Mittwoch, 29. Januar 2014

Khroustaliov, mein Wagen!

Khroustaliov, mein Wagen! (Khroustaliov, mashinu!)



Russland/Frankreich, 1998
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Aleksei German
Darsteller: Yuriy Tsurilo, Nina Ruslanova

Sowjetunion im Frühjahr 1953: General Klenksy ist Arzt und Leiter einer Klinik. Allerdings wird er im Zuge einer politischen Kampagne festgenommen und in ein Straflager gebracht. Er soll Teil einer sogenannten Ärzteverschwörung sein, die gegen Stalin und weitere Mitglieder der Führung Pläne schmieden. Nach kurzer Zeit wird er jedoch wieder entlassen, da er anderen Medizinern dabei helfen soll, sich um den todkranken Stalin zu kümmern.

Realismus in der überzeichneten Klapsmühlenfassung

Kommentar: Es hat schon etwas Ungemütliches, wenn ein undurchsichtiger Plot mit ebenso undurchsichtigen Bildern korrespondiert und man nach einiger Zeit eine Sehnsucht nach Verständlichem und Lesbarem bekommt. Nach dem Motto: Jetzt wurde genug geknobelt, nun möchte ich begreifen. Sein Anliegen, den Zuschauer in die Wirrnis treiben zu wollen, formuliert der Schwarzweißfilm dann am besten, wenn er wieder einmal hinter Rauchwolken positionierte Objekte bzw. Individuen zeigt oder Außenaufnahmen präsentiert, die augenscheinlich am Abend oder in der Nacht gedreht wurden, damit man bloß nicht zu viel erkennt. Mit den formalen Gestaltungstricks zur Beseitigung des glasklaren Blickes haushaltet Aleksei German zwar noch, doch beim Weiterkommen in der Geschichte um einen unschuldig Festgenommenen werden keine halben Sachen gemacht, wenn es um den Kuddelmuddel-Faktor geht. Germans Verarbeitung einer geplanten und teilweise durchgeführten Ausschaltung politisch unerwünschter Menschen in der Sowjetunion, die als Ärzteverschwörung in die Geschichtsbücher eingegangen ist, und sich vor allen Dingen gegen Juden richtete, verkehrt zwischen beinhartem Realismus, surrealer Klapsmühlenatmosphäre und komischer Überzeichnung, wobei kein Bereich tatsächlich Autonomie beanspruchen kann. Die Dialoge in KHRUSTALIOV, MASHINU! zeichnen sich durch Hysterie und Panik aus, die Menschen fluchen und schreien, ganz so als könnten sie den stillen Moment nicht ertragen. Ab und an pfeift man irgendeine Melodie vor sich hin, das lenkt wohl auch von der wenig knusprigen Realität ab. Eine positive Seherfahrung kann man allerdings wohl nur schwer mit einer fehlenden Beziehung zu den Bildern machen, die ordentlich Pfiff in die Erzählung bringen und mit unglaublich genialen Weitwinkel-Shots veredelt wurden.

Aktuell: Besprechung auf Whoknows Presents (von Manfred Polak)

Montag, 27. Januar 2014

Sind Filme nicht schön? #1 - Paradies: Glaube

Die Reihe "Sind Filme nicht schön?" behandelt in unregelmäßigen Abständen verschiedene Filme und soll eine Art kleines Magazin auf einem Blog sein. In jeder Ausgabe wird mindestens ein Hauptfilm etwas ausführlicher besprochen und vier oder fünf Filme kurz kommentiert. Alle weiteren Inhalte sowie die Länge der Ausgaben sind nicht festgeschrieben. Die Grundidee wurde schamlos von Hauptsache Stummfilm geklaut.

Hauptfilm

Paradies: Glaube [A/D/F 2012, R: Ulrich Seidl]

Anna Maria ist eine strenggläubige Katholikin. Sie arbeitet in einem Krankenhaus als Assistentin und trifft sich regelmäßig mit anderen konservativen Gläubigen, denen es wichtig ist, dass Österreich wieder ganz katholisch wird. Anna Maria missioniert zudem nicht nur in der Nachbarschaft, sie peitscht sich auch vor einem Kruzifix aus. Als ihr Mann Nabil nach vielen Jahren wieder aus Ägypten zurückkehrt, bricht ihre Ordnung zusammen. Nabil ist Muslim und wundert sich über die starke Religiosität seiner Frau, die ihm sogar verbieten will, Fernsehen zu schauen. Doch das lässt der querschnittgelähmte Mann nicht auf sich sitzen und rebelliert gegen den Glauben seiner Frau - zuerst psychisch, später auch physisch.

PARADIES: GLAUBE ist der zweite Teil der Paradies-Reihe, in der es um drei Menschen geht, die in verschiedenen Dingen ihr Heil suchen. Der mit Maria Hofstätter in der Hauptrolle besetzte, fast die Zwei-Stunden-Marke erreichende Film erregte bei seiner Premiere in Italien einige katholische Gemüter, die sich über eine Masturbationsszene aufregten, weil sie darin eine Beleidigung christlicher Menschen gelesen haben. In der besagten Einstellung nimmt die weibliche Hauptfigur ein ca. 40 Zentimeter großes Kruzifix von der Wand, küsst es auffallend lustvoll und bearbeitet anschließend unter der Decke die untere Zone, was jedoch nur angedeutet wird.


Das Vorgehen religiöser Kräfte gegen die Kunstfreiheit ist nicht neu und entlockt jedem Aufgeklärten nicht mehr als ein müdes Lächeln, gerade wenn man weiß, dass heute solchen Vorwürfen nur ein kleiner Teil von Vertretern oder Organisationen zustimmen. Viel kritischer kann man ohnehin die Rolle des Muslimen Nabil sehen. Nach und nach verfliegen die Sympathien, die man für ihn anfangs noch empfand. Der emanzipationsfeindliche Charakter kommt zum Vorschein und damit ein ziemlich archaisches Frauen- und Ehebeziehungsbild, das im hinteren Teil des Films den häuslichen Religionskrieg antreibt. Allerdings wird Nabil, im Gegensatz zu seiner Frau, bloß als gläubig aufgeführt, ohne irgendwelche Anmerkungen. Folglich bedient PARADIES: GLAUBE ein bisschen das Klischee, dass normal religiöse Muslime ihre Frauen am Herd angekettet haben wollen. Auch wenn Ulrich Seidl in Interviews angibt, dass der zuständige Schauspieler Nabil Saleh selbst Muslim ist und mit dieser Rolle kein Problem hatte, macht es die Bilder, die zwei unterschiedliche Glaubensrichtungen oberflächlich zeigen, nicht besser. Denn die ultragläubige Anna Maria kann man trotz ihrer realitätsausblendenden Art, zu missionieren und über Jesus zu sprechen, noch irgendwie drollig finden, doch für Nabils Verhalten, die übrigens in einer versuchten Vergewaltigung kulminiert, trifft das kaum zu. Die Formulierung seines Charakters bleibt auch sonst recht blass - er will eben auch mal wieder ficken und er ist Muslim.


Ist der Film deshalb blöd? Keineswegs. Das wäre er nur, wenn er seine Erzählung auf einen reinen Kampf der Religionen bzw. eine Gegenüberstellung dieser verengen würde. Doch dem ist nicht so, denn er ist offen für verschiedene Deutungen und macht es dem neugierigen Zuschauer furchtbar schwer, Position zu beziehen. Des Weiteren gibt es einige Anspielungen auf kulturellen und ethnischen Rassismus in Österreich, was den nur als Überlegung geworfenen Blick auf die beinahe unmerklichen und nicht intendiert klischeehaften Verweise auf das Muslimsein auch entschärfen dürfte, unabhängig von irgendeiner Interpretation. Fans von Seidl dürfen sich übrigens noch über einen Bekannten freuen, dessen Auftritt für mich nicht weniger als das Highlight der letzten Kinojahre darstellt.

Ein weiterer Film...
...über eine extreme Form des christlichen Glaubens

Die schwarze Narzisse [UK 1947, R: Michael Powell]

Gut überlegte Technicolor-Verwendung trifft auf eine Geschichte über ein gescheitertes Projekt. An exotisch erscheinenden Plätzen zeigt der Film, wie der Glaube und auch der Optimismus mehrerer Nonnen herausgefordert werden, die in einem indischen Dorf im Himalaja eine Schule und eine medizinische Versorgungsstation einrichten. Es gibt sowohl Spannungen zwischen den Bewohnern als auch Konflikte zwischen den einzelnen Schwestern. Die Aufseherin des Projekts und Anführerin der Nonnen beginnt sich auf einmal, an ihre Zeit vor dem Eintritt in das Kloster zu erinnern, eine andere verguckt sich dagegen in den Mann, der für die Schwestern ein Berater und eine wichtige Verbindungsstelle zu der Bevölkerung ist. Die Luftverhältnisse sowie das Klima scheinen den Neuankömmlingen nicht bloß sehr zu schaffen zu machen, sie verwirren die Frauen geradezu, welche ihren Plan, Ärmeren im Namen Gottes zu helfen, durch die Fremdheit des Ortes immer mehr gefährdet sehen. Obwohl keine Minute tatsächlich in Indien aufgezeichnet wurde, sondern das meiste im Studio entstand, sieht die Bergwelt unheimlich schick und traumhaft schön aus. Von einer ästhetischen Belebung des Inhalts könnte man auch sprechen, wenn man sich anschaut, wie die strahlenden Bilder besonders die handlungstechnisch arme erste Hälfte aufmöbeln. Im zweiten Teil übernimmt ohnehin die Farbdramaturgie das Sagen, mit der die seelischen Offenbarungen und Abgründe nur noch intensiver wirken. Die intelligente Verknotung von Form und Handlung lässt beide Kategorien fast auflösen, was nicht weniger als nervenaufreibend sein kann.

Mischmasch

Wiegenlied für eine Leiche [US 1964, R: Robert Aldrich]

Aldrich ist ein Guter. Sein Film bewegt sich zwischen Psychodrama und Horror, lotet den Kampf einer Frau gegen ihre Wahnvorstellungen im Radius eines Komplotts aus und besitzt zahlreiche Einstellungen, bei denen selbst der mit Informationen überraschend gut bepackte Zuschauer sich nicht mehr sicher sein kann, was er gerade auf dem Bildschirm sieht. Mit 130 Minuten vielleicht ein wenig zu lang für das Sujet, doch die beklemmende Stimmung, die gerade im Mittelteil sehr gut in Fahrt kommt, macht es schwer, auch nur einen Gedanken an die Spielfilmlänge zu verschwenden. - B

Caught in the Web [VRC 2012, R: Kaige Chen] 

Im modernen China, wo man ständig nach persönlichen Marktwerten zu schielen scheint, gilt es, sein Gesicht zu verteidigen und nicht als Bloßstellungs- und Mobbingopfer im Internet zu enden. Das thematisiert Regiemeister Chen in einer unglaublich zackig ablaufenden Story mit sich überschneidenden Elementen, die sich zu keiner Zeit verbrauchen. Was den Film so reizvoll macht, ist der kritische Einbezug aktueller Medien, ohne dass diese zu sehr in den Vordergrund gestellt und dämonisiert werden. Internet und Mobiltelefone sind an unseren menschlichen Katastrophen schließlich nicht schuld - sie sind nur Instrumente. - A

Umleitung [US 1945, R: Edgar G. Ulmer]

Der mit Abstand düsterste Film noir, den ich bisher gesichtet habe, ist ein Low-Budget-Projekt von Ulmer. Hier scheint es keine Hoffnung zu geben und das qualvolle männliche Gesicht, das zu einem Mann gehört, der in der Kneipe sitzt und erzählt, bietet eine Signierung der Zustände. Die Bestie Mensch erleben wir eindrucksvoll in Form einer gerissenen und geldversessenen Femme fatale, die der Hauptfigur die Strohhalme, die diese noch hat, stibitzt. - A

Das Gasthaus an der Themse [D 1962, R: Alfred Vohrer]

Wenn ich an diesen Film denke, dann habe ich zuerst einen Menschen in einem Taucheranzug im Kopf, der mit Harpunen auf Widersacher zielt und einen tollpatschigen Ruderer, der für Sportkämpfe trainiert. Dass Kinski noch als vermeintlicher Gewürzhändler auftaucht und Elisabeth Flickenschildt die Besitzerin einer undurchsichtigen Hafenspelunke spielt, sind dann so etwas wie die Sahnebonbons, bei denen man sich wünscht, sie könnten niemals zu Ende gelutscht werden. Vohrer inszeniert den Pfennig-Krimi versiert und das Drehbuch versucht unermüdlich, an der Spannungsschraube zu drehen. - B

71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls [A/D 1994, R: Michael Haneke]

Ein typischer Haneke treibt sich irgendwo zwischen krampfhafter und oft nerviger Experimentier-Attitüde, unkonventioneller Dramaturgie und nett inszenierter Beobachtung herum. Dieser Film zeigt in sehr abgehackten Erzähllinien ernsthaft, wie verschiedene Menschen ihr mehr oder weniger aufregendes Leben leben und wie ein vermeintlicher Zufall, einen Menschen dazu bringt, in der Bank seine Knarre herauszuholen und Amok zu laufen. Ich bin wohl schon viel zu abgestumpft von solchen Nachrichten, wie sie im Film immer wieder zu sehen sind, um zu diesem Film mehr als ein Schulterzucken vorzeigen zu können. Das wird es sein. - C

A Hervorragend  
B Gut  
C Für Fans

Seinfeld - Staffel 2

Seinfeld
USA, 1989 - 1998
Umfang: 9 Staffeln (180 Episoden)
Genre: Komödie
Idee: Larry David, Jerry Seinfeld


Jerry Seinfeld ist ein Stand-Up-Comedian und lebt in New York. Zusammen mit seinen Freunden George Constanza, Elaine Benes und Cosmo Kramer muss er sich durch Alltagsprobleme verschiedener Art durchschlagen.


Auch die zweite Staffel der Serie um vier Freunde, die das Leben in New York meistern müssen, hinterlässt einen guten Eindruck. SEINFELD dreht sich um peinliche Persönlichkeiten, die man abschütteln will; Missgeschicke, die zwar ausgebügelt werden können, aber neue Schwierigkeiten nach sich ziehen; unerwartete Abläufe, die man garantiert nicht hätte voraussehen können und anderen, für die erste Welt charakteristischen Problemkram moderner Mittelklasse-Menschen in einer Stadt. Kein Wunder, dass die Macher die Sendung als eine Serie über Nichts konzipierten. Das verschafft ihr auch eine grundehrliche Beziehung zum Zuschauer, weil die ganzen Zumutungen, mit denen sich das Quartett mal mehr und mal weniger freiwillig beschäftigen muss, eben tatsächlich unerheblicher Natur sind, und wenn nicht, dann wenigstens als solche verkauft werden. Das Geniale dabei ist, dass SEINFELD es dennoch schafft, weit mehr als eine Nummernrevue zu sein. Die Geschichten selbst, so gewöhnlich sie heute aufgrund einer hohen Anzahl von Nachahmern und Genre-Weiterentwicklern erscheinen, sind klug erzählt, haben fantastische Wendungen und orientieren sich natürlich stets an den Hürden aus dem echten Leben, die den meisten sicherlich bekannt vorkommen, weil sie so oder ähnlich schon einmal erlebt wurden.

SEINFELD erzählt über Erwartungen, die sich nicht erfüllen. Daraufhin werden neue und manchmal eigenwillige Pläne geschmiedet, um ein Ziel zu erreichen, das oftmals nur einen Schritt entfernt zu sein scheint. Doch selten können die Protagonisten einen gewünschten Zustand wirklich erlangen. Sie treffen falsche Entscheidungen, ihnen vermasselt jemand anders die Sache oder sie haben schlicht und einfach Pech. Wenn zum ersten Mal bei den Figuren etwas schiefläuft, können wir uns darauf verlassen, dass es beim nächsten Versuch noch viel schlimmer um ihre Situation steht. Ausnahmen können gerne die Regel bestätigen, aber die Entwicklung einer Folge ist in den ersten zweiten Staffeln nicht gerade flexibel zu nennen. Das macht allerdings auch den Reiz dieser TV-Sensation aus: wir wissen, dass die Charaktere mehrmals auf die Schnauze fallen werden und wir wollen das nur zu gerne sehen. Es ist aber nicht eine simple Lust nach Chaos, die wir von unseren Wohnzimmersofas aus erleben können. Die Folgen ziehen uns nicht magnetisch an, weil wir in Sicherheit lachen und dabei ein wenig Schadenfreude zeigen können. Vielmehr freuen wir uns auf die unterschiedlichen Charaktere, denen wir in ihren unperfekten Phasen begegnen können. Das Unperfekte erreicht unsere Sympathie, auf diese Weise lachen wir genauso stark über den Umgang mit einem Schaden, wie über einen Schaden selbst.

Im Gegensatz zu der ersten Staffel, die gerade einmal fünf Folgen aufweist, besitzt die zweite Staffel insgesamt zwölf Episoden. Nicht alle von ihnen glänzen durch überdurschnittlichen Einfallsreichtum, aber der Großteil ist bezaubernd, gerade wenn es um die Pointen geht. Eine der zweifellos besten Folgen heißt THE CHINESE RESTAURANT und wird von vielen Kritikern als erster Klassiker der Sendung bezeichnet. Jerry, Elaine und George gehen in ein chinesisches Restaurant, bekommen dort aber keine Tische, weil angeblich keiner frei sei, sodass sie Stunden damit verbringen, zu warten und anderen Menschen dabei zuzusehen, wie sie, kurz nachdem sie gekommen sind, einen Platz kriegen. Jerry möchte es noch rechtzeitig ins Kino schaffen, da er unbedingt PLAN 9 FROM OUTER SPACE auf der Leinwand sehen möchte, Elaine ist einfach stinksauer, weil sie Hunger hat und George muss noch mit einer Frauenbekanntschaft sprechen, die er aber nicht anrufen kann, weil das Telefon im Restaurant dauernd besetzt ist. Die gesamte Episode spielt sich im Lokal ab und liefert eine absurde Drehung nach der nächsten. Das Konzept des Nichts wird hier radikal auf seine Klimax getrieben, denn schließlich verhalten sich die Charaktere so, als ob sie weggesperrt seien. Die Tür, die ins Restaurant, aber auch aus diesem führt, möchten sie erst eine sinnvolle Existenz bescheinigen, wenn sie vorher gegessen haben. Alles andere verbietet ihnen ihre Freundlichkeit.

Der Hund von Baskerville

Der Hund von Baskerville
Sir Arthur Conan Doyle

(The Hound of the Baskervilles, 1902, Englisch)

Der deutsche Titel ist unglücklich gewählt
Geklaute Stiefel, ein mysteriöser Mann mit einem falschen schwarzen Bart in einer Droschke und eine warnende Nachricht, die sich aus Worten zusammensetzt, die irgendjemand aus der Zeitung The Times herausgeschnitten hat, bewegen Sir Henry Baskerville nicht dazu, sich von dem Baskerville-Anwesen in Dartmoor fernzuhalten. Sir Henry ist der einzige Erbe in einer Familie, die von einem Fluch verfolgt werden soll. Einer alten Legende nach gibt es angeblich einen Riesenhund, der sich in der Nähe der Moorgegend in Dartmoor aufhalte und es auf die Angehörigen der Baskerville-Familie abgesehen habe. Auch an dem Tod von Sir Charles, dem vorherigen Besitzer des Familieneigentums und Onkel von Sir Henry, könnte das aggressive Tier schuld haben, auch wenn die offizielle Todesursache Herzversagen war. Sherlock Holmes, der sich mit dem Fall beschäftigen soll, würde gerne mit nach Dartmoor kommen, um Sir Henry nicht sich selbst zu überlassen und die Möglichkeit zu haben, sich die übrigen Mitmenschen in der Gegend genauer anzuschauen. Doch weil er noch an anderen Dingen arbeitet, bleibt ihm nichts anderes übrig, als Dr. Watson, seinen kompetenten Partner, dort hinzuschicken.

Der beliebteste Holmes-Roman war der erste Auftritt der schlauen Detektivfigur, nachdem dessen Erfinder Conan Doyle sie in der 1893 erschienenen Erzählung DAS LETZTE PROBLEM sterben ließ, weil ihm der Hype um Holmes auf die Nerven ging und er sich nicht mehr den Fanerwartungen beugen wollte. Erst 1903, in der Kurzgeschichte DAS LEERE HAUS, rekonstruierte er die Vorgänge rund um Sherlock Holmes vermeintlichen Tod aus einer neuen Perspektive und beschrieb, wie dieser überlebte. Den Grund für eine Wiederbelebung der Figur lieferte das Buch DER HUND VON BASKERVILLE, das 1902 erschien und dessen Handlung zwei Jahre vor dem tragischen Verlauf in DAS LETZTE PROBLEM spielt.
Dieser dritte Roman wurde dermaßen gut angenommen, dass Sir Arthur Conan Doyle seine gegen das Publikum gewandten Schriftstellermotivationen aufgab und die Seiten wieder mit erhellenden Sprüchen und Taten des britischen Schnüfflers aus London füllte.

"The more outré and grotesque an incident is the more carefully it deserves to be examined, and the very point which appears to complicate a case is, when duly considered and scientific handled, the one which is most likely to elucidate it." *

Fluch und Riesentöle sind die bedeutendsten Stichwörter in der düsteren Familiensaga, dessen Wahrheitswert schon von Anfang an gering geschätzt wird. Doch wo ein unheimlicher Fluch das sachliche Gemüt von Holmes nicht lange beschäftigen kann, verdichten sich die Hinweise darauf, dass ein auf die Verfolgung oder Tötung programmierter Hund tatsächlich existiert. Das kleine Örtchen Dartmoor hortet Geheimnisse und wird von Menschen bevölkert, deren Fassaden nur durch eine glänzende kombinatorische Leistung aufzubrechen sind. Wie Schriftsteller Conan Doyle dabei seine Meisterspürnase agieren lässt, ist schon gewieft und nicht ganz überraschungsfrei, sofern man das Buch zum ersten Mal liest. Dabei erscheinen Holmes' Aktionen sehr übersichtlich, weil er in einem wichtigen Abschnitt des Romans nur namentlich, aber nicht körperlich vorkommt. Sicherlich ist DER HUND VON BASKERVILLE keine literarische Sensation, doch laden Charaktere und eine sinister-schaurige Stimmung zum wiederholten Lesen ein.

(* "Je unkonventioneller und grotesker ein Ereignis ist, desto mehr hat es dieses verdient, gewissenhaft untersucht zu werden. Und genau der Punkt, der einen Fall zu verkomplizieren scheint, ist - wenn man ordentlich darüber nachdenkt und es logisch betrachtet - derjenige, welcher aller Voraussicht nach den Fall aufklärt.") [freie Übersetzung]   

Der Prozeß

Der Prozeß
Franz Kafka

(Der Process, 1925, Deutsch)

Die Deutungsvielfalt ist erstaunlich
Die Erwartung an eine Besserung der Situation von Josef K. gibt der Leser irgendwann mit einem unguten Gefühl auf, weil er das böse Ende des Angeklagten schon herankommen sieht. Der Prozess legt sich wie ein Fluch über die genannte Figur und gibt dieser keine Ruhe, um sich Gedanken über andere Dinge als die Entscheidung beim Gericht zu kümmern. Die Frage, weshalb er sich vor irgendeinem Gesetz, welches anscheinend niemand genau kennt, zu verantworten hat,  gerät für Josef K irgendwann aus dem Blickfeld. Er steigert sich im Verlauf des Buches so sehr in die Idee, dem Prozess eine glückliche Wendung geben zu können, dass ihm die Realisierung eines unzusammensetzbaren Haufens von Puzzleteilen nicht in den Kopf kommt. So wird der eigentlich unauffällige Prokurist, der sich keiner Schuld bewusst ist, zum Sklaven einer mysteriösen Ordnung. Doch vermutlich nicht deshalb, da er Opfer der Justiz wird, sondern, weil er zum Leidwesen seiner selbst, sich als Protagonist begreift. Letztendlich ist der DER PROZESS schwierig zu durchschauen, der Erfolg möglicher Entscheidungsvarianten, die Josef K. hat, kaum einzuschätzen und sowieso von Interpretationswegen abhängig.

Aber rasch an den Anfang. Ohne Umschweife kommt die Handlung in Fahrt, in der Josef K. Besuch von zwei Wächtern bekommt, welche ihn verhaften. Zutiefst verwirrt glaubt K. erst einmal an einen behördlichen Fehler, denkt sogar an einen Scherz. Doch ein gebildeter Aufseher gibt ihm im ernsten Ton zu verstehen, dass dies mitnichten so sei, K. jedoch keine beruflichen Schwierigkeiten dadurch hätte, da er weiterhin seinen alltäglichen Beschäftigungen und seiner Arbeit in der Bank nachgehen könnte. Genau wie die beiden Wächter keine Auskunft über den Grund der Verhaftung geben konnten, erklärt auch der Aufseher, dass er keine Informationen dieser Art vermelden dürfe. Obwohl Josef K. aufgrund seiner unbeschränkten Freiheit der Verhaftung keine große Aufmerksamkeit schenkt, beginnt er sich, nach einem Besuch im Gerichtssaal, stärker und intensiver mit seinem Fall zu beschäftigen. Auf diese Weise erforscht er Motive sowie Handlungsoptionen des Gerichts und stößt bei seiner Suche - seinen Ansprüchen an Freiheitsbedingungen folgend - auf einen undurchdringlichen Dschungel, in welchem er zu verschwinden droht.

"Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus."

Kafkas Erzählung, die erst nach seinem Tod veröffentlicht und zu Lebzeiten nicht fertiggestellt wurde, ist ein imposanter Blick auf eine Figur und ein System; ein Blick, der ein Verhältnis zwischen Macht und Unterwerfung aufzeigen könnte, wobei sich DER PROZESS ebenso wie eine Parabel über den Faschismus liest. Der kühle Erzählstil von Kafka spielt im Zusammenhang mehrerer Ereignisse mit einer Atmosphäre, die der Horrorstimmung sehr ähnelt, wie etwa an den Stellen mit Kaufmann Block, der ähnliche Probleme wie K. hat und sich einem Anwalt unterwürfig zeigen muss, damit dieser überhaupt die Bereitschaft zeigt, an seinem Fall zu arbeiten. Weiterhin bleiben für den Leser verschiedene Beweggründe unaufgedeckt, was auch die gesamte Sicht auf K. verdunkelt. Dass sich vor einem die Fragen auftürmen, bleibt jedoch nicht ohne Reiz.

Donnerstag, 23. Januar 2014

Zerre

Zerre



Türkei, 2012
Genre: Drama
Regisseur: Erdem Tepegöz
Darsteller: Jale Arıkan, Rüçhan Çalışkur

Zeynep ist eine alleinerziehende Mutter und wohnt mit ihrer Tochter sowie ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung eines Hauses, das offiziell schon keine Mieter mehr hat, weil es bald abgerissen werden soll. Als Zeynep ihren Job in einer Fabrik verliert, droht den drei Bewohnern der Rausschmiss. Sie geht auf Arbeitssuche, doch es mangelt nicht nur an anständig bezahlten Arbeitsplätzen, sondern generell an einer Anfrage nach Arbeitnehmern.

Die seidenen Fäden der Armen

Kommentar: In einem armen Viertel in Istanbul versucht eine Mutter Einkommensquellen zu finden und läuft bei ihren Aktionen ins Leere, denn die Quellen sind entweder nicht vorhanden oder reichen für den Lebensunterhalt kaum aus. Obwohl die Kamera nah an der Frau bleibt, sie oft in der Mitte des Bildausschnitts anordnet, wenn sie durch schmutzige Gassen läuft, merken wir, dass der Film kein Einzelschicksal beleuchten will, sondern nur die desaströsen Umstände einer kleinen Familie dazu nutzt, um auf die Verelendung ganzer Stadtteile und die Verarmung vieler Menschengruppen aufmerksam zu machen. Die Müllberge an der Straßenseite; die wahrscheinlich nicht offiziell als Händler arbeitenden Menschen, welche Passanten ein Teil ihres Hab und Guts verkaufen wollen; oder der Umgang mit Arbeiterinnen in einer Fabrik, wo die männlichen Chefs den Frauen versprechen, dass sie gegen sexuelle Dienste aufsteigen können - der erste Spielfilm des jungen Regisseurs Erdem Tepegöz schweigt sich in vielen Momenten nicht aus und zeigt in seiner auf Konfrontationskurs gehenden Armutsdarstellung die seidenen Fäden, auf denen sich viele noch geradeso halten können. Deutschen Zuschauern, die häufig TV-Produktionen und Krimis schauen, könnte Hauptdarstellerin Jale Arıkan bekannt vorkommen, weil sie schon einige Male im hiesigen öffentlich-rechtlichen Programm zu sehen war. Ihre Rolle spielt sie in den allermeisten Augenblicken mit auffälliger Kühlheit, als sei eine stille Resignation das Resultat einer zurückhaltenden Erwartungshaltung, die sich nicht auf Wunschbilder verlässt. ZERRE sahnte 2012 beim International Antalya Golden Orange Film Festival, der wichtigsten nationalen Filmveranstaltung in der Türkei, die Hauptpreise ab.

Herr der Fliegen

Herr der Fliegen
William Golding

(Lord of the Flies, 1954, Englisch)

Wurde 1963 zum ersten Mal verfilmt
Ein Flugzeug stürzt ab und die einzigen Überlebenden sind Jungs verschiedener Altersgruppen, die auf einer unbewohnten Insel landen. Erwachsene sind nicht bei ihnen, weshalb es ganz an ihnen selbst liegt, sich zu versorgen und alles, was ihr neues Leben betrifft, zu kommunizieren. Glücklicherweise wachsen genug Früchte auf der Insel, was zumindest die Sicherstellung einer Ernährung garantiert. Außerdem rennen auch Schweine im Waldteil herum, die eine Abwechslung versprechen, wenn man es schafft, einen von diesen Tieren zu erlegen. Ein wahr gewordener Jungstraum scheint das zu sein und das Buch fängt auch tatsächlich wie ein harmloser Abenteuerroman an, bei dem sich zunächst kleine Gruppen zusammenfinden und dem Signal eines Schneckenhorns folgen. Dieses führt sie zu Ralph und Piggy, zwei Hauptfiguren des Buches, die eine weiße Muschel gefunden haben. Bei der Versammlung kommt es auch zur Wahl eines Anführers, die Ralph dank seiner Muschel für sich entscheiden kann, auch wenn das Jack, einem älteren Jungen und einer weiteren Hauptfigur, nicht schmeckt.

Doch das heile Bild von einer paradiesischen Insel und unschuldigen Kindern bröckelt nicht bloß, es wird schon in den Anfangskapiteln gegen ein düsteres Porträt ausgetauscht, das mit dem Verlauf eine immer hässlichere Farbe bekommt. Piggy, der etwas mehr auf die Waage bringt, Asthma hat und ohne seine Brille so gut wie nichts sehen kann, wird schnell zum Ziel von Spott und Hohn. Sein großes Glück besteht darin, dass Anführer Ralph mit der Muschel ein Instrument demokratischer Ordnung und damit die Möglichkeit einer freien Meinungsäußerung etabliert. Wer sprechen will, muss um die Muschel bitten. Wer spricht, der darf nicht unterbrochen werden. Die Jungs unterwerfen sich zwar nicht komplett dem einfachen Reglement, aber grob gesehen läuft die Kommunikation anfänglich verblüffend gesittet ab. Diese demokratischen Verhältnisse kippen aber langsam. Zum ersten Streit kommt es, als Jack mit einigen anderen Jungs jagen geht, anstatt auf das Feuer aufzupassen, das als Zeichen für vorbeikommende Schiffe dient. Ralph und Piggy ärgern sich über das gewissenlose Verhalten der Jungs daraufhin deshalb so sehr, weil sie zuvor ein Schiff bemerkt haben, welches eventuell den Rauch hätte sehen können, wenn das Feuer nicht ausgegangen wäre.

"Ralph wept for the end of innocence, the darkness of man's heart, and the fall through the air of the true, wise friend called Piggy." *

Die langsame Umwandlung einer Demokratie in ein Ein-Führer-System beginnt sichtbar mit der Ausnutzung von Angst und Panik durch Jack, dem das Gerede von einem Monster, das auf der Insel herumschleichen soll, dabei hilft, die Mehrheit der Jungs für das Jagen zu begeistern. Das Feuer auf dem Berg schenkt niemandem Beglückung und wird deshalb vernachlässigt und ignoriert. Das Versprechen einer Lösung gegen das Monsterproblem zieht die meisten Kinder mehr an, als der trockene sowie überlegene Verstand von Piggy und die ruhige Art von Ralph, die beide die Probleme so lösen wollen, wie es nach ihrer Meinung auch Erwachsene tun würden. Mit HERR DER FLIEGEN gelang Golding ein fantastisch zu lesendes Buch, das sich mit einer Art fiktionalem Experiment damit beschäftigt, was unsere durch die Erziehung internalisierten Werte eigentlich bedeuten, wenn die Faktoren der Zivilisation verschwinden. Es zeigt vor allen Dingen sehr gut, dass die Transformation einer Diskussionsform in eine andere (namentlich die Veränderung der Demokratie in die Diktatur bzw. den Totalitarismus) zuerst schleichend stattfindet und sich später plötzlich in aller Deutlichkeit bemerkbar macht. Die Vorzeichen einer Diktatur integrierte William Golding übrigens sehr früh in den Roman. Ein Littlun, wie jedes besonders junge und kleine Kind im Roman genannt wird, erzählt von Schlangen, die sich auf der Insel befinden sollen. Doch wenig später verschwindet der Junge für immer spurlos. Eine unerwünschte Stimme weniger.

(* "Ralph weinte über das Ende der Unschuld, die Finsternis des Menschenherzens und wegen des Sturzes des wahren und klugen Freundes namens Piggy.") [freie Übersetzung]  

Wer einmal aus dem Blechnapf frißt

Wer einmal aus dem Blechnapf frißt
Hans Fallada

(Wer einmal aus dem Blechnapf frißt, 1934, Deutsch)

Fallada verarbeite eigene Erfahrungen
Der 1934 erschienene Roman von Hans Fallada schildert die Versuche eines aus dem Gefängnis Entlassenen, sich in den normalen gesellschaftlichen Alltag zu integrieren. Willi Kufalt registriert nach seiner fünfjährigen Gefängnisstrafe nicht nur die schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen in Form von Wohnungs- und Arbeitssuche, sondern auch die zerstörerischen Mechanismen, die sich fatal auf Existenzen am Rande der Gesellschaft auswirken. Falladas zeitkritisch angelegtes Werk ist jedoch keine blauäugige Studie über das Verlierermilieu, vielmehr stellt es eine Abrechnung mit unannehmbaren Tatsachen dar, weshalb es dem Schriftsteller auch weniger um die Sympathiewerte der geschundenen Hauptfigur Willi Kufalt geht.

Der Roman beginnt im Gefängnis und er endet im Gefängnis. Anfangs freut sich Kufalt, dass er endlich die vier Wände seiner kleinen Zelle verlassen und in die Freiheit treten kann; zum Schluss ist er froh über sein erneutes Eingesperrtsein, das seine Kräfte und Hoffnungen mobilisiert. Aber was ist in der Zwischenzeit passiert? Willi Kufalt wollte nicht wie die anderen enden, die ihre Strafe abgesessen hatten, in die freie Welt geschickt wurden und nach einigen Tagen wegen erneut begangener Verbrechen ins Kittchen zurückgehen mussten. Doch sein Traum, oder besser gesagt seine Hoffnung von einer bürgerlichen Existenz stellt sich als naiv heraus. Dazu kommt noch, dass sich zu der Verzweiflung auch noch großes Pech hinzugesellt und Kufalts Gefängnisvergangenheit (welche übrigens nur äußerlich als solche zu bezeichnen ist, denn innerlich lebt er teilweise noch hinter Gittern) ihm immer wieder zum Stolperstein wird.

"War es nicht eine herrliche, ruhige Zeit, als er dort in seiner Zelle lebte und nichts wußte von Geld, Kohldampf, Arbeit, Bleibe ...?"

Stilistisch geht WER EINMAL AUS DEM BLECHNAPF FRISST den Weg anderer zeitkritischer Werke von Hans Fallada. Einfache, oft prägnante Sätze, auktoriale Erzählposition und viele ungekünstelte Dialoge - das mag nicht die poetischste Variante sein, dafür aber eine goldrichtige, wenn um das Leben unterer Schichten und sozial schwacher Menschen geht. Damit gelingt Fallada eine spannende Zustandsbeschreibung, deren Mittelpunkt nicht der um seine Freiheit kämpfende und verbitterte Ex-Häftling Kufalt ist, sondern die Gesellschaft, die hier als Apparat funktioniert, welches dem vermeintlich Üblen so lange Eigenschaften zuschreibt, bis das Üble selbst diese Eigenschaften übernimmt, damit endlich Harmonie entsteht und alle irgendwie zufrieden sein können.

Mittwoch, 22. Januar 2014

Nobody's Daughter Haewon

Nobody's Daughter Haewon (Nugu-ui ttal-do anin Haewon)



Südkorea, 2013
Genre: Drama
Regisseur: Sang-soo Hong
Darsteller: Jeong Eun-Chae, Seon-gyun Lee

Haewons Mutter reist nach Kanada und lässt ihre Tochter allein in Südkorea, die eigentlich die Universität besuchen sollte, aber dort nur selten hingeht. Sie führt eine Beziehung mit einem Professor, der jedoch verheiratet ist und ein Kind hat. Gleichzeitig denkt sie aber darüber nach, in die Staaten zu gehen und dort einen wohlhabenden Mann zu heiraten, den sie in einem Buchladen zufällig kennengelernt hat.

Niemand bricht sich den Hals

Kommentar: Ein Film, der geradezu an einem vorbeirauscht, so unwirklich fühlt sich die Spielzeit an. Man wächst auf seltsame Weise mit der Hauptfigur zusammen, einer jungen Frau, die sich noch in einer Findungsphase befindet und die Veranstaltungen an der Universität sausen lässt. Ihre Identität erscheint uns niemals vollständig und ihre Wünsche sind entweder mangelhaft ausgedrückt oder erscheinen unreflektiert, was erklärt, warum wir für ihre Art von Charakter überhaupt so sehr empfänglich sein können. Sie strahlt eine Natürlichkeit aus und ist doch ein Mysterium, hinter dessen Zugangscode wir irgendwie gelangen wollen. NOBODY'S DAUGHTER HAEWON ist aber nicht bereit, viele Erklärungen zu geben und ist in kleine Fragmente aufgeteilt, die sich insofern ähneln, als sie mit kuriosen und überraschenden Dialogpassagen auffallen. Ansonsten geschieht schon deshalb nichts Halsbrecherisches, weil keine wirklichen Wendepunkte auf der Strecke auftauchen. Es wird sich mit bekannten Menschen getroffen und geflirtet, mit der Mutter über die Miss-Korea-Wahl gesprochen oder erstaunt geschaut, weil ein Professor aus den USA ein Taxi mithilfe einer angeblich erfolgreichen Bewusstseinskontrolle herbeiruft. Zwischendurch wird immer wieder gezeigt, wie die Frau einen Tisch in der Universität als Schlafunterlage benutzt und ein Nickerchen hält. Ist das also alles nur ein Traum, was wir sehen? Was vom Film ist Produkt der Fantasie und was ist filmisch eine reale Tatsache?

Solange ein Herz schlägt

Solange ein Herz schlägt (Mildred Pierce)



USA, 1945
Genre: Thriller, Drama
Regisseur: Michael Curtiz
Darsteller: Joan Crawford, Ann Blyth

Mildred Pierce muss ihre Kinder nach einer Scheidung alleine aufziehen. Sie arbeitet zuerst als Kellnerin, öffnet später jedoch ein eigenes Restaurant, was ihr viel Geld einbringt. Doch ihrer Tochter Vera, die sich verwöhnen lassen will, reicht das noch lange nicht. Sie hasst ihre Mutter, weil sie nicht nach einem Leben in Luxus strebt. Zu spät bekommt auch Mildred die Kluft, die zwischen ihr und ihrem erwachsenen Kind herrscht, mit.

Der Hass der Tochter, die Liebe der Mutter

Kommentar: Curtiz' Drama schildert die Kluft zwischen einer nach Unabhängigkeit strebenden Frau und ihrem geldfixierten, nach Verwöhnung kreischenden Kind. Es erzählt seriös über eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung und lässt keinen betonten Gefühlskitsch zu, der die Rituale der aufwühlenden Darstellung zulasten der gemäßigten Ausdruckscodes und des Realismus durchkaut. Und dann spielt sogar noch ein Mordfall eine große Rolle, mit dem der Film auch anfängt. Dieser wird in der Folge durch eine Rückblende erklärt, welche jedoch nicht sofort auf den Punkt kommt und den Kontext in wenigen Bildern zusammenfasst, sondern sich extrem viel Zeit lässt, um wiederzugeben, was genau passiert ist, aber vor allen Dingen, um die letzten Jahre des Hauptcharakters Mildred Pierce zu erforschen, der keine Bindung richtig gelingen will. Diese Aufarbeitung des Vergangenen ist eigentlich klassischer Dramastoff und wird auch dementsprechend so gehandhabt, aber anfühlen tut sich das Ganze oftmals wie ein Krimi. Doch nicht nur deshalb, da die Motivation der Rekonstruktion auf dem Tod eines Menschen basiert und es um die klare Sicht auf die Hintergründe geht, sondern auch weil diese Handlung mit zahlreichen Umdrehungen und Wendungen gewürzt ist, die vorgeben, dass das "normale Leben" sie so schreibe. Schön auch, dass von den Einflüssen der amerikanischen Schwarzen Serie weder Erzählung noch Darstellung völlig abstrahieren, auf diese Weise gelingt es unter anderem auch, dass der Zuschauer sich unsicher fühlt, wenn er beginnt, schon früh Urteile zu fällen.

Dienstag, 14. Januar 2014

Das letzte Wochenende

Das letzte Wochenende (And Then There Were None)



USA, 1945
Genre: Kriminalfilm
Regisseur: René Clair
Darsteller: Barry Fitzgerald, Walter Huston

Acht Menschen - Männer wie Frauen -, die sich gegenseitig nicht kennen, fahren mit einem Boot zu einer isolierten Insel. Sie wurden von Frau und Herr Owen eingeladen, die, wie die Gruppe nach ihrer Ankunft schnell bemerkt, jedoch fehlen. Nur zwei frisch eingestellte Hausbedienstete befinden sich im Haus. Nach dem Dinner legt einer von ihnen eine Schallplatte auf, auf der Herr Owen zu hören ist. Er klagt alle Anwesenden wegen Mordes an.

Wer ist der geheime Killer?

Kommentar: Eine Murder-Mystery-Variation, die mich auch bei der zweiten Sichtung für sich einnehmen konnte. Der Film, nach einem Kriminalroman von Agatha Christie, spielt sich auf einer kleinen, abgeschnittenen Insel ab, auf dem ein Anwesen steht. Dort versammeln sich zehn Menschen unterschiedlichen Alters sowie Geschlechts, die sich allerdings nicht gegenseitig kennen und auch nicht genau wissen, was sie im Haus eigentlich suchen. Nach dem gemeinsamen Essen werden sie ausnahmslos alle von einer unbekannten Person wegen Mordes angeklagt, die ihre Anschuldigungen feige auf einer Schallplatte hinterlassen hat. Man kommt sich daraufhin veräppelt vor, und ein Herr, der Klavier spielen kann, rezitiert feuchtfröhlich, dabei immer wieder an einem alkoholischen Getränk schlürfend, die Reime des Songs TEN LITTLE INDIANS, ohne zu wissen, dass die Pointen des scheinbar harmlosen Kinderliedes schon bald eins zu eins in die Wirklichkeit transferiert werden. Je länger der Film läuft desto kleiner wird das Teilnehmerfeld, weil einer nach dem anderen stirbt und die Anwesenden den mysteriösen Morden hilflos gegenüberstehen, die anscheinend von jemandem begangen werden, der es auf Selbstjustiz abgesehen hat. Aufregend wird es, als die noch lebenden Frauen und Männer endlich auf die Idee kommen, dass einer von ihnen der geheime Killer sein muss. Jeder beginnt, den anderen zu beobachten und wir folgen Blicken, die versuchen, Gesichter zu lesen, um dahinter eine Botschaft zu entdecken. In diesen Phasen bietet AND THEN THERE WERE NONE besonders amüsante Eindrücke, etwa als es zu einer Art Kreislauf des Ausspionierens kommt.

Eine Sequenz zeigt, wie ein junger Mann in sein Zimmer geht und dieses durch eine Tür versperrt. Daraufhin nutzt ein älterer Herr das Schlüsselloch zur Tür, um diesen jungen Mann nicht aus den Augen zu lassen. Dabei merkt der Ältere jedoch nicht, dass er durch das Schlüsselloch einer parallel gelegenen Tür ebenfalls durch eine Person beobachtet wird, die wiederum keinen Schimmer hat, dass nicht weit entfernt jemand an einem Eingang steht und sich deren Aktion anschaut. Wie man sich denken kann, schließt der am Anfang erwähnte junge Mann den Kreis dieser doch unglaublich komischen Überwachung und inspiziert den am Eingang Stehenden. Eine solche mit Ironie gespickte Bildgestaltung ist tatsächlich ein charakteristisches Merkmal dieses Krimis, der in keinem Fall durch eine bleierne Atmosphäre punkten will. Vielmehr setzte Regisseur René Clair auf Gemütlichkeit sowie Galgenhumor, erlaubte diesen Elementen aber natürlich nicht, dass sie den Kern des Films verniedlichen und die Jagd auf den verantwortlichen Täter vollkommen ins Banal-Komische umdrehen.

Blau ist eine warme Farbe

Blau ist eine warme Farbe (La vie d’Adèle – chapitres 1&2)



Frankreich/Belgien/Spanien, 2013
Genre: Drama
Regisseur: Abdellatif Kechiche
Darsteller: Léa Seydoux, Adèle Exarchopoulos

Adèle ist eine fünfzehnjährige Schülerin, die der Kunststudentin Emma zufällig in einer Lesbenbar begegnet. Adèle beginnt ihre Sexualität zu entdecken und stellt fest, dass sie sich mehr zu Frauen hingezogen fühlt. Sie freundet sich zuerst mit Emma an, dann entwickelt sich aber eine Liebesbeziehung zwischen den beiden.

Kapitulation vor der Arthaus-Bespaßung

Kommentar: Was Filme einem sagen wollen, dass kann man nicht immer erfassen. In den letzten Sekunden des Dramas von Kechiche biegt die Hauptfigur in eine Seitenstraße ein, läuft danach etwas weiter und dann ist der Film nach fast drei Stunden auch zu Ende. Je mehr ich nach der Sichtung über BLAU IST EINE WARME FARBE nachgrübelte, desto weniger gefiel er mir. Er schien beinahe zu schweigen und wollte kaum mit mir reden - allerdings ist dies gar nicht das Hauptproblem. Dabei entwirft das Werk in der ersten Stunde eine spannende Beobachtung der Identitätssuche, wo das Kopf-Ich zuerst nicht das sexuelle Ich akzeptieren will, weil die Interessen divergieren, dann aber es doch tut. Ein Mensch ist in einem Durcheinander, toleriert das Durcheinander jedoch nicht, sondern baut eine Ordnung auf, in der er sich wohlfühlen kann. Eine Schülerin geht unverklemmt ihren Neigungen nach und findet schnell heraus, was sie wirklich will. Der einige Coming-of-Age-Themen behandelnde Streifen zeigt Liebe, Gefühle, Leidenschaften, Tränen, Trennungen, bittere Erfahrungen - die ganze Packung. Doch trotz einzelner bewegender Augenblicke, wie einer unglaublich wilden Streitszene, die mich zum Tränenvergießen provozierte, gingen die Aktionen an mir vorbei, ohne dass eine ungemein intelligente Bildkomposition imstande war, dieses Vakuum zu füllen, um mich wenigstens durch die Sprache auf die Seite des befriedigten Filmzuschauers zu ziehen. Aber alles, was der Film in dieser Hinsicht aufbietet, ist Realismus, der sich mit seinen Glanzbildern und Modelmenschen als eine bloß schrecklich geartete, anbiedernde Simulation von eben jenem herausstellt. Dank der gigantischen Länge ist er vor allem ein Bildungsbürger-Bespaßungsepos, das superduperfein und gepflegt wirkt, weil sich Gespräche sowie Schweigen abwechseln und keine dieser bösen Special-Effects-Extrawürste für den Proletarier gemacht werden - doch wo die Effekte fehlen, dort wartet sterile Sauberkeit und ein Cast, der den gewöhnlichen Lookism von Hollywood zu verspotten scheint. Auf dem Filmfestival in Cannes kapitulierte man rückgratlos vor so viel Schmu - BLAU IST EINE WARME FARBE gewann 2013 die Goldene Palme.

Mothra bedroht die Welt

Mothra bedroht die Welt (Daikaijû Masura)



Japan, 1961
Genre: Sci-Fi, Fantasy
Regisseur: Ishirô Honda
Darsteller: Frankie Sakai, Hiroshi Koizumi

Ein Team von Wissenschaftlern geht auf eine eigentlich verlassene Insel, um nachzuschauen, ob dort Menschen leben, da das Gebiet durch zahlreiche Atombombentests eigentlich verseucht sein müsste. Dort stoßen sie tatsächlich auf ein Volk und auf zwei winzige Frauen. Nach der offiziellen Expedition kehrt der skrupellose Führer des Teams, Clark Nelson, noch einmal an den Ort zurück, wo sich die zwei Frauen aufhalten und nimmt sie mit, um sie einem großen Publikum als Attraktion zu verkaufen. Daraufhin rufen die beiden in einem Käfig eingesperrten Frauen eine Art Riesenraupe, die sich kurze Zeit später auf den Weg nach Tokio macht.

Eine gerufene Riesemotte macht Ärger

Kommentar: Akte der Zerstörung findet man hier zuhauf, obwohl das wütende Monster erst sehr spät in Erscheinung tritt. Doch die Montage ist ungeheuer unsanft und zeigt uns periodisch fliegende Autos und einstürzende Häuser in Nahaufnahmen, die Reaktionen der staunenden Menschen und den Verursacher der Unordnung selbst: eine Riesenraupe (respektive eine monströse Motte). Durch die immer wiederkehrenden, sich ähnelnden Schnittfolgen, die eine konsequente Intoleranz gegenüber den Symbolen der Urbanisierung sowie den Lebensräumen der Zivilisation zeigen, versucht man, die Handlungen des tadelnden Monsters nicht zu bagatellisieren. Zwei putzige Frauen von ziemlich winziger Größe haben dieses zum Leben erweckt, weil sie ihrer Heimat entrissen und danach von einem profitgeilen Unternehmer ausgebeutet wurden. Doch die Motte, die als mythischer Wächter eines sehr alten Inselvolkes auftritt, kümmert sich nicht um Verhältnisse und was sie alles anrichtet, um die Gefangenen zu befreien, sondern handelt allein nach ihrem Beschützerinstinkt. Damit bestraft sie ganze Bevölkerungsteile - die eigentlich unschuldig sind -, nur weil einer am falschen Ort aus der Reihe getanzt ist. MOTHRA BEDROHT DIE WELT ist inhaltlich tatsächlich widersprüchlich und mäßig aufgebaut, hält den Zuschauer jedoch mit seinen spottbillig aussehenden Effekten einigermaßen bei Laune.