namens Erde bekommen kann. Zuvor muss jedoch der sogenannte Pfeil des Apollo beschafft werden, weil er den Weg zum unbekannten Planeten weisen soll. Dafür hat Kara Thrace, die furchtlose Kampfpilotin der Crew, allein die Verantwortung. Für diese Aufgabe stattet sie dem mit Zylonen vollgestopften Planeten Caprica einen Besuch ab, auf dem sie überraschenderweise auch noch menschliche Wesen vorfindet, die dort gegen die Macht der Maschinen rebellieren und um ihr Leben kämpfen.

Die zweite Staffel von BATTLESTAR GALACTICA bietet im Vergleich zu den ersten 12 Episoden der Sci-Fi-Serie eine klare Steigerung, die sich in erster Linie an der Figurencharakterisierung ablesen lässt. Denn die Figuren machen insgesamt einen noch düstereren Eindruck, was sich in ihren moralischen Standards widerspiegelt, mit denen gerne mal gebrochen wird, wenn man Vorteile daraus ziehen kann. Intrigen, Ränkespiele und kalte Kalkulationen werden zu einem krassen Bedrohungspotenzial, während die Gefahr, die von den Zylonen ausgeht, immer öfter nur einen Nebenschauplatz bildet. Zudem verschwimmen auch noch die Grenzen zwischen Mensch und Maschine manchmal sehr deutlich, was die Charaktere selbst bemerken, wenn sie an die moralische Konstitution und den Verstand ihrer Mitmenschen appellieren, weil es doch die Dinge seien, die sie von den Robotern unterscheiden. Des Weiteren müssen die Führer der Kolonne darüber entscheiden, wie sie mit einem Zylonen verfahren, der ihnen höchst behilflich zur Seite steht, wenn es beispielsweise um die Abwehr der Schiffe oder die Prävention von Attacken geht. Außerdem erwartet dieser weibliche Zylon sogar noch ein Kind, dessen Vater jedoch nicht ein weiteres Zylonenmodell ist, der wie ein echter Mensch funktioniert und aussieht, sondern ein Mitglied der Galactica, das die zukünftige Mutter über alles liebt.

Natürlich schafft es die Serie, in den allermeisten Folgen zumindest, die richtige Balance zwischen dialoglastigen Momenten und Actionpassagen zu finden, sodass man vor der Sichtung einer Episode stets mit viel Abwechslung und Tempovariationen rechnen kann. Dadurch, dass die Männer und Frauen um Präsidentin Roslin und Commander Adama laufend neuen Krisen ausgesetzt sind und manche Dinge sowieso nur am seidenen Faden hängen, bleiben viele Wendungen unberechenbar. Überrascht wird man auch feststellen, was einen da am Ende der Staffel erwartet. Es beeindruckt und irritiert, stimmt den Zuschauer aber hauptsächlich auf die weiteren Folgen ein.

Die Sopranos - Staffel 1

The Sopranos
USA, 1999 - 2007
Umfang: 6 Staffeln (86 Episoden)
Genre: Drama
Idee: David Chase


Tony Soprano ist ein Mafioso aus New Jersey und entschließt sich, nachdem er von Panikattacken heimgesucht wurde, zu einer Psychiaterin zu gehen. Neben den persönlichen Sorgen treten auch immer wieder Schwierigkeiten mit Leuten auf, die seinen Mafiakollegen und ihm den Platz streitig machen wollen oder Gelder nicht pünktlich zahlen. Und dann hat Tony ja noch seine andere Familie, seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn. 


Das ist sie also, die Serie, der nachgesagt wird, sie habe die Serienlandschaft geprägt, verändert, revolutioniert. 1999 bei dem Anbieter HBO gestartet und 2007 dort erfolgreich zu Ende gebracht, geht es in ihr um den hochrangigen Mafioso Tony Soprano, der mit seiner Familie in New Jersey lebt und kriminellen Geschäften nachgeht. Die Sendung startet damit, dass Tony bei einem Barbecue einen Nervenzusammenbruch erleidet und sich daraufhin an die Psychiaterin Dr. Jennifer Melfi wendet. Die weiß zwar, wer er ist, doch solange er ihr gegenüber keine direkten Aussagen über begangene und geplante Verbrechen tätigt, verspricht sie, dass alles unter ihnen bleiben werde. Mit ihr spricht er in der ersten Folge dann auch über die Enten, jene Tiere, die eines Tages in seinen Swimmingpool stiegen und später wieder verschwanden, über die Beziehungen in der Familie und seine eigenen Ängste. Da es Tony peinlich ist, seinen Mafiakollegen zu erzählen, dass er sich regelmäßig mit einem shrink trifft, tut er natürlich alles dafür, damit das Geheimnis um seine mentale Krise nicht bis zu seinen Buddies vordringt. Auch seine Frau Carmela bekommt den Auftrag, es niemandem zu erzählen, weil er sich ansonsten Sorgen um seinen Ruf machen müsste.

Das liest sich wahrlich nicht wie eine typische Geschichte über ein Mitglied der Mafia, doch aus der Haltung, eine solche Figur zu zeichnen, die ständig Spagate zwischen unterschiedlichen Sphären machen muss, zieht DIE SOPRANOS seine große Stärke. Hinzu ist Tony ein megasympathischer Charakter, der auch mental von einem Pol zum anderen wandert, was meistens durch die psychischen Belastungen hervorgerufen wird, denen er ständig zum Opfer fällt. In einer verantwortungsvollen Position beschäftigt zu sein, erfordert starke Nerven, vor allen Dingen, wenn man zu Hause noch Kinder hat, die in einem Alter sind, in der sie die ein oder andere kritische Frage zu viel stellen und keine Ahnung davon haben, dass sie mit ihrem Plagegeist-Verhalten einen Menschen dazu bringen können, nur noch mehr über sich zu zweifeln. Das fast Abgedrehte an dieser ganzen konstruierten Handlung über einen Familienvater, der für ein Mafia-Unternehmen arbeitet, ist eben, dass er keinen alltäglichen und - sagen wir doch einfach, wie es ist - anerkannten Beruf ausübt. Tony stellt keinen Zucker-Papa dar, der bloß zwischen oftmals stressiger Arbeit und manchmal anstrengendem Heim hin und her pendelt und ansonsten die Unschuld in Person zu mimen versucht. Die Wahrheit sieht doch so aus, dass er ein lupenreiner Mafioso ist, der sich seinen Wohlstand mehr oder weniger ergaunert hat.

Um noch einmal auf die erste Folge zurückzukommen: sie besticht durch alles, was eine erste Folge einer Serie, der hohe Qualität zugeschrieben wird, haben muss. Bei DIE SOPRANOS reicht das von einer geordneten Übersicht des Sortiments an Charakteren über die Einführung in die Erzählgeschwindigkeit bis hin zu einem umfangreichen Einblick in die verschiedenen Konflikte sowie den dazugehörigen Anspielungen darauf, welche Ringkämpfe und Debattierveranstaltungen noch ausgetragen werden können. Ich habe bisher keine Pilotfolge einer anderen Serie gesehen, die den Konsumenten in eine Serienwelt in so hohem Maße kompetent einführt und ihm einen so feinen Überblick gibt, wie die von David Chase geschriebene, produzierte und auch realisierte erste Episode, für die er übrigens auch den Directors Guild of America Award gewann. Pilotfolgen werfen immer Köder aus, Stückchen, die uns Zuschauer verlocken sollen, eine Serie weiterzuverfolgen. Doch DIE SOPRANOS gelingt es zusätzlich noch, ein Handlungsuniversum nicht nur in leckeren Stückchen vorzustellen - vielmehr befinden sich die Stückchen bereits in einer Masse, welche zwar noch ungeformt vor uns liegt, aber schon einiges von ihrer späteren Struktur preisgibt. Und schließlich meistert die Staffel es problemlos, Versprechungen aus dem Pilot einzuhalten.

Aufgrund des Images der Serie wusste ich schon vor meinem Ausflug in das Soprano-Reich, dass ich eine gewisse Erwartungshaltung nicht würde unterdrücken können. Doch spätestens nach den ersten vier Folgen war diese Furcht, die Messlatte zu weit nach oben gesetzt zu haben, wieder verflogen und wurde dann auch nie mehr gesehen. Was man in der ersten Staffel definitiv bemerken kann, sind die Spuren des Übergangs in eine neue TV-Welt. Gerade die Szenen mit dem Nachwuchs der Sopranos, wenn sie in der Schule oder mit ihren Freunden gezeigt werden, als auch einige Nebenplots im Anfangsteil, verhalten sich nämlich zum Rest recht trashig und erinnern an Fernsehabgründe aus den Achtzigern und Neunzigern, was der Staffel jedoch keinen Abbruch tut und aus seriengeschichtlicher Sicht wahrscheinlich nicht belanglos sein dürfte.

Montag, 14. Oktober 2013

Der Teufel auf Rädern

Der Teufel auf Rädern (The Car)



USA, 1977
Genre: Thriller, Horror
Regisseur: Elliot Silverstein
Darsteller: James Brolin, Kathleen Lloyd

In der Kleinstadt Santa Ynez überfährt ein schwarzer Wagen mehrere Personen, ohne dass der Fahrer gefasst werden kann. Die Polizei steht vor einem echten Problem, denn der Täter macht auch nicht vor Kindern halt. Bei einem Straßenumzug können Schüler und Lehrer einer Schule nur knapp dem gefährlichen Auto entkommen, dessen Fahrer mit ihnen zu spielen schien. Oder hat das Fahrzeug einen solchen etwa gar nicht drin sitzen?

Eine Kleinstadt gegen Beelzebub

Kommentar: Ein Auto kommt mit hübscher PS-Anzahl auf zwei jugendlich ausschauende Fahrradfahrer zu, die ihr Schicksal noch gar nicht kennen. Doch dann bekommen sie mit, dass das schwarz lackierte Ungeheuer nicht aus Spaß auf sie zurast, sondern dass es rast, um sie umzubringen. Und das geschieht dann auch, das Auto fegt seine Feinde im wahrsten Sinne des Wortes von der Straße und siegt in diesem unfairen Kampf. Die Einführung des Antagonisten legt das Fundament für unsere Beziehung zu dem Fahrzeug, welches wir bis zum Ende nicht werden ausstehen können. Stattdessen sucht man die Identifikation mit den Gesetzeshütern der Kleinstadt, die ihren heimeligen Ort zurecht bedroht sehen und sich deshalb gegen das Terrorgebaren des lästigen Straßenboliden mit Pistole und Gewehr positionieren. In diesem Gebiet, wo jeder jeden kennt, entsteht eine Atmosphäre, die einnehmender nicht sein könnte. Mit seiner Sympathie dazuzugehören, ist für den Zuschauer nicht bloß eine Verlockung, sondern eigentlich schon ein Muss, wenn er am Film irgendwie teilnehmen möchte. In seiner unkomplexen Zeichnung ist der Killer auf vier Rädern nämlich ein extremer Beelzebub, auf den man nur Hass haben kann, wenn man allein seine Frontseite, also seine Hackfresse, sieht. Nichtsdestotrotz ist DER TEUFEL AUF RÄDERN überzeugendes B-Kino mit einem wunderbaren Cast, der Kleinstadt-Figuren zum Leben erweckt, an welche man sich in jeder Phase klammern möchte. Gedreht in einer Canyon-Gegend, tut sich der Mix aus Action- und Horrorelementen noch dazu mit adäquater Fotografie nicht besonders schwer, sodass Verfolgungsjagden aus allen Blickwinkeln wunderhübsch aussehen, was den Spaß mit diesem Werk nicht ganz unerheblich vergrößert

Die Wand

Die Wand



Österreich/Deutschland, 2012
Genre: Drama
Regisseur: Julian Pölsler
Darsteller: Martina Gedeck, Hans-Michael Rehberg

Eine Frau begibt sich mit einem befreundeten Paar auf eine Jagdhütte in den Bergen. Das Paar geht ins Dorf, das sich in der Nähe befindet, während die Frau allein in der Hütte bleibt. Als diese am nächsten Morgen aufwacht, sieht sie, dass die anderen zwei Mitreisenden immer noch nicht zurück sind. Sie beschließt, die Gegend zu erkunden und stößt ein wenig später auf eine unsichtbare Grenze, die das Weitergehen nicht gestattet. Eine Wand trennt sie und die Zivilisation.

Langsames Mystery-Drama über das Arrangement mit der Isolation

Kommentar: Schöne Bilder von der Natur wechseln sich mit anderen schönen Bildern von der Natur ab, und trotzdem scheint vieles im Argen zu liegen. Die Natur hat für die Frau, die von einer anonymen Kraft anscheinend gefangen genommen wurde, etwas von einem Lebenselixier, was auch exemplarisch verdeutlicht wird, als sie sich an einer Stelle des Films unter die Strahlen der Sonne legt und dabei wahrscheinlich für einen begrenzten Zeitraum alle Sorgen los wird. Doch auch ihre Tiere, die sie in der Gegend auffindet, stärken ihren Selbsterhaltungstrieb und geben ihr Aufgaben für den Tag. Ihre unfreiwillige Existenz außerhalb zivilisatorischer Prozesse, ihre vollständige Isolation führt dann dazu, dass sie Gedanken zu Papier bringt und über das Menschsein in einer von Menschen abgeschotteten Kleinwelt philosophiert. Der Vorwurf, der dem Film nicht gerade selten gemacht wird, ist überraschenderweise der, dass Martina Gedeck, die die eingesperrte Frau spielt, ihre Denkbeiträge und Nacherzählungen monoton präsentiere und dies dem Plot seinen eigentlich vorhandenen Reiz entziehen würde. Mehr als eine Behauptung, die diskret aus der Pampe herausgeholt wurde, sehe ich hier allerdings nicht. Denn neben dem Gegenargument, dass eine Stimme, die sich anhört, als würde ihr Besitzer einfach nur irgendwelche Zeilen ablesen, den Aufnahmen ein gespenstisches Ambiente verleihen kann, scheint es mir hier auch einen aus meiner Sicht logischen Bezug zur Vereinsamung der Protagonistin zu geben, die aufgrund der ihr weggenommenen Identität ihren Zustand der Enttäuschung kaum verbergen kann. Sie hat sich nach mehr als zwei Jahren zwar mit ihrer Lage abgefunden, aber der Mythos Natur ist geblieben.

Sonntag, 13. Oktober 2013

Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies

Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies (Christina, princesse de l'érotisme)



Belgien/Frankreich/Italien/Liechtenstein, 1973
Genre: Horror
Regisseur: Jesús Franco
Darsteller: Christina von Blanc, Britt Nichols

Nach dem Tod ihres Vaters besucht Christina dessen Schloss, um dort die Testamentseröffnung verlesen zu bekommen. Sie übernachtet in einer Gaststätte, wo ihr eine Wirtin mitteilt, dass das Schloss leer sei und sich dort niemand befinde. Sie reist dennoch weiter und trifft dort ihre Verwandten, die sich alle merkwürdig verhalten. Nach kurzer Zeit merkt Christina, dass etwas nicht stimmt, doch kann sie sich aus den Fängen ihrer blutliebenden Verwandten nicht befreien.

Wenn Klischees fallen gelassen werden, gibt es kein Halten mehr

Kommentar: Zuerst besteht das Skript noch darauf, Elemente aus der Klischeekiste rauszupacken. So stellt man uns eine junge Frau vor, die neu an einem Ort ist und das Schloss ihres verstorbenen Vaters besuchen möchte, wo sich zurzeit auch ihre Verwandten aufhalten sollen. Natürlich wird sie zuvor aber noch in einem Gasthaus über die Gefährlichkeit ihrer Zielmarkierung aufgeklärt, was sie jedoch gemäß irgendwelcher Gesetzbücher für die Horrorfilmherstellung selbstedend kalt lässt. Doch dann reißt sich EINE JUNGFRAU IN DEN KRALLEN VON ZOMBIES von solchen Ritualen frei und entwickelt sich zu einer verdammt fiebrigen Albtraumcollage, in der man sich überhaupt nicht mehr sicher sein kann, welche Bilder als nächstes kreiert werden. Alles scheint möglich, es gibt kein Halten mehr. Sobald sich Francos Film von den Ketten erzählerischer Ordnung löst, folgen wir Hauptfigur Christina dabei, wie sie versucht, Traum und Wirklichkeit auseinanderzuhalten und sich gegen den bösen Spuk zu wehren, der sie terrorisiert.

Regisseur Franco, der in seinen besten Phasen einen B-Film nach dem anderen rausgehauen hat, bekommt es hin, kontemplative Momente und zittrige Augenblicke so zusammenzufügen, dass sie ein Durcheinander abgeben, das nicht arthousig auftritt oder von Filmtheorie inspiriert ist, sondern welches uns einfach ein hervorragendes Amalgam aus verworrener Exploitationkost und noch verworrenerem Ausbruch in die Bilderkunst anerkannter Kinomeister bietet. Welch entrückenden Eindrücke dieses Horrorwerk produzieren kann, sieht man sehr gut in einer Sequenz, in welcher eine Frau in einem roten Kleid sich auf dem Teppich zur Klaviermusik hin- und herrollt, sich ausstreckt sowie vor- und zurückkriecht. Warum sie das macht, wussten wahrscheinlich nicht einmal die Macher selbst, aber ihre lustvollen Bewegungen sehen unglaublich schön aus, so als ob sie eine andere, wundersame Welt betreten habe und wir nun Zeugen ihrer Lust sein dürfen. Um Zombies geht es in dem Originalschnitt von 1971 übrigens nicht, denn die Untoten wurden erst 1980 von Regisseur Jean Rollin hinzugefügt, allerdings wurden die neu aufgenommenen Szenen auch zusammenhanglos in die ursprüngliche Fassung reingerammelt, sodass der Rollin-Cut noch freakiger ist als die Franco-Version.

Der Glanz des Hauses Amberson

Der Glanz des Hauses Amberson (The Magnificent Ambersons)



USA, 1942
Genre: Drama
Regisseur: Orson Welles
Darsteller: Joseph Cotten, Dolores Costello

Die Ambersons sind eine reiche und angesehene Familie. Eines Abends findet eine Feier statt, zu der auch Automobilfabrikant Eugene Morgan und seine Tochter Lucy kommen. Während Eugene die Gelegenheit ergreift, nach mehr als 20 Jahren wieder mit Isabel Amberson sprechen zu können, in die er mal verliebt war, nähert sich George, der Sohn der Familie Amberson, Lucy. Allerdings kann George Lucys Vater nicht ausstehen und steht dessen Interesse für die Entwicklung des Automobils kritisch gegenüber.

Welles' Genie überlebt die Schnittoffensive

Kommentar: Man kann aufgrund des übrig gebliebenen Materials nur ahnen, welches Meisterwerk man hier serviert bekommen würde, hätte sich das RKO Studio damals nicht dazu entschlossen, den Film um ganze 50 Minuten zu kürzen. Doch auf das Risiko, einen großen Verlust zu machen, achtete man mehr als auf die Chance, große Kunst zu schaffen. Umso erstaunlicher ist es, dass die krassen Schnitte dem Werk nicht in dem Maße zusetzten, als dass sie dieses zerfallen ließen. Sicherlich bemerkt man an der ein oder anderen Stelle Spuren von Verbindungen, die nicht auftauchen, da sie vom Konzept der finalen Fassung abgetrennt wurden. Doch genauso wie ein Fehlen gibt es in diesem Film auch ein Existieren, das sogar die meisten Mängel kaschieren kann. Denn Welles Verständnis von Fotografie und seine Vorliebe für das visuelle Erzählen, die in der fertigen Version nicht totgemacht werden konnten, führt zu omnipräsentem Verformen der Wirklichkeit, aus der dann pure Filmrealität entsteht, der nicht unbegründet nachgesagt wird, sie weise auch heute noch moderne Züge auf. Wie in CITIZEN KANE untersucht Welles auch in diesem Film den tiefen Absturz, indem er die Ambersons porträtiert, die anfangs noch eine Familie ersten Ranges ist, bekannt, beliebt und verdammt reich. Näher beschäftigt sich der DER GLANZ DES HAUSES AMBERSON mit dem Duell zwischen einem Mann, dessen Kopf noch im Vergangenen weilt, deshalb das Moderne verdrängt, und einem anderen, der das Kommende mitgestaltet und auf der gesellschaftlichen Leiter aufsteigt. Der Kapitalismus kann schnell gut und schnell böse werden, so lehrt es uns der Film. Diese Erfahrung machte Welles nach der Fertigstellung seiner zweiten Regiearbeit dann auch mit der Filmindustrie - eine Erfahrung, die nicht seine einzige sehr negative bleiben sollte.

Spiegelbild der Angst

Spiegelbild der Angst (A Reflection of Fear)



USA, 1973
Genre: Horror
Regisseur: William A. Fraker
Darsteller: Robert Shaw, Sandra Locke

Die 15-jährige Marguerite lebt mit ihrer Mutter und Großmutter in einem großen Haus. Sie geht weder zur Schule, noch hat sie Freunde. Als ihr Vater nach langer Zeit ihre Mutter besucht, um sie um Scheidung zu bitten, da er seine Verlobte heiraten möchte, merkt dieser, dass mit Marguerite etwas nicht stimmt.

Wie sich das falsche Paradies in eine Hölle verwandelt

Kommentar: Sie lebt abgeschottet, redet mit einer Puppe, die sie Aaron nennt, und liebt die Natur, insbesondere die Blumen, die im Garten gedeihen. Die 15-jährige Marguerite hat keine Freunde und geht nicht zur Schule, ihre Mutter sowie ihre Großmutter trennen sie von der Welt ab und lassen sie scheinbar im Idyll aufwachsen. Dass diese friedlich ausschauenden Verhältnisse durch den Eintritt unvorhergesehener Wendungen sofort zerstört werden können, macht aus dem Ort mit dem vordergründig paradiesischen Klima ein gefährliches und heißes Pflaster. Daraus bezieht SPIEGELBILD DER ANGST seine eminente Spannung, für deren Aufbau und Entladung er viel Zeit verstreichen lässt. Anfangs noch ein Psychothriller, der Lichtverhältnisse zugunsten des atmosphärischen Grusels setzt und deshalb mit gedämpfter Beleuchtung operiert, bewegt er sich fortschreitend irgendwann fast schon auf poetischen Pfaden und streckt mit lyrischer Geste jenen die Hand aus, die noch an ein gutes Ende glauben wollen. Wer so naiv ist und auf diese Tricks hereinfällt, ist selbstverständlich selber schuld, denn schnell findet der Film wieder in die alte Spur zurück, und ehe man sichs versieht, sind die Dämonen wieder da, die von unseren Figuren abgeschüttelt werden müssen, damit das Böse nicht noch mehr Schaden anrichten kann.

Die Farben der Nacht

Die Farben der Nacht (Tutti i colori del buio)



Italien/Spanien, 1972
Genre: Thriller, Horror
Regisseur: Sergio Martino
Darsteller: Edwige Fenech, George Hilton

Jane lebt mit ihrem Mann Richard in London und wird von einem mysteriösen Fremden verfolgt. Ihr Psychiater befürchtet, dass sie sich alles nur einbildet und die Einbildung eine Reaktion auf einen kürzlich geschehenen Autounfall ist, bei dem Jane ihr Baby verlor. Als ihr eine Nachbarin empfiehlt, eine Teufelsmesse zu besuchen, um den Spuk loszuwerden, entscheidet sich Jane unglücklicherweise für den empfohlenen Schritt, was alles nur noch schlimmer macht.

Gefangen zwischen Wirklichkeit und Einbildung

Kommentar: Die Hauptfigur, eine Frau Mitte 30, ist wirklich nicht zu beneiden. Überall hin folgt ihr ein mysteriöser Fremder, den aber anscheinend nur sie wahrnimmt. Was Realität und was nur das Ergebnis ihrer Fantasie ist, weiß sie nicht mehr zu unterscheiden und folgt dem Rat ihrer Nachbarin, die ihr empfiehlt, eine schwarze Messe zu besuchen. Aus dem Besuch resultiert jedoch etwas Erschütterndes: Wirklichkeit und Einbildung greifen noch stärker ineinander, das Gefühl der Angst multipliziert sich, was die Frau erst recht in den Wahnsinn treibt. Diesen psychedelischen Trip der Protagonistin, die von scheinbar dunklen Kräften um ihren Verstand gebracht wird, ist weniger visuell anregend, denn nur wenige Szenen können als Beleg dafür herhalten, dass der Film das irreal Wirkende wunderbar in Bild und Ton umsetzt. Eher begreift DIE FARBEN DER NACHT den Trip als kontextbezogene Abbildung der Möglichkeit, als ein Vielleicht inklusive Frage- und Ausrufezeichen, das durch die Gesamtsituation transportiert wird und weniger durch die Hilfe der Bilder. Natürlich spielen kaleidoskopisch fließende Abfolgen eine Rolle in diesem Film, aber diese ist erstens beschränkt und zweitens sind die visuellen Reize in ihrer Summe stark unkreativ zu nennen. Das bestürzt einerseits, weil man von italienischen Kinofantasien der 70er durchaus andere Akzente gewohnt war, andererseits ist es auch mal etwas Schönes, Albtraumsequenzen affektiv und intensiv wirken zu sehen, ohne dass sie filmisch in irgendeine aufregende Form gebracht werden. Von Roman Polanskis DER MIETER und ähnlichen Werken derselben Klasse ist man umsetzungstechnisch zwar etwas entfernt, doch Martino erreicht mit seiner angespannt erzählten Handlung, deren Hektik sich ab und an in auffälligen Weitwinkelaufnahmen auflösen darf, ein insgesamt hohes Niveau.

Montag, 7. Oktober 2013

Die Grube des Grauens

Die Grube des Grauens (The Pit)



Kanada, 1981
Genre: Horror, Thriller (Trash)
Regisseur: Lew Lehman
Darsteller: Sammy Snyders, Jeannie Elias

Der 12-jährige Jamie Benjamin, ein Einzelgänger, der in seiner Nachbarschaft nur auf Ablehnung stößt, entdeckt eines Tages eine Grube im Wald. Dort leben seltsame Kreaturen, die er "Trogs" nennt und die gerne Fleisch essen. Anfangs kann Jamie noch Geld auftreiben und Nahrung für die Trogs vom Fleischer besorgen, doch nachdem der letzte Schein über die Tresen wandert, sieht er keine andere Möglichkeit, als die Menschen in seiner Nähe, die sich ihm gegenüber fies verhalten, in den Wald zu locken.

Der Junge mit dem hässlichen Bären

Kommentar: Einem Bengel von zwölf Jahren dabei zuzusehen, wie er eine Konversation mit seinem hässlichen Teddybären hält, in der er sich von dem Stofftier beraten lässt, ist schon beängstigend, aber doch auch genauso unglaublich unterhaltsam. Was dieser Lausbub der höchsten Güteklasse hier abliefert, ist ohnehin kultverdächtig. Sammy Snyders, bekannt aus der wenig bekannten TV-Serie DIE ABENTEUER VON TOM SAWYER UND HUCKLEBERRY FYNN (1979), entsetzt den Zuschauer gleich in den ersten Sekunden, als er bei einem Halloweenfest in einer Verkleidung aus dem Busch auftaucht, mit der er wie eine Mischung zwischen einem Ku-Klux-Klan-Vollpfosten und einer Tschador-Trägerin aussieht. Damit liefert er jedoch auch seine objektiv gesehen beste Leistung ab, denn das Drehbuch wie auch sein eher minderes Talent legen ihm so derart viele Steine in den Weg, dass jeder Versuch, dem Charakter ein Leben zu geben, in die Hose geht. Dass der langsam in die pubertäre Phase eintretende Bengel sich für das andere Geschlecht begeistern kann und verschiedene Bestrebungen unternimmt, sich an seinen weiblichen Babysitter heranzupirschen, macht sein Schicksal auch nicht besser. Denn wenn sich die schauspielerischen Unzulänglichkeiten erst einmal mit den bedepperten Verhaltensweisen multiplizieren, bleibt von Logik nicht mehr viel übrig, als ein paar Krümel, die aber auch nicht gerade versprechen, bis zum Ende noch vorhanden zu sein. Doch um die Verdienste des Films wirklich genug respektieren zu können, muss man ihn in erster Linie dafür loben, dass er sich besonders gewinnbringend bzw. klug verrechnet, was allerdings auch gar nicht so schwer fällt, denn die (unfreiwillige) Komik erreicht hier schon bisweilen kosmisches Level.

Die Narbenhand

Die Narbenhand (This Gun For Hire)



USA, 1942
Genre: Thriller
Regisseur: Frank Tuttle
Darsteller: Alan Ladd, Veronica Lake

Der Auftragskiller Raven wird von seinem Auftraggeber Willard Gates zwar bezahlt, jedoch stellen sich die Scheine als Falschgeld heraus. Deshalb will Raven sich Willard und die Männer, für die er arbeitet, vornehmen. In einem Zug nach Los Angeles trifft er auf Ellen Graham, die von der Polizei damit beauftragt wurde, alles über Willard Gates und seine Beziehungen zu Japanern herauszufinden, an die er chemische Waffen verkaufen soll.

Kalt wie ein Eisblock

Kommentar: Wenn es lang wird, kann es schon mal anstrengend sein, einen Film bis zum Ende durch- bzw. auszuhalten. Mit dieser Hürde muss man jedoch bei DIE NARBENHAND nicht rechnen, denn hier setzte man auf präzise Kompaktheit und verzichtete auf unnötige Kleinigkeiten. Das Geschehen wirkt in den 80 Minuten darum auch sehr furios, obwohl man mit mehreren längeren Dialogpassagen konfrontiert wird, die den Handlungsfortschritt zu einem langsamen Gang zwingen. Dass es sich bei dem Thriller von Tuttle um kurzweilige Unterhaltung handelt, bedeutet jedoch keineswegs, dass der Film mediokeres Vergnügen bietet oder es ihm an Relevanz mangelt. Der Noir über einen Berufskiller, der sich gegenüber seiner Umwelt kalt wie ein Eisblock verhält, wirkte auf andere Macher, und veranlasste sie, Filme zu drehen, in denen Charaktere vorkamen, die sich am Typ des emotional verkrüppelten Antihelden orientierten. Die Psychologie des Protagonisten ist in DIE NARBENHAND eindeutig und wird den Rufen nach seelisch komplexen Charakteren natürlich keineswegs gerecht, was sie aber nur noch besser aussehen lässt. Schön ist auch, dass der Thriller schon im Beginn keinen Hehl daraus macht, in welchem Zustand die Hauptfigur ist, denn in den ersten Szenen sehen wir ihm dabei zu, wie er einer Frau das Kleid zerreißt, ihr ein paar kräftige Backpfeifen gibt und etwas später dann zwei Menschen ohne jede Gefühlsregung abknallt. Weil das alles so gnadenlos gekonnt inszeniert wurde, sind diese Aufnahmen absolut nicht dazu gedacht, dass man sie lustvoll genießt und sich an ihnen labt, sondern dass man sie verdaut und sich ob der Brutalität gegebenenfalls erschreckt, mit der die handelnde Figur verfährt. Ein tolles Außenseiterporträt - wenn man DIE NARBENHAND mit diesen Worten umschreiben darf.