Mittwoch, 30. April 2014

2007 schrieb ich meine erste Filmkritik.

In meiner ersten Filmkritik, die ich in meinem Leben geschrieben habe, ging es um den Film DER BOHRMASCHINENKILLER aus dem Jahr 1978. Ich stand also schon damals auf Filme, in denen Menschen ihr Leben lassen mussten, damit ich mich unterhalten fühlte. Hier ist die selbstverständlich nicht editierte Fassung meiner damaligen Gedanken, denn an Meisterwerken sollte man bekanntlich nicht herumschnippeln:

Kurzinhalt des Films
Ein Mörder schleicht sich durch ein Mietshaus und tötet auf brutalste Weise Frauen. Hammer, Nagelpistole und eine Bohrmaschine sind seine Waffen. Die Polizei weiß nicht mehr weiter. Als die Schwester des jungen Joey spurlos verschwindet, macht dieser sich mit seinem Freund auf die Suche…


Der Originaltitel lautet eigentlich: “The Toolbox Murders”, wieso der deutsche Titel “Der Bohrmaschinenkiller” heißt, weiß wohl nur der Geier. Der Inhalt des Films gibt ehrlich gesagt nicht viel mehr her als die Beschreibung über dem Bild. Es entwickelt sich zwar, z.B. werden am Ende noch die ein oder anderen großen Gefühle gezeigt, aber ansonsten ist das plumpe B-Movie Kost, die knappe 90 Minuten andauert.

Dreimal hab ich mir den Film angeschaut und er wurde jedes Mal schlimmer. Zuerst sieht man 3 Morde hintereinander, die sehr arm inszeniert wurden, dann kommt nur sinnloses Gequatsche. Schon nach 15 Minuten weiß man wer hinten den Morden steckt und man braucht sich keine Gedanken drüber zu machen. Die Morde geschehen unspektakulär, ohne jegliche Härte oder Schockeffekte. Der Mann kommt, die Frauen schreien und er bohrt entweder in ihnen oder er nagelt sie (Tadaaa !!!).

Zum Ende hin versucht der Film ernsthafter zu werden, er wird dramatischer. Aber das alles hilft der ganzen Sache auch nicht, denn die Schauspieler spielen auf gut deutsch gesagt: beschissen. Die aufregendste Szene spielt sich in der Badewanne ab, als sich eine junge Frau, Mitte 30, selbst befriedigt.
Seit 2003 gibt es ein Remake von diesem Streifen, nennt sich ebenfalls “The Toolbox Murders” und Tobe Hooper (“The Texas Chainsaw Massacre”) führte Regie. Gesehen hab ich die Neuauflage noch nicht, doch ich konnte überall nachlesen, dass es besser als das Original ist.


Eule.

Drei Filme von Stuart Gordon: Castle Freak / Dolls / Meister des Grauens


CASTLE FREAK

Eine Familie darf in ein sehr altes und großes Schloss einziehen, weil sie dieses geerbt hat. Relativ schnell stellt das Gespann mit ihrer junger Tochter fest, dass das Schloss ihren Vorstellungen nicht gerecht wird und der Umzug vielleicht doch ein Riesenfehler war. Denn im Haus scheint sich ein fremdes Subjekt herumzutreiben, was auch die Beziehung des Paares auf die Probe stellt. Sicherlich nicht Stuart Gordons bester Film und nicht auf dem Niveau seiner ersten drei Werke, doch der Mix aus Horrorfilm, Krimiplot und Familientragödie bleibt nicht ohne Reiz. Die gelungene Verbindung von atmosphärischer Dichte und brutaler, fast sensationalistischer Gewalt kompensiert den ein oder anderen schwachen Baustein in einer Story, die ansonsten sehr interessant ausgefallen ist und eine gewisse moralische Komplexität besitzt.

DOLLS

Stuart Gordon hat schon mit den beiden vorherigen, weitaus bekannteren Projekten gezeigt, dass Horror unterhaltsam und gruselig zugleich sein kann. DVDs und Videos von RE-ANIMATOR und FROM BEYOND füllen zurecht die für die Medien vorhergesehenen Plätze in den Schränken stolzer Genreliebhaber. In DOLLS suchen sechs Menschen aufgrund eines Sturms in einem abgelegenen Haus Zuflucht und müssen bald darauf feststellen, dass sie mit dieser Entscheidung einen großen Fehler begangen haben, da sie sich im Haus - plötzlich und ohne Vorwarnung - gegen lebendige Puppen verteidigen müssen, die keine moralischen Bedenken haben, wenn sie Messer und Hammer zücken, um menschliche Körper zu zertrümmern. Trashige Dialoge verzaubern hier genauso wie ein flotter Erzählstil, der den Film auf das überdurchschnittliche Niveau hebt.

MEISTER DES GRAUENS (OT: THE PIT AND THE PENDULUM)

Die fromme Maria wird vom mächtigen Großinquisitor der Hexerei beschuldigt und in das Verlies gesperrt, woraufhin sich ihr Freund auf die Suche nach ihr macht, doch schon bald selbst zum Gefangenen wird. Die im Jahr 1492 in Spanien angesiedelte Story bietet eine verdüsterte Perspektive auf die Grabenkämpfe unter Christen und die Diskussion darüber, welche Moralvorstellungen die richtigen sind. Während wir hier auf der einen Seite einen Großinquisitor haben, der sich selbst von der Kirche nichts mehr vorschreiben lässt und pure Unterwerfung fordert, haben wir andererseits eine Gläubige, die davon überzeugt ist, dass die Menschen zur Nächstenliebe und Barmherzigkeit inspiriert werden sollten. Da wir uns aber im 15. Jahrhundert  aufhalten, kann sich die Dominanz einer Position nur schwer in der Argumentation zeigen, dafür aber umso stärker in den Ressourcen. Zwei Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe bilden die Motivik in MEISTER DES GRAUENS, dem Gordon den einen oder anderen Spritzer Humor verpasst hat, auch wenn die Stimmung eigentlich nur wenig Anlass zum Lachen gibt. Legt man sein Augenmerk auf den Gewaltgrad, dann zeigt sich, dass Stuart Gordon ein Draufhalter ist und insbesondere Freunde von Folterungen nicht im Trüben fischen lassen will.   

Glen or Glenda (1953)

Nach dem Selbstmord eines Transvestiten konsultiert Inspektor Warren den Arzt Dr. Alton, um sich von ihm über moderne Männer, die gerne Frauenkleidung anziehen, beraten zu lassen. Er möchte vor allen Dingen erfahren, warum sich ein solcher Mensch umbringt. Bei der Konversation kommt man schnell auf den Fall Glen/Glenda zu sprechen, in dem ein Mann sich nicht traut, seiner Geliebten zu beichten, dass er eine Leidenschaft dafür hat, sich als Frau zu verkleiden.

Meine frühere Kritik zu GLEN OR GLENDA, vom 27. Dezember 2012
Für die Zeit, in der der Film gedreht wurde, tritt er mit seinem Thema ziemlich mutig auf, man könnte auch schreiben, er sei seiner Zeit voraus gewesen. Er begibt sich dabei nicht nur in die Schluchten der Psychoanalyse, sondern sucht auch einen direkten Kontakt mit dem Zuschauer, den er für das Thema Transvestitismus zu sensibilisieren versucht. Mit dieser Aufgabe beauftragte Wood vor allem den schon abgehalfterten und drogensüchtigen Bela Lugosi, dessen goldene Zeiten schon längst vorbei waren. Seine Rolle zu beschreiben, fällt nicht leicht, weil ihre Funktion innerhalb des Plots nicht ersichtlich zu sein scheint. Er spielt einen Mann, der auf einem Sessel sitzt und dabei das Handeln der Menschen kommentiert und kritisiert. Oft glotzt er direkt in die Kamera, während er das Publikum anredet, wobei der Ton der Worte oft zwischen dramatisch und melancholisch changiert. Um eine hysterische Stimmung bemühend, spricht er dann auch oft von einem Drachen, der an der Türschwelle wartet und kleine Jungs sowie fette Schnecken verspeist. Obschon Lugosis Auftritt eine Kuriosität nach der anderen hervorzaubert und seine Rolle für einige Witzchen gut ist, sehe ich ihn persönlich als eine wichtige Instanz innerhalb der vielschichtigen Geschichte. Der von ihm gespielte Charakter bildet nämlich so etwas wie eine Scharnierstelle zwischen Dokumentation und Fiktion, da diese Gestalt ein Auge auf beides wirft. Er ist ein Kontrolleur beider Welten, der die moralischen Mängel in der Gesellschaft benennt, die mit Transvestitismus zusammenhängen. Interpretieren lässt sich Lugosis Figur zudem noch als eine ziemlich drollige Vorstellung von Gott, auch wenn er in den Credits als "The Scientist" bezeichnet wird.

Bei meiner nunmehr dritten Sichtung habe ich gemerkt, wie wichtig dieses Werk in erzählerischer Hinsicht ist. Neben der Tatsache, dass Ed Wood kein großes Interesse am konventionell-spießigen Bildvokabular zeigt, verneint er auch die Straightforward-Methode, also das Geraderaus-Erzählen. GLEN OR GLENDA spielt sich dagegen auf mehreren Zeit- und Realitätsebenen ab, in die auch noch Rückblenden und Binnenerzählungen hineingeschoben werden. Gleichzeitig ist der Film eine Mischung aus Fiktion und Pseudodokumentation, erstgenanntes verzichtet dabei nicht auf autobiografische Fußspuren. Das Wort Verwirrung schießt einem zwar mehrmals durch den Kopf, doch wo sonst, wenn nicht in diesem Film, in welchem es zentral um ein Durcheinander, ein mentales Hin und Her geht, ist Verwirrung denn angemessen? GLEN OR GLENDA ist in vielen Augenblicken naiv, in anderen unheimlich kryptisch, manchmal unbeholfen, und oftmals so weit weg vom Normalsein, wie es nur möglich ist. Kurioses und Albernes verwächst bei Wood mit dem Analytischen sowie dem Seriös-Aufklärerischen, er führt Sinnloses und Sinnhaftes zusammen, und macht das nicht ohne die Formen des modernen Erzählens, die zahlreiche Nouvelle Vague Vertreter alt aussehen lassen.

GLEN OR GLENDA
Regisseur: Ed Wood
USA 1953

Kotoko (2011)

Die alleinerziehende Mutter Kotoko muss ihr Kind bei den Verwandten abgeben, weil der Staat ihr nicht mehr zutraut, sich um das Kind kümmern zu können. Kotoko ist psychisch krank und halluziniert, lebt in ihrer eigenen gefährlichen Welt und schnippelt schon mal an ihren Armen herum. Ihre mentale Situation wird allerdings kaum besser, als sie ihre Zeit ganz allein verbringen muss. Auch durch ihre Beziehung zu einem geschätzten Schriftsteller erlebt sie keine hoffnungsvollen Veränderungen, da der Mann Kotoko über seine Gefühle nicht erreichen kann. Von ihr körperlich malträtiert zu werden, gehört für ihn deshalb schon bald zur Tagesordnung, was ihn jedoch weniger stört. Dass er seinen Körper für Kotokos Entladungen hergibt, macht ihm nämlich weit weniger Sorgen, als der Zustand seiner Freundin. Die kann später sogar ihr Kind wieder zurückhaben, doch muss sie feststellen, dass sie selbst noch nicht genügend gesund ist.

Laut und beängstigend ist dieser Film geworden, hauptsächlich ist er aber nicht konform, wodurch er sich seinem Inhalt anpasst. Betörend wird es hier nur, wenn die andauernd halluzinierende Protagonistin zu singen anfängt und Vergangenheit und Zukunft in ein tiefes Loch fallen, um aus dem Bewusstsein zu verschwinden. Es sind auch für den Zuschauer Augenblicke der Glückseligkeit und der tiefgründigen Ruhe, weil sie zu raren Begegnungen mit dem Gewöhnlichen werden. Wenn nervendes Geschrei und wilde Bilder die Hauptzutaten eines Films über paranoides Verhalten bilden, dann bieten diejenigen Szenen eine Fluchtmöglichkeit, auf die das Klima der Verstörung keinen Einfluss nimmt. Wenn Kotoko singt, scheint sie mindestens frei zu sein, den schizophrenen Psychosen entkommen. Ebenso tanzen Voice-over-Monologe aus der Reihe, die zeigen, dass Kotoko auch eine nachdenkliche Seite an sich hat. Wenn sie aufgrund ihrer Störung aber wieder aus der Realität entwurzelt wird, dann tobt es auf dem Bildschirm und alles scheint aus dem Rahmen zu fallen. Ihr Verhältnis zu einem Schriftsteller entwickelt sich auch nicht zu einem dankbaren Umstand, sondern bedauerlicherweise zu einem höllischen Reigen von absonderlichen Situationen, die in ihren düstersten Momenten sehr viel Lust an (Selbst-)Verstümmelung offenbaren. Doch weil Perspektiven keine Kategorisierung erfahren, können wir uns überhaupt nicht sicher sein, ob die Verletzungssucht vielleicht nicht doch bloß ein Teil der Halluzinationen ist. Nur auf die Richtigkeit der Chronologie ist Verlass, da das Kind von Kotoko mehrmals in verschiedenen Lebensabschnitten gezeigt wird. 

Man bekommt immer wieder das Gefühl, Kotoko würde sich übermäßige Sorgen um die körperliche Unversehrtheit ihres Sohnes machen, aber möglicherweise erwächst das auch aus der Frage, ob sie eine gute Mutter sein und in dieser widersprüchlichen Welt auf ihr Kind aufpassen kann. So stellt sie sich beispielsweise vor, wie sie ihr Kind vom Dach eines Mietshauses herunterschmeißt oder wie sich der Kopf des Kindes durch eine Gewehrkugel in einen Blutmatsch verwandelt. Filmemacher Tsukamoto kann es sich jedenfalls leisten, solche Abschnitte einzubauen, mit denen er die Perspektive einer mental kranken Person untersucht. Deren regelmäßigen Kontrollverlust hält er in Bildern fest, die teilweise schon sehr shaky geraten sind und denen man ansieht, dass für sie nicht sonderlich viele Moneten ausgegeben wurden. Neben der Regie übernahm der für seine Cyberpunkwerke bekannte Shinya Tsukamoto die Rolle des Freundes, welcher Kotoko vor dem Schlimmsten bewahren möchte. Doch ansonsten bleibt der Film eine One-Woman-Show, die mit der leidenden Protagonistin allein schon genug zu tun zu haben scheint. Gespielt wird diese von der J-Pop-Künstlerin Cocco, von der ebenso die wichtigen Bestandteile der Story kamen.

KOTOKO
Regisseur: Shinya Tsukamoto
Japan 2011

Dienstag, 29. April 2014

Der Granatapfelbaum

Der Granatapfelbaum
Yaşar Kemal

(Hüyükteki Nar Ağacı, 1982, Türkisch)

Eindringliche Elendsbeschreibung
Vier Männer und ein Jugendlicher suchen die Çukurova-Ebene nach Arbeit ab. In ihrem Dorf gibt es nichts, weshalb alle von ihnen hoffnungslos verarmt sind. Bevor Memed aufbricht, verkauft er deshalb noch eine der beiden Ziegen, damit seine Frau und seine Kinder nicht verhungern müssen, solange er unterwegs ist. Während sie in der Ebene umherirren, stellen sie fest, dass dort ein Industrialisierungsprozess eingesetzt hat, durch den sie überflüssig geworden sind. Arbeitskräfte werden hier nicht mehr hängeringend gesucht, weil es Traktoren gibt, mit denen verschiedene Tätigkeiten schneller erledigt werden können. Die Gruppe beklagt die boomende und omnipräsente Unmenschlichkeit und muss sich trostlosen Szenarien aussetzen, welche ihnen alles andere als Mut machen. Aber sie müssen auch stets mit gewöhnlichen Erscheinungen der Natur kämpfen, denn solange es hell ist, macht ihnen die Hitze zu schaffen, und wenn es dunkel wird, müssen sie auf die Schwärme von Stechmücken achtgeben. Als sie aufgebrochen sind, haben sie die Çukurova-Ebene allerdings für kein Paradies gehalten, der alte und körperlich schwache Yusuf deutete schon in seiner typisch düsteren Sprache an, dass der höchste Gewinn, den sie dort machen können, der Tod ist. 

Der kurze Roman beschreibt den Versuch von fünf Dörflern, sich in einer Umgebung zurechtzufinden, die ihnen fremd ist. Zwischen der Region, wo sie herkommen, und der Region, in der sie sich als Wanderarbeiter versuchen, scheinen Welten zu liegen. Die Maschinen, von Großgrundbesitzern gekauft, haben die Menschen in der Ebene verändert und eine Kultur geschaffen, in der es ruppiger zugeht und die Kategorien Haben und Nichthaben noch weniger diffus sind als zuvor. Doch dieser Technisierung der Arbeit verfallen nicht nur die Armen zum Opfer, ebenso entdeckt man selbst bei den Gewinnern tragische Züge, schließlich halten die ihre neuen Maschinen für Götter und scheinen vernarrt in deren Effizienz zu sein. Der Technikfetisch verblüfft die Antihelden des Buches dabei genauso, wie er sie auch erschreckt. Im Kampf um Brot und Wasser spielt ihre unterlegene Position für sie jedoch keine Rolle, weshalb sie ein Dorf nach dem anderen abklappern. Obwohl sie an ihre körperlichen Grenzen kommen, die lodernde Hitze sie regelrecht plattmacht und einer von ihnen regelmäßig auf dem Rücken getragen werden muss, treten sie nicht die Flucht an, sondern begeben sich auf die Spur eines Mythos, der von einem sagenhaften Baum handelt, der Wünsche erfüllen und Schwachen Kraft geben soll. Sie tun das mit einer Hartnäckigkeit, die eigentlich bar jeder Vernunft ist, aber vielleicht zeichnet ihr Verhalten einfach nur einen eigenen Mythos nach.

"Sie hatten nur noch Augen für diese Fahrzeuge, vergötterten diese Maschinen, von denen sie zunächst nicht einmal wussten, wofür sie gut waren."

Çukurova, das ist in DER GRANATAPFELBAUM auch eine Welt, in der Sagen und Geschichten den Umbau überlebt haben, und weiterhin von Mensch zu Mensch weitergereicht werden. Das Buch geht darauf ein, dass letztlich nicht deren Wahrheitsgehalt zählt, sondern die Bedeutung, die es bei der Person bekommt, die sie hört. Yaşar Kemals Ausführungen sind allerdings noch schöner als der Inhalt, denn seine Sprache beschert dem Konsumenten viele intensive Leseminuten dadurch, dass sie sich einerseits oftmals zum Realismus geneigt knochentrocken präsentiert, in anderen Momenten aber mit sehr poetischen Klängen auffällt. Durch die tragikomischen und bisweilen absurden Gespräche, die die Wanderer untereinander führen, verleiht er seinen Figuren scharfe Konturen, wodurch jeder einzelne Charakter ein wertvoller Teil der Gruppe ist. Wenn wir auch mehr aus dem Leben von Memed erfahren, als aus dem Leben der anderen, fällt es mir schwer, ihn als zentrale Gestalt des Romans anzusehen. Möglicherweise sind mir der zynische Yusuf, der energische Hösük, der feinfühlige Ali und der naive Klein Memed auch bloß zu sehr ans Herz gewachsen, als dass ich die Vorrangstellung einer einzigen Person akzeptieren will. 

Montag, 28. April 2014

Pinocchio's Revenge (1996)

Anwältin Jennifer Garrick bringt eine Holzpuppe mit nach Hause, die bei einem Tatort gefunden wurde. Ihre Tochter Zoe feiert an diesem Tag ihren Geburtstag und denkt natürlich, dass die Puppe ein Geschenk ihrer Mutter sei. Auch wenn Jennifer gar nicht die Absicht hatte, die Puppe zu verschenken, darf ihre Tochter diese trotzdem behalten. Zwischen Zoe und dem Spielzeug, welches den Namen Pinocchio bekommt, wächst schon bald eine Beziehung, die auch der alleinerziehenden Mutter Sorgen bereitet, vor allem, nachdem Zoes Therapeut ihr einen Videomitschnitt zeigt, auf dem das Kind heftig mit der Puppe streitet bzw. so tut, als würde es sich mit dieser streiten. Da Jennifer die Ausreden ihrer Tochter nicht mehr aushält, schnappt sie sich das Spielzeug und verfrachtet es in den Kofferraum. Als sie nach einem Arbeitstag wieder das Haus betritt, findet sie die Babysitterin blutüberströmt auf dem Boden liegen. Nachdem sie ihre Tochter panisch wegrennen sieht, entdeckt sie im Wohnzimmer Pinocchio, die hierauf zum Messer greift und eine Jagd startet.

Woher hat dieser Film eigentlich die Chuzpe und den Mut, beinahe pausenlos zu erläutern und einzuführen, anstatt auf die leichter erreichbaren Knöpfe zu drücken, damit sich uns eine Mordszene nach der anderen präsentiert? Anscheinend vertrauten Regisseur Kevin Tenney und das übrige Team tatsächlich auf die Schlagkraft des Skripts und die Darbietung der Schauspieler, wodurch sie sich nicht mehr gezwungen sahen, sich den üblichen Sehgewohnheiten und Erwartungen anzubiedern. Möglicherweise machten sie mit dieser Tendenz zur Entbrutalisierung des Kampfes Gut gegen Böse (wenngleich diese zwei Pole hier so eindeutig nicht sind) einiges richtig, denn in gewisser Weise wirkt PINOCCHIO'S REVENGE reflektierter, als viele Filme, die vor reißerischen Lösungen und Ansätzen nur so überquellen. Auch übt der Blut- und Actionverzicht einen starken Einfluss auf die Geschwindigkeit und die inneren Werte der Erzählung aus, die von ihrem relativ gelassenen Ablauf an ein psychologisches Drama erinnert, welches den Aspekt der Familie in den Vordergrund rückt. Die Puppe Pinocchio stellt dabei eine Art Eindringling dar, der sich für die fragiler werdenden Strukturen einer Mutter-Tochter-Gemeinschaft wie ein Todesstoß ausnimmt. Was allerdings überrascht: die sinistere Seite des Spielzeugs weist die Geschichte einer Konstruktion auf, eines Realitätsumbaus. So lässt PINOCCHIO'S REVENGE den Sichter die angenommenen Perspektiven hinterfragen und verweist in zahlreichen Aufnahmen darauf, dass man des Pudels Kern vielleicht doch nicht dort antrifft, wo man ihn zuerst vermutet. Diese Ambiguität macht nicht immer den überzeugendsten Eindruck, schafft es aber durch ihre Provokation zur Spekulation und durch die manipulative Herangehensweise wichtige Punkte zu machen.

Schon die Vorgeschichte wird rätselhaft behandelt: Anwältin Jennifer Garrick verteidigt einen Mann, der einen Termin auf dem elektrischen Stuhl bekommt, weil dieser seinen Sohn umgebracht haben soll. Jennifer ist allerdings überzeugt von der Unschuld des Mannes und vermutet, dass er jemanden schützt. Dort, wo er sein totes Kind vergraben hat, wurde auch die Holzpuppe entdeckt, die die Anwältin nach Hause bringt und damit vielen tragischen Vorfällen den Weg ebnet. Der Film zeigt sich selbst in dieser Einführung wenig dazu bereit, viele Deckel zu öffnen und den Fragezeichen Antworten zuzuordnen. Umso unaufregender kommt einem dagegen das Finale vor, das von Sturmwetter bis zu Messer-durch-Tür-Einstellungen kein Klischee auslässt. So tanzt Tenneys Werk letztlich zwischen Ambition und Gehorsam, bezieht sich einerseits auf die Erwartungen, über die er sich hinweg bewegt, und versteht es andererseits, die Toleranz des Zuschauers nicht zu stark herauszufordern. Schön ist vor allen Dingen, dass PINOCCHIO'S REVENGE mit der Kraft des unvollständigen Wissens nicht nur in rein narrativer Hinsicht um die Ecke kommt, sondern ebenso durch die subjektive Kamera, die sich weigert, uns eine ganz bestimmte Information mitzuteilen.   

PINOCCHIO'S REVENGE (Deutscher Titel: PINOCCHIO - PUPPE DES TODES)
Regisseur: Kevin Tenney
USA 1996

Donnerstag, 24. April 2014

The Outer Limits - Staffel 2

The Outer Limits
Kanada/USA, 1995-2002
Umfang: 7 Staffeln (154 Episoden)
Genre: Sci-Fi


OUTER LIMITS ist eine Sci-Fi-Serie mit einem starken Mystery-Einschlag sowie häufiger Nutzung von Horror- und Fantasyelementen. In der Serie, die in jeder Folge eine abgeschlossene Geschichte behandelt, geht es um übernatürliche oder fantastische Ereignisse und den Umgang der Menschen mit ihnen. Die Episoden spielen in der Zukunft, der Gegenwart und seltener auch in der Vergangenheit.


Für die zweite Staffel wurden wieder 22 Folgen produziert, die einmal mehr die Bewegungen und Aktionen des Menschen innerhalb extremer oder außergewöhnlicher Erfahrungen untersuchen. Um persönliche und gesellschaftliche Konflikte zu thematisieren, werden in jeder Episode neue Prämissen gesetzt und neue Charaktere installiert, was jede Staffel, und im Prinzip die gesamte Serie, zu einer bunten Tüte werden lässt. Ein Format mit schwachen Momenten und verpassten Möglichkeiten ist OUTER LIMITS ganz sicher, aber auf keinen Fall erschreckt es den Konsumenten mit Überraschungsarmut und monotoner Abklopferei des Ewiggleichen. Wenn wir mit der Serie hinter die Grenzen schauen, in die unbekannte Dimension, wie es in der deutschen Sprachversion noch einmal verdeutlicht wird, dann befassen wir uns mit einer Menge von Problemstellungen, die von Autoritätsmissbrauch, der Vorbereitung auf das Weltende oder der Erkenntnis eigener Schuld reichen, stets eingebettet in Sci-Fi-nahe Geschichten, die sich beispielsweise dem Exzess computergesteuerter Manipulation der Wahrnehmung oder der Überbrückung des konventionellen Raum-Zeit-Schemas widmen.

Das System der abgeschlossen Folgen hat in jedem Fall den Vorteil, dass wir uns überraschen lassen können. Mit eingeschlossen ist bei dieser Feststellung selbstverständlich das Niveau der Drehbücher, welches übrigens so schwankend ist, wie man nur schwankend sein kann. Episoden, die sich als faule Gurken herausstellen, gehören in der zweiten Staffel zwar zur Minderheit, doch es lässt sich viel zu häufig erkennen, dass die Macher ihren Blick mehr auf eine gute Ausgangslage richteten, anstatt den Interessenschwerpunkt in die Formung eines gut durchdachten Handlungspfades zu verlegen, um genuine Akzente zu setzen. Die Kompaktheit, mit der in knapp vierzig Minuten schwierige Konstellationen in sehr häufig mehreren Strängen abgehandelt werden, erstaunt aber trotzdem. Sicherlich kann man dabei nur an der Oberfläche bleiben, doch Versprechen, dass es hier mehr zu sehen gibt, tätigt OUTER LIMITS ohnehin nicht.

Während Amanda Plummer, bekannt aus PULP FICTION, in einer Folge über einen Zeitreisenden mit besonderer Leistung glänzt, wertet Robert Patrick (TERMINATOR 2) eine Episode in einem Zukunftsszenario auf, in welchem die Menschen der kompletten Auslöschung nahe sind. Bekannte Stars wie die Aufgezählten weist nicht jede Folge auf, ist man jedoch mit der US-amerikanischen Film- und Fernsehindustrie vertraut, kann man auf viele relativ populäre Gesichter treffen. Auch Jon Cryer, der aktuell in der Sitcom TWO AND A HALF MEN unterwegs ist, spielt in der Episode SPURLOS VERSCHWUNDEN eine Hauprolle. Cryer stellt vor der Kamera einen Mann dar, der von einem außerirdischen Parasiten kontrolliert wird, und mit dem Dilemma leben muss, dass er dadurch nur wenige Stunden hat, um Zeit mit seiner Familie zu verbringen, bevor er danach für ganze 10 Jahre spurlos verschwindet, die ihm allerdings wie ein normal andauernder Schlaf erscheinen. Jedes Mal, wenn er wieder aufwacht, sind genau 10 Jahre vergangen. Freilich altert er nicht, doch Zeit wird ihm dennoch gestohlen. Ein Umstand, der sich in den körperlichen und familiären Veränderungen der Menschen spiegelt, die er gern hat. Eine bärenstarke Episode über den Verlust biografischer Kontinuität.

Dienstag, 22. April 2014

Kamennyy tsvetok (1946)

Nach Jahren der Arbeit mit dem Gestein Malachit schafft es der alte und talentierte Steinbearbeiter Prokopjitsch kaum noch, sein Handwerk auszuüben, da die Arbeit ihm gesundheitlich schon ziemlich zugesetzt hat. Nachdem er den Auftrag eines reichen Gutsherren bekommt, eine hochwertige Schatulle zu produzieren, klappt der Mann bei seiner handwerklichen Tätigkeit zusammen und sieht vorerst keine Chance, der Strafe des Gutsherren zu entkommen, die ihm droht, wenn er die fertige Schatulle nicht pünktlich abliefern kann. Danilo, Prokopjitschs junger Protegé, setzt, von seinem Meister unbemerkt, die Arbeit an der Schatulle jedoch fort. Als der Gutsherr mit seiner Frau den fertigen Gegenstand sieht, sind beide vollkommen begeistert von Danilos Fertigkeit und so vergibt die Gutsherrin einen weiteren Auftrag. Dieses Mal soll Danilo einen Kelch herstellen, der einer Blüte ähnlich aussehen soll. Nach der Fertigstellung ist der bewunderte Künstler allerdings gar nicht glücklich, auch wenn jeder andere ihm erzählt, dass er sagenhafte Arbeit geleistet hat. Danilo betrachtet sein Werk dagegen als zu gewöhnlich und nicht lebendig genug.

Ästhetisch schöne Farbspiele vermischen sich mit nostalgischen und volkstümlichen Erscheinungen, zelebriert wird ein Kosmos von bescheidenen Menschen, in dem einer heraussticht, weil er nach mehr trachtet als nur Anerkennung durch die Mitmenschen. Die Verachtung des Gewöhnlichen bringt allerdings keine Arroganz mit sich, sondern zeigt sich in der totalen Fokussierung des Künstlers auf den Wunsch, Kategorien zu verschieben und Visionen wahr werden zu lassen. Es reicht ihm nicht einfach aus, etwas Eigenes herzustellen, er möchte ebenso auch über den Tellerrand springen und sich etwas beweisen. Das Ziel des in diesem Spielfilm porträtierten Mannes ist die innere Glorie, die er besessen anvisiert, ohne zu erkennen, dass.es wichtigere Dinge gibt, als die Bezwingung der natürlichen Beschaffenheit eines Steins. Er lässt sich aber lieber von seinen pseudoromantischen Trieben steuern, denen er willenlos gehorcht, während seine Geliebte gerade dabei ist, ihre Mentalität und seelische Verfassung vor dem Gerede der anderen Dorfbewohner zu schützen, die sich durch die Bank weg einig darin sind, dass ihr Herzallerliebster nicht mehr auftauchen wird. In der Aufspürung dieses Konflikts zwischen der Liebe zu einem Menschen und der Liebe zu einer Tätigkeit findet man ganz sicher nicht das stärkste Argument für KAMENNYY TSVETOK (DIE STEINERNE BLUME), dennoch baut dieses Ringen, speziell für die Verhältnisse einer Märchen- und Sagenverfilmung, kaum Beziehungen mit Trash oder Kitsch auf, lebt stattdessen eher von seinen gesunden Proportionen.

Bedeutsam ist KAMENNYY TSVETOK wegen seinen Farben. Doch nicht nur, weil er die in Deutschland entwickelte Agfacolor-Methode eindrucksvoll nutzt, um den phantastischen Inhalt des Märchens zu unterstreichen und den ohnehin schon anschaulichen Sets mehr Künstlichkeit zu verleihen, sondern ebenso aufgrund seiner geschichtlichen Relevanz, schließlich erschienen in der Sowjetunion erst ab 1946 Farbfilme, und der Film des Regisseurs Alexander Ptuschko gehörte zu den ersten Exemplaren, die die Möglichkeiten eines farbigen Bildes nutzen konnten. Ptuschko, der in seiner Heimatregion ein Garant für hochwertige Spezialeffekte war und dies beispielsweise in seiner zuvor erschienenen Pinocchioverfilmung ZOLOTOY KLUCHIK (DAS GOLDENE SCHLÜSSELCHEN, 1939) auch unter Beweis stellte, arbeitete für DIE STEINERNE BLUME mit dem Buchautor Pawel Baschow zusammen, der mit zahlreichen Sagenerzählungen aus dem Uralgebiet bekannt geworden war. Herausgekommen ist ein Farbspektakel, welches unbedingt in guter Bildqualität gesehen werden will, weil die Macher hier die - in Anführungszeichen - neue Technik mit breiter Brust einsetzten und ihren Inhalt damit ein Stück weit verständlicher und zugänglicher machten. Die Herzlichkeit der Figuren, von denen im Prinzip nur die sehr vermögenden Gutsherren negative Eigenschaften aufweisen, kann einen naiven und spießigen Eindruck machen, doch eine solch auf mehreren Ebenen harmonisch wirkende Parabel über die Suche nach dem Glück lässt geglückte Beziehungen, vergnügliche Momente sowie romantisch anmutende Sonnenaufgänge nicht mehr als Teil einer Alles-toll-Ideologie wirken, vielmehr stellt sie eine logische Verknotung aller Elemente dar.

KAMENNYY TSVETOK (Deutscher Titel: DIE STEINERNE BLUME)
Regisseur: Alexander Ptuschko
Sowjetunion 1946

Montag, 21. April 2014

The Birds (1963)

Als die reiche und attraktive Melanie Daniels den Anwalt Mitchell Brenner in einem Laden für Haustiere trifft, möchte sie ihm eigentlich nur einen harmlosen Streich spielen, indem sie vorgibt, eine Mitarbeiterin des Geschäfts zu sein und sich mit Vögeln auszukennen, da Mitchell nach einer bestimmten Papageienart gefragt hat. Doch Mitchell ist gar nicht so unwissend, wie er zuerst tut. Später gibt er zu, dass er in Wahrheit ihr einen Streich gespielt hat und weiß, wer Melanie ist. Verärgert und doch neugierig darauf, zu erfahren, um wen es sich bei dem Mann handelt, bestellt sie sich im Geschäft für den nächsten Tag gleich zwei Exemplare der von Mitchell angefragten Papageiensorte und reist mit den Vögeln nach Bodega Bay, ein kleiner Ort unweit von San Francisco, wo der Fremde gerade seine Zeit verbringt. Damit es eine Überraschung wird, mietet sie sich ein Boot, um das Haus der Familie Brenner unbeobachtet zu erreichen. Völlig unbemerkt kann sie ihr Geschenk dennoch nicht überbringen, was allerdings nicht schlimm ist, da sich Mitchell über ihren Besuch sehr erfreut zeigt. Nahe am Pier wird Melanie grundlos von einer Möwe angegriffen, die sie am Kopf verletzt. Viele Gedanken um den Angriff macht sich anfangs noch keiner der Beteiligten, doch als sich die Vorfälle häufen, lässt sich nicht mehr leugnen, dass die Vögel eine echte Gefahr für Leib und Leben sind.

Dass Hitchcock auch Horror konnte, und es sogar verstand, Horror weiterzudenken, zeigte er bereits 1960 mit PSYCHO. Letzterer mag vielleicht deutlich besser gealtert sein als THE BIRDS mit seinem massiven Einsatz der heute völlig lachhaft erscheinenden Tricktechnik, doch leckerer ist er für mich deshalb noch lange nicht. Wahrscheinlich tut mir THE BIRDS mehr gut, als er eigentlich sollte, weil der sexuell-psychologische Aspekt, speziell der Ödipuskonflikt, in dem schwarzweißen Film mit Anthony Perkins deutlich stimmiger erschlossen wurde, während er hier viel mehr klischeehaft daherkommt. Vielleicht sollte man den Film generell auch als eine Auseinandersetzung über die Auseinandersetzung verstehen. Die Attacke der wild gewordenen Vögel könnte demnach ein Ausdruck einer Furcht vor Verlust sein, die mit dem Eintreffen von Melanie Daniels auf Bodega Bay einsetzt. Das Bild von Mitchells Mutter, welches eine Ex-Freundin von Mitchell liefert und mit Details versieht, stellt zumindest eine Frau vor, die große Angst davor hat, dass ihr Sohn aus ihrem Wirkungsbereich gerät und ihr somit abhandenkommt. Löst also die Unsicherheit über die eigene Kontrollposition sowie das zukünftige Machtareal in Wirklichkeit die unkontrollierbaren Schwärme ganz gewöhnlicher Vögel aus?

Antworten auf zahlreiche Fragen bleibt der Film schuldig, was für einen Film von Alfred Hitchcock eigentlich ungewöhnlich ist, da der Herr sich bekannterweise ziemlich gut anstellte, wenn er den Sichter in die falschen Ecken führte, um diesem in den Aufklärungsszenen auf die Genialität des Drehbuchs und des inszenatorischen Handwerks hinzuweisen. Dagegen zeigt der Regisseur in THE BIRDS, dass er auch ohne Aufklärungsposen und Twists glänzen kann. Mit ihm brilliert auch Kameramann Robert Burks, welcher erstmals in STRANGERS ON A TRAIN (1951) Hitchcocks Visionen einfing. Jede seiner Einstellungen ist zum Niederknien, besser hätte man das Filmmaterial wirklich nicht mehr nutzen können. Aufgrund dieser Beglückung durch formale Merkmale muss man den subtil-mysteriösen Horrorfilm nicht unbedingt auf diejenigen Werte überprüfen, die angeben, wie viel Schrecken er tatsächlich noch provoziert. Trotzdem sind sich auffällig viele Menschen einig darin, dass der Film aufgrund der heutigen Sehgewohnheiten keinen mehr gruselt und das genau dieser Umstand ihn schwach erscheinen lässt. Da sich jeder wegen anderen Sachen in die Hose macht, ganz so wie jeder wegen anderen Dingen grölend zu lachen anfängt, kann ich dem nicht viel entgegensetzen, außer den Verweis zu bringen, dass der Gruselfaktor sich aus meiner Sicht durch die letztlich nicht stattfindende Klärung und durch den simplen Terror einfacher Möwen und Krähen zusammensetzt. Schlussendlich ist das, was wir dort sehen, doch nichts weiter als eine Umdrehung der Mensch-Tier-Verhältnisse in der Zivilisation. Bei all dieser Irritation fällt es mir persönlich nicht leicht, unerschütterlich zu bleiben und so auf eine Bindung zu den Charakteren zu verzichten. Klar ist allerdings auch, dass der Film keine Schockwirkung mehr mitbringt.

THE BIRDS (Deutscher Titel: DIE VÖGEL)
Regisseur: Alfred Hitchcock
USA 1963