Montag, 16. Juni 2014

Stanley: The Search for Dr. Livingston


  • 1992
  • Sculptured Software
  • gespielt auf: NES











Sich durch den Dschungel durchkämpfen, herumhüpfenden Raubkatzen ausweichen und aus dem Nichts auftauchende Speerwerfer mit ihren eigenen Waffen schlagen, sind nur einige der Aktionen, die in diesem Spiel durchgeführt werden müssen. Dabei bezieht sich das NES-Game auf die wahre Geschichte um den britisch-amerikanischen Journalisten Henry Morton Stanley, der 1870 durch Zentralafrika gereist ist. Dort hatte er den Auftrag, den bekannten Afrikaforscher David Livingston zu finden. Im Spiel ist Livingston jedenfalls auf der Suche nach einem geheimen Tempel, der in Kongo liegen soll. In einer Hafenstadt angekommen, bekommt der Protagonist von verschiedenen Personen wichtige Hinweise, um sich nicht verloren vorzukommen. So besteht eine der ersten Aufgaben darin, einen Enterhaken zu finden, der sich in einer Höhle befindet. Durch den Dschungel bewegt man sich mithilfe einer Karte, auf der man Quadrate auswählen muss, die den Helden in die gewünschte Zone transportieren. Den Entdeckergeist des Gamepad-Abenteurers streichelnd, fordert das Konzept vom Spieler, dass dieser ein gesamtes Gebiet nach neuen Gegenständen und Eingängen abgrast, ohne sich von Käfern, Spinnen oder anderen Feinden die Lebenspunkte stehlen zu lassen.

Doch obwohl die Idee Spaß und gute Laune verspricht, ist STANLEY: THE SEARCH FOR DR. LIVINGSTON unteres Mittelmaß, zumindest dann, wenn man bereit ist, noch ein Auge zuzudrücken. Das hängt teilweise auch mit der Hässlichkeit der Figur Stanley zusammen, der in knalligem Orange daherkommt und wahrscheinlich deshalb ein solches Aussehen verpasst bekam, damit er sich sowohl von den übrigen Menschen als auch vom Hintergrund im Urwald abheben konnte. In der Hafenstadt, dem ersten Bereich des Spiels, sind die Unterschiede deshalb sehr augenfällig. Hier ein stämmiger Seemann mit Mütze und roter Hose, dort eine blonde Frau in einem weißen Kleid, die auch noch einen offenen Schirm in der Hand hält. Grafisch ist das selbst für NES-Verhältnisse sicherlich nicht oberste Klasse, aber es kann sich mindestens sehen lassen. Obendrein nervt der Protagonist, weil man mit ihm nicht einfach von höher gelegenen Stellen springen kann, ohne dass dieser sich dabei anscheinend so schwer verletzt, dass man ein ganzes Leben abgezogen bekommt. Dieser Gefahr des Aufpralls entkommt man also nur, wenn man die Drehflügel benutzt, die Stanley herausholen kann, sobald er in der Luft ist. Es stellt zwar ein cooles Feature dar, doch mir wäre es lieber, wenn dieser orangefarbene Typ ordentlich springen könnte.


Normalerweise sind Side-Scroller so aufgebaut, dass bei Berührung des Gegners Energie abgezogen wird oder man sofort ein Leben verliert. In STANLEY: THE SEARCH FOR DR. LIVINGSTON ist das überraschenderweise oftmals nicht der Fall, weil häufig nur die abgefeuerten oder geworfenen Waffen für den Energieabzug verantwortlich sind. Daran muss man sich zunächst gewöhnen, weil man als Kenner von Spielen der älteren Generation natürlich darauf konditioniert wurde, direkte Feindberührungen möglichst zu unterlassen. Speere und Wurfmesser gibt es nur in begrenzter Form, sodass man häufig auf die gute alte Handarbeit zurückgreifen muss, um sich den Weg - wortwörtlich - freizuboxen. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Gegner nun eine fleischfressende Pflanze, ein Gepard oder eine blaue Riesenspinne ist, mit der Faust lässt sich einfach alles verhauen. Würde das gesamte Spiel nicht so dermaßen darauf aus sein, dem Spieler das Einschnarchen leicht zu machen, hätte man diesem Aspekt sogar etwas abgewinnen können.

Bubsy 3D


  • 1996
  • Eidetic
  • gespielt auf: PlayStation








Es gilt ausgemacht, dass BUBSY 3D ein verdammt schlechtes Spiel ist, welches schon bei den elementarsten Dingen versagt. Wenn über die schlechtesten Spiele geredet wird, dann taucht es auf zu vielen Listen auf, als das man es ignorieren könnte - was wohl auch der Grund dafür ist, dass ich es gespielt habe. Möglicherweise würde BUBSY 3D, eines der ersten 3D-Plattformergames der Geschichte, heute niemand mehr kennen, wenn es nicht so derart miserabel wäre. Miserabel? Oh boy, das Wort ist, gemessen an den tatsächlichen Verbrechen der Entwickler, reinster Pflaumenkuchen-Euphemismus. Bevor ihr weiterlest, bitte ich euch zuerst um einige Schweigesekunden für alle Kinder, die dieses Werk von ihren Eltern zum heiß ersehnten Geburtstag, Weihnachten oder zu welcher Gelegenheit auch immer bekommen haben.

Ihr müsst die Katze Bubsy über 18 Level steuern, die sich auf dem Planeten Rayon befinden, dem Heimatort der bösen Woolies. Hier müsst ihr Teile von Raketen einsammeln, damit Bubsy wieder zurück auf den Planeten Erde fliegen kann. Die spuckenden Woolies, wie auch andere Feinde, können mit einem Sprung von oben oder mit dem Schießen von Atomen, die es fast in jedem Level zahlreich gibt, aus dem Weg geräumt werden. Schwimmen kann Bubsy nur in bestimmten Abschnitten, weshalb man die Nähe des Wassers lieber meiden sollte. So weit ist das Konzept klar ersichtlich und die Tatsache, dass normale Abschnitte des Spiels eine feste Anzahl an versteckten Raketenteilen und Atomen haben, sorgt für Struktur. Auseinanderfallen tut das Konzept jedoch erst durch die Umsetzung, welche unbeschreiblich grausam ist. Es ist nämlich nicht etwa so, dass man sich durch attraktiv ausschauende Level durchkämpfen muss, die abwechslungsreich gestaltet wurden. Es ist auch nicht so, dass eine gute Steuerung dem Spieler bei seinem Wunsch behilflich ist, nicht von oberen Plattformen herunterzupurzeln. Und es ist ebenfalls nicht so, dass sich eine interessante Soundkulisse präsentiert, bei der man sich sicher sein kann, dass die Macher mehr als 30 Sekunden daran getüftelt haben. Stattdessen sieht es folgendermaßen aus: Ihr seht alle Level hindurch nur potthässliche - eher unfertige - Texturen, die sich nur in Form und Farbe zu unterscheiden scheinen, und versucht so gut es geht, die Scheißkatze zu steuern, die man im Stehen immer wieder neu ausrichten muss, um einen ordentlichen Richtungswechsel hinzubekommen, während die auditive Ebene mit ihren lo-fi sounds das Erlebnis noch surrealer macht, als es eh schon ist. Wenn man einem Videospielkenner, der von diesem Spiel bisher noch nichts gehört hat, erzählen würde, dass ein solches Spiel für die PlayStation existiert, er würde es nicht glauben.


Ich fand BUBSY 3D zunächst sogar sympathisch, wofür wohl meine Affinität zu abseitigen Produkten schuld ist. Dieses bescheuert Dekonstruierende, das die Landschaften repräsentieren, sagte mir nämlich am Anfang noch zu. Nachdem Bubsy auch noch den ein oder anderen selbstreferenziellen, ironisch angelegten Spruch raushaute, bei dem ich ganz in Verzückung geriet, dachte ich schon, dass die Gamerwelt nicht fair mit diesem Spiel umgeht. Doch BUBSY 3D bedeutet auf Dauer absolute Langeweile und Frusterlebnisse, über die man nicht einmal wirklich Frust empfinden will. Dabei wurde das 1996 erschienene Spiel von Eidetic entwickelt, der selben Firma also, die auch für das Agenten-Actionspiel SYPHON FILTER verantwortlich war. Dieses wurde ebenfalls für die erste PlayStation produziert, war jedoch mit ordentlicher Grafik und Steuerung gesegnet. Lustigerweise erschien das Spiel mit der Katze ohne Unterhose in den USA nur einen Monat nach dem Spiel, das für viele weitere Jahre das Referenzspiel in Sachen 3D-Plattformer gewesen ist: SUPER MARIO 64.

Samstag, 14. Juni 2014

Quackshot Starring Donald Duck


  • 1991
  • Disney Interactive Studios
  • gespielt auf: Megadrive












QUACKSHOT macht es möglich, dass man mit Donald Duck verschiedene Plätze auf der Weltkarte besucht und dort seine Gegner mit einer Saugglocke kampfunfähig macht. Wäre es ein Spiel mit einem schlechten Gameplay und niedrigem Spielspaß, hätte man schnell zu der Auffassung gelangen können, dass die Hauptwaffe all die grausame Schlechtigkeit symbolisieren würde. Doch so einfach macht es QUACKSHOT STARRING DONALD DUCK den Kritikern nicht, denn das Prinzip, die Widersacher für wenige Sekunden auszuschalten, ohne diese zu töten, dient nicht nur den Kinderaugen, es zielt ebenso darauf ab, den Spieler herauszufordern und von ihm das Gespür für Timing und Geschwindigkeit zu verlangen.

Im Spiel steuert man den aus der Walt Disney Zeichentrickwelt bekannten Donald, der auf eine Schatzkarte von König Garuzia gestoßen ist und sich durch das Auffinden des Schatzes erhofft, endlich reich zu werden. Mithilfe seiner Neffen Tick, Trick und Track fliegt er etwa nach Ägypten oder Mexiko, um Hinweise auf das Versteck des Schatzes zu finden und neue Routen auszumachen. Zwar ist dieses Spiel sehr konventionell aufgebaut, doch ein durchgehend lineares Jump 'n' Run ist QUACKSHOT trotzdem nicht, da man hin und wieder die Freiheit bekommt, zu bestimmen, in welcher Reihenfolge man verschiedene Passagen bewältigt. Auch muss man an einige Orte auf der Karte wieder zurück, weil man in der Zwischenzeit zum Beispiel ein richtiges Item besorgen konnte, mit dem man in der Lage ist, ein zuvor noch unmögliches Hindernis zu bezwingen. Ganz oft sind es aber Schlüssel für Paläste und Kammern, die an einem anderen Ort gefunden werden müssen. Zusätzlich zur Saugglocke hat man überdies auch Puffmais oder Seifenblasen zur Verfügung, um den Gegnern ordentlich Paroli zu bieten. Ansonsten hüpft man sich durch die bunten Stages, achtet auf Vögel, die ein Bienennest herunterwerfen, und versucht Chilischotten einzusammeln, die Donald Duck heftig in Rage versetzen, sodass er wie ein Berserker alles und jeden umnietet, der nicht bei Drei auf dem Baum ist. Das macht ordentlich Lust, weil die Hüpf- und Schießeinlagen abwechslungsreich ausfallen und die Macher bei der grafischen Darstellung alles andere als knauserig waren. Hier sehen Hintergrundbilder wie Bewegungsabläufe gleich exzellent aus und vermitteln ein Zeichentrick-Ambiente, das nicht gemieden werden will.


Andererseits hat QUACKSHOT einige Schwachstellen, die dem Spiel einen Klassikerstatus, wie ihn zum Beispiel CASTLE OF ILLUSION STARRING MICKEY MOUSE (1990) hat, verwehren. So bietet das Spiel weder eine Passwortfunktion noch eine andere Option an, sein Vorankommen zu speichern. QUACKSHOT wurde zwar anscheinend tatsächlich nach der Maxime entwickelt, dass in der Kürze die Würze liege, dennoch braucht man schon seine Zeit, um das Game zu Ende zu bringen. Positiv ist allerdings, dass es eine unendliche Anzahl an Continues gibt. Ein größeres Manko ist die Steuerung, die ihn Abschnitten, in denen man Sprünge korrekt durchzuführen hat, nicht immer mitzumachen scheint, was zu Frust und Verzweiflung führen kann. Dadurch, dass man meistens aufgrund eines schlechten Sprungs seine Leben verliert, lässt sich auch erkennen, dass der Schwierigkeitsgrad nicht genug ausbalanciert ist. Nur die verschiedenen Bossgegner bringen einen halbwegs erfahrenen Zocker wirklich in so etwas wie einen Schwitzzustand, während die Tricks der anderen Widersacher kaum zu einer größeren Gefahr werden. Das alles kann jedoch nichts daran ändern, dass QUACKSHOT, auch wegen der Ausnutzung der grafischen und musikalischen Komponente, ein erstklassiges Produkt für diejenigen ist, die nicht lange an einem Spiel sitzen wollen.

Fifa 98


  • 1997
  • Electronic Arts
  • gespielt auf: PlayStation








Damals, 1997 und das nachfolgende Jahr, dachten wir uns noch, dass das, was FIFA 98 grafisch bietet, so nah an der Wirklichkeit ist, dass es gar nicht mehr "wirklicher" geht. Es waren naive Gedanken, wie uns ein paar Jahre später selbst die Nachfolgetitel auf der ersten PlayStation zeigen sollten. Aber es gab zu dieser Zeit nichts Ästhetischeres und Anmutigeres, als dieses Polygon-Gebolze aus dem Hause Electronic Arts, das mit FIFA 98 einen wegweisenden Titel für ihre Serie kreierte. Hat man sich jedoch an die Spielmechanismen der aktuellen FIFA-Spiele gewöhnt, kommt einem das 1997 erschienene Spiel reichlich albern vor. So ist es auch zumindest bei mir, der das Gameplay gar nicht derart trashig in Erinnerung hatte. Zunächst musste ich mich an die alte Steuerung gewöhnen, die für heutige Maßstäbe sehr unorthodox rüberkommt, danach an das starre Laufspiel meiner computergesteuerten Mitspieler und schließlich ebenso an die Schlussmänner, welche in die Ecken hechten können, um die unmöglichsten Paraden zu machen, aber hin und wieder Schwierigkeiten haben, einen Kullerball ordentlich aufzunehmen. 

Bekannt ist FIFA 98 nicht nur dafür, dass es das letzte Spiel der Serie ist, in dem es die Möglichkeit gibt, in einer Halle zu spielen, sondern auch für seinen "Road to World Cup"-Modus, der hier auch das Herzstück bildet. In diesem Modus kann man aus 172 Mannschaften, die an der WM-Qualifikation für das Turnier in Frankreich teilgenommen haben, auswählen, und mit seinem Team bis ins Finale der Weltmeisterschaft vordringen. Auf diese Weise kann man sich beispielsweise an der Herausforderung probieren, mit Papua-Neuguinea auf der höchsten Schwierigkeitsstufe Weltmeister zu werden. Die Anzahl der Spiele in der Qualifikation richtet sich dabei selbstverständlich nach dem kontinentalen Verband, dem ein Team angehört, und der ausgewählten Truppe selbst. FIFA 98 war leider über viele Jahre der einzige Titel der EA-Entwickler, der eine solche Spielspaß fördernde WM-Qualifikation anbot. Erst FIFA FUSSBALL-WELTMEISTERSCHAFT BRASILIEN 2014 für die PlayStation 3 und die XBOX 360 adressierte wieder die Sehnsucht, sich ein vollständiges Turnier in das eigene Wohnzimmer zu holen und es mit beinahe jeder denkbaren Nation gewinnen zu können.


Bei meinem Versuch, den WM-Pokal nach Vanuatu (ein kleiner Staat im Südpazifik) zu holen, war für mich schon in der Gruppenphase der Weltmeisterschaft Schluss. Es grenzt aber auch an ein kleines Wunder, dass ich es auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad überhaupt bis zu dieser Veranstaltung schaffte, schließlich lernte ich erst in den letzten Minuten des allerletzten Qualifikationsspiels, wie man die Spieler dazu bringt, ordentlich über den Rasen zu rennen und nicht nur im Eiltempo zu schleichen. Hier offenbart sich jedoch auch ein Knackpunkt des Spiels, der für die Langzeitmotivation nicht gerade förderlich ist. Hat man sich die taktischen Muster eingeprägt, die gute Angriffe oder gute Abwehraktionen bescheren, hat man es nach kürzester Zeit nicht sonderlich schwer, den CPU in die Knie zu zwingen. Schnelles Tastendrücken bei Ballbesitz des Gegners macht es nämlich zu einfach, das runde Leder zu stibitzen. Hinzu kommt noch, dass durch das simple Betätigen der Schultertasten gleich schwere Tricks ausgepackt werden, die selbst von unterdurchschnittlichen Fußballern akkurat, ja sogar formvollendet ausgeführt werden.

Mittwoch, 28. Mai 2014

Buffy - Im Bann der Dämonen - Staffel 2

Buffy the Vampire Slayer
USA, 1997 - 2003
Umfang: 7 Staffeln (144 Episoden)
Genre: Mystery, Horror
Idee: Joss Wheddon


Buffy Summers möchte eigentlich ein ganz normales Leben führen und nur Probleme haben, mit denen sich alle anderen Teenager auseinandersetzen müssen. Doch zu ihrem Pech wurde sie von geheimnisvollen Mächten dazu auserwählt, eine Vampirjägerin zu sein. Also bleibt ihr nichts weiter übrig, als ihr Schicksal anzunehmen und sich Vampiren, Dämonen und anderen Wesen mit übernatürlichen Kräften entgegenzustellen. Neben dem Bibliothekar Giles, der als Buffys Wächter und Experte fungiert, stehen ihr dabei auch gute Freunde zur Seite.

 

Wer die Sunnydale Highschool besucht, kann sich kaum über Langeweile beklagen. Denn schließlich liegt direkt unter der Schule der Hellmouth, dem Schülerinnen und Schüler die vielen Vampire, Monster und andere übernatürliche Merkwürdigkeiten zu verdanken haben. In der ersten Staffel wird gar ein Rektor von besessenen Schülern verspeist. Doch das Wissen, dass es in der kalifornischen Kleinstadt Sunnydale eine zentrale Region des Bösen gibt, haben nur wenige. Und die, die den Durchblick haben, lernen noch mehrheitlich an der Schule, haben demnach also weitere Baustellen, die es verhindern, dass sie sich ganz auf die Rettung menschlichen Lebens, ja manchmal sogar die Rettung des Planeten konzentrieren können. Dass unsere Helden immer etwas zu tun bekommen, verleitet sie natürlich ab und an dazu, Witze darüber zu machen. Und irgendwie ist es auch tatsächlich lustig, dass der Schulalltag, obzwar die Teenager von Vampiren und Dämonen ständig bedroht werden, immer weitergehen muss. In der Realität hätten wohl viele Eltern ihre Kinder nach den schwer erklärbaren Vorfällen von der Schule genommen, vielleicht hätte man die Highschool gar geschlossen, aber in BUFFY scheint es solche Menschen und Optionen nicht zu geben. Mit diesem Anti-Realismus, der nur noch stärker betont, dass es sich hier um Unterhaltung handelt, gehen die Serienmacher, ohne plakativ zu werden, glücklicherweise ironisch und sehr offen um.

Diese humoristischen Verweise auf Strukturen und Regeln, wie auch andere witzige Passagen, die den Zuschauer zum Lachen animieren, behindern natürlich in keinster Weise die ernsten Töne, welche in der Serie häufig zum Tragen kommen. In der zweiten Staffel ist es vor allen Dingen das Verhältnis zwischen Buffy und Angel, welches ein hohes Maß an Tragik beinhaltet, weil der Handlungsstrang über die Liebesgeschichte im letzten Drittel einen dramatischen Richtungswechsel bekommt. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigt sich das Drehbuch bereits intensiv damit, Handlungslinien aus älteren Folgen in die neuen zu überführen und diese fortzuspinnen. Die Fans dieses TV-Projekts übertreiben es also überhaupt nicht, wenn sie meinen, dass BUFFY - IM BANN DER DÄMONEN sich in der zweiten Staffel, was die erzählerische Komplexität angeht, verändert hätte. Es wird nun noch deutlich mehr in Zusammenhängen geschildert und auf das Vorwissen des Publikums gesetzt, wohingegen bei den ersten Folgen seltener der Versuch unternommen wurde, einen relevanten Beitrag zur story arc zu leisten. Das schwierige Verhältnis zwischen der Hauptfigur und ihrem älteren Vampirfreund Angel kann auf diese Weise erst näher und ausführlicher beschrieben werden, mit allen ernsthaften Konsequenzen und nicht zu unterdrückenden Gefühlen. Die Serie erreicht hierbei ein unglaublich hohes emotionales Niveau, welches im Finale noch einmal einen neuen Höhepunkt feiert.

Beim Figurenbestand hat man sich nicht dazu entschlossen, viel zu experimentieren. Bis auf den in einer Rockband spielenden Oz, der von Seth Greene verkörpert wird, haben die Macher es nicht für nötig gehalten, das Kollektiv der Guten zu verstärken. Dagegen baute man auf der bösen Seite mit Spike und Drusilla zwei wirklich fiese Vampire ein, die sich aber zumindest von Buffys Kampftechnik überrascht zeigen. Dennoch kommt es für sie nicht in die Tüte, kampflos aufzugeben und den Slayer einfach so gewinnen zu lassen. Mit immer neuen und scheußlicheren Plänen halten sie die Heldin auf Trab, die immer noch an ihrem vorgeschriebenen Schicksal, eine Vampirjägerin sein zu müssen, zu knabbern hat. Ihre Mutter hält sie zum allem Überfluss für ein verwöhntes Mädchen, welches sich den Verpflichtungen entzieht und nicht erwachsen werden möchte. Doch Buffy Summers bringt es natürlich nicht übers Herz, ihrer Mutter freiwillig die Wahrheit zu erzählen. Etwa die Wahrheit, dass sie regelmäßig auf Friedhöfen herumlungert, um aufgestandenen Blutsaugern einen Pflock ins Herz zu rammen. Oder die Wahrheit, dass sie schon mehrmals die Welt vor deren Zerstörung bewahrt hat. Es stellt sich nicht nur die Frage, ob die Mutter ihr das glauben, sondern ob sie die Erklärung von der Determinierung auch annehmen würde.

Die tiefsinnige Serie setzt in dieser Staffel insgesamt auf mehr zusammenhängende Erzählelemente und ein breiteres Konzept, welches unglaublich viele Überraschungen bietet und zudem noch eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Idee bedeutet. Es ist wieder einmal nicht so sehr der Sensationalismus der Vampir- und Monsterjagd von entscheidender Bedeutung, sondern die Dialoge und die Figuren, die die Dialoge aufsagen. Mit biederer Zielpublikum-Unterhaltung hat das von Jess Whedon initiierte Projekt weiterhin wenig zu tun.

Dienstag, 27. Mai 2014

Die Sopranos - Staffel 3

The Sopranos
USA, 1999 - 2007
Umfang: 6 Staffeln (86 Episoden)
Genre: Drama
Idee: David Chase


Tony Soprano ist ein Mafioso aus New Jersey und entschließt sich, nachdem er von Panikattacken heimgesucht wurde, zu einer Psychiaterin zu gehen. Neben den persönlichen Sorgen treten auch immer wieder Schwierigkeiten mit Leuten auf, die seinen Mafiakollegen und ihm den Platz streitig machen wollen oder Gelder nicht pünktlich zahlen. Und dann hat Tony ja noch seine andere Familie, seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn. 


Mit durchgehend hoher Konsistenz hinsichtlich Charakterzeichnung und Storyablauf glänzt DIE SOPRANOS zum ersten Mal in der dritten Staffel, die die Serie nun endgültig von allen Verweisen auf das Prä-Qualitätsserien-Zeitalter wegzuführen scheint. Bemängelte ich beispielsweise noch an der ersten Staffel den doch sehr naiven Umgang mit den Problemen des Soprano-Nachwuchses, können hier bei den Figuren A.J. und Meadow aufgrund interessanter Wendungen auch interessante Verhaltensmerkmale registriert werden, ohne dass diese aufgesetzt oder konzeptlos wirken. Gerade A.J., der in den vorherigen Episoden eher wie ein Inventargegenstand wirkte, verdient sich nun mehr Aufmerksamkeit, weil seine Teenager-Jahre langsam zu Ende gehen und er weiterhin kopflos wie eh und je wirkt, worüber sein Vater selbstverständlich nicht gerade glücklich ist. Nur am Anfang gibt es für Tony Soprano noch etwas zu lachen: Sein Sohn wird Kapitän eines Footballteams. Doch auch Meadow kriegt sich mit ihrem Erzeuger in die Haare, weil dieser nämlich ihren afro-amerikanischen Freund ablehnt und kein Geheimnis daraus macht. Da Tony mit einer ziemlich simplen Interpretation der Kriminalitätsstatistik argumentiert, kann Meadow, die mittlerweile an der Columbia-Universität studiert und nicht mehr bei ihren Eltern lebt, sich nicht mehr dafür begeistern, mit ihrem Vater zu sprechen, weshalb sie eine Zeit lang den Kontakt zu ihm abbricht.

In irgendwelche neuen Richtungen haben sich die Folgen der dritten Staffel nicht gedreht, die entscheidenden Gründe für ein Qualitätshoch findet man daher allein bei den Drehbüchern für die Episoden, wovon vier mit Beteiligung von David Chase, dem Erfinder der Serie, realisiert wurden. Ihm ist es in erster Linie auch zu verdanken, dass die Serie exzellent startet. Dabei hätten die erste und die zweite Folge verschiedener kaum sein können. Der Auftakt behandelt mit frecher Inszenierung noch die Versuche des FBI, das Haus der Sopranos zu verwanzen. Während der nichts ahnende Tony Soprano also auf der Arbeit ist, nimmt ein Team sich den Keller vor, in dem der Mafiachef gerne private Vieraugengespräche mit seinen sinisteren Kollegen führt. Während diese sehr viel Dynamik ausstrahlende Episode ironisch aufgeladen ist, dreht sich die nachfolgende um einen Trauerfall, der von den Personen allerdings dann doch eher differenziert betrauert wird, wie es sich nach und nach zeigt. Hierbei benutzt DIE SOPRANOS die in solchen Momenten häufig benutzte Struktur der Selbstenthüllung, bei dem einer etwas ausspricht, was allen Anwesenden auf dem Herzen liegt, aber durch die gesellschaftlich entstehenden Vorgaben zurückgedrängt wird. In diesem Fall wissen die Beteiligten zumindest alle nicht so recht, ob sie um die Mutter von Tony Soprano auch wirklich trauern sollen. Muss man den Tod eines Menschen betrauern, wenn man ihn während seiner Lebenszeit kaum ausstehen konnte?

In den restlichen Episoden stechen vor allen Dingen die Aktivitäten bei den Mafiosi heraus, die sich immer weniger einig werden. Umso wichtiger ist es, dass Tony niemals den Blick für die Empfindungen seiner Mitarbeiter verliert. Er ist deshalb wohl auch nicht nur eine Art Manager, sondern auch der Motivierer in der Organisation, der mit einem manierlichen Auftreten und einer Prise Charisma existierende Wogen glättet und Unstimmigkeiten in Stimmigkeiten verwandelt. Man könnte meinen, dass an seinem Führungsstil und seinen Aktionen die Zukunft des gesamten Unternehmens hänge, schließlich macht niemand solch einen professionellen Eindruck, wie der etwas füllige mobster aus New Jersey, der selbst den schnell aufbrausenden Ralphie, einen neuen Charakter in der Serie, ruhig stellen kann. In seiner zweiten Familie sieht es jedoch schon etwas anders aus. Die Streitereien mit seiner Frau Carmela gehören zum festen Bestand des Familienlebens und bleiben ein immer wiederkehrendes Phänomen, welches Tony aber, da er Affären nicht abgeneigt ist, irgendwie mit einkalkuliert. Zwar mag er sich seiner Frau gegenüber nicht jedes Mal clever anstellen, doch tatsächlich schweren Konsequenzen musste er sich bisher nicht entgegenstellen.

Auffällig ist, dass der Fremdgeher, Heuchler und Rassist namens Tony Soprano nun schneller zu reizen ist und einen strengeren Ton an den Tag legt. Natürlich war er noch nie ein Typ, bei dem man schnell den Verdacht hatte, dass er sich doch bestimmt heimlich SAILOR MOON anschaue und dort der Protagonistin im Kampf um Liebe und Gerechtigkeit die Daumen drücke, doch in der dritten Staffel verliert Tony in meinen Augen ein paar Prozentpunkte von seiner Kuschelidentität. Anders ausgedrückt: der Chef wird böser und zorniger. Dies stellt aber nicht eine Verschlechterung dar, sondern ganz im Gegenteil die Abrundung des gesamten Konzepts.

Sonntag, 11. Mai 2014

Seinfeld - Staffel 3

Seinfeld
USA, 1989 - 1998
Umfang: 9 Staffeln (180 Episoden)
Genre: Komödie
Idee: Larry David, Jerry Seinfeld


Jerry Seinfeld ist ein Stand-Up-Comedian und lebt in New York. Zusammen mit seinen Freunden George Constanza, Elaine Benes und Cosmo Kramer muss er sich durch Alltagsprobleme verschiedener Art durchschlagen.


Serien können oft von ihrem Entwicklungspotenzial profitieren, etwa dann, wenn sie nicht als feste, unbewegliche Masse angesehen werden und die richtigen Leute die Verantwortung haben. So war das auch bei der Sitcom SEINFELD, die in der dritten Staffel einige neue Ansätze erkennen ließ, ohne das bereits formulierte Programm, welches man in den ersten beiden Staffeln betrachten konnte, über Bord zu schmeißen. Das bezieht sich ganz konkret auf die Charaktere, die an Jerry Seinfelds Seite agieren und nun aufgrund der engeren Typisierung einen individuelleren Eindruck machen, zumindest innerhalb des Quartetts. Elaine, gespielt von Julia Louis-Dreyfus, verhält sich schrulliger, und der von Jason Alexander verkörperte George mutiert schneller zum Choleriker. Doch die schönste Überraschung ist Cosmo Kramer, diese nicht selten überkandidelte Person, die gegenüber Jerry wohnt. Endlich hat man aus ihm mehr gemacht, als nur einen Typen, der, meistens unbestellt, in Jerrys Wohnung hereinspaziert, um wieder über seine neuen bizarren Ideen zu sprechen oder seine Freunde durch einen dummen Spruch oder eine blöde Aktion in Verlegenheit zu bringen. Mich macht diese Veränderung auch deshalb so munter und glücklich, weil genau dieser Punkt auf meinem Wunschzettel stand. Kramer taucht in der dritten Staffel also nicht mehr ständig als eine erkennbare Nebengestalt und ein drolliger Pausenclown auf, der bloß da ist, um seine Nummer zu machen und danach wieder abzuziehen. Diese Integration von Cosmo Kramer bleibt nicht ohne positive Auswirkung, schließlich trägt dessen intensivere Beteiligung auch zu einem Mehr an Chaos bei.

Dabei muss darauf hingewiesen werden, dass die Umschreibung Mehr an Chaos im Seinfeld-Kontext sich auf etwas bezieht, was das Lacherkonto meistens fördert. Kaum etwas ist an dieser Serie anregender, als die Gewissheit, Menschen zusehen zu können, die sich an irgendwelchen Haken des sogenannten normalen Lebens verfangen und damit Situationen entstehen lassen, die zu vielen chaotischen Augenblicken führen. Gerade deshalb nimmt jede Folge erst dann Fahrt auf, wenn die Figuren den Griff des Absurden spüren und ihre Befreiung planen. Und je öfter und je extremer die Charaktere Berührungen mit absurden Elementen machen, desto mehr Stimmung herrscht vor. Sowohl auf dem Bildschirm wie auch auf dem gemütlichen Möbelteil vor dem Bildschirm. Dennoch verkauft sich das Team in erzählerisch schlichteren Episoden nicht nur unter Wert, wie beispielsweise eine Folge zeigt, in der George Constanza eine Frau kennenlernt, die nach seiner Meinung zwar perfekt zu ihm passe, aber deren Nase nicht optimal aussehe. So überredet er sie schließlich trickreich, ihre Nase zu operieren. Pech für George, dass die Schönheitsoperation nicht glattgeht und ein Schuss in den Ofen ist. Erst einen späteren Eingriff kann George als ästhetischen Fortschritt registrieren, aber zu diesem Zeitpunkt ist die Beziehung bereits kaputt, weil ihm die äußeren Werte viel wichtiger waren, als die inneren.

George, der für seine Aktionen in dieser Staffel wohl eine eigene Besprechung wert wäre, bleibt weiterhin ein großer Pessimist, der eine Niederlage nach der anderen einstecken muss. Die Schreiber der Drehbücher haben es besonders auf ihn abgesehen und lassen ihn hier von einer Pfütze in die andere rennen. George versucht sich als Autoeinparker, als Pulloververschenker, als Tatsachenerzähler, als Garagenpinkler, und scheitert, wie Männer der Spezies Pechvogel in solchen Formaten eben so scheitern. Auf der Suche nach zwei bestimmten Dingen, die sein Leben verändern sollen (Job und Freundin), bremsen ihn ständig verschiedene Dinge aus, die kaum kalkulierbar sind - womit SEINFELD abermals unterstreicht, dass nicht die Absicht vorliegt, eine analytische Charakterstudie im Gewand einer Unterhaltungssendung zu sein. Die bisherige Formkurve der Serie kann sich sehen lassen und ich kann mir nur schwer ausmalen, wie viele großartige Passagen noch auf mich warten. Neben der ersten Doppelfolge der Serie (DER NEUE FREUND), in der Jerry Seinfeld auf den Baseballspieler Keith Hernandez trifft (der sich übrigens selbst darstellt), gab mir AUF DER FALSCHEN SEITE am meisten das Gefühl, dass es keine Zeitverschwendung ist, sich die gesamte Serie anzuschauen. These pretzels are making me thirsty. Was für ein wunderbarer Spruch - besonders, wenn er aus dem Mund des andauernd angeschlagenen George Constanza kommt, mit dem man fast schon Mitleid haben kann.

Mittwoch, 30. April 2014

2007 schrieb ich meine erste Filmkritik.

In meiner ersten Filmkritik, die ich in meinem Leben geschrieben habe, ging es um den Film DER BOHRMASCHINENKILLER aus dem Jahr 1978. Ich stand also schon damals auf Filme, in denen Menschen ihr Leben lassen mussten, damit ich mich unterhalten fühlte. Hier ist die selbstverständlich nicht editierte Fassung meiner damaligen Gedanken, denn an Meisterwerken sollte man bekanntlich nicht herumschnippeln:

Kurzinhalt des Films
Ein Mörder schleicht sich durch ein Mietshaus und tötet auf brutalste Weise Frauen. Hammer, Nagelpistole und eine Bohrmaschine sind seine Waffen. Die Polizei weiß nicht mehr weiter. Als die Schwester des jungen Joey spurlos verschwindet, macht dieser sich mit seinem Freund auf die Suche…


Der Originaltitel lautet eigentlich: “The Toolbox Murders”, wieso der deutsche Titel “Der Bohrmaschinenkiller” heißt, weiß wohl nur der Geier. Der Inhalt des Films gibt ehrlich gesagt nicht viel mehr her als die Beschreibung über dem Bild. Es entwickelt sich zwar, z.B. werden am Ende noch die ein oder anderen großen Gefühle gezeigt, aber ansonsten ist das plumpe B-Movie Kost, die knappe 90 Minuten andauert.

Dreimal hab ich mir den Film angeschaut und er wurde jedes Mal schlimmer. Zuerst sieht man 3 Morde hintereinander, die sehr arm inszeniert wurden, dann kommt nur sinnloses Gequatsche. Schon nach 15 Minuten weiß man wer hinten den Morden steckt und man braucht sich keine Gedanken drüber zu machen. Die Morde geschehen unspektakulär, ohne jegliche Härte oder Schockeffekte. Der Mann kommt, die Frauen schreien und er bohrt entweder in ihnen oder er nagelt sie (Tadaaa !!!).

Zum Ende hin versucht der Film ernsthafter zu werden, er wird dramatischer. Aber das alles hilft der ganzen Sache auch nicht, denn die Schauspieler spielen auf gut deutsch gesagt: beschissen. Die aufregendste Szene spielt sich in der Badewanne ab, als sich eine junge Frau, Mitte 30, selbst befriedigt.
Seit 2003 gibt es ein Remake von diesem Streifen, nennt sich ebenfalls “The Toolbox Murders” und Tobe Hooper (“The Texas Chainsaw Massacre”) führte Regie. Gesehen hab ich die Neuauflage noch nicht, doch ich konnte überall nachlesen, dass es besser als das Original ist.


Eule.

Drei Filme von Stuart Gordon: Castle Freak / Dolls / Meister des Grauens


CASTLE FREAK

Eine Familie darf in ein sehr altes und großes Schloss einziehen, weil sie dieses geerbt hat. Relativ schnell stellt das Gespann mit ihrer junger Tochter fest, dass das Schloss ihren Vorstellungen nicht gerecht wird und der Umzug vielleicht doch ein Riesenfehler war. Denn im Haus scheint sich ein fremdes Subjekt herumzutreiben, was auch die Beziehung des Paares auf die Probe stellt. Sicherlich nicht Stuart Gordons bester Film und nicht auf dem Niveau seiner ersten drei Werke, doch der Mix aus Horrorfilm, Krimiplot und Familientragödie bleibt nicht ohne Reiz. Die gelungene Verbindung von atmosphärischer Dichte und brutaler, fast sensationalistischer Gewalt kompensiert den ein oder anderen schwachen Baustein in einer Story, die ansonsten sehr interessant ausgefallen ist und eine gewisse moralische Komplexität besitzt.

DOLLS

Stuart Gordon hat schon mit den beiden vorherigen, weitaus bekannteren Projekten gezeigt, dass Horror unterhaltsam und gruselig zugleich sein kann. DVDs und Videos von RE-ANIMATOR und FROM BEYOND füllen zurecht die für die Medien vorhergesehenen Plätze in den Schränken stolzer Genreliebhaber. In DOLLS suchen sechs Menschen aufgrund eines Sturms in einem abgelegenen Haus Zuflucht und müssen bald darauf feststellen, dass sie mit dieser Entscheidung einen großen Fehler begangen haben, da sie sich im Haus - plötzlich und ohne Vorwarnung - gegen lebendige Puppen verteidigen müssen, die keine moralischen Bedenken haben, wenn sie Messer und Hammer zücken, um menschliche Körper zu zertrümmern. Trashige Dialoge verzaubern hier genauso wie ein flotter Erzählstil, der den Film auf das überdurchschnittliche Niveau hebt.

MEISTER DES GRAUENS (OT: THE PIT AND THE PENDULUM)

Die fromme Maria wird vom mächtigen Großinquisitor der Hexerei beschuldigt und in das Verlies gesperrt, woraufhin sich ihr Freund auf die Suche nach ihr macht, doch schon bald selbst zum Gefangenen wird. Die im Jahr 1492 in Spanien angesiedelte Story bietet eine verdüsterte Perspektive auf die Grabenkämpfe unter Christen und die Diskussion darüber, welche Moralvorstellungen die richtigen sind. Während wir hier auf der einen Seite einen Großinquisitor haben, der sich selbst von der Kirche nichts mehr vorschreiben lässt und pure Unterwerfung fordert, haben wir andererseits eine Gläubige, die davon überzeugt ist, dass die Menschen zur Nächstenliebe und Barmherzigkeit inspiriert werden sollten. Da wir uns aber im 15. Jahrhundert  aufhalten, kann sich die Dominanz einer Position nur schwer in der Argumentation zeigen, dafür aber umso stärker in den Ressourcen. Zwei Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe bilden die Motivik in MEISTER DES GRAUENS, dem Gordon den einen oder anderen Spritzer Humor verpasst hat, auch wenn die Stimmung eigentlich nur wenig Anlass zum Lachen gibt. Legt man sein Augenmerk auf den Gewaltgrad, dann zeigt sich, dass Stuart Gordon ein Draufhalter ist und insbesondere Freunde von Folterungen nicht im Trüben fischen lassen will.   

Glen or Glenda (1953)

Nach dem Selbstmord eines Transvestiten konsultiert Inspektor Warren den Arzt Dr. Alton, um sich von ihm über moderne Männer, die gerne Frauenkleidung anziehen, beraten zu lassen. Er möchte vor allen Dingen erfahren, warum sich ein solcher Mensch umbringt. Bei der Konversation kommt man schnell auf den Fall Glen/Glenda zu sprechen, in dem ein Mann sich nicht traut, seiner Geliebten zu beichten, dass er eine Leidenschaft dafür hat, sich als Frau zu verkleiden.

Meine frühere Kritik zu GLEN OR GLENDA, vom 27. Dezember 2012
Für die Zeit, in der der Film gedreht wurde, tritt er mit seinem Thema ziemlich mutig auf, man könnte auch schreiben, er sei seiner Zeit voraus gewesen. Er begibt sich dabei nicht nur in die Schluchten der Psychoanalyse, sondern sucht auch einen direkten Kontakt mit dem Zuschauer, den er für das Thema Transvestitismus zu sensibilisieren versucht. Mit dieser Aufgabe beauftragte Wood vor allem den schon abgehalfterten und drogensüchtigen Bela Lugosi, dessen goldene Zeiten schon längst vorbei waren. Seine Rolle zu beschreiben, fällt nicht leicht, weil ihre Funktion innerhalb des Plots nicht ersichtlich zu sein scheint. Er spielt einen Mann, der auf einem Sessel sitzt und dabei das Handeln der Menschen kommentiert und kritisiert. Oft glotzt er direkt in die Kamera, während er das Publikum anredet, wobei der Ton der Worte oft zwischen dramatisch und melancholisch changiert. Um eine hysterische Stimmung bemühend, spricht er dann auch oft von einem Drachen, der an der Türschwelle wartet und kleine Jungs sowie fette Schnecken verspeist. Obschon Lugosis Auftritt eine Kuriosität nach der anderen hervorzaubert und seine Rolle für einige Witzchen gut ist, sehe ich ihn persönlich als eine wichtige Instanz innerhalb der vielschichtigen Geschichte. Der von ihm gespielte Charakter bildet nämlich so etwas wie eine Scharnierstelle zwischen Dokumentation und Fiktion, da diese Gestalt ein Auge auf beides wirft. Er ist ein Kontrolleur beider Welten, der die moralischen Mängel in der Gesellschaft benennt, die mit Transvestitismus zusammenhängen. Interpretieren lässt sich Lugosis Figur zudem noch als eine ziemlich drollige Vorstellung von Gott, auch wenn er in den Credits als "The Scientist" bezeichnet wird.

Bei meiner nunmehr dritten Sichtung habe ich gemerkt, wie wichtig dieses Werk in erzählerischer Hinsicht ist. Neben der Tatsache, dass Ed Wood kein großes Interesse am konventionell-spießigen Bildvokabular zeigt, verneint er auch die Straightforward-Methode, also das Geraderaus-Erzählen. GLEN OR GLENDA spielt sich dagegen auf mehreren Zeit- und Realitätsebenen ab, in die auch noch Rückblenden und Binnenerzählungen hineingeschoben werden. Gleichzeitig ist der Film eine Mischung aus Fiktion und Pseudodokumentation, erstgenanntes verzichtet dabei nicht auf autobiografische Fußspuren. Das Wort Verwirrung schießt einem zwar mehrmals durch den Kopf, doch wo sonst, wenn nicht in diesem Film, in welchem es zentral um ein Durcheinander, ein mentales Hin und Her geht, ist Verwirrung denn angemessen? GLEN OR GLENDA ist in vielen Augenblicken naiv, in anderen unheimlich kryptisch, manchmal unbeholfen, und oftmals so weit weg vom Normalsein, wie es nur möglich ist. Kurioses und Albernes verwächst bei Wood mit dem Analytischen sowie dem Seriös-Aufklärerischen, er führt Sinnloses und Sinnhaftes zusammen, und macht das nicht ohne die Formen des modernen Erzählens, die zahlreiche Nouvelle Vague Vertreter alt aussehen lassen.

GLEN OR GLENDA
Regisseur: Ed Wood
USA 1953

Kotoko (2011)

Die alleinerziehende Mutter Kotoko muss ihr Kind bei den Verwandten abgeben, weil der Staat ihr nicht mehr zutraut, sich um das Kind kümmern zu können. Kotoko ist psychisch krank und halluziniert, lebt in ihrer eigenen gefährlichen Welt und schnippelt schon mal an ihren Armen herum. Ihre mentale Situation wird allerdings kaum besser, als sie ihre Zeit ganz allein verbringen muss. Auch durch ihre Beziehung zu einem geschätzten Schriftsteller erlebt sie keine hoffnungsvollen Veränderungen, da der Mann Kotoko über seine Gefühle nicht erreichen kann. Von ihr körperlich malträtiert zu werden, gehört für ihn deshalb schon bald zur Tagesordnung, was ihn jedoch weniger stört. Dass er seinen Körper für Kotokos Entladungen hergibt, macht ihm nämlich weit weniger Sorgen, als der Zustand seiner Freundin. Die kann später sogar ihr Kind wieder zurückhaben, doch muss sie feststellen, dass sie selbst noch nicht genügend gesund ist.

Laut und beängstigend ist dieser Film geworden, hauptsächlich ist er aber nicht konform, wodurch er sich seinem Inhalt anpasst. Betörend wird es hier nur, wenn die andauernd halluzinierende Protagonistin zu singen anfängt und Vergangenheit und Zukunft in ein tiefes Loch fallen, um aus dem Bewusstsein zu verschwinden. Es sind auch für den Zuschauer Augenblicke der Glückseligkeit und der tiefgründigen Ruhe, weil sie zu raren Begegnungen mit dem Gewöhnlichen werden. Wenn nervendes Geschrei und wilde Bilder die Hauptzutaten eines Films über paranoides Verhalten bilden, dann bieten diejenigen Szenen eine Fluchtmöglichkeit, auf die das Klima der Verstörung keinen Einfluss nimmt. Wenn Kotoko singt, scheint sie mindestens frei zu sein, den schizophrenen Psychosen entkommen. Ebenso tanzen Voice-over-Monologe aus der Reihe, die zeigen, dass Kotoko auch eine nachdenkliche Seite an sich hat. Wenn sie aufgrund ihrer Störung aber wieder aus der Realität entwurzelt wird, dann tobt es auf dem Bildschirm und alles scheint aus dem Rahmen zu fallen. Ihr Verhältnis zu einem Schriftsteller entwickelt sich auch nicht zu einem dankbaren Umstand, sondern bedauerlicherweise zu einem höllischen Reigen von absonderlichen Situationen, die in ihren düstersten Momenten sehr viel Lust an (Selbst-)Verstümmelung offenbaren. Doch weil Perspektiven keine Kategorisierung erfahren, können wir uns überhaupt nicht sicher sein, ob die Verletzungssucht vielleicht nicht doch bloß ein Teil der Halluzinationen ist. Nur auf die Richtigkeit der Chronologie ist Verlass, da das Kind von Kotoko mehrmals in verschiedenen Lebensabschnitten gezeigt wird. 

Man bekommt immer wieder das Gefühl, Kotoko würde sich übermäßige Sorgen um die körperliche Unversehrtheit ihres Sohnes machen, aber möglicherweise erwächst das auch aus der Frage, ob sie eine gute Mutter sein und in dieser widersprüchlichen Welt auf ihr Kind aufpassen kann. So stellt sie sich beispielsweise vor, wie sie ihr Kind vom Dach eines Mietshauses herunterschmeißt oder wie sich der Kopf des Kindes durch eine Gewehrkugel in einen Blutmatsch verwandelt. Filmemacher Tsukamoto kann es sich jedenfalls leisten, solche Abschnitte einzubauen, mit denen er die Perspektive einer mental kranken Person untersucht. Deren regelmäßigen Kontrollverlust hält er in Bildern fest, die teilweise schon sehr shaky geraten sind und denen man ansieht, dass für sie nicht sonderlich viele Moneten ausgegeben wurden. Neben der Regie übernahm der für seine Cyberpunkwerke bekannte Shinya Tsukamoto die Rolle des Freundes, welcher Kotoko vor dem Schlimmsten bewahren möchte. Doch ansonsten bleibt der Film eine One-Woman-Show, die mit der leidenden Protagonistin allein schon genug zu tun zu haben scheint. Gespielt wird diese von der J-Pop-Künstlerin Cocco, von der ebenso die wichtigen Bestandteile der Story kamen.

KOTOKO
Regisseur: Shinya Tsukamoto
Japan 2011

Dienstag, 29. April 2014

Der Granatapfelbaum

Der Granatapfelbaum
Yaşar Kemal

(Hüyükteki Nar Ağacı, 1982, Türkisch)

Eindringliche Elendsbeschreibung
Vier Männer und ein Jugendlicher suchen die Çukurova-Ebene nach Arbeit ab. In ihrem Dorf gibt es nichts, weshalb alle von ihnen hoffnungslos verarmt sind. Bevor Memed aufbricht, verkauft er deshalb noch eine der beiden Ziegen, damit seine Frau und seine Kinder nicht verhungern müssen, solange er unterwegs ist. Während sie in der Ebene umherirren, stellen sie fest, dass dort ein Industrialisierungsprozess eingesetzt hat, durch den sie überflüssig geworden sind. Arbeitskräfte werden hier nicht mehr hängeringend gesucht, weil es Traktoren gibt, mit denen verschiedene Tätigkeiten schneller erledigt werden können. Die Gruppe beklagt die boomende und omnipräsente Unmenschlichkeit und muss sich trostlosen Szenarien aussetzen, welche ihnen alles andere als Mut machen. Aber sie müssen auch stets mit gewöhnlichen Erscheinungen der Natur kämpfen, denn solange es hell ist, macht ihnen die Hitze zu schaffen, und wenn es dunkel wird, müssen sie auf die Schwärme von Stechmücken achtgeben. Als sie aufgebrochen sind, haben sie die Çukurova-Ebene allerdings für kein Paradies gehalten, der alte und körperlich schwache Yusuf deutete schon in seiner typisch düsteren Sprache an, dass der höchste Gewinn, den sie dort machen können, der Tod ist. 

Der kurze Roman beschreibt den Versuch von fünf Dörflern, sich in einer Umgebung zurechtzufinden, die ihnen fremd ist. Zwischen der Region, wo sie herkommen, und der Region, in der sie sich als Wanderarbeiter versuchen, scheinen Welten zu liegen. Die Maschinen, von Großgrundbesitzern gekauft, haben die Menschen in der Ebene verändert und eine Kultur geschaffen, in der es ruppiger zugeht und die Kategorien Haben und Nichthaben noch weniger diffus sind als zuvor. Doch dieser Technisierung der Arbeit verfallen nicht nur die Armen zum Opfer, ebenso entdeckt man selbst bei den Gewinnern tragische Züge, schließlich halten die ihre neuen Maschinen für Götter und scheinen vernarrt in deren Effizienz zu sein. Der Technikfetisch verblüfft die Antihelden des Buches dabei genauso, wie er sie auch erschreckt. Im Kampf um Brot und Wasser spielt ihre unterlegene Position für sie jedoch keine Rolle, weshalb sie ein Dorf nach dem anderen abklappern. Obwohl sie an ihre körperlichen Grenzen kommen, die lodernde Hitze sie regelrecht plattmacht und einer von ihnen regelmäßig auf dem Rücken getragen werden muss, treten sie nicht die Flucht an, sondern begeben sich auf die Spur eines Mythos, der von einem sagenhaften Baum handelt, der Wünsche erfüllen und Schwachen Kraft geben soll. Sie tun das mit einer Hartnäckigkeit, die eigentlich bar jeder Vernunft ist, aber vielleicht zeichnet ihr Verhalten einfach nur einen eigenen Mythos nach.

"Sie hatten nur noch Augen für diese Fahrzeuge, vergötterten diese Maschinen, von denen sie zunächst nicht einmal wussten, wofür sie gut waren."

Çukurova, das ist in DER GRANATAPFELBAUM auch eine Welt, in der Sagen und Geschichten den Umbau überlebt haben, und weiterhin von Mensch zu Mensch weitergereicht werden. Das Buch geht darauf ein, dass letztlich nicht deren Wahrheitsgehalt zählt, sondern die Bedeutung, die es bei der Person bekommt, die sie hört. Yaşar Kemals Ausführungen sind allerdings noch schöner als der Inhalt, denn seine Sprache beschert dem Konsumenten viele intensive Leseminuten dadurch, dass sie sich einerseits oftmals zum Realismus geneigt knochentrocken präsentiert, in anderen Momenten aber mit sehr poetischen Klängen auffällt. Durch die tragikomischen und bisweilen absurden Gespräche, die die Wanderer untereinander führen, verleiht er seinen Figuren scharfe Konturen, wodurch jeder einzelne Charakter ein wertvoller Teil der Gruppe ist. Wenn wir auch mehr aus dem Leben von Memed erfahren, als aus dem Leben der anderen, fällt es mir schwer, ihn als zentrale Gestalt des Romans anzusehen. Möglicherweise sind mir der zynische Yusuf, der energische Hösük, der feinfühlige Ali und der naive Klein Memed auch bloß zu sehr ans Herz gewachsen, als dass ich die Vorrangstellung einer einzigen Person akzeptieren will. 

Montag, 28. April 2014

Pinocchio's Revenge (1996)

Anwältin Jennifer Garrick bringt eine Holzpuppe mit nach Hause, die bei einem Tatort gefunden wurde. Ihre Tochter Zoe feiert an diesem Tag ihren Geburtstag und denkt natürlich, dass die Puppe ein Geschenk ihrer Mutter sei. Auch wenn Jennifer gar nicht die Absicht hatte, die Puppe zu verschenken, darf ihre Tochter diese trotzdem behalten. Zwischen Zoe und dem Spielzeug, welches den Namen Pinocchio bekommt, wächst schon bald eine Beziehung, die auch der alleinerziehenden Mutter Sorgen bereitet, vor allem, nachdem Zoes Therapeut ihr einen Videomitschnitt zeigt, auf dem das Kind heftig mit der Puppe streitet bzw. so tut, als würde es sich mit dieser streiten. Da Jennifer die Ausreden ihrer Tochter nicht mehr aushält, schnappt sie sich das Spielzeug und verfrachtet es in den Kofferraum. Als sie nach einem Arbeitstag wieder das Haus betritt, findet sie die Babysitterin blutüberströmt auf dem Boden liegen. Nachdem sie ihre Tochter panisch wegrennen sieht, entdeckt sie im Wohnzimmer Pinocchio, die hierauf zum Messer greift und eine Jagd startet.

Woher hat dieser Film eigentlich die Chuzpe und den Mut, beinahe pausenlos zu erläutern und einzuführen, anstatt auf die leichter erreichbaren Knöpfe zu drücken, damit sich uns eine Mordszene nach der anderen präsentiert? Anscheinend vertrauten Regisseur Kevin Tenney und das übrige Team tatsächlich auf die Schlagkraft des Skripts und die Darbietung der Schauspieler, wodurch sie sich nicht mehr gezwungen sahen, sich den üblichen Sehgewohnheiten und Erwartungen anzubiedern. Möglicherweise machten sie mit dieser Tendenz zur Entbrutalisierung des Kampfes Gut gegen Böse (wenngleich diese zwei Pole hier so eindeutig nicht sind) einiges richtig, denn in gewisser Weise wirkt PINOCCHIO'S REVENGE reflektierter, als viele Filme, die vor reißerischen Lösungen und Ansätzen nur so überquellen. Auch übt der Blut- und Actionverzicht einen starken Einfluss auf die Geschwindigkeit und die inneren Werte der Erzählung aus, die von ihrem relativ gelassenen Ablauf an ein psychologisches Drama erinnert, welches den Aspekt der Familie in den Vordergrund rückt. Die Puppe Pinocchio stellt dabei eine Art Eindringling dar, der sich für die fragiler werdenden Strukturen einer Mutter-Tochter-Gemeinschaft wie ein Todesstoß ausnimmt. Was allerdings überrascht: die sinistere Seite des Spielzeugs weist die Geschichte einer Konstruktion auf, eines Realitätsumbaus. So lässt PINOCCHIO'S REVENGE den Sichter die angenommenen Perspektiven hinterfragen und verweist in zahlreichen Aufnahmen darauf, dass man des Pudels Kern vielleicht doch nicht dort antrifft, wo man ihn zuerst vermutet. Diese Ambiguität macht nicht immer den überzeugendsten Eindruck, schafft es aber durch ihre Provokation zur Spekulation und durch die manipulative Herangehensweise wichtige Punkte zu machen.

Schon die Vorgeschichte wird rätselhaft behandelt: Anwältin Jennifer Garrick verteidigt einen Mann, der einen Termin auf dem elektrischen Stuhl bekommt, weil dieser seinen Sohn umgebracht haben soll. Jennifer ist allerdings überzeugt von der Unschuld des Mannes und vermutet, dass er jemanden schützt. Dort, wo er sein totes Kind vergraben hat, wurde auch die Holzpuppe entdeckt, die die Anwältin nach Hause bringt und damit vielen tragischen Vorfällen den Weg ebnet. Der Film zeigt sich selbst in dieser Einführung wenig dazu bereit, viele Deckel zu öffnen und den Fragezeichen Antworten zuzuordnen. Umso unaufregender kommt einem dagegen das Finale vor, das von Sturmwetter bis zu Messer-durch-Tür-Einstellungen kein Klischee auslässt. So tanzt Tenneys Werk letztlich zwischen Ambition und Gehorsam, bezieht sich einerseits auf die Erwartungen, über die er sich hinweg bewegt, und versteht es andererseits, die Toleranz des Zuschauers nicht zu stark herauszufordern. Schön ist vor allen Dingen, dass PINOCCHIO'S REVENGE mit der Kraft des unvollständigen Wissens nicht nur in rein narrativer Hinsicht um die Ecke kommt, sondern ebenso durch die subjektive Kamera, die sich weigert, uns eine ganz bestimmte Information mitzuteilen.   

PINOCCHIO'S REVENGE (Deutscher Titel: PINOCCHIO - PUPPE DES TODES)
Regisseur: Kevin Tenney
USA 1996

Donnerstag, 24. April 2014

The Outer Limits - Staffel 2

The Outer Limits
Kanada/USA, 1995-2002
Umfang: 7 Staffeln (154 Episoden)
Genre: Sci-Fi


OUTER LIMITS ist eine Sci-Fi-Serie mit einem starken Mystery-Einschlag sowie häufiger Nutzung von Horror- und Fantasyelementen. In der Serie, die in jeder Folge eine abgeschlossene Geschichte behandelt, geht es um übernatürliche oder fantastische Ereignisse und den Umgang der Menschen mit ihnen. Die Episoden spielen in der Zukunft, der Gegenwart und seltener auch in der Vergangenheit.


Für die zweite Staffel wurden wieder 22 Folgen produziert, die einmal mehr die Bewegungen und Aktionen des Menschen innerhalb extremer oder außergewöhnlicher Erfahrungen untersuchen. Um persönliche und gesellschaftliche Konflikte zu thematisieren, werden in jeder Episode neue Prämissen gesetzt und neue Charaktere installiert, was jede Staffel, und im Prinzip die gesamte Serie, zu einer bunten Tüte werden lässt. Ein Format mit schwachen Momenten und verpassten Möglichkeiten ist OUTER LIMITS ganz sicher, aber auf keinen Fall erschreckt es den Konsumenten mit Überraschungsarmut und monotoner Abklopferei des Ewiggleichen. Wenn wir mit der Serie hinter die Grenzen schauen, in die unbekannte Dimension, wie es in der deutschen Sprachversion noch einmal verdeutlicht wird, dann befassen wir uns mit einer Menge von Problemstellungen, die von Autoritätsmissbrauch, der Vorbereitung auf das Weltende oder der Erkenntnis eigener Schuld reichen, stets eingebettet in Sci-Fi-nahe Geschichten, die sich beispielsweise dem Exzess computergesteuerter Manipulation der Wahrnehmung oder der Überbrückung des konventionellen Raum-Zeit-Schemas widmen.

Das System der abgeschlossen Folgen hat in jedem Fall den Vorteil, dass wir uns überraschen lassen können. Mit eingeschlossen ist bei dieser Feststellung selbstverständlich das Niveau der Drehbücher, welches übrigens so schwankend ist, wie man nur schwankend sein kann. Episoden, die sich als faule Gurken herausstellen, gehören in der zweiten Staffel zwar zur Minderheit, doch es lässt sich viel zu häufig erkennen, dass die Macher ihren Blick mehr auf eine gute Ausgangslage richteten, anstatt den Interessenschwerpunkt in die Formung eines gut durchdachten Handlungspfades zu verlegen, um genuine Akzente zu setzen. Die Kompaktheit, mit der in knapp vierzig Minuten schwierige Konstellationen in sehr häufig mehreren Strängen abgehandelt werden, erstaunt aber trotzdem. Sicherlich kann man dabei nur an der Oberfläche bleiben, doch Versprechen, dass es hier mehr zu sehen gibt, tätigt OUTER LIMITS ohnehin nicht.

Während Amanda Plummer, bekannt aus PULP FICTION, in einer Folge über einen Zeitreisenden mit besonderer Leistung glänzt, wertet Robert Patrick (TERMINATOR 2) eine Episode in einem Zukunftsszenario auf, in welchem die Menschen der kompletten Auslöschung nahe sind. Bekannte Stars wie die Aufgezählten weist nicht jede Folge auf, ist man jedoch mit der US-amerikanischen Film- und Fernsehindustrie vertraut, kann man auf viele relativ populäre Gesichter treffen. Auch Jon Cryer, der aktuell in der Sitcom TWO AND A HALF MEN unterwegs ist, spielt in der Episode SPURLOS VERSCHWUNDEN eine Hauprolle. Cryer stellt vor der Kamera einen Mann dar, der von einem außerirdischen Parasiten kontrolliert wird, und mit dem Dilemma leben muss, dass er dadurch nur wenige Stunden hat, um Zeit mit seiner Familie zu verbringen, bevor er danach für ganze 10 Jahre spurlos verschwindet, die ihm allerdings wie ein normal andauernder Schlaf erscheinen. Jedes Mal, wenn er wieder aufwacht, sind genau 10 Jahre vergangen. Freilich altert er nicht, doch Zeit wird ihm dennoch gestohlen. Ein Umstand, der sich in den körperlichen und familiären Veränderungen der Menschen spiegelt, die er gern hat. Eine bärenstarke Episode über den Verlust biografischer Kontinuität.

Dienstag, 22. April 2014

Kamennyy tsvetok (1946)

Nach Jahren der Arbeit mit dem Gestein Malachit schafft es der alte und talentierte Steinbearbeiter Prokopjitsch kaum noch, sein Handwerk auszuüben, da die Arbeit ihm gesundheitlich schon ziemlich zugesetzt hat. Nachdem er den Auftrag eines reichen Gutsherren bekommt, eine hochwertige Schatulle zu produzieren, klappt der Mann bei seiner handwerklichen Tätigkeit zusammen und sieht vorerst keine Chance, der Strafe des Gutsherren zu entkommen, die ihm droht, wenn er die fertige Schatulle nicht pünktlich abliefern kann. Danilo, Prokopjitschs junger Protegé, setzt, von seinem Meister unbemerkt, die Arbeit an der Schatulle jedoch fort. Als der Gutsherr mit seiner Frau den fertigen Gegenstand sieht, sind beide vollkommen begeistert von Danilos Fertigkeit und so vergibt die Gutsherrin einen weiteren Auftrag. Dieses Mal soll Danilo einen Kelch herstellen, der einer Blüte ähnlich aussehen soll. Nach der Fertigstellung ist der bewunderte Künstler allerdings gar nicht glücklich, auch wenn jeder andere ihm erzählt, dass er sagenhafte Arbeit geleistet hat. Danilo betrachtet sein Werk dagegen als zu gewöhnlich und nicht lebendig genug.

Ästhetisch schöne Farbspiele vermischen sich mit nostalgischen und volkstümlichen Erscheinungen, zelebriert wird ein Kosmos von bescheidenen Menschen, in dem einer heraussticht, weil er nach mehr trachtet als nur Anerkennung durch die Mitmenschen. Die Verachtung des Gewöhnlichen bringt allerdings keine Arroganz mit sich, sondern zeigt sich in der totalen Fokussierung des Künstlers auf den Wunsch, Kategorien zu verschieben und Visionen wahr werden zu lassen. Es reicht ihm nicht einfach aus, etwas Eigenes herzustellen, er möchte ebenso auch über den Tellerrand springen und sich etwas beweisen. Das Ziel des in diesem Spielfilm porträtierten Mannes ist die innere Glorie, die er besessen anvisiert, ohne zu erkennen, dass.es wichtigere Dinge gibt, als die Bezwingung der natürlichen Beschaffenheit eines Steins. Er lässt sich aber lieber von seinen pseudoromantischen Trieben steuern, denen er willenlos gehorcht, während seine Geliebte gerade dabei ist, ihre Mentalität und seelische Verfassung vor dem Gerede der anderen Dorfbewohner zu schützen, die sich durch die Bank weg einig darin sind, dass ihr Herzallerliebster nicht mehr auftauchen wird. In der Aufspürung dieses Konflikts zwischen der Liebe zu einem Menschen und der Liebe zu einer Tätigkeit findet man ganz sicher nicht das stärkste Argument für KAMENNYY TSVETOK (DIE STEINERNE BLUME), dennoch baut dieses Ringen, speziell für die Verhältnisse einer Märchen- und Sagenverfilmung, kaum Beziehungen mit Trash oder Kitsch auf, lebt stattdessen eher von seinen gesunden Proportionen.

Bedeutsam ist KAMENNYY TSVETOK wegen seinen Farben. Doch nicht nur, weil er die in Deutschland entwickelte Agfacolor-Methode eindrucksvoll nutzt, um den phantastischen Inhalt des Märchens zu unterstreichen und den ohnehin schon anschaulichen Sets mehr Künstlichkeit zu verleihen, sondern ebenso aufgrund seiner geschichtlichen Relevanz, schließlich erschienen in der Sowjetunion erst ab 1946 Farbfilme, und der Film des Regisseurs Alexander Ptuschko gehörte zu den ersten Exemplaren, die die Möglichkeiten eines farbigen Bildes nutzen konnten. Ptuschko, der in seiner Heimatregion ein Garant für hochwertige Spezialeffekte war und dies beispielsweise in seiner zuvor erschienenen Pinocchioverfilmung ZOLOTOY KLUCHIK (DAS GOLDENE SCHLÜSSELCHEN, 1939) auch unter Beweis stellte, arbeitete für DIE STEINERNE BLUME mit dem Buchautor Pawel Baschow zusammen, der mit zahlreichen Sagenerzählungen aus dem Uralgebiet bekannt geworden war. Herausgekommen ist ein Farbspektakel, welches unbedingt in guter Bildqualität gesehen werden will, weil die Macher hier die - in Anführungszeichen - neue Technik mit breiter Brust einsetzten und ihren Inhalt damit ein Stück weit verständlicher und zugänglicher machten. Die Herzlichkeit der Figuren, von denen im Prinzip nur die sehr vermögenden Gutsherren negative Eigenschaften aufweisen, kann einen naiven und spießigen Eindruck machen, doch eine solch auf mehreren Ebenen harmonisch wirkende Parabel über die Suche nach dem Glück lässt geglückte Beziehungen, vergnügliche Momente sowie romantisch anmutende Sonnenaufgänge nicht mehr als Teil einer Alles-toll-Ideologie wirken, vielmehr stellt sie eine logische Verknotung aller Elemente dar.

KAMENNYY TSVETOK (Deutscher Titel: DIE STEINERNE BLUME)
Regisseur: Alexander Ptuschko
Sowjetunion 1946

Montag, 21. April 2014

The Birds (1963)

Als die reiche und attraktive Melanie Daniels den Anwalt Mitchell Brenner in einem Laden für Haustiere trifft, möchte sie ihm eigentlich nur einen harmlosen Streich spielen, indem sie vorgibt, eine Mitarbeiterin des Geschäfts zu sein und sich mit Vögeln auszukennen, da Mitchell nach einer bestimmten Papageienart gefragt hat. Doch Mitchell ist gar nicht so unwissend, wie er zuerst tut. Später gibt er zu, dass er in Wahrheit ihr einen Streich gespielt hat und weiß, wer Melanie ist. Verärgert und doch neugierig darauf, zu erfahren, um wen es sich bei dem Mann handelt, bestellt sie sich im Geschäft für den nächsten Tag gleich zwei Exemplare der von Mitchell angefragten Papageiensorte und reist mit den Vögeln nach Bodega Bay, ein kleiner Ort unweit von San Francisco, wo der Fremde gerade seine Zeit verbringt. Damit es eine Überraschung wird, mietet sie sich ein Boot, um das Haus der Familie Brenner unbeobachtet zu erreichen. Völlig unbemerkt kann sie ihr Geschenk dennoch nicht überbringen, was allerdings nicht schlimm ist, da sich Mitchell über ihren Besuch sehr erfreut zeigt. Nahe am Pier wird Melanie grundlos von einer Möwe angegriffen, die sie am Kopf verletzt. Viele Gedanken um den Angriff macht sich anfangs noch keiner der Beteiligten, doch als sich die Vorfälle häufen, lässt sich nicht mehr leugnen, dass die Vögel eine echte Gefahr für Leib und Leben sind.

Dass Hitchcock auch Horror konnte, und es sogar verstand, Horror weiterzudenken, zeigte er bereits 1960 mit PSYCHO. Letzterer mag vielleicht deutlich besser gealtert sein als THE BIRDS mit seinem massiven Einsatz der heute völlig lachhaft erscheinenden Tricktechnik, doch leckerer ist er für mich deshalb noch lange nicht. Wahrscheinlich tut mir THE BIRDS mehr gut, als er eigentlich sollte, weil der sexuell-psychologische Aspekt, speziell der Ödipuskonflikt, in dem schwarzweißen Film mit Anthony Perkins deutlich stimmiger erschlossen wurde, während er hier viel mehr klischeehaft daherkommt. Vielleicht sollte man den Film generell auch als eine Auseinandersetzung über die Auseinandersetzung verstehen. Die Attacke der wild gewordenen Vögel könnte demnach ein Ausdruck einer Furcht vor Verlust sein, die mit dem Eintreffen von Melanie Daniels auf Bodega Bay einsetzt. Das Bild von Mitchells Mutter, welches eine Ex-Freundin von Mitchell liefert und mit Details versieht, stellt zumindest eine Frau vor, die große Angst davor hat, dass ihr Sohn aus ihrem Wirkungsbereich gerät und ihr somit abhandenkommt. Löst also die Unsicherheit über die eigene Kontrollposition sowie das zukünftige Machtareal in Wirklichkeit die unkontrollierbaren Schwärme ganz gewöhnlicher Vögel aus?

Antworten auf zahlreiche Fragen bleibt der Film schuldig, was für einen Film von Alfred Hitchcock eigentlich ungewöhnlich ist, da der Herr sich bekannterweise ziemlich gut anstellte, wenn er den Sichter in die falschen Ecken führte, um diesem in den Aufklärungsszenen auf die Genialität des Drehbuchs und des inszenatorischen Handwerks hinzuweisen. Dagegen zeigt der Regisseur in THE BIRDS, dass er auch ohne Aufklärungsposen und Twists glänzen kann. Mit ihm brilliert auch Kameramann Robert Burks, welcher erstmals in STRANGERS ON A TRAIN (1951) Hitchcocks Visionen einfing. Jede seiner Einstellungen ist zum Niederknien, besser hätte man das Filmmaterial wirklich nicht mehr nutzen können. Aufgrund dieser Beglückung durch formale Merkmale muss man den subtil-mysteriösen Horrorfilm nicht unbedingt auf diejenigen Werte überprüfen, die angeben, wie viel Schrecken er tatsächlich noch provoziert. Trotzdem sind sich auffällig viele Menschen einig darin, dass der Film aufgrund der heutigen Sehgewohnheiten keinen mehr gruselt und das genau dieser Umstand ihn schwach erscheinen lässt. Da sich jeder wegen anderen Sachen in die Hose macht, ganz so wie jeder wegen anderen Dingen grölend zu lachen anfängt, kann ich dem nicht viel entgegensetzen, außer den Verweis zu bringen, dass der Gruselfaktor sich aus meiner Sicht durch die letztlich nicht stattfindende Klärung und durch den simplen Terror einfacher Möwen und Krähen zusammensetzt. Schlussendlich ist das, was wir dort sehen, doch nichts weiter als eine Umdrehung der Mensch-Tier-Verhältnisse in der Zivilisation. Bei all dieser Irritation fällt es mir persönlich nicht leicht, unerschütterlich zu bleiben und so auf eine Bindung zu den Charakteren zu verzichten. Klar ist allerdings auch, dass der Film keine Schockwirkung mehr mitbringt.

THE BIRDS (Deutscher Titel: DIE VÖGEL)
Regisseur: Alfred Hitchcock
USA 1963

Montag, 31. März 2014

Änderungen ab April 2014

Nicht mehr lange, dann wird dieses Blog schon drei Jahre alt. Da wäre es irgendwie langweilig, wenn alles beim Alten bleiben würde. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, den Stil der Standardeinträge über Filme zu verändern. Grundsätzlich werden mehr Bilder zu sehen sein und die Texte mehr Details enthalten (Ausnahmen werden die Regel bestätigen). Der Name des Blogeintrags wird bei "ausländischen" Produktionen nicht mehr den deutschen Titel enthalten, sondern den Originaltitel (plus das Produktions- bzw. Veröffentlichungsjahr), wenn notwendig in transliterierter Form. Die für dieses Blog typischen kurzen Tagebucheinträge wird es in dieser Form nicht mehr geben. Kurze Texte erscheinen nur noch in Sammelbeiträgen, wie zum Beispiel bei "Drei Filme von Jesús Franco: Eugenie De Sade / Vampyros Lesbos/ Frauen für Zellenblock 9" oder in der Reihe "Sind Filme nicht schön?". Jetzt könnte man verdutzt schauen und sich fragen, ob das schon alles ist. Nein, denn das wäre wirklich ein bisschen zu billig. In den nächsten Wochen wird sogar noch das obere Bild ausgetauscht und gegen ein neues ersetzt! Vielleicht irgendetwas mit mehr Farben?

Ich bedanke mich bei allen Lesern und Herumschleichern. In drei Jahren wird es hier ganz sicher wieder ähnlich gewaltige und revolutionäre Veränderungen geben. :)

Eule.

Schastye (1935)

Im Jahr 1935 gab es immer noch Regionen auf der Welt, in denen die Produktion von Stummfilmen einfach noch kein Ende nehmen wollte - in der Sowjetunion beispielsweise. Dort brach unter der Einwirkung des Stalinismus die kreative Filmkunstszene zwar nicht zusammen, wurde jedoch ab 1932 durch die Forderung nach einem sozialistischen Realismus, der auch andere Kunstgattungen betraf, massiv eingeschränkt. Stark formalistische Werke wie die von Eisenstein oder Wertow waren fortan nicht mehr möglich, weil sie nicht den Anforderungen des Massengeschmacks genügten und deshalb abgewürgt werden mussten. So erklärt sich auch, warum die Sowjetunion für die Filmgeschichtsschreibung, nach den vitalen und Innovationen hervorbringenden goldenen Zwanzigern, erst nach dem Tod Stalins einigermaßen wieder relevant wurde. Dass aber die ideologisch motivierte Beschneidung der Filmemacher die Herstellung qualitativer Werke von vornherein verhinderte, ist natürlich grundlegend falsch, wie man am Beispiel von SCHASTYE sehen kann.


In diesem wunderbar ideenreichen Film porträtiert Regisseur Aleksandr Medvedkin den glücklosen und vom Schicksal gebeutelten Bauer Khmyr, der verschiedene Versuche unternimmt, um bisschen Glück und inneren Frieden im Leben zu finden. Medvedkins Humor kommt dabei eher absurd denn ulkig daher, enthält hier und da Keaton- wie Chaplin-Anleihen und vermittelt gelegentlich das Gefühl, satirische Überzeichnungen zu enthalten. Vor allen Dingen bleibt aber das Komödiantische durch kreative Einfälle stets lebendig, sei es durch massive Übertreibungen oder ungewöhnliche Umkehrungen. Zu dieser Stärke des Skripts gesellt sich ebenfalls die visuelle Qualität, die gewiss nur selten die assoziativen und herausfordernden Schnittfolgen der sowjetischen Altmeister hervorbringt, dafür aber sich ins Gehirn fressende Bilder von Bauernfeldern produziert, auf welchen der Kampf um das Mindestmaß an Wohlstand stattfindet. Es scheint dem Regisseur überdies gelungen zu sein, die profunde visuelle Sprache der prä-stalinistischen Ära bis zu einem gewissen Grad zu bewahren und sie mit den Trivialisierungswünschen der Kommunistischen Partei zu vermischen, denn ansonsten hätte dieser fantastische, kluge Film wohl nie das Licht der Welt erblicken können.


SCHASTYE (Deutscher Titel: DAS GLÜCK)
Regisseur: Alexander Medvedkin
Sowjetunion 1935

Die Brüder Karamasow

Die Brüder Karamasow
Fjodor Dostojewski

(Brat’ja Karamazovy, 1880, Russisch)

Inhalt: 12 große Kapitel und 1 Epilog
Es gibt keinen Zweifel, DIE BRÜDER KARAMASOW ist Weltliteratur. Ein Schatz für alle Zeit, für Literaturgeschichte und Literaturgegenwart. In dem Buch geht es um die Familie Karamasow - den genusssüchtigen und lüsternen Vater Fjodor Pawlowitsch und seine Söhne: den leidenschaftlichen Soldaten Dmitrij, den Intellektuellen Iwan und den Gläubigen, dem Kloster beigetretenen Aljoscha. Das Hauptmotiv der Handlung bildet der Mord an Fjodor Pawlowitsch, ein Vatermord, den der älteste Sohn Dmitrij verrichtet haben soll.

DIE BRÜDER KARAMASOW ist ein so umfassendes, solch vor inhaltlicher Gewalt platzendes Werk, dass berichtende Worte, die dieses Buch als Gegenstand haben, eigentlich nur scheitern können. Wie detailliert und präzise Dostojewskij Menschen und ihre gesamte Umgebung beschreibt, wie er die Verhaltensweisen verschiedener russischer Personengruppen in eine dramatische Familiengeschichte eingliedert, zwischen unterschiedlichen Handlungssträngen hin und her springt, mit realistischer Schärfe die politischen und sozialen Schwierigkeiten eines reformbedürftigen Staates anspricht, ist meisterhaft und breitet sich auf 1000 Seiten in solch einer Art und Weise aus, als basierten diese nicht auf den faszinierenden Gedanken eines Schreibers, sondern der waschechten Realität. Es ist ein Buch über die russische Seele und über Dostojewskij selbst. Vielleicht erfährt auch deshalb die Psyche und Moral der drei Söhne eine so überaus perfekte und spürbare Tiefe im Roman. Dostojewskij projizierte seine verschiedenen Einstellungen und Lebensstationen auf die Figuren, sodass jede der Söhne einen wichtigen Kern des Schriftstellers in sich trägt.

"Sogar, wenn nur eine einzige gute Erinnerung in unseren Herzen bleibt, kann sie irgendwann einmal unsere Rettung sein."

Der in Moskau geborene Schriftsteller schob in eine aus verschiedenen kleinen Handlungen gewobene Geschichte ebenfalls noch eine sensationelle kurze Erzählung mit ein. In dieser kritisiert er mittels der Figur Iwan die Kirche und stellt sie als eine seit Jahren existierende Art Sklaveninstitution dar, die im Namen des Herrn agiert. Außerdem vermerkt er, dass der Mensch kein sauberes und reines Wesen ist, ihm vor allen Dingen die Nächstenliebe einen Ausweg aus der menschlichen Dreckigkeit bieten kann. Vermittelt werden diese Gedanken durch den vom Alter her mittleren Sohn Iwan, der Aljoscha eine selbst geschriebene, in Spanien des Jahres 1555 spielende Legende vom Großinquisitor erzählt. Dass der gesamte Roman oft mit dem Siegel Kriminalroman ausgezeichnet wird, ist auch aufgrund solcher Einschübe ein doch seltsamer Akt der Schubladenaufmacherei. Doch was haben meine krummen und schlecht geölten Sätze schon für einen Wert?

Drei Filme von Jesús Franco: Eugenie De Sade / Vampyros Lesbos/ Frauen für Zellenblock 9


 EUGENIE DE SADE (OT: EUGÉNIE)

Eugenie fängt an, sexuelle Gefühle für ihren Stiefvater zu empfinden, der Autor mehrerer erotischer Bücher ist. Der Stiefvater merkt dies und nutzt die Situation aus, um seine Tochter für seine perversen Verbrechen als Partnerin zu gewinnen. Die beiden reisen durch Europa und ermorden mehrere junge Frauen. Als Eugenie sich jedoch mit einem Mann trifft, den sie zunächst verführen und danach töten soll, verliebt sie sich in ihn und entdeckt, dass ihr Stiefvater sie nur instrumentalisiert hat und sie unfrei ist. Das Projekt glänzt mit den für den Regisseur oftmals typischen hypnoseartigen Aufnahmen und geizt nicht mit nackter Haut. Dennoch ist die letzte halbe Stunde etwas zäh geworden, was sicherlich daran liegt, dass der Inhalt dort an Charme einbüßt und der Prozess der Geschichte insgesamt stagniert.


 VAMPYROS LESBOS

Eine sexuell eingeschränkte und unbefriedigte Anwältin träumt von homoerotischen Spielen mit einer anderen Frau. Als sie sich zwecks eines beruflichen Auftrages mit einer Gräfin trifft, merkt sie, dass diese Frau dieselbe ist, mit der sie auch in ihren Schlaffantasien verkehrt. Ein malerischer Ort in der Türkei als Hintergrund, knapp verhüllte oder gar offen zur Schau gestellte körperliche Reize und eine der Popkultur entnommene Horrorgestalt, die hier jedoch zugunsten der starken Fokussierung auf die weibliche Erotik verformt wird, legen die Werte des Exploitationkinos frei, heben den Blick auf die seriösen Merkmale aber keineswegs auf. Denn in diesem weniger gruseligen, sondern strikt erotischen Thriller, kann man mehr Sein als Schein vorfinden, mehr Bedeutung als nur Behauptung herauslesen. Der spekulative Charakter des Films nimmt deshalb nur eine Außenseiterstellung ein, während den schwelgerischen, surrealen Bildern, die Phantasmen und Realitäten zeichnen, die Kraft innewohnt, den Zuschauer an duften Plätzen abzusetzen. Titten sowie Blut sprechen zwar auch die Sprache des Films und können uns deswegen ansprechen, anstatt negativ aufzufallen, aber die Aufmerksamkeit bekommt vor allem das Verträumte und manchmalt Weltentrückte. Der Ton des Verlorenen und Weggenommenen senkt sich wie eine riesige Wolke über die Figuren und verharrt in ihrer Position, von wo sie sich bis zum Ende auch nicht mehr entfernt. Zwischen Kunst und Schund pendelnd, erzählt der Film, der mit seinem Titel schon überdeutlich auf den Inhalt weist, von der Sehnsucht nach sexueller Erfüllung und den Kosten, die man dafür in Kauf nehmen muss, wenn diese Sehnsucht mit der emotionalen und körperlichen Bindung zu einem Vampirwesen befriedigt wird.

FRAUEN FÜR ZELLENBLOCK 9

Aufgrund des Verdachts, mit einer unerwünschten Untergrundbewegung zusammenzuarbeiten, werden mehrere Frauen an einem Kontrollpunkt verhaftet und in den berüchtigten Zellenblock 9 gebracht, wo sie von einem sadistischen Doktor gefoltert werden. Ein sehr düsterer Film, dessen Geschichte in einer Urwaldgegend spielt, die in mehreren Einstellungen auch sehr schön eingefangen wurde. Zuerst wie ein Standard-Frauengefängnisfilm wirkend, entfaltet sich aus der unkomplizierten Anordnung eine Ausbruchsstory, die es in den letzten Minuten in sich hat. Es gibt eine sehr schöne Szene in dem Film, die mich komplett umgehauen hat: Nachdem vier Frauen einen Wärter überlistet haben, flüchten sie über einen See, in welchem sie recht knapp einigen hungrig aussehenden Krokodilen entkommen können. Doch daraufhin entfernen sie sich nicht blitzschnell vom Ufer, sondern ruhen sich auf dem sandigen Rand des Sees aus, wo sie zunächst die Sonne auf ihre makellosen Körper scheinen lassen. Die Struktur einer Koexistenz von Risiko und Seelenfrieden kommt hier zum Vorschein, aber vor allen Dingen gesteht Regisseur und Drehbuchautor Franco dadurch seinen Figuren eine Auszeit in einem furchtbar knallharten Umfeld zu. Welch eine wundervolle humane Geste.

Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe

Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (L'uccello dalle piume di cristallo)



Italien/Deutschland,1970
Genre: Thriller, Kriminalfilm
Regisseur: Dario Argento
Darsteller: Tony Musante, Suzy Kendall

Als der Amerikaner Sam Dalmas in Rom nachts auf den Straßen unterwegs ist, sieht er durch die Glasscheibe einer Kunstgalerie, wie dort eine Frau von einem im schwarzen Regenmantel gekleideten Mann angegriffen wird. Sam greift ein und verscheucht auf diese Weise den Angreifer.

Das Debüt

Kommentar: Ein Mann wird zufällig Zeuge eines versuchten Mordes in einer Kunstgalerie, wodurch er sich wertvoll für die Polizeiarbeit macht. Deshalb darf der amerikanische Schriftsteller, der eigentlich in Kürze Italien wieder verlassen wollte, nicht aus dem Land raus. Da das Nichtstun dem Amerikaner wenig nutzen würde, stellt er aus eigener Initiative Ermittlungen an und muss daraufhin feststellen, dass er selbst in Gefahr ist. Argentos Regiedebüt ist als solches für den ungeübten und unwissenden Zuschauer wahrscheinlich wenig zu erkennen, denn die Inszenierung ist alles andere als arm an noblen Einfällen, sodass man den Eindruck bekommt, einem Veteranen bei seinem Hanswerk zuzuschauen. Das kommt eben daher, dass Bild und Ton eine enorme Ausdrucksstärke besitzen, welche bei Anfängern für gewöhnlich nur in geringem Maße auftritt. Doch wer die späteren Filme des Italieners gesehen hat, wird Bescheid wissen, dass L'UCCELO DALLE PIUME DI CRISTALLO inszenatorisch noch relativ plump ist, wenn man den Streifen mit SUSPIRIA oder PROFONDO vergleicht. Genau genommen sind es die Mordsequenzen, denen Spirit und Brillanz fehlen. Doch die stellen bekanntlich einen wichtigen Kern in den Kriminalfilmen dar, der schwarze Handschuhe als Erkennungsmerkmal des Bösen angibt. So ist das Spiel mit Mordwerkzeug und Opfern, die um Leib sowie Leben fürchten eine fast schon standardisierte Darbietung, die allzu viele Feinheiten vermissen lässt, was den ein oder anderen enttäuschen könnte. Weil DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE aber ansonsten inszenatorisch sicher daherkommt, eine sehr interessante Ausgangssituation mitbringt und einen Protagonisten aufführt, der einem Hitchcock-Film entnommen sein könnte, gibt es keine ernsthaften Entschuldigungen dafür, ihn sich nicht anzuschauen.

Samstag, 29. März 2014

Jumper

Jumper
Steven Gould

(Jumper, 1992, Englisch)

2004 erschien der Nachfolger
Als ihn sein Vater wieder einmal verhauen will, weil er den Rasen nicht gemäht hat, findet sich der junge David Rice plötzlich in einer Bibliothek wieder. Später, als ihn ein Trucker mitnimmt und ihn zu einem abgelegenen Ort bringt, an dem er ihn mit seinen Kollegen sexuell missbrauchen will, passiert es ein weiteres Mal, dass David aus einer unangenehmen Situation ohne Konsequenzen verschwinden kann. Er findet schnell heraus, dass er sich teleportieren kann und die Gabe hat, an jedem möglichen Ort, den er besucht hat und der in seinem Kopf abgespeichert ist, aufzutauchen. Von seinem alleinerziehenden und ständig betrunkenen Vater endgültig losgerissen, verbringt David die erste Zeit in einem Hotelzimmer in New York. Da er ohne Sozialversicherungsnummer keine Möglichkeit hat, eine Arbeit zu bekommen, plündert er mithilfe seiner neu entdeckten Fähigkeiten eine Bank aus. Im Verlauf des Buches entwickelt sich eine Beziehung zwischen ihm und einer etwas älteren Frau namens Millie, die er im Theater kennenlernt. Erst als David in Schwierigkeiten gerät, erzählt er seiner Freundin die ganze Wahrheit über sich und sein Talent, sich ohne Zeitverzögerung oder Hilfsgegenstände von einem Ort zum anderen teleportieren zu können.

JUMPER ist der erste Roman von Steven Gould, der noch weitere Bücher geschrieben hat, die dem Genre Science-Fiction zuzuordnen sind. Die Erwartungen, die die ersten 100 Seiten aktivieren, können im zweiten Drittel allerdings nicht erfüllt werden. So bleibt Gould über mehrere Kapitel an den gleichen Konflikten, Problemen und Prämissen hängen, baut einen Kreativität vermissenden Plot über Davids Suche nach einem weltbekannten Terroristen ein, der für den grausamen Tod seiner Mutter verantwortlich sein soll, und zieht die Geschichte am Ende merkbar in die Länge, anstatt sie entschieden abzuschließen. Das Motiv der Rache, welches im Verlauf als ein omnipräsentes Element auffällt, wird zwar auch vom moralischen Standpunkt hinterfragt und sorgt somit für eine kognitive Beschäftigung, anstatt nur aus dem emotionalen Blickwinkel betrachtet zu werden, allein das entschuldigt aber nicht die übermäßige Vertiefung des Hin-und-her-Kampfes der Hauptfigur gegen Terroristen einerseits und die NSA (National Security Agency) andererseits.

"I could grab him, jump to the top of the Empire State Building, and drop him over the edge." *

Letztlich scheint mir der politische Einschlag des Buches nicht gerade von Inspirationen getragen zu sein und macht das Buch nur noch formelhafter. Dabei hat der Anfang damit noch gar nichts gemein, denn hier wird David auf seine Fähigkeit aufmerksam, lernt, wie er mit ihr umgehen muss, und erlebt überhaupt eine aufregende Sache nach der nächsten. Wenn sich die generelle Unerfahrenheit des Protagonisten mit dessen trial-and-error-Phase vermischt, dann lässt sich über die Aktivitäten sogar leicht schmunzeln. In der Ich-Perspektive geschrieben, nehmen die Gedanken von David einen großen Platz des Buches, besonders der ersten Hälfte ein. So stellt er sich zum Beispiel die Frage, ob es noch weitere Menschen gibt, die die Raumgrenzen ohne physischen Aufwand bewältigen können, und ob diese für gewisse politische Vereinigungen als Spione tätig sind. Trotz des Reichtums an Handlungsoptionen bleibt der sich als Außenseiter fühlende Mann auf dem Boden und bekommt schon wegen Kleinigkeiten große Schuldgefühle, die ihn erbärmlich erscheinen ließen, wenn da nicht eine durchdacht zusammengefasste Psychologie dahinter stecken würde, die David zu einem Antihelden mit superheldentypischer Qualifikation macht.

(* "Ich könnte ihn packen, danach auf das Empire State Building springen und ihn von der Dachkante werfen.") [freie Übersetzung]